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Leseprobe - Galaktische Reisen - Zweite Spezies

01 - Prolog

Die Obrigkeit bezeichnete das nunmehr angebrochene Zeitalter als die Neue Ordnung, ebenso neu wie die von ihr geschaffenen instabilen Machtverhältnisse. Der Krieg war noch nicht ganz vorbei und die Menschen der besiedelten Welten innerhalb des Orionspiralarms kamen längst nicht zur Ruhe. Für die meisten gewöhnlichen Menschen stellte sich die so genannte Neue Ordnung allerdings eher als ein großes Chaos dar, weniger richtungsweisend als verwirrend.

Drei große Blöcke hatten sich in den Jahrhunderten seit der Entdeckung und Nutzbarmachung der Molluskentore herausgebildet. Die Strukturen, in denen sich die raumfahrende Menschheit zuvor befunden hatte, begannen sich aufzulösen, zeitaufwändige Reisen durchs All wurden überflüssig und die Nutzung der schon immer verhassten Kälteschlaftechnik rückte mehr und mehr in den Hintergrund. Hunderte von Jahren hatten die Pegaren so in ihren Lichtschiffen von einem System ins andere zurücklegen müssen. Auf dem Höhepunkt der Antriebtechnik erreichten die besten Schiffe dieser Zeit über 20 Prozent der Lichtgeschwindigkeit, inoffiziell sogar darüber hinaus. Um aber von einem Sonnensystem zu einem anderen zu gelangen, hatte es mehr als Antriebe und Kälteschlaf bedurft. Es brauchte Menschen, die auch bereit waren auf alles, was sie verwurzelte, was sie band, was ihnen lieb und teuer war, zu verzichten. Daher hatte in den Tagen vor der Neuen Ordnung die unproklamierte Gilde der Pegaren immer größere Bedeutung gewonnen. Permanent Galaktisch Reisende, die im Laufe der Jahrhunderte in immer mehr Welten einen Sonderstatus inne hielten und die einzigen waren, die die weit voneinander entfernten Zivilisationen auch physisch miteinander verbanden. Sie wurden geachtet und respektiert. Sie wurden aber auch gemieden. Ihr generationenübergreifendes Auftauchen und Verschwinden war so manchem Sesshaften suspekt, wenn nicht gar unheimlich. Und wer mochte sich schon auf jemanden einlassen, der sehr bald wieder für mehrere hundert Jahre von der Bildfläche verschwand? Dennoch hatte so gut wie jede Welt, jede menschliche Rasse und jegliche gesellschaftliche Schicht Pegaren hervorgebracht. Und es gab sie noch – auch in der Neuen Ordnung. Aber sie machten sich rar in einer Galaxie, in der Wurmlöcher nunmehr zum Alltag gehörten. Zwar war die Anzahl der Molluskentore noch immer überschaubar, die Entdeckung immer neuer Tore aber schritt voran und die Gier danach wurde dementsprechend größer. Trotz dieser Tore, dieser Pforten, die das Raum-Zeit-Gefüge derart kompliziert komprimierten, dass es den Menschen noch immer nicht gelungen war hinter das vollständige Geheimnis der Konstruktionen zu gelangen, beschränkte sich die überschaubare Ausbreitung menschlicher Zivilisationen noch immer auf den Orionspiralarm.

Die drei Machtblöcke führten schon lange Krieg um die Tore. Auf der einen Seite standen die hoch technisierten Xinianer, mit deren Ingenieurskunst kaum eine andere menschliche Zivilisation Schritt halten konnte, deren Disziplin und Loyalität sprichwörtlich war und deren oberstes Anliegen stets die Wahrung der eigenen Grenze und Rasse war. Daneben versuchte der selbst ernannte egozentrische Padisha Raym von Rabhas aus der ehemaligen leominorischen Verwaltungseinheit seine Einflüsse geltend zu machen und die Kontrolle über möglichst viele der neuartigen Sprungtore zu gewinnen. Er hatte zu Beginn des Krieges mit dem xinianischen Custodire versucht sich zu verbünden, um den dritten großen Machtblock, die ehemalige Neutrale Behörde, unschädlich zu machen. Damit jedoch erntete er nur bedingt Erfolg und musste sich letztlich den wesentlich überlegenen Xi unterordnen. Die Neutrale Behörde hingegen, die vielerorts noch immer intakte und treue Gruppierungen und Anhänger besaß, ging auf in den Einflussbereich der Prätorianer. Von deren Heimatplanet Prätor waren früher schon traditionell sämtliche Hauptimpulse für die meisten behördlichen Strukturen gekommen, da sich dort der Hauptsitz dieser gewaltigen Verwaltung befand. Sämtliche Oberste Beamte der Behörde hatten ihre Zentrale auf Prätor eingerichtet. Die Neutrale Behörde hielt in den Hoch-Zeiten der Pegaren vor dem Krieg einen den gesamten Spiralarm umfassenden Einflussbereich inne. Sie erstickte aufkeimende Konflikte, vermittelte und regelte das Zusammenleben aller Systeme und unterhielt zahlreiche dezentrale und auch frei im Raum befindliche Basen, um die Menschheit zusammenzuhalten und längerfristig zu befrieden, was ihr mehr oder weniger gut gelungen war. Doch auch hierbei war Korruption nicht ausgeblieben. Schließlich hatten auf diesem einstigen Boden des behördlichen Machtapparates die Machenschaften des ehemaligen Oberste Beamten von Leominor, Raym von Rabhas, keimen und gedeihen können.

Mit dem Verblassen der Neutralen Behörde hatten offiziell auch die ehemaligen Verwaltungsbezirke ihre Gültigkeit verloren. Anerkannt wurden nunmehr nur noch die einzelnen hoheitlichen Gebiete der jeweiligen Planetensysteme. Die alten irdischen Sternenbilder besaßen als Verwaltungseinheit ohnehin nur wenig praktikable Eigenschaften und waren mehr oder minder aus reiner Gewohnheit aufrechterhalten worden.

Die Neue Ordnung mit dem Verlust der Neutralen Behörde brachte zu viel Unstetigkeit mit sich und säte mehr Misstrauen als Zutrauen. Die unabhängigen Systeme sahen sich wieder losgelöst aus jeglichem Verbund. Alte Verträge wurden ungültig und ursprüngliche Gesetze nicht mehr bindend. Einzig die Zugehörigkeit zu einem der drei Machtblöcke vermittelte den Bewohnern der jeweiligen Planeten ein gewisses Maß an Orientierung und Sicherheit.

Ein weiterer enormer Unterschied zu früheren Zeiten war ein sich veränderndes Bewusstsein in Bezug auf die Tore. Da nunmehr auch die meisten Kriegshandlungen um die Tore verebbten, gab es Raum für neue Überlegungen. Schon vor der Entdeckung der Tore hatten die Menschen Bekanntschaft mit Nichthumanoiden gemacht, besonders publik war dies aber nie gemacht worden, zumal die Kontakte eher unspektakulär verlaufen waren und die Entfernungen der Systeme zueinander zu groß, als dass es Relevanz hätte ergeben können. Selbst, als die ersten Molluskentore öffentlich präsentiert worden waren, fragte niemand nach der Herkunft dieser Konstrukte oder gar den dahinter liegenden Möglichkeiten, die sie mit sich brachten. Denn womöglich verbanden sie nicht nur Planetensysteme innerhalb des Orionarms oder der heimatlichen Milchstraße miteinander, sondern überbrückten Entfernungen, an die die Menschheit noch nicht einmal im Traum gedacht hätte - und zwar mit Zivilisationen, die nichtmenschlichen Ursprungs und ganz und gar fremdartig waren. Einige der Beteiligten, die unmittelbar mit den Toren zu tun gehabt hatten, wussten um das eine bestimmte Tor, welches sich in der Nachbargalaxis Andromeda befand und vor dessen Ausgang ganz andere Wesen warteten, die mit menschlichen oder anderen irdischen Lebensformen wenig gemein hatten. Und nicht nur Mariju war bereits drüben gewesen, 2,5 Millionen Lichtjahre von zu Hause entfernt.


02 - Dahara

Gewiss hatte Einstein fest damit gerechnet Brendan eines Tages wiederzusehen, zumal sich ja dessen Schiff in seiner Obhut befand und er nicht vorhatte es für sich zu behalten. Dass dies jedoch nur wenige Tage nach ihrer Aufweckphase geschehen würde war eine grandiose und überaus freudige Überraschung gewesen. Die hochwertigeren Pegarenschiffe jener Zeit waren allesamt mit sehr intelligenten und hoch sensiblen Bordcomputern ausgestattet, die insbesondere in den langen Phasen der Hibernation dafür sorgten, dass gewisse Funksignale und deren Informationsgehalt entsprechend ausgewertet wurden und bei Bedarf eine Kurskorrektur vorgenommen werden konnte. Je nach den zuvor festgelegten Parametern konnte dies darüber entscheiden, ob sich manche Pegaren überhaupt je wieder sahen. In der Vergangenheit hatte dieser Umstand Brendan und Mariju bereits einige Male relativ zeitnahe wieder zusammengeführt ohne dass einer von beiden um Jahrzehnte älter als der andere gewesen wäre. Denn das konnte geschehen bei mehreren Lichtjahren zurückzulegender Distanzen. Das Pegarenleben war somit Segen und Fluch gleichermaßen gewesen. Und auch im Zeitalter der Neuen Ordnung behielten einige Pegaren ihren bisherigen Lebensstil bei und flogen weiterhin über weite Distanzen in der Hibernation. Sie vertrauten den Molluskentoren nicht, erst Recht nicht, seit diese sich immer häufiger unvermittelt abschalteten. Ihre Zahl aber verringerte sich bereits deutlich und ihr Status, der einstmals in den meisten Teilen des Spiralarms gesetzlich geschützt war, geriet ins Wanken. Pegaren hatte es in allen Systemen gegeben, in sämtlichen Kulturen und mit jeglichen politischen Gesinnungen. Untereinander respektierten und achteten sie sich und viele behaupteten sogar, dass ohne sie ein solch lange anhaltender Frieden innerhalb des Orionarms nie möglich gewesen wäre. In Gewisser Weise hatten sie Recht damit. Es hatte, seit die Menschen von der Erde aus begonnen hatten andere Planeten zu besiedelten, keine systemübergreifenden Kriege gegeben. Seit das erste Molluskentor jedoch entdeckt und genutzt wurde, verloren die Dienste der Pegaren an Bedeutung. Vielleicht würde sich diese Entwicklung wieder umkehren. Brendan jedenfalls und auch Mariju und Einstein wünschten sich das nicht. Sie waren froh ob der Aussicht fortan ein relativ normales Leben führen zu können – zumindest normal im Sinne von zeitlichen Rahmenbedingungen. Denn zwischen verschiedenen Welten zu wandeln hatte die Crew der Chrys stets bereichert und Sesshaftigkeit würde höchstwahrscheinlich auch in naher Zukunft nichts werden, womit sie sich beschäftigen wollten. Die neuerlichen Pläne Brendans kamen ihnen daher allen sehr gelegen, wenngleich ihnen die Tage in Dahara durchaus gefallen hatten.

