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Leseprobe - Galaktische Reisen - Pegaren

01 - Raumschiffsmarkt

Den Beginn seiner Selbstständigkeit hatte sich Brendan völlig anders vorgestellt. Doch inzwischen war er sich wenigstens im Klaren darüber, dass er an seinen momentan sehr eingeschränkten Finanzen selbst Schuld hatte. Der Gebrauchtmarkt für Raumschiffe fand alljährlich auf der kleinsten Orbitalstation, die Little Silence in seiner Rotation folgte, statt. Er war weder spektakulär noch populär. Die wirklich guten Schiffe wurden dort nicht feilgeboten. Die Station diente einst als Quarantäne-Zwischenstopp für potentielle Immigranten, zu Zeiten, in denen Little Silence noch Bodenspekulanten anzog. Inzwischen wurde sie privat verpachtet und verschiedensten Zwecken zugeführt. Entsprechend ramponiert und ungepflegt sah das Gravirad mit seinen zahlreichen Dockbrücken aus.

„Über den Preis kann man sich immer einigen“, meinte der stoppelbärtige und ungepflegte Verkäufer zu Brendan und versuchte dabei so unschuldig wie nur möglich zu gucken, was ihm bei den drei Zahnlücken und der verschmutzten Kleidung nur schwer gelang. Brendan ärgerte sich jetzt bereits, dass er diesen Stand angesteuert hatte und stehen geblieben war. Es war sein erstes Schiff und entsprechend wenig Erfahrung brachte er für die Verhandlungen mit. Er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, denn der Kauf war längst überfällig. Nicht nur, weil das Geld von Chrysanthemia stammte, sondern auch, weil er es ihr vor ihrem Tod versprochen hatte. Er sollte sich diesen Traum erfüllen, das war ihr großer Wunsch gewesen. Ein Traum jedoch sah anders aus. Das, was Brendan von den Live-Übertragungs-Sonden außerhalb der Station zu sehen bekam, war mickrig. Aber es war so ziemlich die letzte Gelegenheit überhaupt noch ein Schiff zu bekommen. Alle anderen Schiffe, die ihn zunächst interessiert hatten, lagen absolut jenseits jeglicher Erschwinglichkeit.

Um die beiden herrschte reges Treiben. Brendan wunderte sich, dass entgegen des schlechten Rufes dieses Marktes, die Gänge voll waren und die Leute sich an den vielen Ständen regelrecht vorbeischieben mussten. Er fasste sich mit einer Hand ans Kinn und betrachtete die Bildschirme, die das Objekt seiner gedämpften Begierde von etlichen Seiten zeigten. Er verzog dabei das Gesicht und ging sich mit der anderen Hand durchs dichte dunkel gelockte Haar. Dann schaute er den kauzigen Verkäufer an. Waren seine eigenen Haare etwa auch so fettig? Seine letzte Verabredung in Consumpia hatte es gemocht, wenn sie ihm locker in die Stirn fielen.

„Wie viele Leute gehen da rein, sagten sie?“, fragte er, immer wieder zweifelnd auf die Bildschirme blickend. Obwohl der Verkäufer sich glücklich schätzen durfte, dass er überhaupt einen Interessenten gefunden hatte, war er ungeduldig und fühlte sich unwohl in der Rolle eines vertrauenswürdigen Mannes.

„Junge“, sagte er, sich seinen Bauch kratzend. „Wie ich schon sagte, normalerweise zwei, maximal vier. Wenn sie die Frachträume ausbauen noch mehr.“

„Mein Name ist Brendan, Mr. Talg“, sagte er daher. Ein Junge war er wahrhaftig schon lange nicht mehr.

„Hä?“ Den ersten Preis für intelligente Mimik würde Talg niemals gewinnen.

„Sie wollen das Schiff doch verkaufen, oder? Wie hieß es noch…?“ Brendan versuchte nun Desinteresse zu bekunden, was ihm noch nicht einmal schwer fiel.

Harry!“, antwortete Talg, nun wieder bemüht freundlich zu bleiben. Dieser junge Schnösel brauchte ja nicht ahnen, dass er Spielschulden bis zum Hals hatte und dieser alte Raumhobel das letzte in seinem Besitz war, was er noch in Bares umwandeln konnte. Selbst seine Frau hatte schon diverse Male herhalten müssen, um Gläubiger im wahrsten Sinne des Wortes zu befriedigen. „Harry 8, benannt nach dem vorherigen langjährigen Besitzer.“

„Sie sind also der zweite Eigentümer, ja?“, setzte Brendan zuversichtlich voraus. Doch Talg druckste herum und murmelte: „Der Dreizehnte.“ Bevor Brendan aber etwas erwidern konnte, schlug er hastig vor: „Wollen sie an Bord einen kleinen Rundgang machen?“

„Der Dreizehnte?“, entwich es Brendan. Er schüttelte den Kopf. „Wieso wechselt ein Schiff derart oft den Besitzer? Nein, also ich glaube nicht, dass damit alles in Ordnung ist, Mr. Talg.“

„Die Leute sind sprunghaft, wissen sie?“, versuchte Talg zu erklären. Er wirkte unbeholfen und kläglich in seiner Gestik, doch hinter seinen Augen blitzte ebenso eine jahrelang praktizierte Verschlagenheit auf, die Brendan jedoch entging. Er bat Brendan weiter hinein in seinen kleinen Stand und breitete einige verblichene Pläne vor ihm aus.

„Ich weiß, es ist Papier“, sagte er und tat, als sei das in Wahrheit gar nicht ungewöhnlich, „Aber manchmal ist es wirklich hilfreich, des Überblicks wegen. Und ich mag Papier. Ja, ich mag Papier.“

Brendan guckte verwirrt. Papierpläne von technischen Geräten oder sogar Raumschiffen waren ihm lediglich aus Filmen bekannt. „Können sie es mir nicht auf einem der Bildschirme zeigen?“, fragte er und würdigte die zerknitterten Rollen auf dem Tisch keines Blickes.

Talg verdrehte die Augen. „Ist nicht eingescannt…“

Das war der Moment, wo Brendan doch lieber auf das Schiff verzichten und sich anderswo umschauen wollte. Es sprach einfach zu viel gegen dieses Schiff, vielmehr noch gegen diesen Verkäufer. Er wandte sich kopfschüttelnd ab und versuchte in der vorüberziehenden Menge Platz zu finden. Weshalb war es auf diesem zweitklassigen Markt bloß so voll? Nie zuvor hatte er derart viele Vertreter unterschiedlicher Kulturen gesehen.

„Nun warten sie doch, junger Mann…aehm, Mr. Brendan. Warten sie!“ Talg stolperte ihm unbeholfen hinterher. Etliche Passanten beobachteten neugierig das weitere Geschehen. „Das alles lässt sich natürlich auf den Preis anrechnen. Hören sie! Ich gebe ihnen noch mal zehn Prozent Rabatt und einen kostenlosen Probeflug. Na, wie finden sie das Angebot?“ Bereits zwei Stände weiter, drehte sich Brendan wieder um. Im Prinzip konnte er sich selbst die Harry 8 gar nicht leisten. Und mit diesem Schiff würde er sich unter Garantie eine Menge Ärger einhandeln. Aber in seinem Leben musste es endlich einmal vorangehen. Er schwankte zwischen dem Wunsch, endlich irgendein Schiff zu kaufen und der Vernunft gerade jenes dort nicht zu nehmen.

„Zwanzig Prozent und eine komplette Tankfüllung“, entgegnete er entschlossen. Er sah, wie Talg schockiert nachrechnete. Die Leute schauten konsterniert.

„Fünfzehn – und keine Tankfüllung.“ Das Lächeln dieses Mannes passte zu seiner gesamten Art. Brendan drehte sich wieder herum: „Vergessen sie es!“ Er hoffte inzwischen, dass das Geschäft nicht zustande käme. Er wollte das Schiff gar nicht mehr. Mit dem Erbe von Chrysanthemia wäre das neueste Modell der Meier-Werft drin gewesen. Aber er musste sich ja unbedingt dieses unglaublich große Anwesen mit dem alten Herrenhaus zulegen. Zugegeben, das Haus und die weiten Grünflächen waren in der Tat ein Traum – aber keiner, mit dem er hätte Geld verdienen können.

„Na gut, na gut!“, hörte er Talg hinter sich prusten. Er traute seinen Ohren nicht.

„Na gut?“ Ungläubig starrte er Talg über die Menge hinweg an.

„Kommen sie schon, sie Halsabschneider“, sagte Talg grimmig. „Wir regeln den Rest am Stand.“

Wieso hatte er sich bloß auf diesen Typen eingelassen? Widerwillig ging er nun, die ihm entgegenkommenden Leute unabsichtlich anrempelnd, zurück zu Talgs Stand – und kaufte das Schiff. Als die Formalitäten erledigt waren, grinste der sichtlich erleichterte Talg breit und überzeugte sich mehrfach auf einem seiner Bildschirme davon, dass der Geldtransfer auch tatsächlich stattgefunden hatte. Dann übergab er Brendan den Schiffs-Code und zeigte ihm noch, wo die Harry angedockt lag.

