Oliver Wendt - Grenzgänger Die Mino-Saga
Teil III - Der Befreier (letzter Teil des Epos)


Fantasy-Epos in drei Teilen


von Oliver E. Wendt

 

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Inhaltsangabe:
 

Minos Kampf gegen den Blauen Dämon nimmt kein Ende. Während die Fürsten der drei Tritanen-Städte sich gegen unfassbar Blutrünstiges erwehren müssen, das in riesigen verhüllten Käfigen an ihre Mauern geschafft wird, drohen weitere Horden der beiden Magier die Ringnebel von Tarominja zu durchbrechen. Das Elfenreich schwebt in großer Gefahr und mit ihm alle Länder der östlichen Gefilde. 

Enika indes, die Mutter von Mino, irrt alleine durch die Große Gebirgskette und lernt, auch ganz ohne ein Einwirken ihrer Verfolger, Wesen kennen, die schon seit Urdekaden feige und hinterhältig auf unwissende Opfer warten. Der tapfere Elrado dagegen sieht sich bald als Gefangener in den dunklen Verließen Maharans und muss darauf hoffen, befreit zu werden. Vielleicht kann der Zauberer Revellin helfen. 

Liegt in Maharan die Lösung des Problems verborgen? Dort, wo sich auch die landesweit gegrabenen Furchen zentrieren und ihre geheimnisvolle Flut in den Bergfried des Gebieters ergießen? Zunächst muss Mino irgendwie in die bewachte Stadt gelangen, doch schon auf dem Weg dorthin richten sich sämtliche Sinne des Gebieters auf ihn. Er spürt, dass der Befreier sich nähert. Mino erlangt mit Hilfe der weisen Elfen sowie auch des klugen alten Schamanen Pawhatú neue Erkenntnisse und Hoffnung keimt auf, das Grauen doch noch zu beenden. Ob die Wahrheit jedoch obsiegen oder das Blut des Dämons sich auch noch über den letzten Rest der freien Länder des Ostens ergießen wird, zeigt sich in diesem letzten Teil der Saga. 

 



 

 

 

 

 

Leseprobe - Der Befreier:
 

Drittes Buch

Erster Abschnitt - Tritan

Käfige des Magiers

 

Dieses Mal verließ sie nicht ohne das Wissen ihrer Mutter den schützenden Wald. Nicht minder aber waren die Sorgen der Herrin um Saniga. Die gesamte Ordnung, auch die der Elfenvölker, zerfiel und formte neue und ungewollte Zustände, die so ganz anders waren, als in den vergangenen Zeitaltern. Und doch erwies sich manches eben genau so, wie es immer schon in ihrer Familie gewesen war. Seit den ihr bekannten Überlieferungen nämlich hatte es stets eine der ihren gegeben, die ausscherte aus den behüteten Traditionen ihres Volkes. Auch Tarominja hatte vor langer Zeit den Elfenwald verlassen. Und Saniga, ihre Tochter, verließ nun ebenfalls das behütende Gestade, dass die Elfen vor der geballten Macht des Gebieters bewahren konnte.
 

Die Herrin der Elfen saß zart und anmutig auf einem Lotussessel, der sich ihr in einem Nebengeäst ergab. Sie schaute in sich und nahm die vielen Vögel und die rankenden Blüten an den Lianen kaum wahr. Welch ein Frieden in Tarominja herrschte. Und wie wohlig er war, wie angenehm und notwendig. Heilend könnte dieser Frieden auf das gesamte Reich gestrichen werden. Aber es zeigte sich kein  Weg die Sanftmut dieses heiligen Landes in die Reiche der Menschen und Zwerge, Riesen und Trolle und der vielen anderen Völker zu ergießen. Sie würde versiegen und unerkannt in das Erdreich sickern. So wie auch der Frieden vor den undurchdringbaren Nebeln zerplatzte wie eine Seifenblase. Draußen tobte der Krieg. An allen Ecken, in allen Winkeln. Und ihre Tochter machte sich auf, in dieses Toben hineinzugehen, mitten hinein. Saniga hingegen quälten ganz andere Gedanken. Elrado, Minos Vater, lag in den Verließen Maharans als Gefangener von Habier. Sie wusste von den Angriffen des Zweiten Magiers auf die Tritanenstädte und dem Jäger Zackarat, der nicht aufhörte Mino nachzustellen. Doch wusste sie nicht wie es Mino ging - ihrem Mino! Dem Helden dieses Landes, dem Befreier, auf dem alle Hoffnungen ruhten. Er würde gewiss versuchen in die Stadt zu gelangen, um seinen Vater zu befreien und den Dämon zu stellen.
 

Leise legte sie sich in eines der vielen luftigen Gemächer aus dunkelgrünem Blatt, in die fleißige Elfenfrauen duftende, heilende und seltene Kräuter gebracht und zu  weichen Betten geformt hatten, damit sich die müden und geschwächten Elfenboten oder auch andere bedürftige Mitglieder ihres Volkes darin ausruhen und Kraft schöpfen konnten. In manchen der Betten lagen bereits andere Elfen und genossen die wohltuende Frische des Waldkrauts. Dem gab sich auch Saniga nun hin. Sie legte sich, schloss die Augen und ließ so viel Wald in sich hineinströmen, wie es ihr nur möglich war. Sie wollte die Kraft und Reinheit dieses Ortes mit sich nehmen, um auf ihrem Weg daraus schöpfen zu können. Nach einer längeren Weile öffnete sie wieder die Augen und lief bedächtigen Schrittes, barfuß in ihr leuchtendes Gewand gehüllt eine gewundene Treppe ganz aus zarten Moosen, die sich vor ihr zusammenflochten und hinter ihr wieder auseinander, hinunter aus den Höhen der Baumriesen bis auf den Erdboden. Viele ihrer Verwandten schauten ihr besorgt aus dem Dickicht nach. Sie hörte ihre Stimmen in ihrem Kopf, ihre guten Wünsche und Ratschläge, aber auch ihre Sorgen. Doch sie war glücklich all diese Gedanken mit sich zu wissen. Die Herrin blieb in ihrem Lotussessel still sitzen, die Augen geschlossen, und verfolgte Sanigas Weg mit all  ihren Sinnen. Sie blieben fest miteinander verbunden. Diese besondere Verbundenheit kostete sie wohl Kraft doch sie war das einzige, was sie ihrer Tochter als Geleitschutz mitgeben konnte. Die Herrin lächelte. Sie verabschiedete sich still mit einem sanften Gruß. Auch Tarominja, die man seit ein paar Tagen schon nicht mehr gesehen hatte, sandte ihre Grüße und versicherte ihren Zuspruch.
 