Ein Schiff wie die Chrysanthemia war bekannt und nur schwer zu übersehen. Dennoch war es Einstein gelungen, es durch die Sicherheitszone zu lotsen, die die Xinianer während des Krieges um Ambaramani erweitert hatten, und rasch in den verwinkelten Berglandschaften einer Gegend zu bringen, in der die Xi nur wenig Einfluss besaßen. Genau jenem Ort, an dem auch Brendan und Mariju sich bereits aufhielten. Entsprechende Informationen waren schon einige Monate vor ihrem Eintreffen in den Schaltkreisen der Chrys eingegangen. Da sie trotz ihrer Größe auch atmosphärentauglich war, hatte der Professor das elegante karamellfarbene Schiff mit Leichtigkeit zu dem vereinbarten Treffpunkt manövriert. Auch innerhalb des xinianischen Hoheitsgebietes, zu dem Ambaramani längst zählte, war der Kriegszustand ausgerufen worden, obwohl tatsächliche Kriegshandlungen dort nicht stattfanden. Den Xinianern wollte niemand der anderen Gegner zu nahe rücken, so dass sich sämtliche Schauplätze ausschließlich im oberen Uma-System, dem ehemaligen Bezirk des Leo Minor und in wenigen anderen Teilen des Orionarms abspielten. Dort, wo sich aktive Tore befanden, war man inzwischen dazu übergegangen zu verhandeln und Regelwerke aufzustellen, welcher Staat die Rechte für die Nutzung besaß und wie damit verfahren werden sollte. Überall war der Ruf nach Frieden vernehmbar und die Bereitschaft sich entgegenzukommen groß. Die Xinianer, federführend an beinahe allen Fronten, waren dabei diejenigen, die an den entscheidenden Hebeln saßen, wenngleich sie weniger ein Interesse daran hatten andere Völker zu unterjochen oder sie auszubeuten. Sie wollten lediglich den größtmöglichen Einfluss auf die Tore und Einmischungen in ihre eigenen Angelegenheiten verhindern.

Der Padisha Rabhas hingegen trat von Anfang an als engstirniger Aggressor mit expansorischen Ambitionen auf. Er wollte über die gesamte Menschheit herrschen und seinem unstillbaren Durst nach Anerkennung und Macht Genüge tun. Legitimationen konnte und wollte er auch gar nicht vorweisen. Alleine aufgrund dieses Ziels hatte er seinerzeit sein korruptes System innerhalb der behördlichen Strukturen aufgebaut. Auch er und Okeanos, der Custodire von Xi, waren Pegaren, die es genossen die neuerlichen Vorzüge der Molluskentore zu nutzen. Lebendige Wurzeln besaßen sie nicht mehr, was ihre Hemmschwellen erschreckend herabgesetzt hatte. Bei Menschen wie Rabhas hatte sich die totale Entwurzelung besonders negativ ausgewirkt. Die in Jugendjahren nur spärlich gewachsene Egozentrik hatte in der starken Isolation seines Pegarendaseins dermaßene Auswüchse erreicht, dass sie über alle anderen charakterlichen Eigenschaften erhaben wurde. Es gab nur wenige Pegaren, die so alt waren wie Rabhas. Und nur einer war noch älter: Okeanos. Aus biologischer Sicht waren sie in etwa gleich alt, dennoch befand sich Okeanos über 1000 Jahre länger in seiner lebendigen Existenz als der Padisha. Gewiss relativierte sich all dies, da im Schnitt von 1000 Jahren Pegarendasein an die 970 Jahre, je nach Neigung, in der Hibernation verbracht wurden. Die meisten gewöhnlichen Menschen auf den Planeten hatten diese Lebensstile schon immer als pervers und nicht unterstützungswürdig empfunden.

„Also ist nun Schluss mit dem Pegarendasein“, konstatierte Einstein. Er, Brendan, Mariju, Green und die beiden Roboter saßen gemeinsam in einer der gemütlichen Felsenwohnungen von Dahara und feierten ihr Wiedersehen. Dahara war eine von mehreren Felsenstädten, die die Ambaramani in die Berge dieser Gegend geschlagen hatten. Viele dieser Städte waren so abgelegen, dass sie nahezu unbekannt ihr Dasein fristeten. Aufgrund ihrer Lage boten sie keinerlei Attraktivität für Fremde und selbst Einheimische, die sich dort wohl fühlten, zählten zu einer sehr eigenwilligen Sorte Menschen. Ein guter Ort, um unterzutauchen.

„Ja, ich glaube, die Tage der Pegaren sind wirklich gezählt“, stimmte Brendan ihm zu.

„Ich bin froh, dass wir diesen Teil unseres Lebens hinter uns lassen“, fand Mariju, die überglücklich war, nach so langer Zeit wieder auf ihrem Heimatplaneten sein zu können. „Es gab Zeiten, da war ich stolz und froh eine Pegarin zu sein. Und tatsächlich habe ich ja auch viele Vorteile dadurch gehabt.“ Sie blickte nachdenklich aus einem der kleinen Rundfenster, die in die Außenwände der Felsenwände gehauen waren. Draußen leuchtete die sand- und ockerfarbene Felsenlandschaft des ambaramanischen Zwerggebirges, dessen Name in irdischen Maßstäben eher Verwirrung verursacht hätte, da der höchste Berg dieser Gegend über 12.000 Meter hoch war. „Letzten Endes aber hat jeder von uns auch ein Stück von sich selbst zurückgelassen in den vielen hundert Jahren, die wir nun schon durchs All reisen.“

„Es ist wie es ist, Mariju“, meinte Brendan und streichelte ihr kurz über den Nacken. „Wir haben unseren Teil zu dieser Geschichte beigetragen. Und wie ich finde, einen guten Teil.“

Klick-Klick klickte zweimal laut, bevor er sprach: „Ohne den Einfluss von ihnen Captain Brendan, Professor Einstein und Offizier Ana wäre der Padisha viel früher an die Macht gekommen und hätte, nach allen Wahrscheinlichkeitsrechnungen, die alleinige Kontrolle über die Molluskentore erlangt. Ihr Pegarendasein hat somit einen entscheidenden und positiven Einfluss auf alle nachfolgenden Ereignisse genommen.“

„Ja, ich denke Klick-Klick hat Recht“, sagte Einstein. „Wir haben sicherlich viele Ziele nicht erreicht und Mariju, es ist ganz und gar enttäuschend, dass Ambaramani seit Generationen schon kein freier Planet mehr ist, aber wir haben mit Sicherheit Schlimmeres verhindert. Wir brauchen uns nicht kleiner machen als wir sind und müssen auch nicht frustriert sein.“

„Der Krieg ist, wenn auch in abgeschwächter Form, noch im Gange und die Neue Ordnung längst nicht so, wie die meisten Menschen sie sich wünschen.“ Brendan strich sich durch sein dichtes lockiges Haar, was er in Kürze abschneiden wollte. „Was wir tun sollten ist vor allem erst einmal regenerieren. Klick-Klick hat in den Jahren unserer Hibernation hier in Dahara viele Kontakte geknüpft, selbst Felicitas kennt sich schon gut aus.“

„Sie hat wahrscheinlich schon die gesamte Stadt geputzt und abgestaubt“, meinte Mariju schmunzelnd. Felicitas, der an eine spanische Putzhilfe erinnernde Haushaltsrobot Brendans, den er von seinem ehemaligen Anwesen mitgenommen hatte, klimperte mit den langen Wimpern und nestelte an seiner geblümten Schürze herum. Felicitas war wesentlich offensichtlicher ein Roboter als Klick-Klick. Ihre Baureihe konnte mit Fug und Recht als grob und weniger detailfreudig bezeichnet werden, was ihrem ganz speziellen Charme aber in keinster Weise Abbruch tat. Immerhin hatte Brendan sie vor einiger Zeit einigen äußeren Korrekturen unterzogen, so dass ihr Gesicht bis zum Halsansatz der menschlichen Haut nachempfunden war und sie dadurch zugänglicher wirkte. Sie war liebenswert und tüchtig, wenn auch eher eingeschränkt selbstständig. Im Gegensatz zu Klick-Klick besaß sie nur ein mittiges Standbein, auf dem sie umherschwebte oder es notfalls auch als Staubsauger einsetzen konnte, sofern ihre Gehilfen, eine untergeordnete Putzroboter-Kolonne, nicht zu Diensten waren.

„Auch wir sollten uns Menschen suchen, denen wir vertrauen können“, sagte Einstein. „Es wird ungewohnt werden, sich vorzustellen und auch daran festzuhalten, dass wir Menschen kennenlernen, denen wir auch ein zweites oder sogar drittes Mal begegnen werden.“

„Es ist ja noch gar nicht sicher, dass wir nie wieder in die Hibernation müssen“, sagte Mariju. „Ich hätte es vor einiger Zeit auch nicht für möglich gehalten sogar auf einem Planeten in einen Kältetank zu steigen. Und ausschließen können wir es sowieso nicht in Anbetracht der immer häufiger auftretenden Abschaltungen der Torfunktionen. Und wer garantiert uns denn, welche Tore wir noch unbehelligt nutzen können ohne, dass wir entdeckt werden? Wir stehen noch immer auf der Abschussliste der Xinianer. Und Rabhas ist auch nicht gerade gut auf uns zu sprechen. Die Chrys ist allen beiden zur Genüge bekannt und mich würde es nicht wundern, wenn an jedem Tor ein dicker Steckbrief von uns hinge.“ Daraufhin grinste Brendan breit und Mariju wusste sofort, dass er in dieser Hinsicht schon wieder etwas ausgeheckt hatte.

„Klick-Klick hat mir schon erklärt, dass es kein Problem sein wird für unser Schiff eine andere Registrierung zu bekommen. Unter der Hand hat sich schon vor langer Zeit ein richtiger Markt für illegale Schiffsregistrierungen etabliert.“

„Soviel also zur Kontrolle der Xi über die Tore“, sagte Mariju und schüttelte schmunzelnd den Kopf.