„In zwei Tagen, wenn der Markt vorbei ist, müssen die Docks geräumt sein“, sagte Talg, während er seine Unterlagen zusammenraffte und gen Ausgang strebte. „Danach wird es richtig teuer. Die nehmen hier einiges an Dockmiete. Aber die Harry ist ja atmosphärentauglich. Sie können sie gleich mitnehmen, wenn sie wollen.“

„Und der Tank?“, wollte Brendan wissen. Er fühlte, wie sehr er übers Ohr gehauen worden war, gleichzeitig aber auch seine Machtlosigkeit etwas dagegen zu unternehmen. Geschäft war Geschäft.

„Ist sowieso randvoll“, meinte Talg eher beiläufig. „Das weiß man doch. Gehört zum Deal dazu, Junge. Schönen Tag noch.“ Er hob an zu gehen.

„Noch eine Frage, Mr. Talg!“ Er hielt ihn einfach am Ärmel fest, woraus sich Talg sofort mit grimmiger Mine befreite. „Was denn noch?“, blaffte er.

„Was machen die ganzen Leute hier? Die Station ist brechend voll und die wenigsten von denen stammen von Little Silence.“

„Junge, du bist von deinem kleinen Planeten wohl echt noch nie runtergekommen, was?“, sagte Talg. Er hatte jetzt sein Geld und somit auch noch den letzten Rest von Respekt verloren. „Nicht nur, dass du eine völlige Niete im Verhandeln bist und von Preisen keine Ahnung hast, du scheinst auch sonst nicht viel von deiner Umgebung mitzukriegen. Sagtest du nicht, du seiest Pegar?“ Talg konnte sich einen kurzen Grunzer der Belustigung nicht verkneifen. „Die hier sind fast alles Pegaren. Kommen von überall aus unserem verdammten Spiralarm, um das große Orionfest der Pegaren in Consumpia zu besuchen. Hat schon ewig nicht mehr stattgefunden. Die Vögel sind teilweise Jahrzehnte im Kälteschlaf gewesen, nur um hier Kontakte zu knüpfen. So bescheuert möchte ich mal sein. So, und jetzt muss ich los. Ach, und sollte irgendetwas mit der Harry nicht in Ordnung sein, regelst du das am Besten über deine Versicherung. Ich hab nämlich keine.“ Sprachs und verschwand im Gewühl. Brendan wusste nicht, wann er sich das letzte Mal so dermaßen vertrottelt und hochgenommen gefühlt hatte. Er hatte natürlich keine Versicherung für ein Raumschiff abgeschlossen und sich überhaupt viel zu wenig informiert. Aber wen hätte er auch fragen können? Seine Party-Kumpanen aus Consumpia? Die diverse Liebschaften, deren Namen er größtenteils noch nicht einmal kannte? Er stand noch eine Weile auf dem Stand und schaute sich die vielen fremden Gestalten an. Tatsächlich mussten die meisten von ihnen aus sehr fernen Welten gekommen sein. Sicherlich gab es nur wenige, die außerhalb des Uma-Systems ihre Heimat hatten, doch auch das wollte er nicht ausschließen. Manche von ihnen wirkten so fremd, dass er sie schon kaum noch als Menschen bezeichnen wollte. Es gab Planeten, auf denen sich die Menschen derart hatten anpassen müssen, dass sie sich nun mit entsprechenden Schutz- und Stützanzügen auf der Station fortbewegten, um mit der örtlichen Standardschwerkraft oder auch der allgemein üblichen Luftzusammensetzung klarzukommen. In manchen Sonnensystemen waren hochgradige Genmanipulationen durchaus zulässig und legal, in anderen wiederum hatte längst die Nanotechnologie zur äußeren und inneren Hilfe an einstige Anpassungsschwierigkeiten ihren Beitrag geleistet. Die alten Verfahrensweisen, den jeweiligen Planeten an den Menschen anzugleichen, waren oftmals den neueren Möglichkeiten gewichen, die Anatomie des Menschen auf die vorgegebene Umwelt abzustimmen. Er schaute einer Gruppe Frauen hinterher, die tatsächlich ein drittes Auge auf ihrer Stirn hatten. Ein echtes Auge! Sie waren knallrot geschminkt, vielleicht waren aber auch ihre Hautpigmente verändert worden. Jedenfalls zeigten sie recht viel davon, da sie, außer einem metallenem Brust- und Schamschutz, nichts am Leib trugen. Ihre Haare waren hoch aufgetürmt, mit Drähten verflochten und kunstvoll verschnürt. Und sie genossen es offenbar aufzufallen, denn nicht nur Brendan blickte ihnen hinterher. Dann guckte er wieder auf den Zettel mit dem Schiffscode und den Plänen, die er zusammengerollt in den Händen hielt und seufzte.

„Na, dann wollen wir uns das Schätzchen mal angucken.“

 



02 – Harry

Sich mit der Technik und den Verfahrensweisen an Bord der Harry vertraut zu machen, stellte ihn vor keinerlei besondere Hindernisse. Zwar hatte es in der Vita des Schiffs immer wieder bauliche Veränderungen oder gar Neuerungen gegeben, selten aber mit außergewöhnlichen oder für ihn unbekannten Resultaten. Die Standards, die er allerdings von den Behördenschiffen gewohnt war, würde er auf der Harry schmerzlich vermissen. Nachdem er mit einigen nicht sehr Vertrauen erweckenden Aufzügen und Zubringern bis zum Dock seines Schiffs gelangt war, der Zustand des Docks stand dem des Schiffs offenbar in nichts nach, schritt Brendan zögernd und misstrauisch durch die sich öffnende Luke. Von außen sah die Harry aus wie ein gewöhnlicher planetarischer Jet, von denen es zahlreiche Versionen gab. Größer zwar, aber nicht minder windschnittig konstruiert war auch dieses Schiff auf dichte Luftatmosphären ausgerichtet und entsprechend lang und schmal. Mausgrau und matt, wenig lackiert, wenn überhaupt, besaß es aber einen wesentlich längeren Rumpf und war bauchiger als gewöhnliche Jets. Die Aufhängungen für die beiden Haupttriebwerke wirkten zerbrechlich. In den Unterlagen stand jedoch, dass sie aus einer unverbiegbaren Titaniumverbindung bestanden, was Brendan inständig hoffte. Sie waren schwenkbar, wie so einiges an und in dem Schiff, unter anderem auch das Cockpit, in dem Brendan es sich inzwischen versuchte bequem zu machen. Die Art der Armaturen, Konsolen und Bildschirme – das war ihm alles bekannt, so dass er kaum mehr als ein paar Minuten zum kompletten Check benötigte. Besonders veraltet zeigte sich das Kommunikationssystem der Harry, Brendan musste noch Kopfhörer aufsetzen, da das Schiff über keinerlei eigenständige Sprachfunktion, also auch keinen selbstständigen Bordcomputer verfügte. „Das kann ja was werden“, sagte er leise.

Bald bekam er vom Stationslotsen das Okay abzudocken. Ein verbeulter Brückenarm entließ die Harry mit ihrem neuen Captain in die Leere und erinnerte Brendan erst in diesem Augenblick daran, dass es ganz schön lange her war, am Steuer eines Raumschiffes gesessen zu haben. Ihm wurde zudem plötzlich klar, dass seine gesamte ursprüngliche Planung, seit er Bahurai verlassen hatte, in keinster Weise erfüllt war. Seither war verdammt viel Zeit vergangen. Vielleicht hing dieses plötzliche gute Gefühl damit zusammen, dass er das Steuer der Harry in seinen Händen hielt. Sie mochte ja alt und verschroben sein und wahrscheinlich würden während des Fluges noch einige Überraschungen auf ihn lauern, aber er saß am Steuer. Chrysanthemia wäre stolz und glücklich. Sie würde wahrscheinlich sagen, dass er nunmehr auch sein Leben wieder in die Hände nähme. Die gute Chrysanthemia.

Die feinen Düsen der Parknavigation funktionierten einwandfrei. Langsam bewegte sich das Schiff von der Station fort. Ein wenig erinnerte es an eine kampfbereite aber schwangere Riesenwespe. In jedem Fall wirkte es nicht so rückständig, wie es in Wahrheit war. Das letzte Mal, dass Brendan selbst hinter dem Steuer eines Raumschiffs gesessen hatte, war vor etlichen Jahren gewesen, ebenfalls im Anflug auf Little Silence. Damals hatte er die Ausbildung auf dem Behördenschiff Giant 2 abgebrochen. Das hatte ihm einen immensen Schuldenberg eingebracht, denn vor Antritt dieser Ausbildung musste er sich verpflichten sämtliche entstandenen Kosten an die Behörde zurückzuführen, sofern er nicht durchhielt und mindestens 10 Standardjahre nach Abschluss im Dienste der Behörde blieb.

Die Harry ließ sich gut per Hand steuern. Auf den Autopiloten wollte er sich jetzt noch nicht verlassen, sondern zu Hause lieber erst einmal sämtliche Systeme von einem Fachmann durchchecken lassen. Alleine die Tatsache, dass es keinen Sprachcomputer gab war schon ungeheuerlich. Als das letzte Kommando des Lotsen kam, zündete Brendan die Haupttriebwerke. Es funktionierte nur eins. Das andere gab lediglich einen lauten unschönen Spotzer mit einer kaum sichtbaren Flamme von sich, um fortan stumm zu bleiben. Er sah auf die Anzeige und fluchte vor sich hin. Dem Flug täte dies zwar keinen Abbruch, die Kosten zur Reparatur jedoch wollte er sich gar nicht ausmalen.

