Oliver Wendt - Grenzgänger

Die Mino-Saga
Teil II - Der Blaue Dämon


Fantasy-Epos in drei Teilen


von Oliver Wendt

 

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Inhaltsangabe:
 

Lange schon ist Mino nun vom heimatlichen Hof fort und hinübergefahren in das von allen gemiedene Westreich, jenseits des todbringenden Meeres. Noch immer mag er nicht glauben, was die Herrin der Elfen in ihm sieht, dass er derjenige sei, der das Böse, das sich längst auch im Osten breitmacht, zu besiegen vermag. 

Während er in einem nahezu toten Land durch tiefe unheimliche Schluchten wandert, seltsamen Erscheinungen widerstehen muss und abscheulichen Riesenvögeln begegnet, nähert er sich mühsam, aber stetig der alten Burg der Maricon, in der sich der Gebieter eingenistet hat. Derweil versuchen seine Eltern, getrennt voneinander,  anderenorts auf ihre Weise den dunklen Mächten zu begegnen. 

Vermeintliche Feinde erweisen sich als Freunde und in der Ausweglosigkeit erscheint doch ein Hoffnungsschimmer, der nicht selten von Saniga, der Tochter der Elfenherrin herrührt. 

Erste landesweite Schlachten werden geschlagen und es dauert nicht lange, bis sämtliche Völker gegen das Dunkel aus dem Westen ankämpfen. Tritanen, Steppenvölker, aber auch Zwerge und scheue Bergwesen stellen sich der fremden Bedrohung in den Weg - und selbst der uralte Fürst der Berge, ein Drachen aus den vergessenen Zeiten der Unterwelt, besinnt sich seiner wahren Bestimmung und stemmt sich gegen den Untergang.

Doch die Boshaftigkeit der allseits bekannten Hexe Hyägia übertrifft alles, was sie den Geschöpfen der Länder bisher antat. Es bleibt fraglich, ob Drachen und von der heiligen Tarominja gesandte Zauberer ihrem Treiben Einhalt gebieten können. 


 

 

 

 

 

Leseprobe Der Blaue Dämon:
 

Prolog

Mit wenigen treuen Gefährten war Mino hinübergefahren ins sagenumwobene und von allen gemiedene Westreich, in dem der finstere Dämon sich verkroch und von wo aus er seinen Machenschaften nachging. Noch war Mino nicht sicher, ob das, was die Herrin der Elfen in ihm sah, auch tatsächlich vorhanden war und er wirklich in der Lage wäre den furchtbaren Dingen, die sich neuerdings in den Heimatländern ereigneten, Einhalt zu gebieten. Doch alle Zeichen deuteten darauf hin, dass der Ort, an dem er dies herausfände, jenseits der tief in das Land gegrabenen Furchen läge, durch die sie sich nun ihren Weg noch weiter gen Westen suchen mussten.

Obschon die traditionelle Wanderung, der Jugendpfad, bei der Mino zum Manne reifen sollte, noch nicht begonnen hatte, bestand der Junge bereits Proben, die kein Älterer bisher erfahren hatte. Jeden Tag wurde ihm ein Stückchen mehr bewusst, was es bedeutete sich im Leben zurecht zu finden und zu erfahren, dass die sorglosen Zeiten auf dem heimatlichen Elternhof nicht das einzige waren, was das Leben bestimmte.

Während er den furchtbaren Stürmen des Westmeeres trotzte und mit Hilfe der meeresbewohnenden Warlanen an das rettende Ufer gelangte, schlug Elrado, sein Vater, sich zu den Barben durch, jenem Volk des Vulkans der Großen Gebirgskette, die ihn und seine Begleiter zu den Reiterhorden der Steppe brachten, die er dringend um Hilfe ersuchte.

Auch Minos Mutter, Enika, hatte sich auf den Weg gemacht. So, wie beinahe jeder Bewohner der endlosen Länder des Ostreichs, begab auch sie sich auf die Flucht vor den Oberen, den Schergen Habiers und des Zweiten Magiers, die nun allerorten ihr Unwesen trieben.

 

Zweites Buch

Erster Abschnitt – Die dunkle Seite
In den Furchen

Das unscheinbare Dorf der Menschen der Vergessenheit auf der Westseite des Ozeans lag verschlafen und still, eingebettet in den schroffen Hornfelsen. Die Geflüchteten lagen alle zusammen in einer Hütte und schliefen fest. Gausino hatte sie in eine Hütte von entfernten Verwandten gebracht. Als er mit Saniga hereinkam, waren Arlo und Kumrado eben aufgewacht. Gausino hatte einen Topf mit einer lecker duftenden Suppe, Brot und einige Holzschalen dabei. Saniga trug einen Krug eines kühlen Getränks und mehrere Becher.

„Ihr könnt Gedanken lesen“, sagte Kumrado, hoch erfreut etwas zum Essen zu bekommen. Auch die anderen hatten Hunger und wachten von dem Duft der Suppe auf.

„Wie lange habe ich geschlafen?”, wollte Mino gleich wissen.