„Vollkommene Kontrolle wird es nie geben“, meinte Einstein. „Dafür ist der Mensch zu widerspenstig. Unsere Spezies ist einfach vollkommen unberechenbar.“

Die Monate, die sie dann zusammen in Dahara verbrachten, bevor sie sich endgültig entschlossen nach Prätor aufzubrechen, waren für alle die erholsamsten, die sie je an einem Stück erlebt hatten. Der Krieg schritt nur noch zögernd voran und hatte sich auf einem Niveau eingependelt, das berechen- und vorhersehbar war. Viele Fronten waren festgefahren und die Neigung zu Verhandlungen wuchs mit jedem Tag. Auf Ambaramani bekamen sie von aktiven Kriegshandlungen ohnehin nichts mit und konnten ihre Tage dort entsprechend genießen.

Aufgrund ihres Pegarendaseins hatten sie alle ihren Bezug zu gewöhnlichen Zeitabläufen verloren, weshalb ihnen einige Wochen mehr oder weniger nicht wichtig erschienen. Brendan vertiefte während dieser Zeit seinen Kontakt zu Nerva und freundete sich immer mehr mit dem Gedanken an, dem Prinzipat seine Dienste anzubieten. Zwischen den Zeilen hatte er längst herausgehört, dass Nerva ihm wohl gesonnen war und seinen Werdegang bereits mit viel Interesse verfolgt hatte. Und irgendwann war es dann auch soweit, dass sie ihre Sachen packten und sich mit einer falschen Registrierung der Chrysanthemia auf den Weg machten. Brendan hatte sein Schiff schwarz lackieren lassen, ganz im xinianischen Stil, und fand sogar, dass es damit richtig edel aussah. Die eingehende Nutzung der Tore war bis dato derart ausgeschöpft worden, dass sich bis vor kurzem regelrechte Schlangen bildeten, die sich zu vorgegebenen Zeiten am Tor einzufinden hatten, um zu einem gemeinsamen Ziel zu fliegen. Feste Durchflugszeiten waren für feste Ziele vorgesehen, so dass auch die Chrysanthemia ihren reservierten Termin zur Passage nach P 88 bei Prätor vor Abflug bestätigen musste. Ganz so zahlreich wie noch einige Wochen zuvor waren die Schlangen der Schiffe zwar nicht mehr, die Abschaltungen trugen dazu ihren Teil bei, doch noch immer gab es reichlich wichtige und gewinnbringende überregionale Geschäfte, die keinen Aufschub duldeten und ein überschaubares Risiko duldeten.

Schon Tage vor der eigentlichen geplanten Passage verließen sie Dahara und schwenkten in den Orbit in einem Bereich von Ambaramani ein, in dem sich viele Handelsschiffe und Fähren befanden. Dort tauschte Klick-Klick erneut ihre Registrierung, denn vermutlich würden die Xi alle Schiffe dieser Größenordnung besonders eingehend prüfen, war die Chrys nach ihrem widerrechtlichen Eindringen in die hoheitlichen Lufträume des Planeten schließlich gänzlich untergetaucht. Für Brendan war es schon lange nichts Ungewöhnliches mehr, sich illegaler und halbseidener Mittel zu bedienen, um ans Ziel zu gelangen. Zudem herrschte ja Krieg und auch jene, die er betrog, spielten nicht gerade mit einem sauberen Blatt.

Sie alle atmeten erleichtert auf, als sie aus dem Zieltor wieder ausgespuckt wurden, nicht innerhalb einer Abschaltung das Zeitliche segneten und auch keinerlei Gefechte auf der anderen Seite stattfanden. Rabhas hatte diverse Male versucht das prätorianische Tor P 88 in seine Gewalt zu bekommen, bisher jedoch ohne Erfolg. Die Xinianer hingegen hatten P 88 inzwischen als prätorianisch akzeptiert und unterhielten regen Handel zwischen Ambaramani und Prätor. Doch Nerva war nach wie vor auf der Hut und hielt die Öffnung des Tores gegenüber fremden Zielen begrenzt.


03 - Neue Gardisten

Die Kämpfe um die Molluskentore hatten die Bewohner des Orionspiralarms ausgelaugt. Kriegsmüdigkeit machte sich selbst unter den obersten Flottenführern breit und viele Völker strebten endlich eine Lösung des Konflikts an. Noch immer wurden neue Tore entdeckt und es war nicht abzusehen, wann auch das letzte dieser grandiosen Ingenieurskunstwerke gefunden worden wäre.

Die am nächsten liegende Frage überhaupt jedoch wurde seltsamerweise nie gestellt. Wer waren die Erbauer dieser Tore? Wann wurden sie errichtet und zu welchem Zweck? Und letztlich wäre es auch interessant gewesen zu wissen, wo die Architekten geblieben waren. Genau diese und weitere Fragen beschäftigten Mariju seit sie sich mit Brendan und den anderen auf ihrer Heimatwelt Ambaramani niedergelassen hatte. Über ein Standardjahr hatten sie zurückgezogen und unentdeckt dort verbracht, in einer Gegend, in die es Xinianer nur selten verschlug und noch alte traditionelle Ambaramani das Sagen hatten. Die Xinianer, die das ambaramanische Volk unterdrückt und ihren Planeten annektiert hatten, waren zu einer etablierten Größe gewachsen. Etliche Generationen waren nun bereits auf dem Planeten geboren worden und ihre Anzahl an der Gesamtbevölkerung war mindestens genauso hoch wie die der Einheimischen. Zu Recht nannten nun auch diese Xi Ambaramani ihre Heimat. Diese Entwicklung musste selbst Mariju akzeptieren. Obwohl sie ihr einstiges Leben ganz und gar dem Ziel der Erlangung der Freiheit und Unabhängigkeit ihres Volkes gewidmet hatte. Als Pegarin hatte sie ebenso wie Brendan ein ungewöhnliches Leben geführt und war mehr auf Raumschiffen beheimatet als auf einem Gestirn. Daher fiel es ihr auch stets leicht, sich auf neue Aufgaben und Ziele zu konzentrieren, ganz gleich in welchem Winkel des Spiralarms sie sich befanden. Sesshaft werden und Geschehenes vergessen würde nicht funktionieren, zumal vieles des vergangenen Unrechts noch deutlich in die Gegenwart strahlte. Darüber hinaus hatten die Tore sie nie losgelassen, insbesondere dies eine Tor in Andromeda, zu dem Raym von Rabhas sie seinerzeit gegen ihren Willen geschickt hatte. Immer wieder musste sie an ihre Begegnungen mit den Wesen von Andromeda denken, an Alles, Allesvorne und Alleshinten. Diese Wesen, aber auch die Mollusken, die einstmals in den menschlich besiedelten Gebieten aufgetaucht und von Rabhas ausgerottet worden waren, mussten etwas mit den Toren zu tun gehabt haben. Da war sie sich sicher. Und deren Ursprung lag nicht in der Milchstraße. Mariju besaß ausreichend Indizien, dass es mindestens noch eine weitere Spezies gab, die viel wahrscheinlicher als Erbauer der Tore in Frage kam und sich womöglich nur zeitweilig zurückgezogen hatte. Noch gut konnte sie sich an den Wortlaut von Allesvorne erinnern, als er von diesen anderen sprach. Sie wollte unbedingt noch einmal zurück nach Andromeda und erkunden, was es mit ihnen und der zweiten geheimnisvollen Spezies auf sich hatte.

Die aktiven Pegarenjahre gingen offensichtlich ihrem Ende entgegen. Und die einstmals so glorreiche Idee ihr Volk von dem Joch der Xinianer zu befreien hatte auch mit Hilfe der geheimen Organisation des Inneren Kreises nicht funktioniert. Mariju war kontrolliert und diszipliniert – vielleicht hatte sie das sogar ihrer Zeit im Dienste der Xinianer zu verdanken. Die Enttäuschung darüber, dass sie diesem innigsten Wunsch der Wiedererlangung der Freiheit der Ambaramani nicht nachgekommen war, saß noch immer tief. Doch inzwischen war zu viel Zeit vergangen. Sie konnte nicht mehr dort anknüpfen, wo sie aufgehört hatte. Xi und Ambaramani, so sehr ihr dieser Gedanke missfiel, waren zu großen Teilen miteinander verwoben und nach so vielen Jahrzehnten nun gemeinsam ansässig auf ihrem Heimatplaneten. Zudem besaß sie nicht einen einzigen lebenden Verwandten oder Freund mehr und selbst die ehemaligen Gefährten des verfolgten Inneren Kreises, die sich ganz und gar der Befreiung von Ambaramani gewidmet hatten, hatten sich zerstreut. Sie wusste nicht, wer von ihnen noch ein Pegarenleben führte und ob sie ein bekanntes Gesicht jemals wiedersehen würde. All das und die vielen Kälteschlafphasen, insbesondere aber die körperlichen und seelischen Gewalten, die Rabhas ihr angetan hatte, hatten Mariju sehr verändert. Ein ehrenwertes Ziel jedoch wollte sie auch weiterhin verfolgen. Daher boten sich die Erforschung der Tore und die Suche nach den Erbauern geradezu an. Die rein hypothetische Gefahr, die von einer fremden Spezies aus Andromeda ausgehen könnte, war zu groß für die Menschheit. Und die Rolle, die sie selbst bisher gespielt hatte in der Entwicklung um die Molluskentore, war zu gewichtig. Sie wusste viel und besaß ein einmaliges Gespür für Gefahren. Daher würde sie diese Rolle nicht vernachlässigen und sich weiterhin mit verantwortlich fühlen für die desaströsen Entwicklungen der vergangenen Jahrhunderte. Seit sie Andromeda verlassen hatte, hielt sie der Eindruck fest eine begonnene Aufgabe nicht zum Ende geführt zu haben. Diesen unterschwelligen Druck hatte sie nur für eine sehr kurze Zeit verdrängen können, gemeinsam mit Brendan auf Little Silence. Aber diese Phase konnte sie nicht lange aufrechterhalten und war lediglich dem Umstand zu verdanken, dass sie es zugelassen hatte aus sexueller Anziehungskraft eine intensive Affäre erwachsen zu lassen. Sie wusste noch immer nicht wirklich in welcher Beziehung sie zu Brendan stand und wollte dem Ganzen auch gar keinen Namen geben. Was sie jedoch definitiv wusste, dass sie sich jetzt auf gar keinen Fall auf einem Planeten zurückziehen würde, um ein ruhiges Dasein zu führen. Vielleicht war sie inzwischen sogar ruheloser, als es Brendan je war und hoffte in Andromeda auf die Antworten, die ihr das bisherige Leben nie hatte geben können.