Little Silence rückte nun in seiner ganzen Pracht in sein Blickfeld. Was für ein wunderschöner Planet. Ein gutes Drittel größer als die Erde, mit jedoch nur einer Winzigkeit mehr Masse, leuchtete er ebenso blau und strahlend seinem Betrachter entgegen wie die alte Wiege der Menschheit. Brendan war froh, an diesem Ort eine Heimat gefunden zu haben. Der Anblick des Planeten stimmte ihn milde und dankbar. Als er die Ausbildung zum Pegaren im Dienste der Behörde begonnen hatte, war er biologische 15 Standardjahre alt gewesen. Wie hätte er damals wissen können, was er wirklich wollte? Erst Chrysanthemia von Hohenlindt hatte in ihm die Fragen geweckt, die ihn nach vorne brachten. Doch ihr Einfluss endete zu früh. Und nach ihrem Tod war er beinahe ebenso orientierungslos wie zuvor. Jetzt war er längst erwachsen und hätte eigentlich schon viel erreicht haben müssen. Eigentlich. Das alles hatte er erst vor einigen Monaten realisiert. Warum, konnte er nicht sagen. Vielleicht lag es am Todestag von Chrysanthemia, vielleicht an seinem Alter. Es konnte aber auch einfach sein, dass es ihm zu langweilig wurde auf inhaltslose Partys zu gehen und erst nach Wochen zu merken, wie viele Tage schon wieder vergangen waren. Er brauchte einen Lebenssinn.

Nach einigen Minuten nahm Brendan Kontakt mit der Flugkontrolle von Consumpia auf, der einzigen Stadt von Little Silence. Er nannte seine Kennung und die Koordinaten seines Anwesens und wartete auf die Anflugsroute. Er wunderte sich, dass die Antwort so lange dauerte.

„Captain Brendan?“, fragte der Controller. Captain. Natürlich – er war jetzt Captain dieses Schiffs. Das gefiel ihm.

„Controller? Ja, hier Brendan. Ich höre.“

„Seien sie froh, dass sie auf ihrem eigenen Privatgrund landen und ausreichend Land besitzen, Sir“, meinte der Mann ganz sachlich. „In Consumpia hätte ich sie nicht landen lassen. Ihr Schiff hat schon seit Jahren keine Lizenz mehr für unseren Planeten, wenn es überhaupt je eine besessen hat.“

„Entschuldigung?“ Brendan glaubte, sich verhört zu haben. „Die Harry war an der Station 83 angedockt, einige Tage sogar.“ Brendan wusste, dass kein Schiff ohne allgemeine oder spezielle Landelizenz im Orbit an eine Station andocken durfte.

„Das mag ja sein, Sir, Captain Brendan“, entgegnete der Controller. „Es entzieht sich meiner Kenntnis, wie sie das geschafft haben. Es war jedenfalls nicht offiziell und somit sogar illegal. Aber mir ist das im Moment egal. Darum müssen sich andere Stellen kümmern. Ich leite sie auf eine sichere Route, damit sie niemanden gefährden. Im Übrigen müssen sie bei ihrer Ankunft mit ein paar Beamten rechnen, die ihr Schiff überprüfen werden…“

„Ich bringe diesen Typen um“, entwich es Brendan laut. Er schlug auf die Konsole.

„Wie bitte? Sir?“

„Nicht sie, Controller. Entschuldigen sie, bitte. Ich habe das Schiff heute erst gekauft.“

„Ah, verstehe. Der Gebrauchtschiffsmarkt, hm?“

„Ja, genau der.“ Brendan fasste sich an den Kopf. Wie hatte er nur so dämlich sein können?

Eine imaginäre Flugroute in Form zweier parallel laufender, leuchtend roter Bänder erschien in der Cockpitscheibe.

„Folgen sie der Route!“, wies ihn der Controller an. „Wir überwachen ihren Flug. Und viel Glück!“

Die Wut in seinem Bauch erinnerte ihn an die Wut und Enttäuschung, die er nach Verlassen des Behördenschiffs empfunden hatte. Die Behörde hätte seine Familie werden sollen, was ihr aber nicht gelungen war. Er erinnerte sich noch sehr gut an seine Eltern, obwohl sie früh verstorben waren. Sie waren sehr alt, als er geboren wurde und mehr als überrascht gewesen, als sie die Schwangerschaft bemerkten. Als sie tot waren, kam er in eine Erziehungsanstalt. Dummer- oder glücklicherweise, das konnte er nie entscheiden, gelangte er in eine Anstalt der Behörde. Bahurai hatte sich ihm aber schon von Anfang an nicht als der Ort präsentiert, an dem er alt werden und heranwachsen wollte, geschweige denn selbst Kinder großziehen. Daher hatte er das Angebot der Behörde, sich einer umfassenden Pegarenausbildung zu unterziehen, sofort angenommen und sämtliche Aufnahmeprüfungen mit Bravour bestanden. Pegar war man oder man war es nicht. Es gab sie überall und im Prinzip benötigte man dazu keine Ausbildung. Laut allgemeiner Definition, bestätigt durch die meisten Regierungen der bekannten Welten, galt man als Permanent Galaktisch Reisender, wenn man öfter als einmal länger als 10 Standardjahre in der Hibernation eines Raumschiffs gelegen und sein Sonnensystem verlassen hatte. Als diese Definition sich ausreichend verbreitet hatte, folgten bald die speziellen Gesetzgebungen bezüglich der Pegaren und ihrer ganz eigenen Lebenszyklen. Den Pegarenstatus zu vergolden gelang einem durch eine zusätzliche Ausbildung auf einem Schulschiff der Behörde. Wer sich in diese Gesellschaft einfand, konnte mit einem sehr langen und erfolgreichen Leben rechnen.

Little Silence rückte näher. Bald erfüllten seine Meere und die dünnen Wolkenbänder gänzlich das Sichtfeld. Wäre er heutzutage glücklicher, wenn er die Ausbildung beendet hätte? Das Schiff fing an zu zittern und zu beben. Ihm fiel es zunehmendes schwerer die beiden Steuerknüppel in den Händen zu halten. Nein, dachte er. Für diesen zerfransten und verfilzten Laden würde er auch heute nicht arbeiten wollen. Für seine Ausbilder war er sowieso zu aufsässig und uneinsichtig gewesen. Nicht mit Autoritäten umgehen könne er, so ihre Worte. Er hatte das anders gesehen. Er erkannte Autoritäten durchaus an – wenn sie wirklich welche darstellten. Noch bis vor wenigen Sekunden war der Flug der Harry vorbildlich verlaufen, trotz des Triebwerksausfalls. Jetzt aber spielten alle Instrumente verrückt.


03 – Einstein

Für Megando di Facil war das meiste in seinem Leben recht einfach gewesen. Zumindest objektiv betrachtet. Er hatte beruflich stets das erreicht, wonach er strebte, erfreute sich bester Gesundheit und war alt genug, um sich in der Galaxis sehr gut zurechtzufinden. Es war eine schwer erklärbare Umtriebigkeit, die ihn immer wieder zu neuen Ufern trieb. Dies und der zwingende Drang sein ungewöhnliches Gehirn mit Wissen füllen zu müssen. Wenn er nicht gerade an einer seiner unzähligen wissenschaftlichen Abhandlungen, neuen Forschungen oder Untersuchungen in irgendeinem Labor arbeitete, beriet er hochrangige Institute in Sachen Robotik, Raumfahrttechnik oder Astrophysik. Komischerweise verschwand dieser Mann aber stets unmittelbar, nachdem er große Erfolge verzeichnet hatte und populär wurde. Er war kein Freund der Öffentlichkeit. Und sobald die Leute ihm allzu große Aufmerksamkeit schenkten, suchte er das Weite. Das kam häufiger vor, besonders dann, wenn sie seine Fähigkeiten bemerkten. Selbst auf seinem Heimatplaneten war er, trotz gängiger und legalisierter Genmanipulierungen, schon als Kind ein Sonderfall gewesen. An ihm hatten die tanachanischen Mediziner gründliche und hervorragende Arbeit geleistet, und das noch bevor er das Licht der Welt erblickt hatte. Einstein nannten ihn die anderen Kinder. Seine Gedächtnisleistung war enorm, geradezu unübertroffen. Einstein konnte sich schlichtweg alles merken. Er vergaß gar nichts. Hinzu gesellte sich eine Denk- und Rechenfähigkeit, die ihresgleichen suchte. Seinen Spitznamen hatte er gerne behalten. Er verehrte den eigentlichen Namensträger sehr und bewunderte dessen wissenschaftlichen Forschungen. Dass er aber eines Tages auch so aussehen würde, hatte er nicht erwartet.