Du bist fest verwoben in dieses Schicksal, hörte Saniga sie sagen. Folge ihm und ergehe deiner Bestimmung, mein Kind. Wir sind bei dir. Alle Zeit.
 

Welch Elf in diesen Tagen das Land Tarominja verlassen wollte, konnte nicht, wie sonst, über den Ring des Nebels hinwegfliegen. Der Ring war dichter als je zuvor und von keiner der Seiten mehr zu durchdringen. Inzwischen kam niemand mehr herein, aber auch niemand mehr wurde hinausgelassen. Zu groß waren die Gefahren vor den Grenzen des Landes und zu stark der Fluch, der zur Erleichterung aller auf ihnen lastete. Ein Fluch, der sich vor langer Zeit in einen Segen gewandelt hatte und nunmehr seinen großen Wert offenbarte.
 

Den Palast und das Land durfte sie sodann nur zu Fuß verlassen. Als Tochter der Herrin war sie in der Lage, den Nebel zu durchbrechen. Sie vermochte dies aber nur aus diesem einen Grund. Als sie nach wenigen Tagen die ersten feuchten und verschleierten Wiesen betrat, bündelten alle Elfen des Waldes ihre Gedanken in ihre Richtung. Allein mit der Kraft dieser Gedanken formten sie einen schmalen Durchgang, der sich zögerlich vor ihr öffnete. All die wunderbaren Gefühle und Wünsche der Elfen strömten nun durch Saniga hindurch, aus ihr heraus und vor ihr her in genau jene Richtung, in die sie gehen wollte. Und bald gelang es ihr damit den dichten Nebel zu durchschreiten. Erst als sie auf der anderen Seite wieder herauskam, konnte sie ihre Elfengestalt wieder annehmen und davonfliegen. Jetzt gab es für sie kein Zurück mehr. Doch das war auch gar keine Frage. Saniga blickte sich nicht um und hatte nur den einen Gedanken vor Augen: Mino finden! Sie erschrak über den Anblick des Landes vor den Nebelgrenzen. Früher, als der Nebel nur sehr dünn und oftmals gar nur stellenweise auftrat, bot das Bild der Landschaft einen fließenden Übergang. Man konnte gar nicht erkennen, wo Tarominja anfing und die angrenzenden Länder endeten. Als Saniga aber nun über das Land flog, sah sie schmerzliche Unterschiede. Der Nebel trennte klar und abrupt die Grenzen von Hüben und Drüben. Je höher Saniga flog, desto mehr Plätze der Verwüstung erblickte sie. Ein brennendes Dorf auf der linken Seite, ein abgeholzter Wald im Norden, eine Horde wilder Westmannen kämpften mit Bewohnern eines nahegelegenen Sees, verbranntes Land, verwüstete Felder. Je weiter sie flog, je schrecklicher bot sich der Anblick.
 