Brendan, der nichts lieber getan hätte, als sich an Nervas Seite in die Bresche gegen Rabhas zu schlagen, konnte Mariju davon überzeugen, ihn nach Prätor zu begleiten. Soweit er wusste, war auch Nerva an einer Beschleunigung zur Lösung der Tor-Probleme gelegen. Und ganz auf eigene Faust wollte er eine solche Exkursion nicht schon wieder unternehmen. Die Zeit war günstig, denn auch der Prinzipat hatte ein Interesse daran, mehr über die Herkunft der Tore zu erfahren, da sie sich immer häufiger unvermittelt und selbstständig schlossen, unglücklicherweise oftmals mitten in einem Sprung, was den unweigerlichen Tod der Reisenden mit sich brachte. Brendan hatte Nerva nur ein einziges Mal persönlich gesehen. Das war noch vor Ausbruch des Krieges gewesen und inzwischen 28 Jahre her. In dieser Zeit hatten er und Mariju zum Großteil in der Hibernation gelegen, in den hoch entwickelten Kältetanks ihrer ambaramanischen Freunde, Nachfahren des Inneren Kreises. Keiner von beiden wollte je einen Hibernationstank auf der Oberfläche eines Planeten nutzen und es war ihnen auch stets suspekt erschienen. Dies jedoch bot die einzige Möglichkeit ihre alten Pegarengefährten und letzten noch lebenden Freunde, die auf Brendans Schiff unterwegs waren, wiederzutreffen. Sie hatten die Hibernationstanks so programmieren lassen, dass sie zur selben Zeit wieder aufwachen würden, wenn auch die Chrysanthemia mit Einstein und Green in das Hoheitsgebiet von Ambaramani einflöge. Und mit der präzisen Zuverlässigkeit der selbstständig arbeitenden Kommunikationscomputer der Chrysanthemia war ihnen auch tatsächlich ein freudiges und erleichterndes Wiedersehen gelungen.

In früheren Zeiten hätte sich Brendan niemals überreden lassen, woanders als auf einem beweglichen und von ihm selbst kontrollierten Raumschiff in die Hibernation zu gehen. Zu groß erschien ihm die Möglichkeit, dass sich Neider und inzwischen auch Feinde an den Tanks zu schaffen machten, um sie aufgetaut und tot der Ewigkeit zu überlassen. Aufgrund der Tatsache aber, dass ihm die sehr zugetanen Ambaramani mehr als vertrauensselig erschienen und Einstein und Green die letzten noch lebenden Wesen waren, mit denen er eine gemeinsame Vergangenheit hatte, war ihm das Risiko recht. Zu verlieren hatte er ebensowenig wie Mariju oder Einstein. Jeder Pegar hatte seine Wurzeln weit hinter sich gelassen und würde kaum mehr Gelegenheit haben sie wiederzufinden. Zu groß waren die Zeitabstände zwischen dem Leben vor und nach einem Pegarendasein und bei Brendan waren es nun immerhin schon über 900 Jahre. Wenn er ein normales Leben in einer gewöhnlichen Zeitspanne unter Seinesgleichen geführt hätte, gäbe es klar abgesteckte Phasen und Ziele. Er aber hatte das in dieser Form nie erlebt. Nachdem er die Akademie der Neutralen Behörde auf dem Schulungsschiff Giant 2 abgebrochen und nach Little Silence gekommen war, drohte er beinahe abzurutschen. Ohne Familie oder Freunde und mit einem Berg von Schulden gegenüber der Behörde, hatte er kaum Hoffnung auf ein sesshaftes Leben gesehen. Nur der Hilfe der skurrilen aber wohlhabenden Chrysanthemia von Hohenlindt war es letztlich zu verdanken gewesen, dass Brendan nicht im Sumpf der subkulturellen Spaßgesellschaft von Consumpia versank, in deren oberflächlicher Schnelllebigkeit er sich oft wochenlang die Nächte um die Ohren geschlagen hatte.

Prinzipat Nerva war schon sehr alt geworden und würde sein Amt ziemlich bald abgeben. Er freute sich, als die Chrysanthemia durch das neu entdeckte Tor P 88 geflogen kam, was sich noch näher als Custos an der Umlaufbahn von Prätor befand. Er empfing die Crew in seiner Villa Rustica, außerhalb von Aventin, diesem äußerlich einer alten Römerstadt nachempfundenem Ort, der mit seinen circa 20 Millionen Bewohnern die Hauptstadt des Planeten bildete. Wie bei ihrer ersten Begegnung trug er eine weiße Toga und Sandalen. Sein noch immer kurz gehaltener Bart war inzwischen schneeweiß, außerdem ging der alte Mann gebeugt und trug stolz seine Lebensfalten im Gesicht. Im Schatten einer Pinie im Innenhof des Landsitzes hatte er einen Tisch mit allerlei Köstlichkeiten, Wein und kühlem Wasser aufstellen lassen. Er begrüßte seine Gäste wie alte Freunde.

„Obwohl ich sehr betrübt darüber war, dass sie damals mein Angebot für mich zu arbeiten ablehnten“, leitete Nerva seine Begrüßung ein, die er aufgrund seiner Gebrechlichkeit im Sitzen aussprach, „freue ich mich ungemein sie wiederzusehen, Captain Brendan. Kommen sie näher und setzen sie sich. Ich nehme an, das ist Offizier Ana, nicht wahr?“ Er winkte den beiden und auch Einstein zu. Der Amaviride und die beiden Roboter waren auf dem Schiff geblieben. Mehrere Diener hatten die Gäste durch die Villa zu diesem schönen Platz begleitet und kümmerten sich nun darum, dass jeder ausreichend bewirtet und umsorgt wurde. Confido, der ehrwürdige Leibdiener und guter Freund des Prinzipats, blieb, wenn auch dezent im Hintergrund, stets an Nervas Seite, reichte ihm seinen Becher oder half ihm, wenn er sich hinsetzen oder aufstehen wollte. Brendan schaute sich um und nickte anerkennend: „Auf Prätor lässt es sich selbst in diesen Zeiten gut aushalten, Prinzipat.“

Mariju stand gleich neben Brendan und lächelte Nerva an. Sie nickte bewundernd. „Sehr angenehm, sie endlich einmal kennen zu lernen, Prinzipat. Ich habe viel Gutes über sie gehört.“ Sie meinte, was sie sagte.

„Ich über sie aber auch, Offizier Ana“, sagte Nerva, der nun eine seiner buschigen und ebenfalls weißen Augenbrauen hochzog und die visuellen Reize der attraktiven Ambaramanin wohlwollend zur Kenntnis nahm. Mariju war in der Tat eine hübsche hoch gewachsene Frau, die ihr hellblondes Haar kurz und exakt trug, was ihre wache und kluge Ausstrahlung verstärkte. Sie wirkte sportlich und zielstrebig, daran hatte sich nichts geändert. Einstein, der ebenso wie auch Brendan und Mariju den gut sitzenden dunkelblauen Uniformoverall der Chrysanthemia trug, setzte sich als erstes, nachdem er sich förmlich bei dem Prinzipat vorgestellt hatte. Auf seine nutzlose Brille verzichtete er aus Nostalgiegründen nach wie vor nicht. Wirklich benötigen tat er sie allerdings nicht. Und auch, wenn sich immer wieder einmal jemand über sein wildes und seinem Spitznamen alle Ehre machendes zerzaustes Haar lustig machte, trug er es in Erinnerung an diesen genialen längst verstorbenen irdischen Physiker mit Stolz. Meistens war der Professor geistig abwesend und beschäftigte sich mit astrophysikalischen Problemen. Insbesondere mit der unbekannten Technik der Molluskentore, deren Ansätze der von Raym von Rabhas gefangene leitende Wissenschaftler Wilko Collivla herausgefunden, kopiert und heimlich an Brendan und seine Crew weitergeleitet hatte. Einstein hatte sich jedes Bit dieser Daten heruntergeladen und versuchte seither die Funktionsweisen der Tore komplett zu entschlüsseln. Areale seines überdurchschnittlichen Gehirns arbeiteten ununterbrochen an diesem Problem.

Brendan hatte sich seine frühere Lockenpracht bändigen und einen zackigen Kurzhaarschnitt verpassen lassen. Und um seinem Drang nach Veränderung weiterhin Ausdruck zu verleihen, spross ein ansehnlicher dichter Kinnbart in seinem Gesicht, was sogar Mariju, die das nie zugegeben hätte, sehr gefiel. Die beiden nahmen nun ebenfalls Platz.

„Ja, Prätor ist noch immer ein guter Ort zum Leben“, bestätigte Nerva. „Aber es ist nicht mehr so leicht unbeschadet hierher zu kommen. Der Krieg ist noch nicht vorbei, wenngleich sich die Machtverhältnisse auch allmählich verteilen und sich abzeichnet, wer wo das Sagen hat. Ein unerträglicher Prozess.“

„Der gesamte Krieg mit seiner viel beschrieenen Neuen Ordnung ist unerträglich“, fand Brendan und nahm einen großen Zug aus dem Wasserglas. Es war heiß zu dieser Zeit auf Prätor. „Ich glaube, seit der Entdeckung des Rades haben wir uns nicht besonders weiterentwickelt.“

„Ich will das nicht kommentieren“, sagte Nerva. „Aber in diesen Zeiten ist womöglich gar nicht mehr relevant, ob und inwieweit sich die Menschheit entwickelt hat. Fortschritt liegt offensichtlich ja nun nicht mehr alleine in unseren Händen, wie wir erfahren mussten.“

„Sicherlich nicht, Prinzipat“, meinte Brendan. „Sie kommen schon in der ersten Minute unseres Zusammentreffens auf den Punkt.“

„Na, warum auch viele Worte machen? Viel Zeit bleibt mir ohnehin nicht mehr. Wie sie wissen, habe ich das Leben eines Pegaren immer abgelehnt und bin stolz auf jedes real gelebte Jahr. Also erzählen sie! Worum geht es ihnen genau? Einen groben Überblick über ihr Anliegen haben sie mir ja bereits mitgeteilt.“

„Ja, richtig“, meinte Brendan und versuchte seine Nervosität unter Kontrolle zu behalten. Wenngleich Nerva ihm bereits des Öfteren seine große Sympathie bekundet hatte, war der Prinzipat immer noch einer der mächtigsten Männer im gesamten Spiralarm und er – Brendan - dagegen ein winziges bedeutungsloses Rädchen innerhalb der menschlichen Maschinerie galaktischer Politik. „Und wie sie mir ja bestätigt haben, ist ihnen ebenfalls an der Aufklärung dieser unvorhergesehenen Ausfälle der Tore gelegen.“

„Mir ist bekannt, dass nicht nur wir Prätorianer mit diesen Ausfällen zu kämpfen haben. Auch die Xi und der allseits bekannte Rabhas haben diese Probleme. Ich würde lachen und weinen zugleich, wenn die Tore ihre Funktion verlören und all die Jahrzehnte des Mordens umsonst gewesen wären.“

„Wir glauben, dass die Erbauer der Tore dahinter stecken“, mischte Mariju sich ein. Nerva blickte interessiert zu ihr, so dass sie ermuntert fortfuhr: „Nur jemand an irgendeinem der anderen Tore ist in der Lage den Aktivierungsprozess zu unterbrechen. Und meines Wissens ist kein Mensch dazu fähig überhaupt eine entsprechende Modifizierung vorzunehmen. Noch immer liegen viele Funktionsbereiche der Molluskentore im Dunkeln und sind für uns nicht nachvollziehbar.“

„Es hat bisher noch nie jemand einen Hinweis auf die Erbauer der Tore entdeckt“, sagte Nerva.