In wenigen Tagen würde die Fähre, auf der er sich befand, Little Silence passieren. Es befanden sich eine Unmenge Passagiere auf diesem Schiff, um zum Orionfest zu gelangen. Für gewöhnlich flogen die großen schwerfälligen Systemfähren mehrere Sonnen hintereinander an und entließen ihre Fracht oder die Passagiere nach und nach. Doch in diesem Fall waren die meisten Plätze ausschließlich für die Passage nach Little Silence belegt worden, weshalb es bisher keine Zwischenstopps gegeben hatte. Der größte Teil aller Systemfähren gehörte der Behörde. Auf ihnen zu reisen brachte zwar stets lästige Bürokratie mit sich, hatte aber den großen Vorteil auf technisch neuestem Gerät zu fliegen, was zudem über die besten Kommunikationsnetzwerke der Galaxis verfügte. Die Reisenden konnten sich, nachdem sie sich ausreichend von der Hibernation erholt hatten, lückenlos über die verschlafenen Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte informieren. Einstein hatte viele Standardjahre im Kälteschlaf gelegen und einen enormen Nachholbedarf an Informationen. In einem der zahlreichen Bibliothekssäle saß er an diesem Tag bereits mehrere Stunden vor einem Terminal und hackte eifrig auf der Computertastatur herum. Er sog die verschlafenen Geschehnisse und Nachrichten förmlich auf und konnte auch gar nicht anders, da er stets das Gefühl besaß, ein gewaltiges Vakuum in seinem Kopf zu haben, besonders nach dem Kälteschlaf. Die anderen Reisenden an den Informationsterminals, scrollten eher lustlos und widerwillig in den Seiten herum, die ihnen die neue Epoche, in der sie sich nun befanden, näher bringen sollten.

Obwohl Little Silence knapp über 50 Lichtjahre von Goliath im Tau-Ceti-System entfernt lag, hatte Einstein schon zuvor von diesem Planeten gehört und gelesen. Daher erstaunte es ihn auch nicht, dass in den 264,9 Standardjahren seines Schlafs nicht sehr viel geschehen war auf diesem beschaulichen und grünen Vertreter der menschlich besiedelten Planeten. Die politischen Strukturen waren eher dünn und mit nur einer einzigen Stadt und keinen großartigen Bodenschätzen lohnte es auch nicht, sich solch einen Flecken im Universum zu Eigen zu machen. Daher war dieser Ort auch zu einem beliebten Pegarentreffpunkt geworden, an dem viele ihre Basis errichtet hatten, um in den Genuss des einmaligen Schutzgesetzes zu kommen, das ihnen dort Unversehrtheit des Status Quo und Unantastbarkeit allen Besitzes auf Little Silence bei Verlassen des Planeten garantierte. Viele Generationen wurden geboren und verstarben wieder, während ein Pegar nur einer einzigen Mission nachging.

„Sie sind aber vertieft in ihre Studien“, hörte Einstein eine samtene weibliche, aber sehr tiefe Stimme sagen. Er blickte auf und kratzte sich das wirre graue Haar. Aus einer Laune heraus hatte er sich irgendwann einmal sogar eine Brille angeschafft, um dem ihm einmal anhaftendem Klischee noch gerechter zu werden. Humor war durchaus ein Charakterzug, den er auch bei sich selbst gerne zuließ - wenn auch eher im Stillen. Die Brille bot nicht zum ersten Mal sofort einen Anlass das Gespräch fortzusetzen: „Ach, was haben sie denn da im Gesicht? Eine Brille? Ist das ein besonderer Schmuck ihrer Heimat? Wo kommen sie her?“

Einstein betrachtete das Wesen neben sich und versuchte dem Drang zu widerstehen sofort wieder in seinen Bildschirm zu schauen. Die Frau war sehr groß, dünn und bunt. Ja, sie war bunt. Sie hatte gelblich schimmernde Haut, knallgelbe Haare in zahllose Knäuel vertäut und zu einem Kunstwerk zusammengeknotet, ein neongrünes Kleid und passende, wahnsinnig hochhackige Lackschuhe dazu. Ihre Augen waren modifiziert. Einstein konnte nicht ausmachen, was oder wen sie fixierten, da Pupille und Iris fehlten. Vielmehr erinnerten ihn die farbenfrohen Punktflächen in den Höhlen an die Facetten einer Fliege.

„Was kann ich denn für sie tun, junge Dame?“, fragte er angestrengt höflich. Sie verzog daraufhin den dicklippigen und grün geschminkten Mund und schlug hektisch die Beine übereinander: „Sie wollen sich wohl nicht unterhalten, hm?“

„Eigentlich nicht, aber wenn ich ihnen helfen kann…“

„Das ist mein erster Flug, wissen sie?“, fuhr sie fort, ungeachtet der Tatsache, dass er ihr soeben zu verstehen gegeben hatte seine Ruhe haben zu wollen.

„Ich meine, mein erster Kälteschlafflug. Ganz schön aufregend. Das ist vielleicht was. Irritieren sie meine Augen? Sie irritieren sie, nicht wahr? Ich hab ganz vergessen, meine Schutzbrille aufzuziehen.“ Sie kramte in einer nahegelegenen grünen Tasche. „Deshalb finde ich ja die ihre so interessant. Sieht man nicht oft. Brauchen sie das zu irgendetwas? Ist das eine richtige Brille? So wie früher? Nein, oder? Ich meine, so etwas braucht man doch nicht. Wo kommen sie her?“ Sie schien nicht nur die Augen, sondern auch die Nervosität einer Fliege zu besitzen. Es hätte Einstein nicht gewundert, wenn ihre Zunge permanent blitzschnell heraus und wieder zurückgleiten würde.

„Von Goliath“, antwortete er brav. „Und sie?“ Er wandte sich währenddessen einfach wieder seinem Bildschirm zu und hoffte das weibliche Wesen somit abzuwehren.

„Ach!“ Sie rollte sich auf ihrem Stuhl ein Stück näher an ihn heran und grinste über das ganze Gesicht. Jetzt hatte sie ihre breite Sonnenbrille aufgezogen. „Das ist ja unser Wirtsplanet. Was für ein Zufall.“

„Nein, kein Zufall“, entgegnete Einstein. „An Bord befinden sich sehr viele Menschen von Goliath und auch vom Mond Tanach, ich nehme an, sie stammen daher.“

„Na, so viele bewohnte Monde hat Goliath ja nicht“, versuchte sie zu scherzen. Sie ignorierte Einsteins Desinteresse: „Wie ist ihnen der Schlaf bekommen? Wann haben sie sich denn wecken lassen? Ich schon vor vier Wochen. Ich hatte Angst, dass ich mein Bewusstsein nicht rechtzeitig wiedererlangen würde. Man hört doch immer so Geschichten…“

„Das müssen sie explizieren, junge Dame. Was meinen sie für Geschichten?“ Er hob die Augenbrauen und blickte sie an. Da hielt sie inne und erstarrte: „Expli… Expli…was?“

„Hören sie, was wollen sie denn nun eigentlich? Brauchen sie Hilfe bei dem Computer? Oder wollen sie nur plaudern?“ Einstein mochte nicht länger höflich sein. Es war ihm zu anstrengend, außerdem wollte er gerne noch einiges erfahren über die umliegenden Sonnensysteme innerhalb von Uma.

„Sie sind unverschämt und ungehobelt“, platzte es aus ihr heraus. Sie rollte zurück zu ihrem Tisch. „Einer Dame gegenüber – und dazu noch aus der Heimat. Typisch Goliathaner. Meinen immer, sie seien was Besseres. Pah! Ich wollte einfach nur nett mit ihnen reden – mehr nicht, Mister! Ich hatte mir nämlich schon gedacht, dass wir aus demselben System stammen.“

„Ich habe noch sehr viel zu tun, Miss“, bemühte Einstein sich nun. „Wie wäre es denn, wenn wir später etwas essen, ja? Und jetzt entschuldigen sie mich.“ Er vertiefte sich, das empörte Luftgeschnappe von ihr außer Acht lassend, in die politischen Strukturen des Uma-Systems, während Frau Bunt sich bereits nach einem neuen Opfer umsah.

Das letzte Pegarenfest lag über 1000 Jahre zurück. Es war kein Zufall, dass man sich nun für Little Silence als Treffpunkt entschieden hatte, da seine Sonne relativ zentral im reich bewohnten Uma-System lag. Die langjährige Konfliktfreiheit hatte sich in dieser Gegend für friedliche Zusammenkünfte bewährt. Einstein interessierte sich für Consumpia und dessen Bewohner, die einen ungewöhnlichen Sonderstatus auf dem Planeten innehatten. Obwohl sie es waren, die Little Silence seinerzeit besiedelten, hatten sie längst nicht die weitreichenden Rechte wie die Pegaren, die in den allerseltensten Fällen auf Little Silence geboren waren. Irgendwann hatte die Behörde es geschafft, die Lokalregierung davon zu überzeugen, den Pegaren einen weitreichenden Schutz zuzugestehen. Da Little Silence nie sehr zahlreich besiedelt worden war und sich die Bevölkerung auf die Stadt konzentrierte, gehörten beinahe sämtliche Ländereien des Planeten Pegaren oder der Behörde selbst. Familiäre Bindungen zwischen Pegaren und Consumpianern waren nicht zulässig, es sei denn, die Familie ging geschlossen auf Reisen und wurde somit im Ganzen als Pegaren eingestuft. Die unterschiedlichen Zeitebenen, in denen sich Pegaren und andere, normal lebende Menschen aufhielten, waren nicht miteinander vereinbar. Es konnte auch kein vernünftiges Gesetz geben, dass beispielsweise Daheimgebliebenen einen Zugriff auf das Vermögen eines Pegaren gestattete. Wenn ein Pegar von einer Reise zurückkehrte, wären in der Regel die Verwandten zu Hause längst alle tot. Normal Sterbliche sahen oft die Dimensionen nicht, in denen die Pegaren sich bewegten. Und so war es Pegaren in Consumpia auch nicht erlaubt einen Wohnsitz innerhalb der Stadt zu besitzen. Die sozialen Strukturen der Stadt sollten ihre Kontinuität behalten und nicht dauernd unterbrochen oder aufgerissen werden durch das plötzliche Fehlen eines Menschen, der sich für 200 oder 300 Jahre auf einer Mission befand. Dies und vieles mehr machte Consumpia zu einer eigenwilligen und ungewöhnlichen Stadt, der es aufgrund des Reichtums der Pegaren jedoch sehr gut erging. Die Bankhäuser von Consumpia, die ebenfalls besonderen Pegarengesetzen unterlagen, waren satt und fett.