Tränen rannen ihr über die Wangen. Sie wurden sogleich vom Wind fortgeweht. Zunächst flog sie über viele dichte Wälder hinweg, über Täler und kleinere Berge. Bald schon ließ sie das ungeliebte Zwergenreich hinter sich und erblickte in der Ferne die mächtigen Zinnen der Tritanenstädte. Sie wollte zunächst sehen, wie sich die verbündeten Freunde hielten, wie weit der Zweite Magier sein Unwesen bereits getrieben hatte. Und als der Tag sich dem Ende neigte, erreichte Saniga schließlich dieses vorläufige Ziel. Was sie aber sah, waren nicht die stolzen Städte, die sie aus den Erzählungen ihrer Tante kannte. Einfache Menschen, das waren die Tritanen nicht. Sie wuchsen in den vergangenen Zeitaltern zu einem eigenen Geschlecht heran, an Mut, Tapferkeit und Stolz kaum zu überbieten. Stark waren sie und zäh, ausdauernd und stets bereit sich einem Kampf zu stellen. Saniga ließ sich auf einem entfernten, hohen und knorrigen Baum nieder, der abseits auf einem Hügel stand. Von dort konnte sie die weiten Felder, die um die drei einstmals einzelnen Städte lagen, die Wiesen und das Land gut überblicken. Die Stadt selbst schien noch unberührt von der Angriffsmacht zu sein. Von den Feldern aber war nur noch die Hälfte übrig. Der Rest war verbranntes, niedergemähtes Land, auf dem sich die Armee des Zweiten Magiers niedergelassen und ausgebreitet hatte. Es waren Tausende. Ein unbeschreiblicher Haufen wilder Kreaturen. Saniga war tief erschüttert und schüttelte nachdenklich den Kopf.
In der hereinbrechenden Dunkelheit konnte sie leider nicht mehr alles genau erkennen. Doch viele Fackeln brannten in den Lagern, die drohend vor der Stadt lagen. Daher fielen ihr die riesengroßen Wagen auf, mit Tüchern verhangen und gut bewacht. Saniga wollte zu gerne wissen, was sich darunter verbarg. Eine geheime Waffe musste es wohl sein. Es wäre nicht schlecht, dachte sie, die Tritanenfürsten wissen zu lassen, mit was sie es aufzunehmen hätten. Klein, ganz klein, machte sie sich auf. Sie flog in das größte der Lager, dort, wo auch die Wagen mit den Käfigen standen. Aufmerksam liefen allerorts Wachen herum, spähend, lauernd und misstrauisch. Keine Burdolls, die grunzten oder einschliefen während ihrer Aufgabe oder sich lieber gegenseitig das Leben schwer machten, statt sich um mögliche Angreifer zu kümmern. Vielmehr handelte es sich um Menschen oder Halbwesen, die ihre Arbeit sehr gewissenhaft und ernsthaft erledigten. Dennoch würde kaum jemand eine kleine Elfe wahrnehmen in all dem Lärm des Lagers, dem wilden Flackern der Fackeln und den Unterhaltungen und dem dreckigen Gelächter der Soldaten. Die Wachen jedoch  schauten mit gespitzten Ohren um sich, als Saniga über ihre Köpfe hinweg flog. Zwar wussten sie nicht was sie aufblicken ließ, aber doch schienen ihre Sinne schärfer und klarer zu sein als es sonst üblich gewesen wäre. Saniga flog unbeirrt schnurstracks zu einem der Käfige hinüber und versteckte sich für einen kurzen Augenblick hinter einem Haufen Holz.
Einige Soldaten schritten in voller Rüstung an ihr vorbei. Kurz darauf lugte ein haariger kleiner Kobold um die Ecke eines Zeltes. Seine lange runzlige Nase bewegte sich. Er witterte etwas! Etwas hinter dem Holzhaufen, das nicht dorthin gehörte. Nur mit einem schmutzigen Lendenschurz bekleidet sprang er auf den Holzhaufen und starrte auf die Stelle, wo zuvor noch Saniga gesessen hatte. Elfen waren nicht langsamer als Kobolde. Das war immer schon so. Und auch ein Kobold aus dem Westreich unterlag dieser Tatsache. Der Herrin sei Dank. Die Elfentochter flog zu einem der großen Käfige und landete vorsichtig auf dem Dach. An einer kleinen Metallzinne konnte sie sich festhalten. Ganz behutsam beugte sie sich herunter, um irgendwo ein kleines Loch in dem Tuch zu finden, dass den Käfig verhüllte. Es war schwierig etwas zu sehen, denn oben auf dem Käfig gab es nur wenig Licht. Der Kobold schnüffelte wild und erregt an den Holzscheiten herum, lief um den Haufen und knurrte unbefriedigt vor sich hin. Dann fiel sein Blick schlagartig und zielsicher auf den Wagen mit dem Käfig. Die giftgrünen Augen zu Schlitzen verkleinert, fixierte er das Elfenmädchen, das sich an dem Tuch zu schaffen machte. Er schlich ganz langsam darauf zu.

 

Da! Endlich hatte sie ein Stück weit unterhalb der Zinne, die offenbar die Spitze eines Stabes des aus Eisengittern gebauten Käfigs war, eine Tuchfalte entdeckt, die eingerissen war. Sie flog hin und schaute hinein. Stockdunkel war es im Innern. Ein unangenehmer Geruch drang heraus und feuchte Wärme wehte in langsamen Wellen in ihr Gesicht. Sie musste erst noch einmal Luft holen bevor sie sich traute den Kopf weiter unter das Tuch zu stecken. Als sie es dann tat und ihr Kopf ganz in Dunkelheit gehüllt in den Käfig blickte, sprang der keckernde Kobold auf den Käfig und packte Saniga mit einer seiner krüppeligen Hände an den Füßen.
 

„Hab ich dich!”, sagte er zischend. Doch Saniga machte sich noch kleiner und entglitt ihm in den Käfig hinein. Ihr golden glitzernder Glimmer, den sie nun nach sich zog, erhellte das Innere des Käfigs gerade ausreichend genug, um erkennen zu können. Saniga riss entsetzt die Augen auf und presste sich an die Tuchwand. Ein unerfreutes Grollen entwich der Kehle des finsteren Wesens, das dort unten vor sich hindöste. Es öffnete träge eines seiner Augen. Für den Bruchteil eines Momentes war Saniga versucht in das Antlitz des grausigen Ungeheuers zu blicken. Sein ineinander verschlungener, massiger Körper regte sich nun in dem engen Käfig. Es war nicht ganz das, wofür Saniga es voller Schrecken zunächst hielt, doch musste die Verwandtschaft eng und die Ähnlichkeit groß sein. Saniga wich zurück in die oberste, hinterste Ecke des Käfigs. Der schimpfende Kobold grabschte wieder und wieder nach ihr, griff jedoch jedes Mal ins Leere.
 