„Es hat aber erschreckenderweise auch noch niemand jemals ernsthaft danach gesucht“, entgegnete Mariju, der dieses Thema schon lange auf der Seele brannte. Ignoranz und Blindheit gegenüber der potentiellen Gefahren, die von den unbekannten Erbauern ausgehen könnten, machten sie wahnsinnig. Aber auch die Chancen, die mit einem eventuellen Kontakt dieser Baumeister einhergingen, durften ihrer Meinung nach nicht ungenutzt bleiben. „Ich bin drüben gewesen, in Andromeda. Ich hatte Kontakt zu einer Spezies, die allem fremd ist was wir bisher kennen gelernt haben. Und ich war nicht die einzige, die mit diesen Wesen Kontakt hatte. Vor mir hat es andere Menschen gegeben, die mit ihnen gesprochen haben.“

„Woher wollen sie das wissen?“, fragte der alte Mann. Seine kleinen Augen lagen freundlich, aber skeptisch in den schlaffen Höhlen. Man sah es ihm nicht an, aber auch er hatte bereits unfassende Informationen über die Beschaffenheit ihrer Nachbargalaxie Andromeda gesammelt. Die Prätorianer hatten, wenn auch nur ein einziges Expeditionsschiff hinübergeschickt. Es war allerdings nie zurückgekehrt und die Kommunikationsmöglichkeiten mittels der Tore waren zu jener Zeit sehr beschränkt gewesen. Mariju rückte sich auf ihrem Stuhl zurecht und beugte sich etwas vor. „Die Geschöpfe haben mit mir und meinem damaligen Begleiter Roy Anderson gesprochen. Sie nutzten dazu aufgezeichnete Fragmente anderer Unterhaltungen oder auch unserer eigenen. Es war für uns anfänglich natürlich sehr befremdlich sich mit jemandem zu unterhalten, der unsere eigenen Stimmen und Sätze benutzt und zu einem neuen Sinn zusammensetzt. Und noch seltsamer wurde es dann, als Allesvorne auch noch weitere, zuvor aufgezeichnete Stimmen nutzte, in anderen Sprachen…“

Allesvorne?“ Nun blickte Nerva sie an, als wüsste Mariju nicht mehr genau, was sie sagte.

„Wir nannten das Gebilde so, weil der Prahm, also der Computer des ambaramanischen Schiffes, auf dem wir uns damals befanden, diesen Namen vorgeschlagen hatte. Er taufte das erste Gebilde, das wir gesehen hatten, kurzerhand Alles. Das lag an seiner umfangreichen Beschaffenheit, in der nahezu alle chemischen Elemente und Molekularverbindungen vorkamen. Na, als jedenfalls später ein anderes dieser Wesen vor unserem Bug und ein weiteres am Heck auftauchte, nannten wir sie kurzerhand Allesvorne und Alleshinten.“

„Das klingt… einleuchtend“, meinte Nerva und wartete, dass Mariju weitersprach. Brendan löste sie ab. Ihm war sehr daran gelegen für Nerva zu arbeiten und auf eine neue Mission zu gehen. Es ging ihm dieses Mal auch um die Sache an sich und nicht mehr alleine um das Geld. Mariju hatte ihn diesbezüglich und auch in diversen anderen Aspekten seines bisherigen Lebens ohne es zu wissen von einer Richtungsänderung überzeugen können. Darüber hinaus war es für ihn auch wieder an der Zeit einen neuen Auftraggeber zu finden. Zwar hatte er sein früheres Anwesen auf Little Silence selbst in Kriegszeiten sehr gewinnbringend verkauft, aber irgendwann gingen auch diese Reserven einmal zu Ende und es war nicht leicht einen Finanzier für derartige Exkursionen zu finden. Und der Unterhalt für sein Schiff war enorm.

„Dieses Wesen hatte eskapisch gesprochen“, meinte Brendan. „Zu den Eskapern hat der Rest der menschlichen Zivilisationen seit über 1500 Jahren keinen Kontakt mehr.“

„Zu den Eskapern gab es noch nie einen Kontakt“, berichtigte ihn Nerva. „Die Menschen der damaligen irdischen Immigranten, die zu jener privaten Organisation gehörten, die das alles finanzierten, hatten sich ausdrücklich jegliche Verbindung zur Erde und auch zu anderen Raumfahrtprojekten verbeten. Es war ihre Entscheidung. Hinzu kam, dass sie als einzige Gruppe, die die Erde verlassen hatte, in eine vollkommen andere Richtung geflogen waren, in einen Bereich unserer Galaxie, in der bewohnbare Planeten äußerst unwahrscheinlich und, wenn überhaupt, nur sehr selten zu finden waren.“

„Ja, von einer besonders ausgeprägten habitablen Zone kann dort wirklich nicht die Rede sein“, sagte Brendan.

„Aber es ist interessant, dass sie die Eskaper erwähnen. Haben sie etwas über sie herausgefunden?“, fragte Nerva, nun wieder an Mariju gerichtet. Die nickte begeistert und das Leuchten in ihren Augen verriet, wie erpicht sie darauf war, den Dingen auf den Grund zu gehen. „Nun ja, kein Mensch interessiert sich heutzutage für den Verbleib der Eskaper. Selbst von der Erde aus lag der Planet, den sie bis heute offenbar besiedeln, 168 Lichtjahre entfernt. Aber sie besitzen ein Tor – und das alleine ist schon bemerkenswert.“

„Erzähl Nerva, was du über diese andere Spezies weißt“, meinte Brendan. Mariju nickte ihm zu. „Einige Sätze, die der eskapische Captain damals sagte, haben uns aufhorchen lassen. Sie beinhalteten deutlich das Vorhandensein einer weiteren, einer zweiten Spezies, von der offensichtlich eine nicht näher benannte Gefahr ausgeht. Ich kann ihnen später gerne die kompletten Aufzeichnungen zukommen lassen.“

Nerva runzelte die Stirn.

„Vor dieser Spezies“, sagte Brendan, „nahmen sich die Eskaper, wie auch Allesvorne und Alleshinten offenbar sehr in Acht.“

Nerva runzelte abermals die Stirn und schaute die Drei nacheinander an. Auch Einstein nickte überzeugt von Marijus Worten. Und da er ein weit gereister, gebildeter und in vielen Systemen sogar bekannter Mann war, darüber hinaus ein tanachanisch genmanipuliertes Gehirn besaß, dass ihn wirklich gar nichts vergessen ließ, nahm Nerva gerade seine mimische Reaktion sehr ernst. „Lassen sie mich kurz rekapitulieren!“, meinte er dann und faltete die Hände auf dem Bauch. „Sie wollen gerne nach Andromeda, weil sie vermuten, dass die dort die Erbauer der Tore vorfinden werden. Sie vermuten weiterhin, dass diese Erbauer für die verheerenden Ausfälle vieler Tore verantwortlich sind und von ihnen eine große Gefahr ausgeht, vor der sich die Menschheit besser schützen sollte.“

„Es ist doch schon sehr ungewöhnlich und sollte uns allen zu denken geben“, sagte Mariju aufgeregt, „dass sämtliche Tore, die wir bisher entdeckt haben, sich in einem begrenzten Radius innerhalb des Orionarms befinden. Bis auf dieses eine Tor in Andromeda, einer Galaxie, die 2,5 Millionen Lichtjahre, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – also 2,5 Millionen Lichtjahre von uns entfernt liegt, sind alle uns zugänglichen Tore innerhalb unseres Einzugsbereichs.“

„Ja, es ist wirklich seltsam, dass es uns noch nicht gelungen ist, richtig weit weg zu springen“, stimmte Brendan zu. „Zwar können wir innerhalb unseres Ausbreitungsniveaus im Orionarm springen, scheinbar aber nicht darüber hinaus.“

„Bis auf Andromeda“, korrigierte Mariju.

„Bis auf Andromeda, ja“, sagte Brendan nickend.

„Eigentlich ist allen daran gelegen, die unvorhergesehenen Abschaltungen der Tore zu unterbinden“, sagte Nerva. „Und ich bin mir sicher, dass auch Okeanos und Rabhas daran arbeiten, eine Lösung für dieses Problem zu finden. Und sollte es tatsächlich eine fremdartige Spezies geben, die uns nicht wohl gesonnen ist, wäre es fatal, wenn die Xinianer oder dieser leominorische Hund einen Erstkontakt zu ihnen herstellt.“

„Also unterstützen sie uns?“, fragte Mariju erwartungsvoll.

„Da ich ihre Fähigkeiten kenne und sich unsere Interessen in dieser Sache absolut decken, werden sie am besten offiziell in den Dienst Prätors eintreten“, sagte Nerva schließlich. „Sie gehören fortan meiner Garde an und erhalten für ihren Auftrag uneingeschränkten Handlungsspielraum. Wenn sie einwilligen.“

„Prinzipat Nerva!“ Brendan war verblüfft und ließ sich dies auch anmerken. Mit einer solch hohen Ehre und derartig weitreichenden Befugnissen hatte er nun überhaupt nicht gerechnet. Die Gardisten der Prätorianer stellten sozusagen die Eliteeinheiten von Prätor dar und unterstanden immer direkt dem Prinzipat. Kaum eine Gruppierung innerhalb des Uma-Systems genoss ein solches Ansehen und hatte derart umfassende und hochwertige Ausbildungen genossen. Nun galt Letzteres zwar nicht für die Crew der Chrysanthemia, aber durch ungezählte Grenzerfahrungen und ein langjähriges Pegarenleben hatten sie ausreichend bewiesen, dass sie solch einer Entscheidung durchaus würdig war. Das wusste auch Nerva. Brendan musste unwillkürlich an den Gardisten Elvio denken, der ihnen vor vielen Jahren zur Flucht vor Rabhas verholfen hatte und selbst Opfer dieses machtgierigen selbst ernannten Padishas geworden war. Wirre Zeiten herrschten damals, doch es war noch immer nicht viel besser geworden, wenngleich das Gerücht die Runde machte, dass sich die politischen Eliten der wichtigsten Sonnensysteme bald an einen runden Tisch setzen und Friedensverhandlungen führen wollten. Nerva durfte diesbezüglich aber nichts Offizielles sagen. Die Sehnsucht nach Frieden insgesamt war weit verbreitet und jedem einigermaßen vernünftigem Staatsoberhaupt daran gelegen das Miteinander wieder auf eine andere ruhigere Ebene zu heben. Da die Tore überdies immer öfters ihre Verlässlichkeit einbüßten und hohe Opfer forderten, gab es keinen wirklichen Grund mehr sich in derartigen Dimensionen zu bekämpfen.

