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Leseprobe - Grenzgänger

 

01 – Maya und Rowjo

New San Francisco, Mai 2268, 01.30 Uhr

 

„Es ist so mühsam, Kindern etwas beizubringen, die keine wirkliche Zukunft mehr haben. Oder zumindest eine, von der wir noch nicht einmal wissen, ob sie von der Erde oder einem anderen Gestirn ge­prägt sein wird. Du bist so weit weg, Geliebter. Ich sitze in unserer Wohneinheit und schaue aus dem Fenster. Die bunten Lichter der Magnetbahnen sind das einzige, was mich da draußen noch an Farbe erinnert. Und du? Kommst du gut voran mit den Oxyproduzenten? Wann werdet ihr zur Erde zurückkehren? Ich vermisse dich. Das weißt du ja. Aber damit heitere ich dich in der Ferne auch nicht wirk­lich auf. Verzeih mir meine kleine Melancholie. Bis bald, mein Lieber. Ich küsse und umarme dich.“

Sie hatte diese Worte ruhig und bedächtig gesprochen. Die Töne wur­den in Schriftform auf einem in der Ecke an der Wand hängenden Bildschirm ge­bracht, auf den sie seufzend nochmals einen kurzen Blick warf. Ihr sonst so sanfter und verständnisvoller Blick lag ver­steckt unter einer gekräuselten Stirn.

„Senden!“, sagte sie dann leise. Die Bildschirmanzeige änderte die Farbe.

„Zentrale Raumfahrtgesellschaft, Abteilung M02234, Sauerstoffpro­duktion, Rowjo Barnhem.“

Von ihrer weißen, glatten Ledercouch aus, schaute sie nach draußen. Ihr zweiteiliger Hausanzug war weit geschnitten und ebenfalls weiß. Die Arme hatte sie um die Knie geschlungen, das Kinn darauf gelehnt. Ein unauffälliges Geräusch des Bildschirmes bestätigte ihr die Bear­beitung der Nachricht. Aus dem 58. Stockwerk konnte sie die weit verzweigten und lautlos dahin gleiten­den Magnetbahnen besonders gut beobachten. Überall durchbrachen die star­ren Gerüste, an denen die Bahnen hängend entlangschwebten, die freie Sicht. Ein dicht ge­drängter Gebäudewald war zu New San Francisco zusammen ge­wach­sen. Klobige, hohe Wolkenkratzer aus Stahl, Glas und Lichtern, die teils grell, teils schwach in ihrem monotonen Rhythmus in allen Win­keln der Stadt blinkten. Zwischendrin flog ab und zu eine große, in­terne Flugfähre, die ne­ben den rasenden Magnetbahnen gemächlich, fast erhaben wirkte. Die Bahnen schossen auf den bizarren Gerüst­konstruktionen umher, zu entfernten Ge­bäuden oder durch aufwän­dige Röhren über freie Schluchten, in denen früher noch Autos gefah­ren waren.

Maya Barnhem mochte Kinder. Sie mochte sie sehr. Umso schwerer fiel es ihr, wenn sie die täglichen Sorgen und Probleme ihrer kleinen Schützlinge miterleben und oftmals tatenlos ansehen musste. Eigene Kinder. Für sie schwer umsetzbar. Und unverantwortlich. Doch hier­über durfte sie sich nicht allzu sehr auslassen. Nicht in ihrer Position. Als Leh­rerin hatte sie eine hohe Verantwortung. Und als Ehefrau eines Mannes, der für die Raumfahrtgesell­schaft tätig war, musste sie ein gewisses Bild wahren. Sie galten als privilegiert, darüber war sich Maya im Klaren. Mitarbeiter der Oxypro hatten nichts zu befürchten. Sie waren mehr als wichtig für die Regie­rungen der drei Staaten. Es ging ja nicht nur um die Besiedlung des Mars und den er­folgreichen Pro­jekten auf den Raumstationen. Die Oxypro sicherte die saubere Sauerstoffver­sorgung der Städte ebenso auf der Erde. Dieser Zweig der Gesellschaft hatte das bereits vor der Fusion getan. Als sie unter dem Namen Oxypro noch eine eigenständige Firma gewesen ist. Die Raumfahrtge­sellschaft wurde erst auf Oxypro aufmerksam, als sie merkte, dass die Projekte im All und auf dem Mars umfangreicher und wichtiger wurden.

Kinder. Wenn Maya an ein eigenes Kind dachte, wurde sie manchmal traurig. Es würde ihnen so bald nicht möglich sein, ein Kind zu bekommen. Nicht auf der Erde. Und nicht legal. Wohnraum und Atemluft waren teuer und begehrt. Ein Kind war nicht nur Luxus, sondern beinahe schon riskant. In New San Fran­cisco wurde erst nach dem registrierten Tod eines Bürgers die Ge­nehmi­gung für eine Zeugung bestätigt. Und die Listen dafür waren lang, trotz der missbilligenden Allgemeinheit, die in Kindern weniger Bereicherung als Hin­dernis sah. Nachdem die Bevölkerung auf dem Mars erfolgreich gewachsen war, strebten viele Städte auf der Erde eine Reduzierung ihrer Einwohner an. Zur Eindämmung der Sauerstoff-Produktionskosten und Schaffung von mehr Raum, der kostbarer denn je geworden war. Wirklich Hand und Fuß hatte diese Politik allerdings nicht. New San Francisco zahlte jeder Frau zwischen 16 und 45 am Ende jeden Jahres eine Prämie, wenn sie nachweisbar kein Kind bekommen hatte und auch nicht schwanger war. Nach­weisbar war es in jedem Fall, da die ärztlichen Kontrollen und Unter­suchungen in den geschützten Städten zu den Pflichten der Bürger gehörten. Man konnte sich dem nicht entziehen, ohne dem Verdacht zu erliegen eine ansteckende Krankheit mit sich herum zu tragen. Es kam jedoch selten vor, dass Frauen ihre Kinder selbst austrugen. Jedes bessere Medical Hospital verfügte über eine eigene phylogenetische Abteilung, mit anderen Worten, eine Art Aufzuchtstation, in der die befruchteten Eizellen im künstlichen Uterus heranwuchsen. Seit den Zeiten der fünf großen Seuchen, waren die medizini­schen Gesetze in den drei Staaten mehrmals erheblich verschärft wor­den. Maya befand dies für gut und fühlte sich wohl, in einer gesunden Umgebung leben zu können. Es gab keine Erkältungskrankheiten mehr, kaum noch andere Infektionen und die wenigen Bakterien und Viren, die noch ihr Unwesen in den Städten trieben, waren nicht der Rede wert. Krebs- und Strahlenerkrankungen waren es, die die Men­schen dieser Zeit niederwarfen. Sofern sie die schützenden Städte ver­ließen. Maya mochte nicht über Krankheiten nachdenken. Sie würde sich gleich schlafen legen.

„Nachricht versandt“, sagte eine sanfte, weibliche Stimme. Maya stand auf, seufzte und strich sich eine herabgefallene Strähne ihrer langen, glänzenden Haare aus dem Gesicht. Nachdem sie sich im Bad frisch und für die Nacht fertig gemacht hatte, sagte sie im Vorübergehen dem Hauscomputer: „Maya 7-7-1. Licht im Wohnbereich löschen, im Bad auch! Sicherheitsverriegelung Nacht!“

Als sie im Bett lag, den leeren Platz neben sich kurz anblickend, mit einem handlichen Buchcomputer in den Händen, dachte sie an die Zeit, als sie und Rowjo sich kennen gelernt hatten. Das war achtzehn Jahre her. Sie sind beide zwanzig gewesen. Er war mit seiner Ausbil­dung bei der ISIU fertig und be­gann in der Abteilung für Sauerstoff­produktion. Schon damals war er ein stattlicher, ansehnlicher Mann gewesen, seinen Klassen- und später auch Aus­bildungskameraden immer voraus. Zum ersten Mal sah sie ihn in New Paris. Sie hatte nach ihrem ersten Studium einige Monate frei, bevor sie sich an das Hauptstudium begab. Also, entschlossen sich ihre Eltern, sie zu einer Erho­lungsreise einzuladen. Und Rowjo? Er machte genau dasselbe mit einigen Freunden aus der Ausbildungsklasse. Sozusagen als Be­lohnung für die bestan­denen Prüfungen. Das Ferienzentrum bei New Paris war im Grunde eine ei­gene Stadt. Überdacht von einer giganti­schen gläsernen Kuppel bot es einen riesigen Komplex aus Hotels, Parkanlagen, Wasserfällen, künstlichen Seen, einem Zoo, separatem Themenpark und einem kleinen Wäldchen für die Ru­hesuchenden. Ein romantisches Dorf, ganz im französischen Stil des vorigen Jahr­tausends, schmiegte sich an einige Felsen. Als Maya dort alleine umher lief und es sich mit Eis und Crepes gut gehen ließ, kam ihr der la­chende und scherzende Rowjo mit seinen Kumpanen entgegen. Ihre Blicke trafen sich sofort und schlugen ein wie zwei unglaubliche Blitze. Es hatte ihr gut gefallen, wie ihm fast die Augen aus dem Kopf gefallen waren. Zwei Minuten später, sie war langsam weiter geschlen­dert, stand er neben ihr und stellte sich vor. Da Maya schon damals eine offene und unkomplizierte Frau gewesen war, kamen sie ohne Hemmungen ins Gespräch und stellten nicht nur fest, dass sie beide aus New San Francisco kamen. Letztlich hatten sie sich so sehr inein­ander verliebt, dass sie auf dem Rückflug in dem Intershuttle neben­einander saßen, sehr zum Unmut von Mayas Eltern, die befürchteten, ihre Tochter würde sich nun zu sehr von ihrem Folgestudium ablen­ken lassen. Dem war aber nicht so. Im Gegenteil. Rowjo unterstützte sie, so gut er konnte. Damals war er ja noch nicht vorgesehen für die Marsprojekte. Maya drückte einige Tasten ihres Buchcomputers und gelangte auf ihr Bilderarchiv. Sie lächelte beim Betrachten der Photos von damals. Was war doch viel Zeit vergangen seit dem. Und war sie heute glücklicher als zu jener Zeit? Hatten sie viel er­reicht? Als sie Rowjo auf dem Display betrachtete, lachte ihr ein in T-Shirt und Shorts gekleideter, schwitzender Mann entgegen, der stolz einen Bas­ket­ball in den Händen hielt. Zu Hause auf der Erde ist er immer gerne diesem Sport nachgegangen. Er würde das da oben auf dem Mars vermissen. Auch sie vermisste er sehr. Er sagte es ihr oft. Maya rutschte ein wenig hin und her, um es sich noch etwas bequemer in dem großen und leeren Bett zu machen. Was war sie nur so depressiv in den letzten Tagen? Sie hatte doch sonst nicht so viel hinterfragt und bezweifelt. War es ihr Alter? Oder der unerfüllte Kinder­wunsch? Mit Rowjo an ihrer Seite hätten sie vielleicht Chancen auf ein Kind gehabt. Alleine konnte sie das vollkommen vergessen. Die Restriktionen wa­ren schon für ein intakt zusammen lebendes, gesundes Paar gigan­tisch. Wo war diese Welt nur hingeraten?