Einstein befasste sich mit der Gesetzgebung, der Regierung und dem ganz normalen Leben auf dem Planeten. Er bot einen idealen Rückzugsort für Pegaren, die dann irgendwann doch einmal selbst alterten und ihren Lebensabend genießen wollten. Die Natur von Little Silence war wunderschön, gefährliche wilde Tiere gab es nicht, dafür umso mehr Pflanzen, Vögel und Insekten. Ursprünglich hatten die Menschen alles auf diesem Planeten friedlich und harmlos vorgefunden. Und weitestgehend war dies auch so geblieben. Selbst die Behörde, die in allen ihm bekannten Systemen ihre Finger im Spiel hatte, hielt sich, seit sie die Schutzgesetze erwirkt hatte, aus den inneren Angelegenheiten des Planeten heraus.

„Meine Damen und Herren…“, unterbrach eine traumhafte, beinahe erotische weibliche Stimme den Informationsfluss auf Einsteins und sämtlicher anderer Terminals: „In genau einem Standardtag erreichen wir den Planeten Little Silence. Daher leiten wir in zwei Standardstunden unseren letzten überproportionalen Bremsvorgang ein. Bitte begeben sie sich bis dahin zu den Fixierungsplätzen auf Deck 4 in die Sektionen zweiundzwanzig und dreiundzwanzig. Für Passagiere, die sich innerhalb der vorgegebenen Frist nicht in der Fixierung befinden, übernimmt die Behörde keine Haftung. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich wiederhole…“


04 – Pegarenstatus

Brendan war schweißgebadet, als die Harry unsanft auf dem Landeplatz seines Anwesens aufsetzte. Es schepperte und qualmte gehörig, so dass der paradiesische Zustand der Gegend jäh aus seinem Idyll gerissen wurde. Die fortpflanzungsunfähigen Karnickel und Kängurus, die sehr in Mode gekommen waren und die Brendan sich in einer Laune zugelegt hatte, nahmen entsetzt Reißaus, mehrere Vogelschwärme verließen fluchtartig und unter lautem Protest das Gelände und hinterließen staubige Federreste in der Luft. Auch die schillernden Regenbogen-Pfauen, ebenfalls aus einer Laune heraus für teures Geld erstanden, rannten, was das Zeug hielt, um hinter dem Haus Zuflucht zu suchen. Selbst Felicitas, die über die Ankunft ihres Herrn informiert war und von ihrem Tagesablauf nur schwer abzubringen (darauf war sie schließlich programmiert), lugte vorsichtig aus einem der großen Rundbogenfenster des Hauses. Sie klimperte mehrmals mit ihren übertrieben langen Wimpern und schwebte sogleich die Treppen hinunter Richtung Landeplatz, gefolgt von einem Heer kleiner klappernder und ratternder Hilfsgeräte, die sich unter ihrer Anleitung unentwegt um das Haus und die Gärten von Brendan kümmerten.

Felicitas gehörte zum Anwesen. Sie war eine Beigabe der Immobiliengesellschaft, die gerne damit warb, bei Abschluss eines Kaufvertrags entsprechende Haushaltsroboter zu stellen. Je größer und kostspieliger das Anwesen, umso hochwertiger der Roboter. Äußerlich nahm keiner diesen Roboter nicht sonderlich ernst, bis er ihn näher kennen lernte, denn Felicitas verfügte über einen umfangreichen Prozessor und stellte im Prinzip einen kompletten Haus- und Grundstückscomputer dar, der mit sämtlichen Elektroniksystemen von Brendans Anwesen vernetzt und somit ständig über alles informiert war. So gesehen war sie die einzige wirklich kontinuierliche Person in seinem Leben, wenn man sie denn als Person bezeichnen durfte. Sie wäre auch dann noch da und begrüßte ihn, wenn er hunderte Jahre in irgendwelchen Kältetanks verbracht hätte, um kreuz und quer durch den Spiralarm zu düsen.

Brendan bemerkte, dass seine Arme und Hände zitterten. Alles an ihm zitterte und seine Beine wackelten wie Pudding, als er sich abschnallte und aufstand. Die Unterseite der Harry glühte noch immer und wurde schon von etlichen automatischen Feuerlöschern bearbeitet, die Felicitas geschickt hatte. Die Eingangsluke der Harry öffnete sich und die Rampe fuhr herunter. Als Brendan, sich am Geländer festhaltend und ob des vielen Qualms hustend, herunterkam, scheuchte Felicitas die kleine Arbeiterschar weg: „Macht euch an die Arbeit, ihr neugierigen Dinger!“ Alle Roboter des hiesigen Systems wurden in der Regel so konstruiert, dass sie in der ortsüblichen Sprache miteinander kommunizierten, sobald Menschen anwesend waren. Felicitas besaß einen spanischen Akzent, rollte das R extrem auffällig und war auch äußerlich einer spanischen Hausdame nachempfunden. Ihre Bewegungen standen menschlichen in nichts nach, wenn auch in für Roboter typischer ruckartiger Weise. Allerdings besaß sie, mit Ausnahme der langen Wimpern, einem dunkelrot geschminkten Mund und täglich wechselnden blumigen Röcken, einem farblosen Kopftuch und einer konträren Schürze keinerlei weibliche Attribute. Ihre Augen waren ausdruckslose Glasimitate, ihr gesamter Korpus bestand aus blankem Metall, ebenso das Gesicht, das zu Mimik nicht in der Lage war. Wenn Felicitas sprach, bewegten sie zwar ihre Lippen, die etwas grotesk in dem polierten Blechgesicht wirkten, aber selten passten Bewegungen und Ausgesprochenes auch optisch zueinander. Unter ihrem langen Blumenrock sah man erst auf den zweiten Blick, dass sie nur ein einziges mittiges Standbein besaß, auf dem sie geräuschlos umherrauschte. Ihr Oberkörper war frei, um variablen technischen Dienstleistungen Spielraum zu bieten.

„Senor Brendan, Senor Brendan…“ Sie sprach die Vokale genauso aus, wie sie geschrieben wurden, was den Eindruck einer exotischen Herkunft noch verstärkte. Aufgeregt mit ihren Wimpern klimpernd, schwebte sie auf Brendan zu. „Geht es ihnen gut? Kann ich etwas für sie tun? Sie sehen krank aus, Senor Brendan. – Halten sie sich an mir fest!“

„Ohhh je!“ Er fasste sich an den Kopf und schwankte. Felicitas war schon bei ihm, um ihn zu stützen.

„Das mit dem Gebrauchtmarkt war wohl nichts“, meinte er. „Das Schiff ist ein totaler Schrotthaufen. Ich kann froh sein heil hier angekommen zu sein.“

„Es ist schade, dass sie meiner Empfehlung nicht folgen wollten, Senor Brendan“, sagte Felicitas. Er wusste ja, dass sie nicht menschlich war und sämtliche ihrer Aussagen ohne jeden Hintergedanken und rein inhaltlich gemeint. Und sie hatte ja auch immer Recht. Dennoch blickte er sie schräg an. „Ja, ich weiß!“, pampte er zurück. „Logisch betrachtet sollte ich eigentlich immer auf dich hören. Aber so ist das nun mal mit uns Menschen. Ihr Roboter könnt das nicht verstehen. Wir haben manchmal so ein bestimmtes Gefühl, das uns leitet.“

„Dann waren ihre Gefühle in diesem Fall nicht richtig, stimmt das?“ Sie trug ihn beinahe und als Brendan merkte, wie schwach er auf den Beinen war, versuchte er sich zusammenzureißen und löste sich aus ihrem Arm.

„So kann man es wohl ausdrücken, ja. Aber nichtsdestotrotz habe ich diesen Hobel nun gekauft und muss sehen, dass ich das Beste daraus mache. Ruf bitte einen vertrauenswürdigen Sachverständigen an, der sich das Schiff ansehen und vor allem die Bordcomputerfunktionen und den Autopiloten untersuchen kann. Außerdem brauche ich jemanden, der sich mit Triebwerken auskennt. Eines davon ist im Eimer. Ach, und bitte stelle mir alles zusammen, was du über das Orionfest finden kannst. Ich möchte einen möglichst knappen und informativen Bericht. Wenn es geht, besorge mir eine Reservierung. Ich möchte da unbedingt hin. Das könnte eine Riesenchance für mich werden, Kunden für meine Selbstständigkeit zu finden.“

Felicitas drehte ihren Kopf zu ihm und grinste verunsichert. „Selbstständigkeit, Senor Brendan? Wann haben sie sich selbstständig gemacht?“ Sie gingen zum Haus und ließen das zischende und schwelende Schiff unbeachtet.