„Sie brauchen mir nicht zu danken“, sagte der Prinzipat und lächelte. „Natürlich habe ich mich schon vor ihrer Ankunft eingehend über den Sachverhalt – und auch über sie - informiert. Das damalige Verschwinden der Mollusken ist nie richtig aufgeklärt worden. Wir haben durchaus feststellen können, dass diese gefräßigen Riesengastropoden vom Planeten Nanou aus ihren Zug durch unseren Spiralarm starteten, aber dieser Planet konnte kaum ihre Ursprungswelt gewesen sein. Daher ist es absolut möglich, dass auch die Mollusken aus Andromeda stammten.“

„Zumindest in unserem Spiralarm hat Rabhas die Mollusken erfolgreich ausgerottet“, sagte Mariju verächtlich.

„Das ist wahr.“ Nerva rückte sich ächzend auf seinem Stuhl zurecht. „Viel interessanter ist aber tatsächlich die Frage, wer hinter den Torabschaltungen steckt. Also finden sie es heraus und informieren sie mich!“

„Ich möchte übrigens gerne mein eigenes Schiff nehmen, wenn sie nichts dagegen haben, Prinzipat.“ Brendan war etwas zögerlich mit dieser Forderung, weil er sich mit den Gepflogenheiten der Gardisten nicht auskannte, würde aber auf diese Voraussetzung bestehen.

„Davon gehe ich selbstverständlich aus“, meinte Nerva lächelnd. „Die Chrysanthemia ist eines der modernsten und besten Schiffe. Ich kenne kaum einen Captain, der so vehement dafür eintritt, dass sein Schiff stets auf dem neuesten Stand der Technik ist. Und darüber hinaus besitzen sie ja immer wieder Möglichkeiten, sich sogar xinianische Neuentwicklungen anzueignen. Kompliment!“

Brendan grinste stolz. Es stimmte, die Chrys wurde von ihm regelmäßig verbessert und erneuert und seine Kontakte oder die von Mariju auf Ambaramani hatten es ihm immer wieder ermöglicht, die fortschrittliche Technik der Xi mit einzubinden – ohne ihr Wissen, versteht sich. Er fühlte sich sehr geschmeichelt und geehrt, dass Nerva ihm ein solches Vertrauen entgegenbrachte. Freudig guckte auch Mariju ihn an und beide bedienten sie sich nun erleichtert an den Köstlichkeiten auf dem Tisch, von denen Einstein bereits eine ganze Reihe auf seinem Teller liegen hatte. Das Innehalten auf Ambaramani hatte also nun ein Ende.


04 - Crewmitglieder

Sie verbrachten noch ganze zwei Tage in Aventin bevor sie Prätor, nunmehr als Gardisten im Dienste Nervas, verließen. Sie würden also nun bald durch eines der Tore hinüber in eine andere Galaxie fliegen. Die Lage hatte sich allerdings weiter zugespitzt. Mittlerweile blieben sämtliche Tore, die sich unter menschlicher Kontrolle befanden, weitestgehend verschlossen. Waren sie zuvor der Einfachheit halber permanent offen gelassen worden, mussten die Tore vor ihrer Nutzung nunmehr langwierig und immer aufs Neue geöffnet und aktiviert werden. Und selbst dann war eine ausreichend dauerhafte Einstein-Rosen-Brücke während der Passage nicht mehr gewährleistet. Die Quelle, die die Speisung der Tore mit schier unerschöpflichen Energien übernahm, wurde von einer fremden Macht kontrolliert und absichtlich gekappt. Die Vermutung lag daher nahe, dass diese Quelle vielleicht doch nicht so unerschöpflich und jene fremde Macht ganz und gar nicht daran interessiert war, dass die Menschen sie weiterhin nutzten. Ein offener kaum nachweisbarer photonisch induzierter Spalt verband die Tore permanent miteinander und ermöglichte so jeweils die Aktivierung des Zieltores, ganz gleich von wo. Diese Tatsache verdankten die Menschen nicht ihren eigenen Fähigkeiten, die Vorrichtung war bereits installiert – und zwar lange bevor der Mensch seinen Ursprungsplaneten Erde überhaupt verlassen hatte, wahrscheinlich sogar bevor die Spezies Mensch überhaupt begonnen hatte zu existieren. Keinem aber war es bisher gelungen dorthin zu gelangen, zu jenem Ort, an dem sich alle anderen Tore mit der notwendigen Energie für die kräftezehrenden Passagen bedienten. Ebensowenig war es je einem Menschen gelungen außerhalb der besiedelten Räume ein Tor zu aktivieren, bis auf jenes im Andromedanebel, der zweitgrößten Galaxie neben der Milchstrasse, die sich innerhalb der lokalen Gruppe befand, zweieinhalb Millionen Lichtjahre entfernt. Es hatte immerhin Expeditionen nach Andromeda gegeben, seitens der Xi und auch seitens des Padishas. Selbst Prätor hatte eine Expedition geschickt. Jedoch waren die wenigen Schiffe, die seinerzeit aufgebrochen waren, nie zurückgekehrt und hatten keinerlei Lebenszeichen mehr abgesandt. Außerdem wurde es immer schwieriger eine ausdauernde Brücke zwischen Andromeda und einem anderen Tor aufrecht zu erhalten. Es konnte also durchaus sein, dass sie alle während ihrer Passage nach Andromeda in einen etwaigen Zusammenbruch der Brücke eingehen und sich in ihre chemischen Bestandteile auflösen würden. Ebenso gut konnte es sein, dass sie nach einer erfolgreichen Passage für immer in Andromeda strandeten, weil sich das Tor zurück nicht mehr öffnen ließ. Letzteres störte keinen von ihnen sonderlich, mit Ausnahme von Green, dessen größter Wunsch es war wenigstes einmal in seinem Leben zu seinen amaviridischen Artgenossen nach Azur fliegen zu können. Sein ganzes Leben war er immer nur unter Menschen gewesen und als eine der wenigen nichthumanoiden intelligenten Rassen entsprechend beäugt und behandelt worden. Daher vermied Green es mittlerweile auch sich unter größere Gruppen zu mischen und zog stille und menschenleere Orte vor.

Als Einstein den kleinen, damals noch wurmähnlichen Amaviriden gerettet und von Azur mitgenommen hatte, war ihm die enorme Verantwortung noch nicht bewusst gewesen, die er sich damit aufhalste. Und mehr als einmal hatte Green, dieser über zwei Meter große unförmige Riese mit seinen zahlreichen asymmetrisch über den Körper verteilten Körperöffnungen, die teils als Ohren, Augen, Nasen oder Ausscheidungsorgane fungierten, sie in unangenehme und sogar gefährliche Situationen gebracht. So beeindruckend und bedrohlich seine grüne massige Erscheinungsform auch war - einige Arme und ein dicker, Gift enthaltender Schwanz und klebrige Fühler auf dem Kopf trugen maßgeblich dazu bei - herrschte in Greens Innerem zumeist Angst oder mindestens ein sehr ausgeprägter Fluchtinstinkt vor, dem nur schwer beizukommen war. Als der Amaviride in Dahara wieder mit seinem Ziehvater Klick-Klick zusammentraf, machten sich die beiden sofort daran auch psychisch an der Standhaftigkeit Greens zu arbeiten - mit Erfolg. Green lernte die Reaktionen seines Körpers in extremen Situationen besser in den Griff zu bekommen und sie sogar zu steuern. Hübsch im Sinne menschlicher Betrachtung würde Green nie werden, doch Anerkennung und Zuwendung erhielt er zumindest von seiner Wahlfamilie, der Crew der Chrysanthemia.

Green und auch Klick-Klick waren noch für kurze Zeit auf den Planeten gekommen, um sich die Hauptstadt anzusehen. Bevor sie Prätor dann wieder verließen und sich an Bord des Schiffs einfanden, stellte Brendan jeden einzelnen nochmals vor die Wahl mitzufliegen oder andere Wege einzuschlagen. Er wäre niemandem, insbesondere nicht Green, böse gewesen, wenn er sich anders entschieden hätte. Aber Green wollte bei ihnen bleiben. Und somit ging also nun die komplette Mannschaft der Chrys, erweitert um Felicitas, an Bord und sah der Passage nach Andromeda entgegen.

Brendan hatte es sich nicht nehmen lassen vom unlimitierten Hilfsangebot Nervas ausgiebig Gebrauch zu machen. Als Mitglied der Garde besaß er jetzt Zugriff auf sämtliche Ressourcen, die auf Prätor zur Verfügung standen. Daher kümmerte er sich schleunigst um eine letzte Generalüberholung und Aufrüstung der Chrys. Das Schiff lag in einem der zahllosen Docks eines Orbits über Prätor. Um ihm den letzten Schliff für die kommende Reise zu geben, flog Brendan kurzerhand selbst nochmals für einen Tag mit einem Shuttle hinauf. Die silencianische Ursprungstechnik verknüpft mit xinianischen und ambaramanischen Finessen wurde nunmehr noch durch das Beste von Prätor vervollständigt. Die schwarze Lackierung beließ Brendan, ebenso die beiden wendigen Zweimann-Fähren im hinteren Rumpfbereich. Für die Besatzung war ebenfalls großzügig gesorgt, obwohl der größte Teil des Schiffs Fusionsmasse, technischen Ersatzteilen und Vorräten vorbehalten war. Ein weiterer Großteil beinhaltete Versorgungsanlagen für Wasser, Sauerstoff und Lebensmittel. Im Prinzip konnte die Chrysanthemia aus vorüberfliegenden Asteroiden oder verirrten Kleinstplaneten ausreichend Material einfangen, um ihre Insassen ein Leben lang zu versorgen, vorausgesetzt, es wäre dazu ausreichend Zeit vorhanden, da dieser Prozess eine längere Begleitung und ausgiebige Schürf- und Bergungsarbeiten voraussetzte. Doch auch, wenn jeder einzelne von ihnen über 120 biologische Jahre alt werden würde, wären die Versorgungsmöglichkeiten der Chrys noch nicht erschöpft. Und in der Hibernation könnten die drei Menschen und der Amaviride sogar viele hundert Jahre schadlos überstehen.