Sie zappte durch ihr Bilder­archiv und suchte ein paar Photos ihrer Großeltern. An Großmutter Karen konnte sie sich noch sehr gut erinnern. Sie war zwei­undzwanzig bei deren Tod, der sie ungeheuer mitgenommen hatte. Das Stu­dium war gerade vorbei, als sie die Nachricht erhielt. Wie aufmerksam und bedächtig hatte sie der alten Dame immer zuge­hört, bei ihren Ge­schichten von den alten Zeiten. Erzählte Karen die Ge­schichten ihrer eigenen Groß­mutter, lauschte Maya besonders gespannt. Sie erinnerte sich nun daran. Ver­glich sie es mit ihrer jetzigen Welt, erschien ihr der enorme Fortschritt in der Gesellschaft nur bedingt vorteilhaft. Früher konnten die Menschen ohne Sau­erstoffmasken draußen umherlaufen und fri­sche, saubere Luft atmen. Vieles war noch grün und Bäume hatte es reichlich gegeben. Heute war es ihr als Lehrerin sogar verbo­ten, den Kindern im Unter­richt davon zu erzählen. Es war nicht er­wünscht, Sehnsüchte zu erwecken, die nicht erfüllbar waren. Nicht mehr! Oder wollte man sich einfach nur der Ver­antwortung entziehen, die es für die Zerstörung des einstmals so grünen und wunderschönen Planeten gab? Wäre durchaus unangenehm, wenn eine Viel­zahl von aufstrebenden jungen Leuten, Fragen stellten, weshalb ein ursprüng­lich intakter Planet mittlerweile so trist und grau geworden war. Zumal man­che Wissenschaftler die Meinung vertraten, dies alles noch rück­gängig machen zu können. Aber auch nur inof­fiziell, hinter vorgehal­tener Hand. Diese Dinge wusste sie von ihrem guten Freund und Kollegen, Henry. Er war älter als sie und äußerst gebildet. Henry un­terrichtete Physik und Biologie in den höheren Klassen. Früher hatte zur Biologie auch die Kunde der Pflanzen und Tiere gehört. Dieser Zweig jedoch war so verkümmert, dass er nur noch am Rande ange­schnitten wurde. Der Großteil des Lehrinhalts bestand aus Medizin, Bio­chemie, Gentechnologie und Biotechnik, womit die Schüler in der Tat genug zu büffeln hatten. Maya würde mit Henry morgen nach der Arbeit zusammen essen gehen. Sie taten dies in regelmäßigen Abstän­den, um sich abseits der übrigen Kollegen etwas ungezwungener un­terhalten zu können. Zu viele von ihnen vertraten Ansich­ten, mit de­nen sie beide so gar nicht übereinkamen. Rowjo mochte es nicht, wenn sie sich mit Henry traf. Seiner Meinung nach war dieser Mann kein guter Umgang für sie, ein Aufrührer und Unruhestifter. Vielleicht war Henry das. Vielleicht war er aber auch einfach nur ein Stück weit klüger und mutiger als andere. Sie seufzte und schaltete den Buch­com­puter aus.

„Maya 7-7-1“, sagte sie schläfrig. „Licht löschen! Wecken wie immer!“

 


 

02 – Die Stadt

Der nächste Morgen begann wie üblich. Ein jähes Wecken mit sono­rem Ton, das langsame Aufdimmen des Lichts und eine disziplinierte, wenn auch ver­schlafen aufstehende Maya.

Groß war ihre Wohnung wirklich nicht. Jeder einzelne Quadratmeter kostete in dieser Stadt ein Vermögen. Die Mietpreise waren in den vergangenen zwei­hundertfünfzig Jahren selbstverständlich gestiegen. Seit der Umrüstung der Städte jedoch und dem Entstehen gänzlich neuartiger Wohnkonstellationen, bezahlte man nicht für den Wohn­raum und Heizung oder fließend warm und kalt Wasser alleine. Man bezahlte für Sicherheit und Bewachung, Gesund­heitsversorgung, Ver­kehr innerhalb der Stadt und vor allem für die saubere Luft, die von der Firma Oxypro geliefert wurde. Maya überlegte, welcher Tag war und ließ sich im Bad kurz abscannen. Ein ebenso gewöhnlicher Vor­gang wie die digitale Blutuntersuchung. Der Scanner war in die Wand eingebracht und benötigte zwei mal drei Sekunden, um den Körper von oben bis unten auf ungewohnte Veränderungen oder Auffällig­keiten zu untersuchen. Für die Blutuntersuchung drückte Maya ihren Daumen kurz auf ein kleines Feld im Waschbecken. Sie atmete einmal tief ein und wieder aus, nachdem sie ihren gesundheitlichen Pflichten nachgekommen war. Dann schaute sie ihr Spiegel­bild an. Sie fand wirklich, dass die Zeit erstaunlich schnell verging. Nach Zahn- und Körperpflege zog sie ihren Overall an und machte sich die Haare. Al­les in allem benötigte sie nicht lange, um frisch und gut aussehend die Wohneinheit zu verlassen.

„Maya, 7-7-1. Ich verlasse nun die Wohneinheit. In 30 Sekunden Tür­verrie­gelung und Sicherheitsstandart drei!“

Danach öffnete sich die lautlose Schiebetür. Die Welt, in der Maya sich be­wegte, erschien ihr normal und unspektakulär. Sie war in all das, was sie täg­lich umgab, hineingeboren, kannte es nicht anders. Al­lenfalls aus Erzählungen ihrer Großmutter. Doch vieles davon war ihr immer schon zu abstrakt vorge­kommen - und lange her. Zumindest die nicht enden wollenden Beschreibun­gen der Stadt, wie sie ein paar Generationen zuvor gewesen war. Straßen, von denen sie gesprochen hatte, gab es lange schon nicht mehr. Wenn die Men­schen heute aus ihren Wohneinheiten gingen, dann meist über Stahl- und Be­tonbrü­cken, die wiederum zu breiteren Gängen und Wegen führten, ganz gleich in welcher Höhe. Letztlich führten sie alle zu irgendwelchen Knoten­punkten, an denen man die Sail bestieg, die Magnetbahn. Sie war in Mayas Augen eine wunderbare Errungenschaft der Technik. Ihr Netzwerk legte sich in jeden Winkel der Stadt. Sie fuhr in alle Richtungen, in einer atemberauben­den Geschwindigkeit. Es gab keine Staus, kein Gedränge und selten Störfälle. Das System der Sail beruhte auf der ausgeklügelten Kabinenkonstruktion und einem simplen Dis­play, in das man sein Ziel eingab. Eine Bahn bestand aus mehreren, an- und abkoppelbaren Kabinen, die jede für sich ein bestimmtes Ziel hatten. Die Kabinen der wichtigsten Ziele hingen beinahe an allen Bah­nen dran. Und wenn nicht, dann war der nächste Knotenpunkt nicht weit. Man stieg dort einfach um, wie früher in der Metro oder U-Bahn. In der Regel aber genügte eine einzige Kabine bis zum Ziel. Bei der entsprechenden Wei­che wurde an- oder abgekoppelt und jede Ka­bine sauste anderen Wegs weiter. Von einem der höchsten Gebäude konnte Maya das zahllose Gebrause der Kabinen beobachten, deren Stahlgerüste mit den Fußgängerwegen und Tun­neln, Brücken und Röhren zusammen ein kaum zu überblickendes Netz bo­ten. Über­spannt von den vielen Kuppeln, die sich im Laufe der Jahrzehnte zu den anderen gesellt hatten. Eine einzige, alles umspannende Kuppel für eine Stadt wie das damalige San Francisco wäre undenkbar gewe­sen. So war mit einigen Vierteln begonnen und die anderen Stück für Stück mit in die Überda­chungspläne einbezogen worden. Irgendwann war das System komplett, so dass eine dichte Hülle aus tragender Konstruktion und riesigen Glas- und Kunststoffdächern entstanden war. An deren Rändern lagen die riesigen Oxyproduzenten, die täglich den Bedarf der Bevölkerung an sauberem, le­bensnotwendigem Sauer­stoff deckten.