„Jetzt gerade“, antwortete er. „Ich werde mit dem Raumschiff Aufträge annehmen, Fährdienste, Frachtdienste anbieten oder besser noch, Forscher und Kuriere zu ihren Zielen bringen und sie begleiten. Wir brauchen Geld, Felicitas. Wir haben keins mehr und können nicht von dem Gras leben, dass hier auf dem Grundstück wächst.“

„Wir haben genügend Gemüse und Obst, um sie für die nächsten Monate zu ernähren, Senor Brendan. Außerdem haben sie drei Quellen auf ihrem Grundstück, die sie mit frischem Süßwasser versorgen. Darum brauchen sie sich nicht zu sorgen…“

Brendan verdrehte die Augen. „Bitte erledige außerdem die Formalitäten für meine Selbstständigkeit. Melde mich beim Amt in Consumpia an und beantrage alle notwendigen Lizenzen – heute noch!“

„Esto es todo?“, fragte Felicitas.

„Ja, du kannst abschwirren, ich nehme jetzt ein Bad und ruh mich ein wenig aus. Wahrscheinlich kommen heute noch ein paar Typen vom Amt der Luftfahrtaufsicht. Du kannst mich dann rufen.“

„Bien.“ Sie drehte sich um und verschwand, während er ins obere Stockwerk des zweigeschossigen Hauptgebäudes ging, wo sein Schlafzimmer und das Bad lagen. Als er sich seiner Klamotten entledigt hatte, schlich er, noch immer unsicher auf den Beinen, zum Fenster hinüber, um noch mal einen Blick auf das Schiff zu werfen, das ihn mit Ach und Krach nach Hause gebracht hatte. Er schüttelte den Kopf. „Das darf echt nicht wahr sein“, sagte er. „Chrysanthemia, verzeih mir, das ich so dumm gewesen bin die letzten Jahre.“ Eine gütig lächelnde alte Dame schaute ihn von einem Photo auf einer Kommode an. Daneben stand ein Bild seiner Eltern, die sich zufrieden und glücklich in die Arme nahmen und einander liebevoll in die Augen schauten. Sie standen irgendwo an einem Meer, wo der Wind ihnen das Haar durcheinander wehte.

Brendan nahm ihr Bild kurz in die Hände und schaute es seufzend an. „Irgendwann fliege ich auch mal zum Mars“, sagte er dann. „Und dort werde ich euch grüßen.“

Er stellte das Bild wieder zurück. Felicitas hatte mit dem Einlassen des Badewassers in einer angenehmen Temperatur und mit seinem Lieblingsduft bereits begonnen, als er es ausgesprochen hatte. Immer wieder nahm er wohlwollend zur Kenntnis, dass die Immobiliengesellschaft mit dem Haus und dem dazugehörigen Grundstück nicht zu viel versprochen hatte. Zusammen mit Felicitas besaßen alle Räume Augen und Ohren in Form sensibler Sensoren und komplett vernetzten Datenbahnen, die es ihm ermöglichten Reaktionen im Augenblick des Befehls hervorzurufen und größtmöglichen Komfort zu bieten. Das Bad war wundervoll. Er ließ sich in die ausladende dampfende Wanne gleiten und tauchte in einen Berg aus wohlriechendem Lavendelschaum. Mit geschlossenen Augen lehnte er sich zurück und atmete einige Male tief und bewusst.

„Senor Brendan?“, gurrte Felicitas Stimme vorsichtig durch einen Lautsprecher im Bad. Er öffnete die Augen und wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. „Ja, was gibt´s, Felicitas?“

„Sind sie aufnahmefähig?“, fragte sie.

„Ja, mir geht es schon viel besser. Schieß los!“

„Ich habe die Zusammenfassung über das Orionfest. Möchten sie sie hören?“

„Gerne, erzähl mal.“

„Es findet in vier Tagen statt, im Stadion von Consumpia. Es werden 200.000 Gäste erwartet und nur noch sehr wenige Plätze sind frei. Sie werden für diejenigen reserviert, die erst kurz vor ihrer Ankunft im Uma-47-System aus der Hibernation erwachen und versäumt haben eine Reservierung zu kaufen.“

„Wer ist denn so dämlich und fliegt zig Jahre ohne eine Reservierung zu haben?“

„Kurzentschlossene?“, entgegnete Felicitas.

„Und was machen die, die keinen Zutritt mehr bekommen, weil alles ausgebucht ist?“

„Das Orionfest wird überall übertragen, Senor Brendan. Wenn es um die Show und das Programm geht, wird niemand etwas verpassen. Das Fest jedoch ist eine einmalige Gelegenheit auf Pegarenebene Kontakte zu knüpfen, Geschäfte abzuwickeln und Pläne auf höchster Ebene zu schmieden. Da die Pegaren in diesen Tagen ganz Consumpia beherrschen und jedes Hotelzimmer ausgebucht ist, wird man aber auch außerhalb des Stadions genügend Gelegenheiten erhalten, um mit anderen Pegaren in Verbindung zu treten. Laut meinen Informationen werden aber die Pegaren, die etwas auf sich halten, sich ausschließlich auf dem Fest miteinander austauschen. Viele haben wenig Zeit und wollen so schnell wie möglich wieder in ihre Heimatsysteme. Die meisten Besucher haben, aufgrund der enormen Entfernungen, die sie zurückgelegt haben, das Orionfest mit anderen Missionen kombiniert, die sie in ferneren Gegenden zu erfüllen haben. Ich darf anmerken, Senor Brendan, dass sie großes Glück haben, denn in zwei Monaten läuft ihr Status als Pegar ab. Dann befinden sie sich nämlich seit 15 Jahren an und um den Planeten Little Silence, ohne für längere Zeit im Kälteschlaf gelegen zu haben. Nur zu ihrer Information: Auch die Schutzgesetze von Little Silence werden von diesem Zeitpunkt an nicht mehr greifen.“

„Ach du Schande!“ Brendan setzte sich abrupt auf. „Darüber habe ich ja noch gar nicht nachgedacht. Mein Status! Stimmt ja, Felicitas. Nach fünfzehn Jahren ist man kein Pegar mehr. – Das heißt, ich muss, was es auch kostet, innerhalb der nächsten paar Monate losfliegen. Und zwar mindestens für zehn Jahre, stimmts?“

„Ich zitiere §1 a) aus dem Pegarenschutzgesetz aus dem Jahr 3346 Uma 47: Anerkennung des Status des Pegaren: Den juristischen Status eines Pegaren (Permanent Galaktisch Reisender) erhält und wird als solcher bezeichnet, wer sich mehrmals für länger als 10 Standardjahre oder einmal für länger als 20 Standardjahre von seinem Ausgangspunkt, das kann ein Planet, ein Mond, eine Raumstation oder ein anderes menschlich besiedeltes Objekt innerhalb des Orionspiralarms unserer Galaxie sein, entfernt und innerhalb dieser Zeit in der Hibernation liegt. § 24 a) 1) aus dem…“

„Spar dir bitte die Wiederholungen“, bat Brendan, der aufmerksam und gespannt zuhörte.

„Ja, Senor Brendan. - § 24 a) 1) aus dem Pegarenschutzgesetz aus dem Jahr 3346 Uma 47: Ehrenvolle Aberkennung des Status des Pegaren: Aberkannt wird der Status des Pegaren ehrenvoll bei Pegaren, die sich nach einmaligem Entfernen von ihrem Ausgangspunkt, das kann ein Planet, ein Mond, eine Raumstation oder ein anderes menschlich besiedeltes Objekt innerhalb des Orionspiralarms unserer Galaxie sein, mehr als 15 Standardjahre auf dem Zielort (Definition wie Ausgangspunkt) befinden, ohne abermals für länger als 10 Standardjahre von ihrem Ausgangspunkt entfernt gewesen zu sein und innerhalb dieser Zeit in der Hibernation verbracht zu haben.

„Augenblick, Augenblick.“ Brendan tauchte nochmals kurz unter und stieg dann, samt eines Schwalls Wassers, aus der Wanne. Viel Sport hatte er die vergangenen Monate getrieben – das sah man ihm deutlich an. „Das heißt also im Klartext, ich muss, weil ich erst ein einziges Mal für längere Zeit im Kälteschlaf und unterwegs war, nach 15 Jahren Daueraufenthalt hier auf Little Silence, schleunigst noch mal für mindestens 10 Jahre weg, richtig?“

„In der Hibernation, das ist richtig, Senor Brendan. Aber zehn Jahre sind nicht notwendig. Sie sind ja bereits Pegar, daher genügt auch ein kürzerer Aufenthalt in der Hibernation.“

„Und wenn ich nun noch einige Zeit hier bleibe und dann wieder Pegar werden will? Geht das?“

„Ich zitiere“, sagte Felicitas. „§ 24 b) Erneute Anerkennung des Status des Pegaren: Eine erneute und wiederholte Anerkennung des Status eines Pegaren ist nicht zulässig.“

„Okay.“ Brendan rubbelte sich grob ab und warf sich einen Bademantel über. Er ging die Treppen hinunter in sein großes und lichtdurchflutetes Wohnzimmer, in das die gelblich und orangefarbenen Strahlen der allmählich untergehenden Sonne schienen.