Bei seiner Inspektion betrat Brendan das Schiff durch einen der Raumzugänge, die auf einem Planeten nicht zugänglich gewesen wären, da er in der Nähe des Flugdecks, also beinahe ganz oben lag. Er trug einen Schutzanzug, da in dieser Phase des Checks noch alle Räumlichkeiten im Vakuum lagen. Das Flugdeck lag oberhalb des flunderfömigen Schiffs und bildete eine flache Bulge, die sich über den Rest des Schiffs erhob und im Falle drohender Gefahr versenkbar war. Eine großzügige Lounge war dem Flugdeck angeschlossen. Dort konnte die Crew sich ausruhen, ihr Essen oder Getränke zu sich nehmen und dennoch die wunderbare Aussicht in den Weltraum genießen. Im Anschluss an die Lounge zweigten die verschiedenen Kabinen ab, für jedes Crewmitglied eine eigene mit Bad und WC und noch immer je einem eigenen Hibernationstank. Es gab ein Gym und einen medizinischen Notfallraum, zwar sehr klein, aber bis aufs Äußerste für alle Notwendigkeiten präpariert. Mit Hilfe etlicher Medicalrobots konnten selbst komplizierte Operationen durchgeführt werden. Brendan schwebte durch das Schiff, dessen Xikern noch abgeschaltet und daher auch keine Schwerkraft vorhanden war. Er hatte großen Wert auf das Interieur gelegt, da ihm von vorne herein bewusst war, wie viel Zeit er und seine Crew auf diesem Schiff verbringen würden. Und schon bei seinen ersten Flügen wirkten die warmen Holztöne in den Gängen gemeinsam mit der geschickt eingesetzten Lichtgestaltung beruhigend und angenehm. Die im gesamten Schiff verteilten akustischen und optischen Sensoren waren unsichtbar. Brendan kannte viele der Installationsorte und blickte dennoch neugierig darauf während seiner Inspektion. Bei Bedarf besaß die Chrysanthemia damit überall Augen und Ohren – was dem Captain eine umfassende Kontrolle ermöglichte. Wann immer Klick-Klick nicht an Bord sein würde, konnte die äußerst kluge Persönlichkeit des Schiffs eigenständig aktiviert werden, so dass eine verbale Kommunikation zwischen dem Captain und dem Schiff vollkommen zur Steuerung ausreichte. Aber Klick-Klick hatte bisher immer als Pilot agiert und seine eigenen Speichereinheiten mit denen des Schiffs verbunden, so dass es unnötig und beinahe dumm wäre eine solch geballte Informationsdatenbank und eine derartige Reaktionsschnelle zu ersetzen. In Verbindung mit Klick-Klick war die Steuerung in jedem Fall hochwertiger. Abschließend war Brendan eindeutig der Meinung, dass er nach wie vor eines der besten Raumschiffe hatte bauen lassen und er beruhigt zu ihrer neuen Mission aufbrechen konnte.

Nerva bestand darauf sie am Tag ihrer Abreise zum Schiff zu begleiten, verblieb jedoch im Shuttle, als seine neuen Gardisten hinüber auf die Chrysanthemia wechselten. Das Dock, in dem sich das Schiff noch immer befand, wurde von zwei Flugabwehrstaffeln und einem prätorianischen Schiffskreuzer beschützt. Es war unübersehbar, dass es sich bei dieser Mission um eine wichtige Angelegenheit handelte.

Freundlich lächelnd winkte Nerva ihnen, von Confido leicht gestützt, hinter einer schützenden Glastüre von der sich lösenden Shuttlebrücke aus zu. Er wünschte den neuen Gardisten von Herzen Glück und hoffte sie noch einmal wiederzusehen, wenngleich ihn auch einige Zweifel daran beschlichen. Kaum eine von ihm miterlebte Lebensphase zeichnete sich so sehr durch Unstetigkeit und Ungewissheit aus wie diese. Im Hintergrund strahlte eines der blauen Meere von Prätor und einige schneeweiße Wolkenverbände lagen wie zarte Pinselstriche über dem Planeten. Als das Shuttle gewendet hatte und Kurs auf Aventin nahm, gingen die Neugardisten auf das Kommandodeck, das überkuppelte Oval im oberen Bereich des Schiffs. Sie betraten diesen großzügigen Bereich von unten durch eine kurze Treppe und besetzten sogleich ihre zugedachten Positionen im vorderen konsolenbestückten Teil. Brendans Sessel befand sich in der Mitte des vorderen Halbovals, so dass er quasi alle anderen Crewmitglieder im Blick hatte und mit ihnen gemeinsam durch die Kuppel in Flugrichtung blickte. Für ihn war es ein besonderer Moment, sich wieder in diesen Sessel zu setzen und das Kommando über das Schiff zu übernehmen. Es kam ihm vor, als lägen seine ziellose Vergangenheit und die einstmals vorherrschende Orientierungslosigkeit seines Lebens so weit zurück, dass sie keinerlei Bedeutung für ihn mehr besaßen. Zum Teil mochte dies sogar stimmen, aber so ganz vergessen würde er sein pegarisches seltsames Dasein dieser Zeit nie. Zu gerne wäre er auf den Pfaden seiner Eltern gewandelt, hätte ihren Geburtsort besucht, die Stätten ihres Wirkens. Doch selbst den Planeten Bahurai, auf dem er die ersten 15 Jahre seines Lebens verbracht hatte, wollte er seither nicht mehr besuchen. Warum auch? Es würde ihn dort nichts mehr an früher erinnern, da seine Zeit unendlich weit zurück lag. Vor über 900 Jahren hatte er Bahurai verlassen. Und seit dieser Zeit fühlte er sich nur im Weltraum wirklich zu Hause. Mit jedem erneuten Erwachen aus einer längeren Phase der Hibernation drifteten die Wurzeln, die einem gewöhnlichen Menschen seinen Halt gaben, weiter in die Ewigkeit.

Als die gigantischen Klammern des Docks sich lösten und der Lotse ihnen das Okay fürs Ablegen gab, zündete Klick-Klick die schwachen Steuerungsdüsen, die die Chrysanthemia vorsichtig aus dem Dock schoben. Das Molluskentor P 88 befand sich auch nach einem weit auslaufenden und von Brendan bewusst gemächlich durchgeführten Schwenk in eine Kurve noch nicht in ihrer Sichtweite, da Prätor sich auf seiner Umlaufbahn schon so weit vom Tor entfernt hatte, dass die Sonne Tribun zu dominant wurde, um noch einen Blick darauf zuzulassen. Die meisten Tore im Orionarm befanden sich in der Nähe einer Planetenbahn, waren aber dort stationär fest verankert, so dass der entsprechende Planet sich zu manchen Zeiten genau auf der anderen Seite seiner Sonne befinden konnte. Das war bei Prätor momentan zwar nicht der Fall, dennoch benötigte die Chrysanthemia noch eine gute Woche, bis die Crew das Tor live zu Gesicht bekam. Zwar hätte Brendan auch mit überproportionaler Beschleunigung fliegen können, aber auf ein paar Tage kam es ihm nun nicht mehr an. Ganz abgesehen davon wollte er gerade am Anfang dieser Mission keine Fehler durch übertriebene Hast machen. Er wusste zu diesem Zeitpunkt schließlich noch absolut gar nichts über die anstehenden Situationen und Umstände, in die er hineingeraten könnte und wollte auf sämtliche Eventualitäten vorbereitet sein. Und auch auf kurzfristige Hibernation hatte an Bord der Chrysanthemia niemand mehr so richtig Lust. So verließ sein Schiff also mit einer ganz gewöhnlichen Standardsystem-Beschleunigung den Planeten Prätor.