Was für eine Kreatur. Sie wagte nicht, auch nur einen Hauch nach links oder rechts zu fliegen und verharrte starr, bemüht, den Blick nicht in die Augen des Monstrums zu richten. Sein Geruch war unausstehlich. Stechend drang er in ihren Kopf. Dick wie ein mächtiger Urwaldbaum lag es da in seinem schuppigen Schlangenkörper, ein Berg aus Kurven und Windungen. Grau-braun schimmerte die rissige Haut des Untiers, dessen Kopf eher dem eines übergroßen Löwen glich, dessen halb offenes Maul drei messerscharfe, dicht bestückte Zahnreihen barg. Am Ende des Schlangenkörpers saß ein schwerer Klotz aus aneinander gereihten Panzer-Wirbeln, die, eines Skorpions ähnlich, in einer gekrümmten Spitze endeten, jedoch nicht aus nur einem, sondern aus unzähligen, kleinen, giftgefüllten Stacheln bestand. Der Schädel erhob sich kahl und nackt. Anstelle von Ohren öffneten sich schleimige simple Löcher an den Seiten. Und dahinter erhob sich ein mächtiger Kragen aus Hahnenfedern, nur viel größer und starrer als bei dem genannten Federvieh. Die Farbe der Augen mochte Saniga nicht deuten. Sie wollte es in diesem Augenblick auch gar nicht wissen, denn es waren Teile eines Basilisken in diesem Geschöpf, welches sich nun langsam auseinander wand, um seinen schweren Kopf zu Saniga zu drehen. Diese bestialische Brut entstammte den verborgenen Zuchtkellern Habiers und war geschlüpft als eine undenkbare Mischung eines Basilisken und eines Manticora. Jedes für sich schon steht für eines der grausamsten Wesen, die die Unterwelt je hervorgebracht hat. Und im Ostreich hatten diese Ausgeburten nie zuvor ihr Unwesen getrieben und lediglich in Sagen und Legenden existiert. Das Elfenvolk kannte diese Kreaturen durchaus, doch begegnen wollten auch sie niemals auch nur einem einzigen Exemplar. Saniga schloss die Augen. Sie konzentrierte sich vollkommen auf ihre übrigen feinen und sensiblen Sinne. Jeden Lufthauch, jeden Atemzug und jede Bewegung des Monstrums nahm sie wahr. Doch das Wesen schoss weder einen seiner Giftpfeile noch brannte es sie mit seinem Atem nieder. Es schnappte nicht nach ihr und schlug nicht um sich. Das Elfenmädchen hörte ihr eigenes Herz in den Schläfen pochen. Näher und näher glitt der mächtige Kopf des Wesens an sie heran, starrte und weitete schnuppernd die Nüstern. Dann spürte sie wie der Kopf zurückwich und sich sein Maul drohend und weit öffnete. Dann schoss dieser Kopf nach vorne und schnappte zu. Saniga wich aus. Geschwind und behände tänzelte sie von einer Ecke in die andere, die Augen noch immer fest geschlossen. Das Ungeheuer in dem Käfig war zu eingeengt, um entsprechend schnell nachfolgen zu können. Es fauchte, verströmte seinen tödlichen Atem und versuchte einige der Stacheln abzuschießen. Doch es gelang nicht, weil es sich nur selbst getroffen hätte. Dem Atem wich Saniga aus. Sie blickte kurz auf, um das Loch wiederzufinden, durch das sie auch hereingekommen war. Das stellte sich als schwierig heraus, da dieser Käfig und der Wagen, auf dem er stand, wahrhaftig riesig waren. Doch plötzlich sah sie den Kobold weit hinten an dem Loch herumfuchteln. Offenbar hatte er noch nicht begriffen, dass Saniga längst nicht mehr in seiner Reichweite war. Viel zu oft übersahen Kobolde das Wesentliche in ihrer Gier. Sie nahm allen Mut zusammen, als das Ungeheuer seinen langen Körper erneut sortiert hatte und sich ihr näherte. Dieses Mal herrschte genügend Spielraum. Es riss die weit offen stehenden kräftigen Kiefer weit auf und katapultierte seinen Kopf nach vorne, genau dorthin, wo das Loch im Tuch sich befand. Der Kobold grinste frech und gehässig, als er Saniga kommen sah. Das Monstrum dahinter beachtete er gar nicht. Saniga verfehlend griff der schmutzige kleine Waldbewohner in die Leere, um gleich darauf unter einem einzigen, fürchterlichen Knacken in den Zahnreihen des Monstrums zu verschwinden. Der Käfig bebte. Der ganze Wagen wackelte gefährlich hin und her und das Ungeheuer begann laut zu wiehern, zu brüllen und zu fauchen. Es war eine unbeschreibliche Mischung aus allem, die jedem, der sich in Reichweite befand, das Mark in den Knochen gefrieren ließ.
 

Saniga schlüpfte durch das Loch und flog so schnell es eben ging höher und höher, nur fort vom Orte des Geschehens. Als sie in gebührendem Abstand, die Augen erneut geöffnet, innehielt, schwebte sie für einen Moment frei in der Luft und schaute auf das aufgescheuchte Lager herunter. Aufgeregte Soldaten und Wachen kamen aus ihren Zelten gerannt und scharten sich um den polternden Käfig. Sie brachten Sklaven herbei, die von allen Seiten des Käfigs unter das Tuch blicken mussten. Die meisten von ihnen fanden sofort den Tod, als der Blick des Wesens sie traf. Die übrigen Umherstehenden interessierte das wenig. Saniga beschloss, sofort zu der größten der Tritanenburgen zu fliegen. Sie musste die Einwohner der Stadt vor der drohenden Gefahr warnen.

 

 


Warnung
 

Zahlreich und gut bewaffnet standen die Wachen der Tritanenfürsten auf der zentralen Hauptburg der drei Städte. Späher waren allerorts auf das Lager des Zweiten Magiers konzentriert und hatten den Fürsten bereits von dem aufkommenden Tumult an den Käfigen berichtet. Die drei Fürstenbrüder standen, in Erwartung eines bevorstehenden Angriffs, erregt und innerlich bebend auf den Zinnen. Da tippte Markgrant seinen älteren Bruder an den Arm. „Da fliegt etwas auf uns zu!”, sagte er leise, kniff die Augen zusammen und versuchte in der dunklen Nacht mehr zu erkennen.
 

„Soldaten!”, rief Trachbarant zu ein paar vorbeilaufenden Männern. „Kommt her und nehmt Pfeil und Bogen! Seht! Da draußen ist etwas!“

„Es scheint sehr klein zu sein”, sagte Svargrot. „Es schimmert und zieht einen feinen Silberstreif hinter sich her. Sehr gefährlich sieht mir das aber nicht aus, Trachbarant.“

„Wir kennen die Tricks und die Zauber dieses Hexenmeisters nicht“, meinte dieser misstrauisch. „Du weißt nicht, was er im Schilde führt.”