Als sie einige Schritte durch den Gang ihrer Etage ge­laufen war, bog sie zum Lift ab und stieg ein. Neben der Sail boten die Aufzüge das schnellste und wichtigste Fortbewegungsmittel in den Städten. Da sich die Architekten und Ingenieure in den Künsten ihrer Hoch­baufähigkeiten immer noch überbo­ten, war das auch nur zu verständlich. An den wirklich mächtigen Gebäuden schossen Aufzüge die Wände hinauf, die man als solche kaum noch bezeich­nen konnte. Dicken, metallenen Käfern gleich, mit bis zu zwei- oder dreihun­dert Passagieren an Bord, glitten diese Ungetüme Tag und Nacht über die Glas- und Granitwände.

Maya kannte den einen oder anderen aus die­sem Wohngebäude. Obwohl niemand um diese Zeit großartige Kon­versationen miteinander pflegte, wurde freundlich ge­grüßt. Die Auf­zugtüre schloss sich. Sie hatte einen der Kleineren genommen. Der Hauptlift war zwar geräumiger, brauchte aber auch länger. Die ande­ren Menschen im Aufzug waren ebenso schweigsam wie Maya. Die meisten schauten mehr oder weniger teilnahmslos auf die Bildschirme, die Nachrich­ten aus aller Welt zeigten. Der Ton war an­genehm und gedämpft, die Nach­richten um diese Zeit eher harmloser Natur. Eine der Errungenschaften der Mediengesetze. So wurden junge Menschen vor zu viel Gewalt geschützt - das zumindest war die offizielle Erklärung. Manchmal fragte sich Maya, wieso eigent­lich? Es gab doch angeblich kaum noch Gewalt in der Welt. Kriege, wie man sie früher kannte, waren auch längst passé. Ge­wiss wurden noch immer Frauen verge­waltigt und Menschen ermordet. Und es gab auch nach wie vor Bruta­litäten, die sie sich nach dem Aufstehen wirk­lich nicht so gerne an­schauen wollte. In der Öffentlichkeit jedenfalls waren diese Dinge tabu. Das war in Ordnung. In den eigenen vier Wänden waren die Medien konfigurier­bar. Ge­walttätiges, Negatives und Zweifelhaftes konnte herausgefiltert wer­den. Es gab da ungeheuer viele Optionen und Einstel­lungsmöglichkeiten. Bei Maya variierte das immer wieder mal. Henry hatte ihr einmal erzählt, dass all diese Einstellungen zu­rückverfolgt und abgespeichert werden. Wenn tatsäch­lich jemand permanent ungefilterte Medien konsu­mierte, könnte dies durch­aus misstrauische Blicke auf sich ziehen. Sie wusste nicht so recht, was sie da­von halten sollte. Eine Frau sprach mit ihrem Mann. Sie starrte da­bei auf ei­nen Spiegel. Ihr Telefon war irgendwo in ihrem Kragen oder Hut integriert und offenbar gab es Probleme mit der Organisation eines Festes. Jemand daneben sah sich die Nachrichten auf einem kleinen Buch­computer an. Wahr­scheinlich weniger Filter. Zwei Her­ren in dunklen Zwei­teilern standen gleich neben Maya. Sie trugen Sonnenbrillen. War momentan angeblich wieder Mode. Ob­wohl sie nicht wirklich jemand brauchte. Zwei­teiler waren jeden­falls alles an­dere als modisch, fand Maya. Die meisten trugen Overalls. War ja auch prakti­scher. Und die Overalls boten noch mehr integ­rierte Tech­nik. Bei den Zwei­teilern war ein für sie unbequemer Gürtel erfor­der­lich. Doch jedem das seine.

„Zwanzig! Erster Zugang zur Sail!“, sagte eine wunderbare Stimme. Der Auf­zug öffnete die Türen und alle stiegen aus.

 


 

03 - Henry

Die Menschen, die aus allen Richtungen zur Sail strömten, wirkten sauber und gepflegt. Die vorherrschende Farbe ihrer Bekleidung war weiß oder hell­grau. Vielen machte es nichts aus, wenn die Multifunk­tionschips an den Är­meln oder im Nackenbereich zu sehen waren. Oder die aufgepatchten Diag­nosemodule. Manch einer jedoch war darauf bedacht, noch makelloser in Er­scheinung zu treten. Diese Leute gaben viel Geld aus für ihre Kleidung. Maya war es relativ gleichgültig, ob man die Chips und Module nun sah oder nicht. Es hatte sie ohnehin jeder. Was also machte es für einen Unterschied? Sauber und rein zu sein, und dies auch zu dokumentieren, war in den New-Städten des dreiundzwanzigsten Jahrhunderts von einer Not­wendigkeit zu einer ge­heimen Manie geworden. Bei Betrachtung der Epidemie-Historie der letzten 250 Jahre war es verständlich. Die großen Wellen der Seuchen hatten ihre ersten Anzeichen in den Jahren 2005 bis 2007, in denen jedoch in der üblich vorhandenen Ar­roganz der damals vorherrschenden Medizinnationen noch nicht beg­riffen wurde, was sich an unüberwindbaren Problemen heraus kristal­lisierte. Ein Mittvierziger Homosexueller, der Anfang 2005 einen der aggressivsten und multiresistenten HI-Viren in New York zur Aus­breitung brachte, machte den Anfang. Der neuerliche Fall einer hyste­risch aufkeimen­den Angst unter den Betroffenen wurde belächelt. Da es in der Regel nur die gleichgeschlechtlichen Paare betraf, fühlte sich die Mehrheit, wie beim alle­rersten Auftreten des AIDS-Erregers, si­cher und nicht betroffen. Erst als klar geworden war, wie rasch sich dieser Erreger ausbreitete und weder vor Ge­schlecht noch sonst ir­gendeiner Unterscheidung halt machte, änderte sich das Bewusstsein der Amerikaner. Und nicht nur das ihrige. Der 3DCR-HIV, wie er bezeichnet wurde, fand schnell seinen Weg in die europäischen und asiati­schen Metropolen und forderte innerhalb weniger Jahre das Doppelte an To­desopfern wie bis dato alle anderen HI-Viren zusam­men. Nach nur 10 Jahren gab es weltweit 50 Millionen Opfer, die meisten davon wieder in den ärmsten Ländern, vor allem in den afri­kanischen, südlich der Sahara. Da auch die Zahlen der Opfer des ge­wöhnlichen Erregers nicht sanken, belief sich die welt­weite Zahl der To­desfälle aufgrund aller HIV-Erreger von der Identifizierung des Virus im Jahre 1984 bis 2010 auf 90 Millionen Menschen. Die Welt war ge­schockt und ohnmächtig zugleich. Denn gegen den 3DCR war sie absolut machtlos. Keines der bekannten Mittel wirkte auch nur annä­hernd. Einmal damit infiziert, nahm die Krankheit ihren grau­sigen und leider auch sehr bal­digen Verlauf. Die westlichen Staaten waren ebenso betroffen wie die Dritte Welt. Jedoch hatte die Erste Welt die Möglichkeit durch Medien und Bildung auf längere Sicht ein gewisses Bewusstsein zur Prävention zu fördern. Den­noch ließ sich die Epidemie des 3DCR nicht ohne weiteres bremsen. In den Folge­jahren starben Millionen um Millionen daran.

Mitte 2007, ein beson­ders heißer Sommer, sollte sich ein weiterer Krankheits­erreger aus­breiten. Diesmal nahm er seinen Ursprung in der Zentralrepublik Kongo. Und wie bereits 1976, als dieser, damals noch beherrschbare Virus, erstmals sein Unwesen trieb, wurde er als Ebola identifiziert. Später sprach man nur noch von der Filoseuche, benannt nach den einsträngigen RNA-Vi­ren. Im Gegensatz zu der kleinen Epidemie 1976 und einer weiteren im Jahre 2000, waren die Erreger der Filoseu­che dermaßen mutiert, dass sie sich nicht nur leichter und besser verbreiten konnten, sondern gegen sie nach wie vor weder ein Medi­kament existierte noch eine Schutzimpfung gefunden worden war. Von 2007 bis 2017 starben 755.000.000 Menschen daran. Diese hoch infektiöse Krankheit be­wirkte eine allgemeine Verhaltensänderung der Men­schen in allen Staaten, insbesondere in den großen Metropolen, in denen es mehr Aufklärung und Informationsfluss gab. Höhere Si­cherheitsstandards und eine Vermeidungs­politik wurden oberstes Prinzip beim Umgang mit die­ser Seuche. Und nicht nur das! Ebenso der Umgang mit den Patienten des 3DCR sowie mit anderen infektiö­sen Menschen veränderte sich dramatisch und notwendigerweise. Die Menschheit nahm Abstand voneinander. Distanz war inzwischen et­was ge­worden, das einem das Leben retten konnte.