„Wo bist du eigentlich gerade, Felicitas?“

„In der Küche, Senor Brendan. Ich bereite ihr Abendessen vor.“

„Komm doch mal raus, ich möchte lieber direkt mit dir reden.“ Er ging auf die hintere Veranda und setze sich in einen Sessel. Uma 47 war erheblich größer als die Sonne der Erde, aber nur unwesentlich heißer, weshalb auch auf Little Silence das Leben so hervorragend gedieh.

„Da bin ich auch schon, Senor Brendan.“ Felicitas kam geräuschlos hinausgeschwebt und postierte sich in respektvollem Abstand vor ihn. „Ich habe ihnen einen Gin and Tonic mitgebracht, zwei Würfel Eis und eine dicke Scheibe Zitrone.“ Ein Fach in ihrer Brust öffnete sich und das Angekündigte schob sich auf einem kleinen Tablett heraus. Brendan lächelte und freute sich sehr über diese leckere Erfrischung. Sein Haushaltsroboter genoss die Freiheit solche Aufmerksamkeiten eigenständig zu präsentieren und bisher hatte sich Felicitas noch nie einen unpassenden Moment dafür ausgesucht.

„Du hast vorhin etwas von ehrenvoller Aberkennung des Pegarenstatus gesagt. Was ist denn dann unehrenvoll? Gibt es das auch?“

„Ja, Senor Brendan.“ Das Brustfach schloss sich wieder, nachdem Brendan das Glas genommen und einen kräftigen Schluck getrunken hatte.

„§ 24 a) 2) Unehrenvolle Aberkennung des Status des Pegaren: Aberkannt wird der Status des Pegaren unehrenvoll, wenn sich ein Pegar mit der Summe oder Schwere einer oder mehrerer unehrenvoller Verhaltensweisen im Sinne der Pegarenstatuten verhalten hat.“

„Ich wusste gar nicht, dass es so etwas überhaupt gibt“, gab Brendan erstaunt zu. Er nahm noch einen Schluck aus seinem Glas. „Ich meine, klar: Innerhalb der Behörde gibt es so etwas auf jeden Fall, aber es gibt so unendliche viele Pegaren da draußen… Wer will das denn alles überprüfen?“

„Die Schutzgesetze beziehen sich ja auch nur auf Little Silence, Senor Brendan. Es geht um den Schutzstatus und darum, dass er nicht ausgenutzt oder missbraucht wird.“

„Wenn ich dich nicht hätte, Felicitas. In jedem Fall aber muss ich bald raus aus diesem Sonnensystem und mal wieder ne längere Runde schlafen. Sonst werde ich mich wohl oder übel auch von dir trennen müssen.“

„Das wäre nicht schön, Senor Brendan. Ich habe eine gute Zeit mit ihnen und arbeite sehr gerne für sie.“

„Ja, ich weiß. Dazu wird es auch nicht kommen. Hast du denn eine Reservierung für mich bekommen, für das Orionfest?“

„Si, Senor Brendan. Aber es war nicht billig.“

„Das habe ich mir schon gedacht. Was ist schon billig?“

Die Zeit bis zum Orionfest verging wie im Fluge, wenn auch mit einigen unangenehmen Abwechselungen für Brendan. Noch am Tag seiner Ankunft standen Beamte der Luftfahrtsicherheit vor der Türe und unterzogen ihn eingehender Befragungen bezüglich seines Raumschiffs und dessen Herkunft. Zunächst sah es so aus, als könne er innerhalb der kommenden Wochen mit diesem Schiff den Planeten nicht mehr verlassen. Nachdem er allerdings glaubhaft dokumentieren konnte, bald seinen Status zu verlieren, sofern er das Sonnensystem nicht verließ, griffen abermals die Pegarengesetze und schenkten ihm somit eine gewisse Immunität. Er durfte mit der Harry fliegen, vorausgesetzt sie würde von vorne bis hinten durchgecheckt und auf einen den Planetenstandards entsprechende Sicherheitsstufe gebracht. Brendan konnte den Herren sogleich bestätigen, dass entsprechende Techniker längst bestellt waren und er ohnehin nicht vorhatte mit einem Schrotthaufen durchs All zu fliegen. Nachdem die Befragungen über Harry erledigt waren, lösten zwei andere Herren, diesmal vom Sittenamt, ihre Vorgänger ab und wollten alles über Talg wissen, den ominösen Verkäufer. Illegales Glücksspiel, Prostitution etlicher Frauen inklusive seiner eigenen, Steuerhinterziehung, Urkundenfälschung, Hehlerei und Betrug in mehreren Fällen… Brendan winkte ab, als der Beamte nicht aufhören wollte mit der Liste der Verfahren, die gegen Talg liefen. Sein richtiger Name war übrigens Walter Kurz.

Endlich fiel Brendan ins ersehnte Bett und konnte anderen morgens gar nicht fassen, dass der Wecker wieder klingelte. Ihm war, als seien erst wenige Minuten vergangen, tatsächlich aber hatte er zehn volle Stunden geschlafen. Den Wecker hatte Felicitas vorsichtig lauter werden lassen, da Brendan nicht unbedingt eine Frohnatur in den ersten Minuten war. Die Techniker für das Schiff waren schon da und warteten auf Anweisungen. Ausnahmsweise konnte Felicitas sich darum nicht selbstständig kümmern. Ein Triebwerk war vollkommen hinüber und musste komplett ersetzt werden. Die Bestellung würde einige Wochen dauern, doch der Techniker versicherte ihm, dass er, sofern die anderen Dinge erledigt wären, zunächst auch mit nur einem Triebwerk starten könne. Er verstand Brendans Problem, Little Silence bald verlassen zu müssen und schlug ihm vor das Triebwerk auf einem Mond von Big Grey, dem zweiten und annähernd jupitergroßen Planeten von Uma 47 zu bestellen. Sofern er das System verließe, könne er problemlos an Big Grey vorbeifliegen, um es sich montieren zu lassen. Die meisten Firmen, die die unerschöpflichen Metallvorkommen von Big Grey schürften, besaßen Fertigungsstätten auf Orbitalstationen, die weit außerhalb des starken Gravitationseinflusses des Planeten ihre Bahnen zogen oder hatten sich auf einigen der zahlreichen Monde niedergelassen.

Wie Brendan vermutet hatte, war der Autopilot hinüber. Das primitive Computersystem von Harry war alt, aber prinzipiell funktionstüchtig. Ein anderer Techniker, der sich mit solchen Systemen auskannte, gab ihm den Tipp, sich lieber einen entsprechenden Roboter zuzulegen, der die fehlenden Erweiterungen zur Modernisierung des Schiffes überbrücken und ausgleichen konnte. Das wäre um einiges billiger, als sich ein komplett neues Bordsystem zu installieren.


05 – Consumpia

Am Tag des Orionfestes kamen einige Interessenten für zwei seiner Gleiter, die Brendan selten benutzte. Er hatte inseriert und mit dem Verkaufserlös konnte er zumindest die Anzahlung für das Triebwerk bezahlen. Felicitas kümmerte sich um den Verkauf, so dass er sich anderen Dingen, wie seiner Selbstständigkeit und einer Versicherung für Harry widmen konnte. Das Amt für Pegarenangelegenheiten sendete ihm tatsächlich an diesem Tag eine Nachricht, sein Status würde bald enden und man empfehle ihm, sich bald auf Reisen zu begeben.Er entschloss sich auch die Karnickel- und Kängurusammlung zu verkaufen, sowie das Regenbogen-Pfauen-Pärchen. Die wären schließlich zu Staub verfallen, wenn er zurückkäme, von wo auch immer. Regenbogen-Pfauen waren begehrte Sammlerobjekte und konnten mit hohem Erlös an den Mann gebracht werden. Brendan wunderte sich über sich selbst und die Energie, die er plötzlich entwickelte, um von Little Silence fortzukommen. Nicht, dass er diesen Ort nicht liebte. Ganz im Gegenteil. Aber er wollte partout seinen Pegarenstatus nicht verlieren und endlich die Galaxis kennen lernen. Sesshaft werden konnte er auch im Alter noch. Es warteten zu viele interessante Möglichkeiten dort draußen. Peinlich genug, dass ihm das erst jetzt mit Anfang dreißig klar geworden war, während andere längst ihren Weg gefunden hatten. Doch darüber nun nachzudenken, brachte ihn auch nicht weiter.

Die vergangenen Tage fühlten sich an wie ein buntes Feuerwerk. Er hatte von dem Gebrauchtschiffsmarkt im Vorübergehen gelesen, am Gedenktag von Chrysanthemias Tod und war nachdenklich stehen geblieben, irgendwo in einer dicht bevölkerten Geschäftsstrasse von Consumpia, in der Nähe einer Freundin, bei der er übernachtet hatte. Die Nacht zuvor war feucht und fröhlich, wie man es nahm. Wirklich fröhlich fand Brendan diese ganzen Parties schon länger nicht mehr und ihm war auch längst aufgefallen, dass mit der Abnahme seines Vermögens auch sein Beliebtheitsgrad bei den Frauen gesunken war. Consumpianerinnen! Sie nahmen die Pegaren aus wie Weihnachtsgänse und investierten selten Gefühle, was dem Grunde nach ja auch klüger war. Früher oder später verschwanden die Pegaren schließlich wieder für Jahrzehnte oder Jahrhunderte von der Bildfläche. Brendan gestand sich ein, dass er vielleicht doch nicht immer mit den Umständen eines solchen Status zurecht kam. Und obwohl er ja die letzten 15 Jahre mit kurzen Unterbrechungen auf Little Silence verbracht hatte, war es ihm nie möglich gewesen enge Bindungen aufzubauen. Nur zu Chrysanthemia hatte sich eine tiefe Freundschaft und Verbundenheit entwickelt, die vor zwei Jahren durch ihr Dahinscheiden beendet wurde. Sie hatte es nicht verdient, dass er ihr Erbe so verschleuderte und so wenig aus seinem Leben gemacht hatte. War es doch sie alleine gewesen, die stets an ihn geglaubt und ihn unterstützt hatte.