Die Soldaten spannten ihre Bögen und zielten auf das herannahende Licht, welches sich endlich, klein wie ein Fingernagel, auf einer der Zinnen niederließ. Die Männer blickten ungläubig und verwirrt darauf. Dann wurden sie von einem gleißenden, stechenden Goldstrahl geblendet, sodass auch die Bogenschützen ihre Augen schützen mussten. Als alle wieder aufblickten, blinzelten sie zu der menschengroßen Gestalt, die sich da vor ihnen zeigte, wunderhübsch und lächelnd. Es verschlug ihnen den Atem. Trachbarant fand als erster die Worte wieder: „Seid ihr von Tarominja gesandt?“

„Nein, Trachbarant!”, antwortete Saniga sanft. Man merkte ihr die Aufregung um das zuvor Erlebte nicht an. „Ich komme zwar aus Tarominja, doch meine Tante hat mich nicht hergeschickt.“

„Tante?”, fragte Svargrot und fügte hinzu. „Dann seid ihr die Tochter der Herrin vom Elfenwald?“

„Ja, so ist es“, antwortete Saniga. Sie glitt von der Zinne, grüßte mit einem freundlichen Nicken und stellte sich vor die Fürsten. „Es ist nicht üblich, dass wir Elfen uns den Tritanen in dieser Form nähern. Mir ist das bekannt und ich bitte um Entschuldigung, wenn ich euch in Schrecken versetzt haben sollte.“

„Herr! Herr!”, rief ein herannahender Mann. Trachbarant drehte sich verärgert über diese Störung um.

„Herr! Verzeiht! Aber der Aufruhr da unten muss etwas anderes als der Auftakt zum Angriff gewesen sein. Es wird schon wieder still.“

„Ja, das ist wohl wahr“, sagte Saniga, bevor Trachbarant etwas erwidern konnte. „Der Grund für diesen Tumult bin wohl ich gewesen. Darum bin ich auch hergekommen.“

„Was ist geschehen? Was wollt ihr uns sagen?”, fragte Markgrant. „Und wie kommt es, dass Elfen noch außerhalb Tarominjas unterwegs sind? Wir glaubten euch alle in Sicherheit bei der weisen Herrin. Niemand kommt doch in diesen Zeiten aus dem Land heraus, geschweige denn wieder hinein.

„Ja, genau! Der Ring des Nebels hat sich doch verdichtet, nicht wahr?“ fügte Svargrot hinzu.

„Ihr habt alle Recht“, meinte Saniga. „Der Ring des Nebels ist nun geschlossen. Ich bin die letzte gewesen, die man noch hindurch gelassen hat. Mehr kann ich euch dazu nicht sagen. Doch ich muss euch warnen! Der Zweite Magier hat ungeahnte Kräfte entfesselt. Er hat Waffen mitgebracht, von denen ihr keine Vorstellung habt.“

„Was für Waffen?”, wollte Svargrot gleich wissen. Er trat einen großen Schritt näher an Saniga heran. Trachbarant hielt ihn grimmig zurück. „Das ist eine Elfe, Mann!”, flüsterte er. Saniga ignorierte den ungestümen Svargrot.

„Ihr habt die hölzernen Wagen gesehen, die der Magier mit sich brachte. Es sind nur einige an der Zahl, aber viele bedarf es auch kaum beim Inhalt dieser Fracht.“

„Zum Teil wurden sie von Zentauren gezogen“, sagte Trachbarant. „Sie waren nie Feinde der Tritanen und ich wusste nicht, dass sie sich feindlich stellen gegen uns oder die übrigen Menschen.“

„Wir können niemandem mehr trauen”, schloss Markgrant an.

„Umso schöner ist es, von einer Abgesandten des freundlichen Elfenvolkes besucht zu werden, muss ich sagen. Ich werte dies als ein gutes Omen.“

„Ich danke dir für die guten Worte, Trachbarant“, sagte Saniga. „Aber Eile ist geboten. Es wird nicht viel nutzen wenn ich euch das Fürchterliche, was sich unter dem Tuch in den Käfigen verbirgt, beschreibe. Doch soviel zu eurer Warnung: Die Ungeheuer entstammen einer Brut aus den dunklen Kellern des Gebieters. Sie kamen aus dem Westreich zu uns herüber, denn hier im Osten konnte etwas derartiges bisher nicht gedeihen. Hört gut zu, was ich euch nun sage...“

Gebannt und aufmerksam nickten die drei Brüder und hörten ihr zu.

„Der Blick eines dieser Monster alleine genügt, um den Tod zu bringen. Schaut diesen Wesen niemals in die Augen. Niemals! Sein Atem versengt die Felder und birgt giftige Schwaden, die ebenfalls den sofortigen Tod mit sich bringen.“

„Oh, bei allen Heiligen!”, sagte Svargrot.

„Es besitzt die Gestalt einer riesigen Schlange, die sich rasch fortbewegen und dabei aus einem giftigen Schwanzende Hunderte kleiner Stacheln verschießen kann. Drei Reihen dicht besetzter scharfer Zähne in einem ungeheuren Kiefer zermalmen ein Dutzend eurer Männer mit einem einzigen Biss. Und der hochaufstehende Federkamm in seinem Nacken will verhindern, dass ihr woanders hinschaut als geradewegs in sein Antlitz.“

„Was für eine Ausgeburt”, sagte Trachbarant.

„So ein Monstrum blickt nur einmal in unsere Reihen. Und das war’s!”, meinte Svargrot. „Was sollen wir denn gegen so eine Macht tun? Können wir überhaupt etwas tun?“ Er schaute erst zu Saniga, dann ratlos zu seinen beiden Brüdern. Das Elfenmädchen lächelte ein wenig und legte ihre Hand auf die von Svargrot. „Ich wäre nicht die Tochter der Herrin vom Elfenwald und auch keine Elfe, wenn ich keinen Rat wüsste.“

Ein leichtes Aufatmen konnten auch diese gestandenen Männer nicht unterdrücken. Saniga blickte sich um, dann nach unten und aufs weite Feld hinaus.