Doch damit nicht genug. Die westliche Welt wurde am Härtesten von der ge­waltigen Grippe-Pandemie im Jahre 2012 getroffen. Das Prinzip der Natur war das Gleiche. Mutierte For­men einstig harmloser Viren erwiesen sich plötzlich als resistent gegen jegliche Hemmer und andere Medika­mente. Mit allen Anzei­chen einer gewöhnlichen Influenza raffte sie um ein Vielfaches derjenigen hinweg, die für gewöhnlich an Grippe-Viren gestorben wären. Diese, im Grunde harmlos und ungefähr­lich erscheinende Krankheit er­brachte in kür­zester Zeit die bis dahin höchste Opferzahl. Bis 2014 starben alleine 1,3 Milli­arden Menschen daran. Eine un­glaubliche Zahl. Verglichen jedoch mit der Million, die an einer anderen Grippe im Jahre 1968 weltweit verstarb und den seither veränderten Bedin­gungen, war es zu begreifen. 2012 waren die über­kontinentalen Massen-Ver­bindungen via Flugzeuge auf einem nie da gewese­nen Höhepunkt. Inzwischen flogen Maschinen mit 800 und mehr Passagieren von Kontinent zu Konti­nent. Und das in immer höheren Geschwindigkeiten. Ein wahres Fest für ei­nen Erreger wie die Grippe. Nach­dem 2028 ein erneuter Ausbruch der Vogel­grippe in Asien erkannt worden war, auch diese Gefahr kaum zu dämmen, tra­ten neuartige Überlegungen und Maßnahmen auf den Plan. Sie konn­ten je­doch noch nicht ausreichend greifen, als die letzte große Seuche im Jahre 2095 in Ostindien ihren Ursprung nahm. Eine Mutation der längst vergessenen Le­gionärskrankheit, einer furchtbaren, abgewan­delten Form der Lungenentzün­dung, die inzwischen nicht mehr mit dem einst wirk­samen Antibiotikum be­kämpft werden konnte.

Der lange ge­wonnen geglaubte Kampf gegen Mikro­ben, Viren und Bakte­rien zeigte sich in diesen Jahr­zehnten noch im Anfangsstadium. Und als mit der kon­kreten Planung und Umsetzung der New-Städte angefangen wurde, hatten die meisten Kommunen bereits auf ihre Art mit einer Abschottung begonnen. Vorreiter hierbei waren die amerikani­schen, kanadischen und europäischen Großstädte, die längst drastische Einrei­sebestimmungen und extreme Über­wachungsappa­rate einge­setzt hatten. Dass die nun noch übrig gebliebenen 1,1 Milli­arden Menschen sich zusätzlich de­zimiert hatten, lag an weiteren, zahlrei­chen Gründen.

An so etwas jedoch dachte Maya nicht. Jetzt jedenfalls nicht. Nach wenigen Minuten saß sie in einem der hoch­wertigen Sessel der Sail. Eine wuchtige Ka­bine, von denen sich meh­rere aneinander reihten. In ihrer hatten 20 Personen Platz. Das Zi­schen des Schließmechanismus erschrak sie jedes Mal. Der ge­waltige Schub, mit dem die Fahrt dann losging, hingegen gar nicht. Sie brauchte nicht mehr umsteigen. Nach einigen Kurven und mehreren Wech­seln zwischen auf und ab, links oder rechts, glitt ihre Kabine mit etlichen An- und Abkopplungen, durch eine lange Glasröhre in ein riesiges, zylinderförmi­ges Gebäude, vollkommen verspiegelt und bläu­lich schimmernd in der Mi­schung aus Sonne und Scheinwerfern. Die Sonne ging auf und unter. An den meisten Tagen aber gab es nur An­satzweise einen Unterschied, da die Schmutzschwaden der Außenluft zu dicht waren. Die Stadt schaltete entspre­chend viele oder wenige Sonnenimitatoren ein, enorme Scheinwerfer, deren gefil­tertes UV-Licht mit normalen Weißlichtstrahlern kombiniert wurde.

Die Klappen aller Kabinen öffneten sich wiederum laut zischend. Die Leute lä­chelten sich freundlich zu beim Aussteigen und verschmolzen im Strom der ankommenden Fahrgäste.

Der Sail-Bahnhof war nach seinem Gebäude benannt: Station ISIU 001. Das war die Hauptver­waltung der Internationalen Raumfahrtbehörde Amerika. In diesem Gebäude befand sich die Leitung der zuständigen Ressorts für den amerikanischen Teil dieses Machtapparates. Irgendwo in diesem ein­hundert­zwanzig Stockwerke hohen Wolkenkratzer, der beinahe an die schützende Kuppel stieß, war die Schule, in der Maya arbeitete. Und es war nicht die ein­zige in diesem Komplex. Langer Gang, Laufband, Aufzug. Ein weiterer Gang, ein anderer Aufzug, kleiner diesmal. Die ersten Leute, die sie kannte. Man grüßte sich, wünschte einen ange­nehmen Arbeitstag. Dieser Teil des Gebäu­des zählte schon zur Schule. Nirgendwo sonst zeigten sich Kinder so häufig und so unbe­fangen wie hier. Dann kam Maya ins Arbeitszimmer der Lehrer­schaft. Ein eifriges Gewusel beherrschte den Raum. Viele Kollegen saßen vor Bildschirmen, bereiteten sich auf ihre Klasse vor, tranken Kaffee, sa­hen Nach­richten oder blätterten in Compubüchern. Es piepste hier und klickte dort. Trotz leiser Geräusche, war es ein geschäftiges Trei­ben. Diejenigen, die mit dem Gesicht zur Wand standen und spra­chen, taten dies nicht, weil sie am Ende ihrer psychischen Kräfte wa­ren. Sie tippten auf Holobildschirmen herum und sprachen entweder damit oder mit einer Person am anderen Ende ihrer Kommunikationsmembran.

„Henry!“ Sie lächelte breit und freute sich, ihren Freund in einer Ecke sitzen zu sehen. Gleich ging sie auf ihn zu. Henry stand auf. Er hatte vor einem älte­ren Modell der Lehrerbildschirme gesessen und eine uralte Tasse in der Hand, die es nirgendwo mehr zu kaufen gab.

„Ich freu mich schon auf unser Essen heute Abend“, sagte sie. Ihre Hände legten sich auf seine Schultern und zur Begrüßung bekam er, wie üblich, zwei dicke Schmatzer links und rechts auf die Wangen. Dieses Ritual zog stets missbilligende Blicke nach sich. Öffentliche Berührungen waren so gut wie tabu.

„Ich glaube, dein Bart ist kratziger geworden.“ Sie rieb sich den Mund im Spaß ab. Henrys Bart machte sie gerne zum Thema, da er einer der wenigen in der Stadt war, der einen trug. Es war nicht nur unmodisch, sondern galt vielen als unhygienisch, sich länger als drei Tage Haare im Gesicht wachsen zu las­sen. Sie beide konnten darüber lachen. Überhaupt bemerkte Maya manchmal, wie viel sie mit ihm lachen konnte.

Henry war 47. Ein Mann in den besten Jahren, der auf Frauen wirkte und dem es an Angeboten nie mangelte. So manche Kollegin hatte sich an ihm schon die Zähne ausgebissen. Er genoss dies, zog es aber vor, alleine zu bleiben. „Und die grauen Schläfen, die sich in meinem schwarzen Haar so wohl füh­len“, hatte er einmal gesagt, „die habe ich alle ganz alleine zu verantworten. Keine Frau, über die ich mich ärgern musste.“

Ein sonorer Ton störte das allmorgendliche Treiben. Zeit in die Schulklassen zu gehen.

„Och, ist es denn schon so spät?“ Sie ärgerte sich, nicht noch einige Worte mit Henry wechseln zu können.

„Wann gehen wir denn?“, wollte er wissen. Die Kollegen packten ihre Com­pubooks, tranken rasch die Tassen leer und verabschiedeten sich beim Hi­nausgehen voneinander. Alle wirkten sehr diszipliniert.

„Ich bin um vier fertig“, sagte Maya.

„Ich auch.“

„Prima! Also, um kurz nach vier hier im Lehrerzimmer?!“

„Ich freu mich“, sagte er. Diesmal gab er ihr einen Wangenkuss. Sie lächelte ihr Klein-Mädchen-Lächeln. Dann nahm auch sie ihre Sachen und begab sich in Richtung Klassenzimmer Nr. 1328. Jetzt ging es zur Arbeit. Ein langer, ste­riler Gang, eine Biegung, noch ein Gang, länger als der erste. Alles in weiß, unterbrochen von nur weni­gen, riesigen Gemälden, die in grellen Farben und Formen gefertigt worden waren - maschinell wahrscheinlich. So richtig hatte sich Maya gar nicht auf diesen Unterrichtstag vorbereitet. Prinzipiell brauchte sie das auch gar nicht. War sowieso meist das Selbe. Und so wahnsinnig viel Neues bekamen sie auch nicht in die Lehrpläne. Die Klassenzim­mertüre glitt erst lautlos zu, als auch sie den Raum betreten hatte. Zwanzig Schüler und Schülerinnen saßen ruhig auf ihren Plätzen an den Bildschirmen, die so ange­bracht waren, dass der Lehrer die Ge­sichter der Kinder gut erkennen konnte. Die Uniform dieser Schule war weiß mit türkis-blauen Streifen auf den Schul­tern. Je nach Klas­senstufe gab es einen Streifen mehr. Ansonsten unterschie­den sich die Uniformen überhaupt nicht. Jeder trug Overall mit der dazugehö­rigen Technik. Darunter waren die standardisierten Kommunikationssysteme und die obli­gatorischen Körperfunktions-Überwachungen zu verstehen. Schulspe­zifisch gab es zusätzlich die Konzentrationsmesser. War ein gemein­schaftlicher Pegel erreicht, so wurde dem Lehrer auf seinem Compu­ter ein Zeichen übermittelt, die Stunde baldmöglichst zu unterbre­chen. So blieben die Lehrzeiten flexibel und den Bedürfnissen der Kin­der gut angepasst.