Nie zuvor hatte Brendan eine solch komplette Crew befehligt. Nachdem er die Chrys auf Reisekurs gebracht hatte und alles bereit für den weiteren Verlauf war, schaute er sich unbeobachtet und mit etwas Stolz jeden einzelnen von ihnen an. Sie waren gut vorbereitet und es bestand kein Zweifel, dass sie alle gemeinsam an einem Strang zogen und das Geheimnis um die Tore lüften wollten. Mariju saß links, beinahe auf gleicher Höhe mit ihm, aber doch ein Stück weiter vorne, so dass auch sie nicht bemerkte, wie Brendan sie ansah. Sie war xinianischer Adjutant von Okeanos im militärischen Rang gewesen und hatte schon selbst Schiffe gesteuert – und zwar mit Besatzungen, die im zweistelligen Bereich lagen. Ursprünglich kam sie aus jener Epoche, als Ambaramani ein freier Planet war und die Bewohner sich vehement versuchten gegen die Invasion der Xi zu wehren. Der damals geheime Innere Kreis der Widerständler wurde später zu einem Mythos und ohne, dass Mariju es wusste, war sie zum lebenden Beweis dessen geworden. Bemerkenswert diese Frau. Sie ist so stark und klar in ihren Zielen. Und sie sieht wundervoll aus. Ob sie beide auch ein Paar im eigentlichen Sinne waren, wusste er nicht einzuschätzen. Er stellte sich diese Frage nicht oft, genoss aber jede Nacht, die Mariju in seiner Kabine mit ihm verbrachte. Auf eine ganz eigene Art waren sie enge Gefährten geworden und lebten gerne auch ihre gemeinsamen sexuellen Leidenschaften aus, innig, ausdauernd und selten erschöpfend. Es blieb stets die Lust auf mehr. Verständlicherweise hatte sich dieser Teil ihrer Beziehung nach Marijus Vergewaltigung durch Rabhas verändert. Brendan hatte lange darauf gewartet, dass Mariju überhaupt wieder bereit für ihn wäre und viel Geduld bewiesen. Und irgendwann konnte sie ihre eigene Körperlichkeit auch wieder mit ihm teilen. Nach wie vor war der Sex zwischen ihnen grandios und atemberaubend. Aber er musste sich auch eingestehen, dass Marijus einst aufgekeimte Anhänglichkeit bald wieder abgeebbt war und sie zu ihrer ursprünglichen vollkommenen Unabhängigkeit zurückgefunden hatte. Er fand diese kraftvolle Eigenständigkeit an ihr reizvoll und anziehend. Und doch fühlte er auch, dass sie beide nicht für immer zusammen sein würden. Konzentriert, in gerader und perfekter Sitzhaltung verfolgte Mariju die Reaktionen des Schiffs, kontrollierte ihren Kurs und den Status sämtlicher lebensnotwendiger Anlagen an Bord. Brendan lächelte, als sie sich doch kurz zu ihm umblickte und bemerkt hatte, dass er sie ansah. Sie lächelte zurück. Dann guckte Brendan zu dem grünen Riesenamaviriden, der weiter vorn saß. Eifrig und konzentriert wippten seine Fühler immer in Richtung seiner momentanen Konzentration. Seine beiden groben Hände huschten erstaunlich geschickt über die zahlreichen Tastaturen der Konsolen. Brendan hatte eigens für ihn einen großen Spezialsessel anfertigen lassen, dass selbst der dicke Schwanz im Sitzen nicht störte und er ihn durch eine Öffnung nach hinten fallen lassen konnte. Green stand der Intelligenz eines erwachsenen Menschen in nichts nach, oftmals jedoch sah er die Dinge eher von der emotionalen als der sachlichen Seite. Die Emotionen eines Amaviriden waren jedoch mit menschlichen Gefühlen nicht zu vergleichen – schon gar nicht seine Reaktionen. Green hatte, ebenso wie auch Mariju, ein ausgeprägtes Gespür für Situationen. Er witterte Gefahren geradezu und erkannte unvorhergesehene Momente noch bevor sie geschahen. Diesen Umstand brachte er noch von seinen im Urwald hausenden wilden Vorfahren mit. Er stellte eine wertvolle bereichernde Eigenschaft für die Crew dar, was dazu führte, dass er sich vorrangig um ihre Sicherheit und Verteidigung kümmerte. Zumindest solange er seine Ängste unter Kontrolle hatte. Neben Green in der Spitze des Ovals hatte sich Einstein seinen Platz eingerichtet. Als Brendans rechte Hand war er Stellvertreter des Captains und außerdem für alle wissenschaftlichen Probleme zuständig. Sein Erfahrungsschatz war enorm und da er nie etwas vergaß, war Einstein um Antworten auf jegliche Fragen selten verlegen. Was Einstein einmal gelesen, gesehen oder gehört hatte, wurde in den Windungen seines manipulierten Cortex, dessen Nervenfasern und Zellen um mehr als die Hälfte verkleinert, aber ebenso leistungsstark waren wie gewöhnliche und mehr als doppelt so zahlreich vorhanden, für immer eingespeichert. Als man auf Goliath, Einsteins Heimatplaneten, das Rätsel um die Gedächtnisspeicher des menschlichen Gehirns entschlüsselt hatte, war es zudem ein Leichtes auch für entsprechende so genannte Speicherfalten innerhalb der grauen Masse zu sorgen. Für Klick-Klick, der rechts von den anderen saß, war dieser Mann dadurch ein wirkliches Phänomen, da alle anderen Menschen, die er kennen gelernt hatte, sehr begrenzte Möglichkeiten auf dem Gebiet der Datenspeicherung besaßen. Phänomenal stellte sich auch die psychische Beschaffenheit des Professors dar, der nach einem tödlichen Unfall seines Sohnes und der darauf folgenden Entscheidung fortan das Leben eines Pegaren zu führen, einen Großteil seiner Gefühlswelt abzuspalten vermochte. Auf Goliath machte man sich um solche Verhaltensauffälligkeiten keine Gedanken mehr. Genmanipulation und deren Folgen waren dort in breit gefächertem Maße Gang und Gäbe, so dass es sich nicht mehr lohnte jedes Individuum auf seine Besonderheiten hin zu untersuchen. Pervertiert wurde diese Form der biologischen Eingriffe in die Natur des Menschen auf Goliaths Trabanten Tanach, mit dessen Bewohnern die Goliathaner aus diesen Gründen seit langem schon im Streit lagen. Auf Tanach gab es keinerlei gesetzlichen Beschränkungen für Gentechnik. Entsprechend bizarre Ergebnisse hatte der Mond daher auch vorzuweisen. Auf der Erde und den meisten anderen Planeten, auf denen solche Fortschritte streng restriktiv gehandhabt wurden und derartige Eingriffe in den natürlichen Wachstumsprozess des Menschen gar nicht erst zugelassen waren, wäre Einstein ein gefundenes Fressen für Psychologie-Forscher gewesen. Der Zusammenhang zwischen seiner besonderen Hirnanatomie und den sonst nur bei Autisten aufgetretenen sozial eingeschränkten Fähigkeiten waren auch bei Einstein nicht vollkommen verhindert worden, jedoch bewusst in bestimmte Richtungen gelenkt, so dass sich dadurch sehr subjektiv gesehen nur Vorteile ergäben. Einstein selbst sah sich längst nicht mehr als Missgeburt, wenngleich es eine solche Phase durchaus gegeben hatte. Er empfand inzwischen aber keine Nachteile mehr und sah sich auch nicht ausgegrenzt. Er war ausgesprochen eigensinnig und konnte unglaublich egoistisch sein und Notwenigkeiten in seiner Umgebung derart ausblenden, dass einzig der Blick aufs Wesentliche übrig blieb. Für die Sache war dies zweckdienlich, für drohende Gefahren aber ebenso förderlich.

Brendans Blick schweifte zu dem Roboter. Klick-Klick, der ebenfalls eine Uniform trug, stellte eine sehr präzise Replik des menschlichen Körpers dar. Hände, Hals und Kopf sahen einem Menschen zum Verwechseln ähnlich, doch schimmerten trotz Hautfarbe metallene Strukturen hindurch und auch das obere Fünftel seines Schädels, das er durch eine runde Stoffkappe verdeckte, ließ das für ihn so charakteristische blaue Pulsieren durch die transparente Abdeckung hindurchscheinen.

„Wo ist eigentlich Felicitas?“, fragte Brendan dann, als er den leeren Platz neben Klick-Klick sah. Alle schauten kurz und teilnahmslos hinüber und widmeten sich dann wieder ihren Arbeiten.

„Ich glaube, sie bereitet Mittagesse vor“, meinte Einstein. „Und hat auch schon erklärt, dass sie sich so gut wie nie auf diesem Platz befinden wird.“

„Wie?“ Brendan verzog verdutzt das Gesicht.

„Ja, Captain Brendan“, sagte Klick-Klick und klickte einmal kurz und knapp. „Felicitas ist es nicht gewohnt zu sitzen. Sie wird höchstwahrscheinlich ohne Unterbrechung für Ordnung und Sauberkeit auf dem Schiff sorgen. Außerdem teilt sie uns jede Veränderung mit, die sie an Bord bemerkt, was sich als zusätzlicher Sicherheitsfaktor erweist.“

„Ach ja. Na, dann…“ Brendan runzelte die Stirn. „Ich hatte für sie sowieso keinen bestimmten Aufgabenbereich vorgesehen. Sie ist ja schon ein altes Mädchen.“

„Mit Verlaub, Captain…“ Klick-Klick hob einen Finger, worauf Brendan ihm zunickte. „Ich habe Felicitas in Sachen Schaltkreisen und Mikroprozessoren auf Vordermann gebracht. Sie sagten mir ja schließlich, dass ich sie ein wenig ölen und renovieren sollte.“

„Was heißt das?“ Brendan fragte sich, ob es klug war Klick-Klick solch allgemeine und unpräzise Anweisungen gegeben zu haben.

„Das heißt, dass sie nun über ein paar Fähigkeiten mehr verfügt und nicht mehr ganz so beschränkt auf Reinigungsarbeiten ist.“

„Endlich emanzipiert“, sagte Mariju und grinste. „Wunderbar! Ich bin immer gegen die klassische Rollenverteilung zwischen Männern und Frauen gewesen.“

„Sie hat sich rührend um mich gekümmert, als niemand anderes da war“, sagte Brendan, der auf seine Felicitas nichts kommen ließ. „Sie ist das einzige Wesen, das mich noch vor meiner Pegarenzeit gekannt hat.“

„Sie ist ein Roboter, Brendan“, erinnerte ihn Einstein.

„Roboter sind auch Wesen“, sagte Brendan bestimmt.

„Hm!“, brummte Einstein daraufhin.

„Nicht im menschlichen Sinne, natürlich nicht. Aber im philosophischen bestimmt.“

„Das musst du mir jetzt aber erläutern“, mischte sich Mariju ein, woraufhin Brendan etwas betreten dreinblickte.

„Ich bin auch ein Wesen“, sagte Green in seinen so typischen Pfeifflauten, die aus mehreren seiner Körperöffnungen gelangten. „Ich existiere, habe bestimmte Eigenschaften, die meine Existenz ausmachen und ich lebe. Also bin ich ein Wesen.“

„Ja, aber Felicitas“, meinte Mariju zweifelnd. „Sie lebt ja nicht. Wenn wir ihr den Stecker rausziehen…“

„Existiert sie dennoch“, führte Klick-Klick den Satz zu Ende. Er hatte seinen EMO nun eingeschaltet, da die Logik ihm riet, dass er damit bei dieser Art Diskussion mehr erreichen würde.

„Aber Klick-Klick!“ Einstein verdrehte die Augen.

„Wieso, Professor?“ Klick-Klick ließ von seiner Konsole ab. Er war ohnehin mit dem Bordcomputer verbunden und hatte keinerlei Probleme mehrere Aktionen parallel durchzuführen. „Selbst wenn Felicitas keine Energiezufuhr mehr entgegen nimmt, existiert sie dennoch. Sie ist stofflich anwesend, also existent.“

„Aber sie hat keine eigene Seele, kein Bewusstsein“, konterte Mariju.

„Eine Seele haben Menschen auch nicht“, sagte Klick-Klick. „Dies ist noch nie bewiesen worden. Dennoch geht es hierbei um die Frage nach Existenz, nicht nach Bewusstsein. Auch ich habe kein Bewusstsein im menschlich verstandenen Sinne. Aber ich bin existent.“

„Ach, bitte, Leute!“ Brendan guckte abweisend in die Runde. „Über solche Dinge können wir uns nach Feierabend in der Lounge unterhalten, aber bitte nicht jetzt während dieses denkwürdigen Augenblicks. Ist euch eigentlich klar, was wir vor uns haben?“

„Das eine schließt das andere doch nicht aus, Captain Brendan.“

„Konzentriert euch bitte dennoch auf eure Aufgaben. Die Chrys muss absolut fit sein, wenn wir durch das Tor fliegen. Und ich möchte, dass jede noch so kleine Schraube kontrolliert und deren Funktion bestätigt wird.“

„Du bist streng geworden, Brendan“, fand Mariju, lächelte ihn kurz an und wendete sich dann, wie auch die anderen, wieder ihrer Konsole zu.