„Es steckt ein Teil eines Basilisken in diesem Ungeheuer. Und ein Basilisk tötet sehr wohl mit seinem Blick, lässt sich mit selbigem aber genauso vernichten.“

„Sollen wir versuchen, dass sich die Biester gegenseitig in die Augen starren?”, fragte Markgrant.

„Nein. Das würde gewiss keines dieser Wesen tun”, meinte Saniga, die einige Schritte von den Männern zu den Zinnen zurückging. „Ihr müsst Spiegel herbeischaffen, so viele ihr könnt!“

„Spiegel?“

„Ja, Spiegel! Am besten, ihr setzt eine große Fläche zusammen, oder mehrere. Sie müssen groß genug sein, dass sich die Wesen darin erkennen können. Sie müssen ihren eigenen Blick sehen. Erst dann werden sie erstarren und keine Gefahr mehr darstellen.“

„Das klingt so einfach“, meinte Trachbarant. „Aber unser Problem ist die Zeit.“

„Ich glaube, auch der Zweite Magier benötigt noch etwas Zeit”, sagte Saniga. „Ich sah aus der Ferne wie viele seiner Sklaven einen Graben ausheben, der nach Maharan führt.“

„Wir haben uns die ganze Zeit schon gefragt, was das zu bedeuten hat.“

„Nun, auch das werde ich euch jetzt nicht erschöpfend erklären. Doch diese Furchen, wie sie genannt werden, fangen die Seelen Getöteter auf und leiten sie zum Dämon.“

„Was für eine abscheuliche Machenschaft”, sagte Markgrant.

„Es gibt keinen dunklen Gedanken, der von den Kreaturen des Westreichs noch nicht gedacht wurde“, sagte Saniga. „Es ist schwer zu begreifen. Aber etwas, das bisher nur in unseren schlimmsten Träumen existierte, ist Wirklichkeit geworden.“

Mit diesen Worten schickte sie sich an, auf einen Vorsprung zu klettern.

„Wo wollt ihr hin?”, fragte Trachbarant. „Wollt ihr nicht bei uns bleiben und ein wenig ausruhen?“

„Ich habe viel und gut geruht“, sagte Saniga lächelnd. „Ich wünsche euch Glück!“

Wieder legten die Männer schützend die Hände und Arme vors Gesicht, um von dem gleißenden Licht der Elfe nicht geblendet zu werden. Erst als sie nur noch als glimmender Punkt im schwarzen Nachthimmel zu sehen war, blickten sie wieder auf.

„Ich wünschte, wir könnten auch viel und gut ruhen”, sagte Svargrot.

„Ja, Bruder!”, meinte Trachbarant. Er blickte der Elfe nach. „Aber wir müssen jetzt Spiegel suchen gehen. Bei allen Heiligen! Wir werden diese Monster schon erledigen.“

„Den Elfen sei Dank, dass sie uns gewarnt haben“, sagte Markgrant.

„Markgrant?“ Trachbarant schaute sie forsch an.

„Ja?“

„Svargrot und du reitet in eure Städte und trommelt alle zusammen, die wissen, wo sie Spiegel herbekommen. Jede Frau, jeden Alchimisten, jeden kleinen Zauberer oder Glasmacher. Geht in Paläste und wohlhabende Häuser! Und vielleicht können wir auch dünnes, poliertes Metall nutzen. Macht hin und beeilt euch!“

„Wohin sollen wir das ganze Zeug bringen?“

„Ich rufe unsere besten Handwerker zusammen, auch Zimmerleute. Sie werden im Vorhof zum inneren Tor der Stadt warten und dort mit den Vorrichtungen beginnen, auf die wir die Spiegel befestigen können. Beeilt euch jetzt!“

Bald waren die Tritanenstädte in hellem Aufruhr. Alle begannen die Häuser und Straßen nach geeigneten Materialien abzusuchen, um die Manticorabasilisken oder wie immer sie diese Brut auch nennen sollten, blenden zu können. An Schlaf war in dieser Nacht ohnehin nicht zu denken.

 

Der Zweite Magier schritt schweigend um den Käfig herum. Er hörte geduldig den Worten eines Zarastren zu, der ihm erzählte, was sich zugetragen hatte. Um den Kobold war es niemandem schade. Dem Magier genügte es, dass er seiner wachsamen und unbändigen Neugierde nachgekommen war. Er hatte seinen Zweck erfüllt.

„Wir werden morgen früh angreifen!”, sagte der Magier, als der Zarast geendet hatte. „Bereitet alles vor und schickt mir die Oberen in mein Zelt!“

Ihm war längst klar, dass es sich bei dem Spion um einen Elfen gehandelt hatte. Er würde die Tritanen warnen. Es galt also nun keine Zeit mehr zu verlieren. Obwohl es die Order gab, zunächst eine der Hauptfurchen für die Zwecke des Gebieters fertigzustellen, damit keine der unterworfenen Seelen verloren ginge, unterbrachen die Oberen die Grabungsarbeiten. Die Tritanen durften keine ausreichende Zeit erhalten, sich auf diesen Angriff vorzubereiten. Wieder wurde Trachbarant Bewegung im Lager des Feindes gemeldet. Es herrschte kein Tumult in diesem Fall. Vielmehr wirbelten sämtliche Soldaten und Scharen, alle Untergebenen und Sklaven des Magiers umher, bauten Gerätschaften zusammen, richteten Waffen, Pferde, formierten sich in kleineren und größeren Gruppen und brüllten wild durcheinander. Alles deutete nun auf einen baldigen Angriff hin.