Das Durchschnittsalter in dieser Klasse betrug acht. Mayas Fächer beinhalte­ten Englisch, Marskunde und Grundtechnolo­gie. In den Stufen sprang sie des Öfteren, wie es der Lehrplan nun einmal verlangte. Die Achtjährigen waren ihre Jüngsten. Sie unter­richtete auch Klassen mit 16 bis 18jährigen. Doch die Jüngeren waren ihr lieber. Da waren die Fragen noch nicht so kritisch. Und nicht so zweifelhaft. Wie ihr das widerstrebte, wenn die, gerade aus der Puber­tät heraus Gewachsenen, so viele unbequeme und erschreckend be­rechtigte Fragen stellten. Die Hälfte davon konnte oder wollte sie selbst gar nicht be­antworten.

„Guten Morgen!“ Sie setzte sich an ihren Bildschirm. Hinter ihr die große Screen, auf der sie sämtliche wichtigen Darstellungen sichtbar machen konnte.

„Guten Morgen, Frau Barnhem!“, schall es ihr entgegen. Disziplin wurde be­reits in den allerersten Klassen groß geschrieben. Eine Stadt wie New San Francisco konnte sich keine Quertreiber oder ausrut­schende Individualisten leisten. Keine Stadt dieser Zeit konnte das.

 


 

04 – Ein Vorfall

Der Unterricht verlief zunächst ohne irgendwelche Besonderheiten. In den ers­ten beiden Stunden unterrichtete sie Marskunde. Die Kinder zeichneten gerade ver­schiedene Ansichten des Planeten. Die einen waren mit der Tharsis-Seite be­schäftigt, die anderen mit der Syrtis-Seite. Auf der Syrtis-Seite war auch das riesige Elysium-Vulkangebiet, an dessen Rand die Sta­tion lag, in der Rowjo lebte. Unweigerlich wurde Maya in jeder Mars­unterrichtsstunde an ihn und ihre ungeheure Distanz zueinander erin­nert. Beim Zeichnen zumindest war die Klasse recht ruhig und be­schäftigt. Dann ein durchdringender, heller Piepston aus den hinteren Reihen, der die Situation sofort veränderte. Alle kannten diesen Ton und jeder der Schüler reagierte umgehend. Geschrei, Stühle fielen um, die Kinder rannten aus dem Klassenraum. Auch Maya hatte sich bei diesem Ton sofort aus dem Zimmer zu begeben. So wollten es die Sicherheitsvorschriften.

„Es wird gleich jemand kommen“, sagte sie noch zu dem verängstig­ten Mäd­chen, das nunmehr als Einzige auf ihrem Stuhl sitzen geblie­ben war und mit Entsetzen in ihren Augen auf das rote Blinken ihrer Brust starrte, wo ihr Ge­sundheitscheck-Sonor angebracht war. Maya zögerte etwas. Ihr Inneres sagte, sie solle zu dem Mädchen gehen und es trösten, ihr helfen. Doch das hätte fatal sein können. Wer konnte schon sagen, mit was sich die Kleine infiziert hatte? Sie schloss die Türe von außen und pustete die Luft hörbar aus. Die übrigen Kinder beruhigend, wartete sie auf die Leute von der Epidemic, die in Kürze eintreffen würden.

„Was hat sie denn?“, wollte ein Junge wissen.

„Ist es schlimm?“, fragte ein anderer.

„Das kann man jetzt noch nicht sagen, Kinder“, sagte Maya. „Es wird nichts Schlimmes sein. Wir sind hier in der Stadt sehr gut beschützt.“

„Aber wenn sie sich mit etwas Schrecklichem angesteckt hat?“

Da kamen sie wieder, diese Fragen, die sie selbst so oft beschlichen und die sie so gerne verdrängte.

„Vielleicht hat sie nur zuviel süße Sachen gegessen“, entgegnete Maya sach­lich.

„Schlägt denn der HCS dann auch Alarm?“, wollte ein anderes Mäd­chen wis­sen.

„Der Health Control Sonor ist dazu da, euch alle vor Krankheiten oder Schmerzen in eurem Körper zu bewahren“, erklärte Maya. „Wenn etwas nicht in Ordnung ist, ihr Fieber bekommt oder ungewöhnliche Magen- oder Darm­geräusche wahrnehmbar sind, dann schlägt er Alarm. Nur so können die Ärzte rasch kommen und helfen.“

„Da kommen sie ja schon!“, rief ein Junge. Drei Männer in Schutzan­zügen liefen um die Ecke den Gang entlang. Sie hatten Atemmasken auf und ihre Schutzanzüge waren vollkommen versiegelt. Durch ein kleines Mikrofon am Mund konnten sie sich verständigen.

„Sind sie die Lehrerin?“, fragte der erste, während die anderen beiden in den Klassenraum gingen.

„Ja, ja … Das bin ich“, antwortete Maya.

„Ich muss ihnen ein paar Fragen stellen.“

„Ist gut. Augenblick!“ Maya tippte kurz an ihr Schlüsselbein, um eine Ruf­nummer zu aktivieren.

„Ja. Maya hier, Maya Barnhem aus 1328, Block F. Ja, genau. Hören sie, wir haben hier gerade einen kleinen Vorfall. Die Leute von der Epidemic sind da. Ja, genau - von der Epidemic. Könnten sie bitte jemanden von der Bereit­schaft schicken? Ich muss ein paar Fragen beantworten. Ja, ja, ganz richtig. Ich danke ihnen.“

„Ihr Name ist Maya Barnhem?“, fragte der Mann emotionslos.

„Ja, richtig.“

„Wie lange arbeiten sie schon an dieser Schule?“

„Ich . . .hier? Ich muss überlegen, warten sie . . . seit, du meine Güte, ich glaube das sind jetzt schon bald 16 Jahre.“ Ihr wurde bewusst, wie lange sie diesem Beruf schon nachging und dass sie seither nie etwas anderes gemacht, geschweige denn auch nur mal in einer anderen Schule gearbeitet hatte.

„Hatten sie schon einmal einen Vorfall?“ Der Mann notierte nichts. Das Ge­spräch wurde aufgezeichnet und später zur Datenverarbeitung gegeben.

„Nein. Nein, keinen Vorfall. Bei mir ist noch nie ein Kind ernsthaft krank ge­wesen.“

„Ernsthaft?“, fragte der Mann zurück.

Maya versuchte, sein Gesicht durch den Sichtschutz, den er trug, zu erkennen - vergeblich.

„Was verstehen sie unter ernsthaft?“, fragte er.

„Also, entschuldigen sie mal bitte! Ist das hier ein Verhör? Bei mir war noch nie ein Kind krank.“

„Frau Barnhem, wir sind von der Epidemic und benötigen ihre Anga­ben. Ich denke, ihnen wird bewusst sein, wie enorm wichtig jegliches Detail ist, um eine ausreichende Nachbehandlung und entsprechende Vorsorge für ein Ver­hindern weiterer Fälle zu ermöglichen.“

Im gleichen Moment wurde das Mädchen aus dem Klassenraum ge­tragen. Eingekleidet in einen ebenso hermetisch versiegeltem Anzug, jedoch in einer anderen Farbe, rot. Durch den Helm war ihr Gesicht nun auch nicht mehr zu sehen. Maya bekam ein beklemmendes Ge­fühl. Sie schaute der hilflosen Klei­nen hinterher.

„Was geschieht denn nun mit ihr?“

„Bitte beantworten sie zunächst nur meine Fragen“, sagte der Mann, der sich gar nicht weiter um den Abtransport kümmerte.

„Oh, da kommt jemand von der Bereitschaft“, sagte Maya. Sie kannte die Kollegin. Es war Metis, eine ruhige, ältere Frau. Ihre grauen, ein wenig filzigen Haare hatte sie zu einem riesigen Knäuel zusammenge­bunden.

„Metis.“

„Maya! Was ist denn nur passiert? Die Epidemic?“ Metis schaute kri­tisch zu dem bewegungslosen Mann.

„Ich weiß auch nicht. Eine Schülerin, Nina Crueger. Ihr HCS hat plötzlich angeschlagen.“

„Du meine Güte!“

„Kommen sie bitte mit?“, sagte der Mann. Es lag Nachdruck in seiner Stimme. Maya blickte fragend zu Metis.

„Ja, die sind so“, sagte diese. „Am besten, du beantwortest ihm die Fragen und kommst dann ins Lehrerzimmer. Bis nachher.“

Metis sammelte die Schüler zusammen und brachte sie in einen nahe gelege­nen Pausenraum. Maya folgte dem Mann. In den öffentlichen Blöcken und Bereichen der Stadt gab es überall kleinere Notfallzellen. Diese Zellen waren mit dem Nötigsten ausgestattet, was für Notfälle gebraucht wurde. Medizini­sche Soforthilfe in Form von gut bestück­ten Koffern, Kommunikationssys­teme, Strahlenanzüge und letztlich auch ein Tisch mit ein paar Stühlen, wo sich Fragen in Ruhe beant­worten ließen. Zugang zu diesen Zellen hatten sämtliche Sicherheits­kräfte der Distanz, der Epidemic, gehobene Beamte des Bevölkerung­samtes, der Feuerschutz und jegliches medizinisches Personal, das dazu autorisiert wurde. Nachdem sie den Gang verlassen und einen anderen fast bis zum Ende durchgegangen waren, tippte der Mann einen Code in das Display an der Tür. Die Zelle öffnete sich.