Jetzt aber hatte er bereits ein Schiff, eine Reservierung für das Orionfest und den amtlichen Nachweis sich selbstständiger galaktischer Fracht- und Personenbeförderer nennen zu dürfen. Er hatte nun ein Jahr Zeit erste Aufträge vorzuweisen. Sämtliche Lizenzen hatte er seinerzeit auf der Giant erworben und regelmäßig erneuert – auf Chrysanthemias Geheiß hin. Was war er nun froh darüber. Er wollte sie nicht enttäuschen. Nein! Es war wirklich an der Zeit, etwas aus seinem Leben zu machen.

„Wie sehe ich aus?“, fragte er ein wenig unsicher, als er vor dem großen Schlafzimmerspiegel stand. Felicitas stand hinter ihm und Brendan glaubte Skepsis in ihrem Blick zu erkennen, was natürlich unsinnig war.

Sie haben sich dem Anlass entsprechend gut gekleidet, Senor Brendan“, sagte sie gurrend. „Ein schwarzer Anzug, auf Taille geschnitten, hervorragend sitzend, weißes Hemd und sogar das weiße Pegarenhalstuch mit der Stickerei dazu. Senor Brendan, sie haben an alles gedacht.“ Sie blickte an ihm herab und wieder herauf. „Auch ihre Frisur ist schön und sehr ordentlich. So habe ich sie selten gesehen, Senor Brendan. Ihre Schuhe werde ich noch polieren, bevor sie gehen.“

„Na ja“, meinte er Schulter zuckend. „Ich habe das angezogen, was du mir hingelegt hast. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was angesagt ist auf dem Orionfest.“ Er setzte sich aufs Bett und zog die Schuhe an, bevor zwei Miniaturpolierhunde aus der Wand geschossen kamen und sie in Windes Eile auf Hochglanz brachten. Im Nu waren die Dinger auch schon wieder in ihrer unsichtbaren Garage verschwunden.

„Na, denn…“ Brendan streckte sich und zog noch einmal den Anzug straff. „Dann wollen wir mal, oder? – Schade, dass du mich nicht begleiten kannst, Felicitas.“

„Ja, Senor Brendan. Aber sie werden mir berichten. Ich wünsche ihnen viel Spaß und vor allem viel Erfolg, Senor Brendan!“ Sie surrte hinter ihm die Treppen hinunter und winkte brav zum Abschied, nachdem Brendan sich in seinen nunmehr einzigen und besten Gleiter gesetzt hatte. Nach Consumpia dauerte der Flug eine gute Stunde. Es dämmerte bereits. Der Gleiter flog sanft über die endlos grünen Wiesen und Wälder, die unberührten Seen und ein kleines Gebirge. Little Silence lag malerisch und idyllisch unter ihm. Menschen, die nichts wollten als Ruhe und ein friedliches Leben waren hier gut aufgehoben. Und auch er genoss diesen Anblick immer wieder und mochte sich gerne ausmalen, wie er mit einer großen Familie auf diesem herrlichen Flecken im Universum seine letzten Tage verbringen würde. Consumpia fügte sich trotz ihrer Größe und dichten Bevölkerung sehr harmonisch ins Bild. Schon aus der Ferne sah Brendan die schlanken und enorm hohen Wolkenkratzer, die gläsern und chromfarben blitzten und den violetten und rötlichen Schimmer der untergehenden Sonne romantisch widerspiegelten. Die Stadt hatte sich von jeher mehr vertikal als horizontal orientiert, weshalb Hochhäuser mit einer Anzahl von 300 und mehr Stockwerken keine Seltenheit waren. Consumpia war eine Stadt des Designs, was man überall deutlich sah. Jeder Garten, jede Parkanlage waren akribisch geplant und umgesetzt worden und ergaben mit der Vielzahl futuristischer Gebäude ein einladendes Gesamtbild. In einem großen Oval erhob sich die Stadt aus einem sie umgebenden Grüngürtel, der wiederum von einem sanften Kanal gesäumt wurde. Die wichtigen Gebäude besaßen eigene Landeplattformen nicht nur für Gleiter, sondern sogar für Raumschiffe, die direkt von anderen Planeten kamen. Stadtlotsen der Flugkontrolle übernahmen an der Stadtgrenze die Kontrolle über die Schiffsführung. Auf Little Silence besaßen alle Flugzeuge entsprechende Vorrichtungen und sofern ein ausländischer Flieger in die Stadt wollte, ohne sich steuern lassen zu können, wurde er an den Landungshafen außerhalb der Stadt oder an eine der Raumstationen im Orbit verwiesen. In Sachen Flugsicherheit stand Consumpia an vorderster Stelle.

Auch Brendans Gleiter wurde soeben von einem Lotsen der Stadt übernommen. Eine rot und hektisch blinkende Lampe in der Konsole signalisierte ihm, dass er nun die Hände vom Steuer nehmen und sich bequem zurücklehnen konnte, um das Eintauchen in das farbenfrohe Gewühl der lebendigen und tiefen Schluchten von Consumpia zu genießen. Diese Stadt schlief nie und bot auch im gewöhnlichen Alltag ein kaum nachvollziehbares Gewimmel zahlloser Flugobjekte, die in nicht erkennbaren Regeln durcheinander rasten, jedes hastig einem Ziel entgegen. Aber an diesem Abend kam es Brendan so vor, als passte zwischen die einzelnen Fähren und Gleiter kaum noch ein Haar, so dicht flogen sie hintereinander. Sämtliche Parkdecks der umliegenden Terrassen waren belegt und doppelt so viele Sicherheitsroboter als sonst schwirrten in ihren gepanzerten Jets durch die Linien, um für zusätzliche Ordnung zu sorgen. Der Gleiter Brendans wurde auf die Haupteinflugschneise geleitet, die genau zwischen die beiden eindrucksvollen höchsten Türme der Stadt hindurchführte, in einen breiten Strom weiterer Besucher. Im Prinzip bestand die Stadt ausschließlich aus Türmen, denn die größeren Gebäude entdeckte man erst, wenn man sich weit unterhalb der interessanten und wichtigen Stockwerke befand, was kaum jemand anstrebte. Rechter Hand erhob sich nun das unglaubliche Stadion von Consumpia. Die meisten der anderen Fluggeräte wurden ebenfalls in diese Richtung gelenkt. Das Stadion stand auf gigantischen Säulen und erinnerte Brendan an ein sehr antiquiertes Bild eines irdischen Künstlers, Salvador Dalí, auf dem es Elefanten gab, die endlos lange Stelzenbeine besaßen, nur dass dieser Elefant hier ein perlmuttfarbenes Riesenei war, dass sich an Höhe nicht vor den Nachbarn verstecken musste. Wie es den Konstrukteuren gelungen war mit nur wenigen Säulen solch einen Komplex zu tragen, blieb ihm ein Rätsel. Die Umsetzung war eine Meisterleistung gewesen und hatte dem Architekten, wie bei fast jedem Gebäude von Consumpia, reichlich Lob und Preise eingebracht. Die größeren Fähren wurden nicht direkt vor die zahlreichen Eingänge, die sich auf einer gigantischen Plattform in etwa 1000 Meter Höhe befanden, gelenkt. Einweisungsrobots flogen vor ihnen her und geleiteten sie weiter unterhalb auf Ersatzparkplätze, da nur selten ein Ereignis diesen Ranges in Consumpia stattfand und bauliche Veränderungen innerhalb des Zentrums kaum noch möglich waren, ohne ganze Viertel zu evakuieren und größere Teile vorhandener Gebäude wegzusprengen. Obwohl man lange genug von dem Fest wusste und reichlich Zeit zum Bau einer eigens dafür entwickelten Halle gehabt hätte, waren die Stadthalter von Consumpia sicher, bis zum Tag des Orionfestes einen geeigneten Ort gefunden zu haben. Als das Stadion jedoch gebaut worden war, munkelte man hinter vorgehaltener Hand, dass der eigentliche Grund das Pegarenfest sei, doch zugeben wollte das niemand, da die Consumpianer es müde waren sich immer nach den Pegaren zu richten. Pegaren waren ständige Gäste in Consumpia, und doch durften sie dort nicht sesshaft werden. Sie besaßen die schönsten Landstriche auf Little Silence, auf denen wiederum keine Consumpianer wohnen durften. Es wurde streng darüber gewacht, dass Consumpianer und Pegaren nicht zu eng beieinander waren oder sich zu sehr aneinander gewöhnten. Und doch war Consumpia die heimliche Hauptstadt der Pegaren. An keinem anderen Brendan bekannten Ort der Galaxis wurden die Rechte der Pegaren so sehr behütet und geschützt wie hier.