„Wie weit sind wir mit dem Spiegelglas?”, wollte Trachbarant nach einer Weile wissen. Einer der Garnisonsleiter kam zu ihm auf die Burgzinne.

„Herr! Es ist schwer, spiegelndes Material zu finden. Was wir brauchen ist mehr Zeit, mein Herr!“

„Wir werden einige unserer Leute eigens dazu abstellen weiterzumachen mit der Suche. Die Zimmerer müssen in den Höfen besonders geschützt werden. Alle anderen sollen sich bereit machen zum Kampf! Der Magier bereitet seine Armee vor.“

„Jawohl Herr!” Der Garnisonsleiter salutierte und zog sich zurück.
 

Nun rasselten beidseitig der Mauern die eisernen Waffen und die Rüstungen, die laut aneinander rieben, die Schwerter, die gezogen und geschärft wurden, die Ketten, an deren Enden sich Morgensterne befanden. Einig marschierten die Einheiten der Tritanen zu ihren Positionen, nahmen Stellung rund um die Städte ein, auf den Türmen und den Wehren und Mauern. Sie stellten sich nun dem Unvermeidlichen. Trachbarant stand fest und stolz auf der Mauer. Sein edles und von zahlreichen Kämpfen gezeichnete Gesicht blickte nachdenklich auf den Moloch zu Füßen seiner Stadt. Innerlich rang er mit seiner Fassung ob des Anblicks, der sich ihm bot. Diesseits der Festung scharten sich Männer zusammen, ausgebildet in beinahe jeder Kampfesart. Sie waren zahlreich und entschlossen, mutig wie in allen Zeiten jemals zuvor ohne Schreck und Furcht.
 

Doch jenseits dieser Mauern rottete sich eine Macht zusammen, wie sie im Tritanenreich nie gesehen ward. Trachbarant blickte auf dichte Teppiche finsterer Gesellen, auf gebannte, sabbernde Menschen, auf hungrige und wütende klobige Trolle, Halbwesen und unruhiger Gnome. Dutzende Warbänen, die zähnefletschend darauf warteten in wehrloses Menschenfleisch zu beißen. Zwischendrin sah er die unglücklichen Zentauren, die nicht anders konnten, als sich gegen jene zu stellen, deren Leid sie im Grunde doch teilten. Letztlich blickte er auf die gigantischen Käfige, vor deren Wagen sich nun Zentauren und Hunderte Sklaven spannten. Unter zischenden Peitschenhieben, hievten sie die Wagen in die Reihen der Armee. Hinter jeden Käfig wurde ein gewaltiger Fächer ausgefaltet, der es dem Tier darin unmöglich machte seinen tödlichen Blick in die eigenen Reihen zu werfen. Trachbarant sah weitere hölzerne Gestelle, die in den hinteren Reihen als hohe Türme aufgestellt und herbeigerollt wurden. An einigen von ihnen waren verhüllte Flächen angebracht. Aufhängungen mit schweren Rammböcken, Leitern und riesige Wurfgeschosse kamen zum Vorschein. Trachbarant schüttelte unbewusst den Kopf. Eine entsetzliche Tragödie bahnte sich ihren Weg. Sie würde sich nicht aufhalten lassen. Zum ersten Mal dachte ein Tritanenfürst darüber nach, Hilfe zu holen. Und weil es das erste Mal war, fiel Trachbarant niemand ein, den er darum hätte bitten könnte. Das Reich brannte an allen Enden. Jeder König, jeder Fürst im Land stand in dieser schrecklichen Zeit in Verteidigung und rang nach Mitteln sich zu wehren. Selbst wenn die Tritanen einen mächtigen Freund hätten, mächtiger als sie selbst es waren, stünde dieser im selben Moment an eigener Front, um sich gegen die Schwärze des Westens zu stemmen. Das Tritanenreich dem Untergang geweiht. Machte diese Nachricht erst ihre Runde, lägen Mut und Hoffnung vieler anderer Völker rasch am Boden. Trachbarant drehte dem schaurigen Treiben am Fuße der Städte den Rücken und begab sich in einen der heiligen Tempel der Fürstenfamilie. Der Tempel lag mitten im Zentrum der Stadt, über eine steinerne Brücke von der Burgzinne aus zu erreichen. Auch seine beiden Brüder waren gekommen. Sie wollten ihren Göttern vor dem Kampf huldigen. Im Innern des Tempels versammelten sich zahlreiche Höflinge und Familien der Befehlshaber, auch ranghöheren Soldaten. Als die drei Fürsten die Halle betraten, knieten sie ehrfurchtsvoll nieder. Eine erstickende Stille lag über ihren Köpfen. Bedrückung und die kalte Gewissheit über das, was da käme, schwebten um die mächtigen Steinkolosse der Gottheiten, vor denen Feuerschalen mit duftenden Kräutern brannten. Die Gottheiten der Tritanen waren mit ihnen vor langer Zeit aus dem hohen Norden in diesen Teil des Landes gelangt. Es waren Götter des Himmels, des Donners, der Erde und des Meeres, Götter des Feuers und der Luft, die sie um Beistand baten. Als die drei nach vorne geschritten waren, erhoben sich alle wieder. Trachbarant, flankiert von seinen beiden Brüdern, trat hinter den Hauptaltar des Tempels. Der Priester dieser heiligen Stätte verbeugte sich ehrerbietig vor dem Fürsten und trat zur Seite.
 

„Mel, Nod, Red und Sem...“ begann Trachbarant laut und deutlich mit seiner Ansprache. „Eru und Tul, die wir euch huldigten seit Anbeginn unseres Seins! Verlasst uns nicht an diesem Tag des dunklen Schattens. Beschützt unsere Familien und schenkt uns die Kraft, die wir durch eure Gunst innehielten, um diesem Land die Früchte zu geben, die es verdiente. Ihr Götter! Nehmt mein Leben als Geschenk für mein Volk. Urteilt über die Gerechtigkeit der heutigen Entscheidung und gebt uns die Zeichen, die wir brauchen, um euch zu folgen!”
 