„Setzen sie sich!“

„Ich muss ihnen ehrlich sagen, ich fühle mich wie eine Verbrecherin.“

„Haben sie irgendetwas getan?“, fragte der Mann zurück.

„Nein.“

„Dann können sie ganz entspannt bleiben! Fahren wir fort! Sie sind seit 16 Jahren an dieser Schule beschäftigt und hatten noch keinen Vorfall wie den heutigen!“

„So ist es.“

„Das Mädchen heißt Nina Crueger!“

Maya nickte.

„Antworten sie bitte mit ja und nein, weil dies nur eine Tonaufzeich­nung ist!“

„Ja.“

„Wie lange unterrichten sie Nina Crueger schon?“

„Die ganze Klasse wird von mir seit drei Monaten unterrichtet.“

„Ist ihnen an dem Mädchen etwas Ungewöhnliches aufgefallen? War sie an­ders als die anderen Schüler?“

„Hm, nein. Kann ich nicht sagen. Die Klasse ist durchschnittlich und nicht besonders auffällig. Die kleine Nina auch nicht.“

„Kennen sie die Familie von Nina Crueger?“

„Nein, noch nicht.“

Noch nicht?“

„Einmal im Jahr kommen die Eltern zu uns, um den Fortgang ihrer Schütz­linge zu besprechen. An dieser Schule wird darauf großen Wert gelegt. Und ich persönlich finde es auch sehr wichtig, früh genug mit einer Richtungswei­sung zu beginnen.“

„Gut, gut. Das hat demnach noch nicht statt gefunden, richtig?“

„So ist es.“

„Wissen sie denn, in welchem Umfeld das Mädchen lebt?“

„Was meinen sie mit Umfeld?“, fragte Maya.

„Vergessen sie die Frage. Geben sie mir bitte ihre persönliche Daten­karte, ihre ID?“

Er scannte Mayas Daten kurz in einen Computer, der kaum größer als seine Handfläche war. Nach wenigen Sekunden schaute er auf den winzigen Bild­schirm darauf und nickte.

„Sie wohnen im ISIU 33! Arbeitet ihr Mann direkt bei der Raumfahrt­gesell­schaft?“

„Selbstverständlich“, sagte Maya nickend. „Mein Mann ist bei Oxypro II tä­tig.“

„Auf dem Mars?“

„Ja, auf dem Mars.“

„Ein sehr anerkennenswerter Job“, sagte der Mann. „Ich denke, dass sich da­mit alles Weitere erledigt hat. Ich wünsche ihnen noch einen schönen Tag, Frau Barnhem!“

Der Mann stand auf und deutete auf die offene Türe.

„Erfahre ich denn, was mit Nina ist?“

„Sie hören von uns, Frau Barnhem.“

„Wiedersehen!“

„Wiedersehen!“

Als sie draußen war, glitt die Türe hinter ihr wieder zu.

Sie strich sich die Haare aus dem Gesicht und ging geradewegs zurück zur Schule. Im Lehrerzimmer war niemand, da die Stunden noch nicht vorbei wa­ren. An einem Getränkeautomaten nahm sie sich eine Tasse Tee und setzte sich damit erst einmal einen Moment hin. Was war das gewesen? In der Theo­rie hatte sie gelernt, wie sie sich in solchen Fäl­len zu verhalten hatte. Das war im Grundlehrgang der Schule vermit­telt worden. Zusätzlich lernten alle bei den Bürgertagen die korrekten Verhaltensweisen in Notfällen. Die Bürgertage! Das war auch so eine Sache. Einmal im Jahr wurden die Bürger Bezirk für Bezirk über die aktuellsten Sicherheits- und Notfallmaßnahmen informiert. Abwe­sende bekamen eine Aufzeichnung zugeschickt, die es zu quittieren und bestätigen galt. Gegenüber der Epidemic hatte sich jeder stets kooperativ zu verhalten. Die Leute von der Epidemic hatten den Sta­tus staatlicher Sicher­heitskräfte, waren somit also bevollmächtigt, Menschen abzuführen und in Gewahrsam zu nehmen. Den einzigen Grund, den sie dafür benötigten, war ein dringender Verdacht auf eine ansteckende Krankheit. Maya rührte im Tee herum. Etwas war anders in diesen Tagen. Ihr Alleinsein, dieses monatelange Alleinsein. Kein Wunder, dass sie das zum Nachdenken brachte und Fragen aufwarf, die ihr sonst unwichtig erschienen. Von Vorfällen wie mit der kleinen Nina hatte sie schon gehört oder in den Nachrichten gesehen. Diese persönli­che Erfahrung jedoch war etwas ganz anderes. Wie erschro­cken und verzwei­felt das Mädchen sie angeschaut hatte. Hoffentlich würden sie ihre Eltern schnell benachrichtigen. Sie nahm noch einen kräftigen Schluck aus ihrer Tasse. Sie stellte sie dann ab und ging einen kurzen Durchgang entlang, der in ein großräumiges Büro führte. Eine Frau saß alleine an einem gläsernen Schreibtisch. Außer diesem Schreibtisch, einem Computer und einigen ande­ren Bildschirmen an der Wand gab es in diesem Büro lediglich einen weißen Tisch mit vier Stühlen und einer großen, weißen Vase, in der elegante Blumen stan­den. Dies war das Sekretariat der Schule.

„Hallo, Frau Wehr!“, sagte Maya freundlich.

„Ach, Frau Barnhem. Ich grüße sie. Was kann ich für sie tun? Haben sie denn gar keinen Unterricht?“, fragte Frau Wehr, die in etwa Mayas Alter hatte. Frau Wehr schminkte sich gerne grell, war dem Wesen nach aber eine Buchhalterin durch und durch.

„Frau Wehr, es geht um eine Schülerin von mir, Nina Crueger.“

Frau Wehr tippte den Namen sogleich in ihre Tastatur.

„Ja, was ist denn mit der Kleinen?“

„Können sie mir sagen, wo das Mädchen wohnt? Ich müsste mal mit den El­tern sprechen.“

„Ach, Frau Barnhem, da muss ich zunächst die Eltern anfragen. Sie wissen doch, Datenschutz und so. Huch!“ Frau Wehr schaute ver­dutzt auf ihren Bildschirm.

„Was ist denn?“

„Die Zugangsseite zu der Kleinen ist gesperrt. Kein Zugriff. Das ist aber selt­sam.“

„Das ging ja schnell“, meinte Maya.

„Wie?“

„Ein paar Männer von der Epidemic waren gerade hier und haben Nina abge­holt.“

„Du liebes Lieschen! Das ist aber eine Weile her, dass wir hier mit der Epide­mic zu tun hatten. Was war denn los? War es schlimm?“ Unbe­wusst rückte Frau Wehr ein klein wenig von ihrem Schreibtisch ab, um Maya nicht so nahe zu sein.

„Frau Wehr, nicht ich bin krank, sondern die kleine Crueger.“

„Ja, ja. Verstehe schon. Na, da sollten wir uns aber dann nicht einmi­schen. Ist ja klar, dass der Zugang versperrt ist. Das ist jetzt Sache der Epidemic.“

„Na ja. Sie werden schon Recht haben. Dann bis später, Frau Wehr.“

„Wiedersehen.“

Maya lief zum Pausenraum, in den Metis ihre Klasse gebracht hatte. Dort tollten die Sprösslinge sorglos herum und genossen die freie Zeit. Metis hatte sich mit einem Buchcomputer in die Ecke gesetzt.

„Und?“, fragte Metis. „Was wollten die?“

„Ach, ich denke, dass ist reine Routine“, sagte Maya, die ihre innere Erregtheit nicht erkennen ließ. Sie fand diesen Vorgang ungeheuerlich. Erst recht, weil die Daten des Mädchens in einer solchen Geschwin­digkeit gesperrt wurden.

„Die Arme. Hoffentlich nichts Ernstes“, sagte Metis. „Aber weißt du, Maya, wenn die Epidemic schon kommt, ist es eigentlich nichts Harmloses. Kennst du das Mädchen näher?“

„Wieso fragst du?“

„Na, wegen der Umstände. Die Leute von der Epidemic sind doch immer so misstrauisch. Wegen der Herkunft der Krankheit und so.“

Maya ließ die Arme baumeln und gab sich ahnungslos, was sie letztlich ja auch war.

„Du, die werden schon wissen, was sie tun.“

„Ja, du hast vollkommen Recht. Ist ja nicht unsere Angelegenheit, nicht wahr? Sag mal, übernimmst du jetzt wieder?“

„Ja, du kannst wieder gehen“, sagte Maya. „Ich werde mit den Kin­dern nach dieser Stunde hier in einen Ausweichraum gehen und Technologie halten.“

„Ist gut, bis später.“

Metis verließ den Pausenraum der Kinder. Ein anderes Mädchen, Jole, wollte gerade an Maya vorbeigehen. Sie hielt das Mädchen fest.

„Sag mal, Jole, du sitzt doch neben Nina?“

„Hmm“, gab Jole nickend zu verstehen.

„Hast du mit ihr denn auch schon öfters mal was zusammen gemacht? Nach der Schule?“

„Nö.“

„Aber ihr redet doch miteinander, oder nicht?“

„Ja, schon“, sagte Jole, „Aber die Nina wohnt ja ganz woanders und sagt auch nie viel von zu Hause.“

„Wo wohnt sie denn?“, fragte Maya.

„Weiß nicht“, sagte das Mädchen Schulter zuckend.

„Die wohnt doch ganz im Norden der Stadt, am Wasser fast“, mischte sich ein Junge ein, der an einem Tisch saß und in der Nase bohrte.

„Am Wasser kann man ja gar nicht wohnen“, blökte ein anderes Kind weiter hinten. „Ist ja außerhalb der Stadt.“

„Hab ja auch fast gesagt, du Knalltüte!“

„Wisst ihr denn, in welchem Gebäude die Nina wohnt? Ich würde nämlich gerne den Eltern Bescheid sagen, dass Nina abgeholt worden ist.“

„Ach, die kriegen doch sowieso Bescheid“, sagte ein besonders kluger Junge. „Wahrscheinlich hat es bei denen längst geklingelt.“

Wie Recht er doch hat, dachte Maya.

„Ja, aber wir würden doch alle gerne wissen, wie es der kleinen Nina geht, oder?“, meinte Maya. Der Ton zur Beendigung der Stunde surrte.

„Na gut“, sagte sie, als die Kinder alle durcheinander sprangen. „Dann geht jetzt in die große Pausenhalle. Danach kommt ihr wieder hierher. Dann weiß ich auch, welchen Klassenraum wir benutzen können. Der andere ist versie­gelt worden.“ Die Kinder stürmten aus dem Raum.

„Ich glaube, die Nina hat sich immer geschämt, weil die in so einem kleinen Haus wohnen. Ganz alt und so“, sagte Elara, ein anderes Mädchen.

„Woher weißt du das denn?“, fragte Maya, die sich zu Elara hinunter­beugte.

„Na, Nina hat es mir erzählt. Da haben wir alle mal zusammen ge­standen und von unseren Wohneinheiten erzählt und wer das größte Zimmer hat und so. Der Berni wohnt ja super toll im ISIU 50, glaub ich. Ganz oben. Dem sein Vater ist Chef bei der Compusoft.“

„Ach, das ist ja klasse!“, heuchelte Maya.

„Na, und Nina hat gar nix gesagt. Hab sie dann aber später noch mal gefragt und da hat sie gemeint, sie wohnen gar nicht in einem Ge­bäude der Raum­fahrtgesellschaft.“

„Das ist doch aber nicht weiter schlimm, Elara. Es gibt genügend Gebäude, die nicht der Gesellschaft gehören. Und die sind ge­nauso schön wie alle ande­ren.“

„Weiß nicht“, meinte Elara, wobei sie die Augen verdrehte. „Nina findet das Haus, in dem sie wohnen, blöd. Sie meinte, dass da ein Sonnenimi drauf ge­baut ist und deshalb die ganzen oberen Etagen nicht bewohnbar sind. Und weil das Haus nicht der ISIU gehört, wird da auch nie was repariert.“

„Das kann man so wirklich nicht sagen, Elara. Nun geh aber mal zu den ande­ren. Ihr müsst alle etwas essen. Wir sehen uns dann gleich in Technologie.“

„Bis gleich, Frau Barnhem.“

„Ja, bis gleich.“

 


 

05 - Abendessen

„Und was sagst du dazu?“, fragte Maya. Sie saßen beim Aperitif. Henry hatte ein sehr gemütliches Restaurant ausgesucht, in dem es thailändische Küche gab. Rundherum, in zweieinhalb Metern Höhe, waren durchgehende Aquarien in die Wände eingelassen, in denen bunte Fische und Anemonen sich tum­melten. Gedämpftes Licht und sphärische Musik untermalten die überaus in­time Atmosphäre dieser Lokalität. Die Gäste saßen nicht in einem großen Raum, vielmehr in kleinen Nischen, von wo aus sie lediglich einen guten Blick auf die zentrale Bar und die indirekt angeleuchteten Buddhastatuen aus Stein hatten. Henry seufzte.

„Was soll ich dazu sagen, Frau Lehrerin?“

„So kann man doch nicht mit Menschen umgehen, mit Kindern.“

„Nun – der Umgang, den wir heutzutage miteinander pflegen, ent­spricht doch ohnehin nicht mehr unbedingt dem Ideal, oder?“

„Ach, Henry! Die Leute waren schon immer egoistisch und rück­sichtslos.“

„Meinst du?“ Er blickte sie mit heraufgezogenen Augenbrauen an. Maya fand, dass Henry den Charme seiner Gesichtszüge stets bis aufs Äußerste ausreizte.

„Da wird ein kleines Mädchen, acht Jahre alt, von wildfremden Män­nern in Raumanzügen abgeholt, selbst in einen luftdicht abgeschlosse­nen Gummian­zug gesteckt, nachdem es, starr vor Schrecken, einen Alarm ausgelöst hat, von dem es auch noch weiß, dass er bedeutet, sie habe sich mit einer schlimmen Krankheit infiziert. Und keiner von den Herren hält es für nötig, ein paar nette Worte zu sagen oder kommt vielleicht sogar mal auf die Idee, mich zu fragen, ob ich mit­fahren möchte. Außerdem kommt man schon Minuten nach diesem Vorfall nicht mehr an die Akte der Kleinen heran und alle tun so, als sei dies das Normalste von der Welt.“

„Hast du so etwas denn tatsächlich noch nie erlebt?“, wollte Henry wissen. Er nippte an seinem Whiskey Sour.

„Nein, habe ich nicht. Ich kenne nur die Übungssequenzen aus den Bürgerta­gen.“

„Na, immerhin musst du zugeben, dass wir seit den großen Pande­mien 2007 bis 2095 keine nennenswerten Probleme mehr mit Seuchen oder sich aus­breitenden Krankheitserregern hatten.“

„Ich kenne es nicht anders, Henry“, sagte Maya. „Außerdem bist du es doch sonst immer, der dieses System kritisiert und sich über die Ma­chenschaften von denen da oben aufregt.“

„Das habe ich so nie gesagt.“

„Natürlich nicht – würde ich ja auch nicht“, sagte Maya. Eine in einem traditi­onellen Gewand gekleidete Bedienung näherte sich höflich und lächelte die beiden an.

„Wissen sie schon, was sie speisen möchten?“

„Danke – wir brauchen noch einen Augenblick. Vielen Dank“, sagte Henry, worauf sich die hübsche Thailänderin wieder entfernte.

„Ich bin mit dir ganz bewusst in dieses Restaurant gegangen, Maya“, meinte er zu ihr gewandt. „Wir können hier ungestörter und unbeo­bachtet reden. Ich weiß aus erster Hand, dass es hier weder Kameras noch Abhöranlagen gibt.“

„Na, damit habe ich auch nicht gerechnet“, sagte Maya verblüfft.

„Du weißt aber schon, dass es solche Vorrichtungen in vielen öffentli­chen Gebäuden gibt.“

„Sicher – die meisten Kameras sieht man ja auch. Ist doch in gewisser Weise sogar zu unserem Besten.“

„Na ja. Wie man’s nimmt“, sagte Henry. „In den Gegenden, in denen wir uns bewegen, ist schon seit Jahrzehnten nichts Ernsthafteres mehr passiert.“

„Die Städte sind eben sicher“, entgegnete Maya. „Und darüber bin ich auch heilfroh. Nichtsdestotrotz scheinen sich hier Dinge abzuspie­len, die sich nicht schlüssig darstellen. Und warum, meinst du, sollte jemand Interesse haben uns abzuhören, sag mal?“

„Die Epidemic war heute bei dir, Maya. Das ist Grund genug. Wer Besuch von der Epidemic hatte, wird überwacht. Dessen kannst du dir sicher sein. Zumindest bedingt. Wahrscheinlich aber haben sie ge­sehen, dass Rowjo bei Oxypro II arbeitet. Dann bist du sowieso schnell aus dem Schneider.“

„Aus dem Schneider? Sag mal, ich . . .“ Henry fiel ihr ins Wort: „Was die Überwachung angeht, meine ich. Die Leute von der Epidemic ge­hen Fällen von Infizierten bis ins kleinste Detail nach. Und ich kann dir auch verraten, weshalb.“

„Na, ich bin gespannt. Ich schau derweil mal in die Karte.“

Henry tat es ihr nach. Als beide etwas ausgesucht und bestellt hatten, nahm Henry nochmals einen guten Schluck seines Aperitifs.

„Alarmierende Infekte kommen nur noch von außerhalb“, sagte er. „In der Stadt selbst gibt es so gut wie gar keine Keime mehr. Aber da genügend Transfers stattfinden, jeden Tag und überall auf der Welt, gibt es reichlich Möglichkeiten, wie sich fremde Erreger einschlei­chen können.“

„Die anderen Städte sind doch genauso sicher, Henry.“

„Gewiss – die anderen Städte schon.“

„Woher sollen denn Krankheitserreger sonst kommen?“, fragte sie erstaunt. Nach ihren Kenntnissen gab es außerhalb der Städte gar keine Möglichkeit, sich frei zu bewegen.

„Von draußen“, sagte Henry schlicht.

„Von draußen?“

„Maya, es gibt noch immer Leute, die ohne den Schutz der New-Städte über­leben. Diese Leute leben draußen. Und angeblich sehr zahlreich. Sie leben nicht so wie wir und ganz bestimmt geht es ihnen auch nicht sonderlich gut. Aber irgendwie haben sie es geschafft, sich mit den Bedingungen zu arrangie­ren.“

„Wie kann man denn außerhalb einer Stadt überhaupt atmen?“ Sie schüttelte verständnislos den Kopf.