Einige Priestergehilfen schütteten weitere Kräuter in die Schalen und ein Schwall wohlriechender Wolken ergoss sich in die Halle. Die Götterstatuen blickten regungslos und kühl auf die Anwesenden hernieder. Trachbarant wandte sich nun zu seinen Leuten, die beinahe flehend seinen Worten lauschten. Sie alle hatten gesehen, was sich vor ihren Toren zusammen braute.
 

„Und wenn es der letzte Kampf ist, den unser Volk führt“, sagte er bewegt. „Auch dieser Kampf wird ein stolzer sein. Ein Kampf für das Gute, für die rechte Seite des Lebens. Nie haben Tritanen gekämpft, um sich zu beweisen. Für den Frieden kämpften wir, für unsere Freiheit und die Freiheit unserer Freunde. Um unser Leben kämpften wir, für das Leben unserer Familien und für ihr Heil nach deren Tod. Was immer euch begegnen wird dort draußen, verliert nicht euren Glauben an das Wahre. Die Wesen, die sich gegen uns stellen und unseren Untergang fordern, stammen nicht von dieser Welt. Sie gehören nicht hierher! Und ich werde alles, alles tun, um sie aus diesem Lande zu vertreiben!“
 

„Wir werden dir folgen, Bruder!”, riefen Svargrot und Markgrant aus einem Munde, worauf auch die Menge die Stimmen erhob und ihren Fürsten zujubelte. Der Nachhall dieses Jubels verlor sich nur allzu rasch hinter den mächtigen Säulen des Tempels.

 

Mutter! Mutter! Saniga versuchte durch den dichten Nebel des Rings ihre Gedanken zu senden. Sie flog durch die schwarze Nacht gen Norden über die Weiten der Grassteppen hinweg.

Mein Kind, was kann ich für dich tun? Geht es dir gut?, hörte sie erleichtert die Stimme der Herrin.

Es geht mir gut, ja. Doch unsere Freunde, die Tritanen, werden um ihr Leben ringen.

Ja, Tochter. Ich habe es wohl gesehen. Vor den Toren der Fürsten steht der Zweite Magier, der Arm des Gebieters.

Er hat eine Übermacht bei sich, die ihresgleichen sucht, meine Herrin! Saniga fühlte sich hilflos. Die Tritanen werden sich dieser Gewalt nicht stellen können. Sie werden sterben! Sie werden alle sterben, wenn wir nicht etwas unternehmen.

Wir können Tarominja nicht verlassen, meinte die Herrin der Elfen ruhig. Unser Volk muss erhalten bleiben. Du weißt, dass wir nach den großen Kriegen vor mehr als einem Zeitalter nie wieder gegen andere Völker zogen. Und so soll es auch immer bleiben.

Die Tritanen, Herrin, haben den Ring des Nebels in unzähligen Generationen verteidigt. Sie standen eurer Schwester freundschaftlich zur Seite wie kein anderes Volk im Reich.

Mein Kind, ich bin mit unserem Volk nur ein Gast in diesem Land. Was meine Schwester entscheidet in diesen Dingen, steht mir nicht zu in Zweifel zu ziehen. Tarominja ist an Weisheit reich und an Großherzigkeit stark. Glaube mir, unsere Zurückhaltung ist zum Besten aller.

Wie kann Untätigkeit Leben schützen?, wollte Saniga enttäuscht wissen. Wie könnt ihr Tausende Frauen, Kinder und treu ergebene Männer dem Tode ausliefern?

Kind! Einmal dem schützenden Nebel entkommen wird kein Elf das Reich der Tarominja mehr erreichen. Wir wären auf ewig der Unbill der dunklen Mächte ausgeliefert.

Ihr sprecht, als habt ihr bereits akzeptiert, dass sich der Gebieter unseres Landes bemächtigt! Glaubt ihr denn wirklich, dass sich Tarominja inmitten des finsteren Strudels des Gebieters noch behaupten wird?

Mein Kind. Wir tun dies nicht, um nur uns selbst zu schützen. Ohne das Volk der Elfen wären die unzähligen Hilfesuchenden in diesem Land nicht mehr sicher. Tarominja hat die Gabe, allen hier auf ewiglich eine Heimat zu bieten, in das nichts Böses zu dringen vermag. Willst du diesen einmaligen Hort des Friedens zerstören? Willst du vielleicht die einzige Sonne in diesem Meer der Dunkelheit verlöschen lassen?

Eine Sonne, Mutter, scheint nicht nur auf einige wenige herab! Eine Sonne entscheidet nicht auf wessen Wange sie ihre warmen Strahlen setzt. Eine Sonne scheint, bis sie verlischt und denkt nicht darüber nach für wen.

Welch weise Worte, dachte die Herrin der Elfen bei sich. Dieses Kind erstaunt mich immer wieder.

Du bist mutig und reif geworden, Saniga. Sie nannte ihren Namen bewusst und deutlich. Ich werde mich mit meiner Schwester besprechen. Doch zweifle nie an der Weisheit ihrer Worte und verliere nicht deine Zuversicht in den Weitblick deiner Tante. Sie handelt nicht falsch und stets im Sinne aller. Bitte nimm diese Worte mit dir und sei dir meiner Liebe gewiss.

Danke, Mutter! Ich liebe euch auch.

Immer weiter trugen sie ihre zarten Flügel in den Norden. Nachdem sie ein unbekanntes Gebirge hinter sich gelassen hatte, gelangte sie über freies weites Feld. Kalt war ihr. Eine ungewohnte innere Kälte erfasste sie. Doch kalt lag auch das zerschundene Land unter ihr. Und kalt war die Hoffnung so vieler Herzen.

 

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