„Ich kann dir darüber jetzt nicht viel sagen“, sagte Henry. „Aber ich weiß, dass es so ist. Die Leute, die draußen leben, sind keine Bürger – und somit rechtlos. Sie haben keine Identität und sind vollkommen ungeschützt. Und unsere Politiker wissen, dass es so ist.“

„Aber das ist ja ein Skandal. Ich hielt solche Geschichten immer nur für Ge­rüchte.“

„Ich habe dich oft für deine Fähigkeit bewundert, belastende Prob­leme ein­fach auszublenden, Maya. Aber es ist manchmal einfach an der Zeit den Tat­sachen ins Auge zu sehen. Und wegzuschauen ist auf Dauer keine Lösung.“

„Was ist dann die Lösung? Was geschieht zum Beispiel mit der klei­nen Nina?“

„Ich kann es dir nicht sagen. Sie wird etwas eingeschleppt haben. Oder je­mand in ihrer Umgebung hat etwas eingeschleppt. Und das heißt, dass sie oder dieser jemand draußen war oder mit jemanden dort draußen Kontakt gehabt hat.“

„Deshalb ist die Epidemic so hinter jedem her, der mit der Kleinen zu tun hat. Jetzt verstehe ich auch die Fragen von dem Mann.“

„Die werden jetzt akribisch jeden Kontakt in der Umgebung von Nina durchleuchten und nach einer Lücke im System suchen. Und die gilt es dann schleunigst zu schließen. Und zwar nicht nur, damit wir hier in New San Francisco gesund bleiben. Darum geht es längst nicht mehr. Unsere medizini­schen Fortschritte sind so immens, dass wir mit fast allem fertig würden heut­zutage. Gibt aber niemand zu. Denn eine ängstliche Bevölkerung ist wesent­lich besser zu steuern und zu beein­flussen.“

„Du machst Witze.“ Maya machte große Augen.

„Wahrscheinlich ist Nina bereits jetzt schon wieder putzmunter und nach Hause geschickt worden.“

„Denkst du, sie kommt morgen wieder zur Schule?“

„Glaube ich nicht“, sagte Henry kopfschüttelnd. „Man wird sich der ganzen Familie annehmen und sie befragen. Das kann Tage dauern.“

„Woher weißt du das alles?“, fragte Maya, als auch das Essen nahte. Sie beka­men zwei üppig dekorierte und gut gefüllte Platten mit bun­tem Gemüse und köstlich mariniertem Entenfleisch. Dazu servierten sie ihnen gebratenen Reis und verschiedene Saucen.

„Noch etwas zum Trinken?“, fragte die freundliche Thailänderin.

„Ich denke, ich nehme ein Bier.“

„Für mich auch, bitte. Danke.“

Als die Bedienung gegangen war, antwortete Henry:

„Mein Bruder Luno arbeitet doch beim Distanzschutz. Die sind ziem­lich eng mit den Leuten von der Epidemic, benutzen auch die gleichen Datenbanken. Die Stadthalter und Präsidenten dieses Landes, meine Liebe, wollen nicht, dass man von den Menschen außerhalb der Städte erfährt. Sicher - man weiß, dass es hier und dort Überlebende gibt. Aber sie werden als monströse, denk­unfähige Kreaturen dargestellt, denen nicht mehr zu helfen ist. Und davon gibt es ganz gewiss auch einige. Die Berichte von den Leuten des Resourcings sprechen für sich.“

„Resourcing ist ein Hauptzweig der ISIU“, stellte Maya kauend fest.

„Richtig! Viele von denen suchen auf unserem Planeten nach noch verwertba­ren Energien.“

„Aber die Leute, die dort arbeiten, müssen die Menschen dann gese­hen haben, die außerhalb der Städte leben.“

„Ach, Maya. So einfach ist das alles nicht. Schmeckt es dir denn?“

„Es ist vorzüglich. Wirklich großartig. Aber sag mal – ist es nicht so? Wenn die Arbeiter rausfliegen und die Gegend absuchen, stoßen sie dann nicht auf irgendwelche, ja, Siedlungen oder so etwas?“

„Nein! Die Menschen halten sich versteckt.“

„Wie kann man so etwas vor Millionen Bürgern geheim halten? Ich fasse es nicht!“

„Ganz einfach, Maya. Ganz einfach. Uns geht es sehr, sehr gut. Wir sind satt, haben alle eine Aufgabe und verdienen genügend, um herrli­che Urlaube und Reisen zu unternehmen und es uns in jeder Bezie­hung wunderbar gehen zu lassen. Ein voller Magen fragt nicht woher das Essen kommt. Wir sind abge­schirmt in unseren Städten und wenn wir die Intershuttle in eine andere Stadt oder gar in den Weltraum nehmen, sehen wir von der Erdoberfläche rein gar nichts. Nur dichte Schwaden aus Staub, Wolken, Dreck und was sonst noch allem. Selbst wenn unter alledem Menschen herumliefen. Wir sähen sie gar nicht. Und glaube mir, die Hauptflugrouten liegen mit Sicherheit über den Gebieten, die am undurchsichtigsten sind.“

„Wenn ich mir vorstelle, dass es mal ein San Francisco gegeben hat, in dem man am Meer spazieren gehen und Möwen beobachten konnte, mit blauem Himmel. Das muss unglaublich gewesen sein.“ Maya legte sich noch ein paar Scheiben Ente auf den Teller.

„Das war vor all den Katastrophen.“

„Vor den Epidemien, meinst du.“

„Man merkt, dass dein Fachgebiet nicht Geschichte ist.“

„Ich weiß schon, wie die Welt vor 200 Jahren ausgesehen hat“, vertei­digte sie sich. Das Bier wurde gebracht.

„Du weißt also, dass die Dezimierung der Weltbevölkerung nicht al­leine auf die Seuchen zurückzuführen ist, sondern ebenfalls auf die verheerende Wir­kung des Treibhauseffektes, an den damals niemand glauben wollte, an der tödlichen Zunahme des CO² am Boden und der Abnahme in den höheren Luftschichten. Du weißt, dass die Men­schen damals wie die Fliegen in Folge der Weltraumstrahlungen ge­storben sind, an übelsten Lungenkrankheiten und an den Folgen nicht enden wollender Naturkatastrophen. Den extremen An­stieg des Mee­resspiegels um mehrere Meter in zwei Jahrhunderten erwähne ich gar nicht. Das natürliche Gleichgewicht der Erde ist in den letzten zwei Jahrhunderten vor die Hunde gegangen.“

„Und wir leben immer noch“, sagte Maya.

„Das ist das Erstaunliche am Menschen. Er versteht es, alles zu zer­stören und findet immer eine Möglichkeit zu überleben.“

„Das muss eine schreckliche Zeit gewesen sein.“ Maya ließ ihre Gabel sinken.

„Für viele ist es noch immer eine schreckliche Zeit.“

„Und wie geht das alles weiter?“

„Tja!“ Henry schob sich ein großes Stück Ente in den Mund. Er sprach mit vollem Mund weiter: „Den Bürgern ist es egal. Sie haben alles, was sie zum Leben brauchen und kennen die Welt nicht anders. Sie fühlen sich sicher und nehmen ihre Abhängigkeit gar nicht wahr.“

„Abhängig waren die Menschen immer von irgendetwas.“

„Sicher, sicher“, sagte Henry. Er griff zum Bier und beide stießen an. „Aber früher konntest du umsonst Luft atmen und musstest nicht den Erstickungs­tod fürchten, wenn ein wichtiger Oxyproduzent ausfiel. Oder womöglich alle.“

„Das ist noch nie passiert“, erwiderte Maya. „Für jeden Oxyprodu­zenten gibt es Notstromaggregate.“

„Aber es kann passieren, Maya. Und wir sind es nicht, die darüber ent­scheiden oder die Macht haben, die Oxyproduzenten ein- oder auszu­schalten. Das tun andere.“

„Die ISIU?!“

„Zum Beispiel.“

„Was für ein Interesse könnte die ISIU daran haben, zu verschweigen, dass es außerhalb der Städte Menschen gibt?“

„Würden die Menschen außerhalb der Städte dieselben Rechte einfor­dern wie die Bürger, hätten wir ein echtes Platzproblem. Wohin mit all den Leuten? Und woher den Sauerstoff nehmen?“

„Aber ich denke, die leben da draußen auch irgendwie.“

„Irgendwie schon, ja. Aber nicht besonders lange. Jedenfalls ist das erste Problem, dass es keinen Platz für alle Menschen in den Städten gibt. Weißt du eigentlich, was sich in den Zeiten für Dramen ereignet haben, als die New-Städte geschlossen wurden? In unserer beispiels­weise? Als ein Teil der Bevöl­kerung sich in die Stadt zurückzog und ein Teil ausgesperrt wurde? Nämlich die Ärmeren, die niemanden be­stechen und sich nichts leisten konnten, was sie noch unter die schüt­zende Kuppel hätte bringen können? Was glaubst du, wie schnell man diese Menschen vergessen und ignoriert hat. Und wie schnell es Ver­bände gab, die sie aus der Peripherie der Städte verjagt haben. Diese Berichte werden alle nicht mehr gezeigt heute. Niemand erwähnt es oder spricht darüber.“

„Die Kinder kennen die Geschichte aber“, meinte Maya. „Wenn wir über die Entstehung unserer Städte sprechen, werden Themen wie die Umweltzerstö­rung und die Fehler, die die Menschen gemacht haben, besprochen.“

„Es wird aber auch stets behauptet, dass die wenigen, die überlebt haben, sich in die Städte zurückgezogen hätten. Und das ist die Un­wahrheit.“

„Henry, wenn das alles stimmt. . .“

„Es ist wahr.“

„Dann bricht für mich eine Welt zusammen.“

„Ich weiß. Trink noch einen Schluck Bier mit mir.“