„Nicht lange, Mino“, sagte Saniga, sichtlich erfreut über seine Unversehrtheit. „Nimm erst einmal einen kräftigen Schluck. Und dann esse etwas. Ihr müsst alle wieder zu Kräften kommen, bevor es weiter geht.“

„Es ist so schön dich zu sehen, Saniga“, meinte Mino und lächelte. „Ich hatte ohne dich kein gutes Gefühl.“

„Wir Elfen gehen nicht einfach verloren“, sagte sie. Dann blickte sie hinüber zu Arlo, der in einer Ecke auf seinem Lager kauerte und vor sich hin wimmerte. Tränen kullerten ihm über das Gesicht und er schüttelte dabei leicht den Kopf.

„Was ist los, mein Freund?”, fragte der alte Gausino, hockte sich neben ihn und legte einen Arm väterlich um Arlos Schulter.

„Es tut mir leid, Freunde“, schluchzte er leise. „Ich weiß, es ziemt sich wirklich nicht für einen Mann wie mich. Aber ich musste eben an meinen Bruder denken. Ich hatte noch gar keine rechte Zeit um ihn zu trauern. So viel Schreckliches ist seither geschehen. Und er musste sterben. Einfach so. Weil er neugierig war. Nur weil er neugierig war.“

Saniga senkte schuldbewusst den Kopf und wollte zur Türe hinaus.

„Es ist doch nicht deine Schuld, Saniga!”, sagte Arlo dann jedoch unvermittelt. „Aber es ist ungerecht. Ein so weises Volk wie das eurige. Wo ihr so viel Gutes bewirkt und uns Elfenwäldlern immer geholfen habt. Da macht ihr so etwas Grausames, so etwas Ungerechtes!“

Saniga lächelte nur eines ihrer mildesten und scheusten Lächeln, das sie hatte. Sie sagte nichts und schickte Arlo lediglich einen Hauch eines Friedenzaubers, den sie in ihrem Elfenherz bewahrte.

Niemand wagte etwas zu sagen. Sie wollten seine Trauer respektieren und konnten ihm an diesem Punkt nicht sagen, dass es im Grunde die eigene Schuld des Bruders gewesen war, dass er im Elfenparadies die Augenbinde gelüftet hat. Bis auf Gausino gingen die anderen mit ihren Suppen und Getränken aus der Hütte. Sie setzten sich draußen zu einigen Dorfbewohnern, die interessiert an einem Feuer saßen und begierig darauf warteten, was die Fremden aus dem Ostreich zu berichten hatten.

„Trauer”, sagte Mino tonlos, während er ins Feuer starrte. „Trauer, Tod und Qual. Das ist der Weg, der uns vorgezeichnet ist.“

„Wir sind schon weit gekommen“, widersprach Kumrado schmatzend.

„Ja, wir haben durchaus viel erreicht“, fand auch Darsgad.

„Ihr habt gut reden“, sagte Mino. „Die ganze Welt erwartet von mir die Erlösung von diesem Gebieter. Und ich habe nicht die geringste Ahnung wo wir ihn finden, geschweige denn wie wir ihn bekämpfen können.“

„Es kann gut sein, dass er dabei ist, ins Ostreich hinüberzuwechseln”, sagte Saniga.

„Das heißt, wir kommen wahrscheinlich ohnehin zu spät“, stellte Mino fest.

„Was ist denn überhaupt unsere Aufgabe jetzt?”, wollte Warsgad wissen. „Sind wir hier, um den Gebieter zu finden? Sind wir hier, um Antworten zu finden? Was wollen wir nun tun?“

„Ich habe geglaubt, wir sind hergekommen, um den Gebieter ausfindig zu machen, ihn und sein Geheimnis zu lüften. Damit die Angriffe im Osten bei uns aufhören.“

„So ist es doch auch“, sagte Saniga. „Ihr dürft den Mut nicht verlieren. Meine Herrin hat immer gesagt, dass man kennen muss, was man bekämpft. Also! Wir suchen es, lernen es kennen, um es dann zu bekämpfen.“

„Wo soll es weitergehen?”, fragte Warsgad.

Ein Mann, der ein wenig abseits saß und an einem Rehschenkel knabberte, schaltete sich vorsichtig ein: „Mein Name ist Darimo“, sagte er und kam näher. „Gausino hat mir schon viel von euch erzählt.“

„Setz dich zu uns, Darimo!”, sagte Darsgad.

„Ich weiß, was ihr sucht.“

Die Elfenwäldler hielten mit dem Kauen inne und schauten ihn an.

„Jeder hier weiß, wer der Gebieter ist.“

„Ihr kennt ihn?”, fragte Mino erstaunt.

„Gesehen hat ihn noch keiner. Aber jeder weiß wohin man gehen muss.“

„Sprich!”, sagte Warsgad. „Welchen Weg müssen wir nehmen?“

„Es ist noch nie jemand zurückgekehrt, der zum Gebieter wollte.“

„Keine tröstliche Anmerkung“, sagte Kumrado, der das Kauen nun fortsetzte.

„Sag uns, welchen Weg wir gehen müssen“, sagte Mino.

„Ihr braucht nur einer der Furchen des Stillstands zu folgen“, erklärte Darimo. „Doch es sind Gänge des Grauens. Der Gebieter hat in diesem Land die Gesetze der Zeit und der Natur außer Kraft gesetzt. Nichts ist mehr wie es war. Wir hier an der Küste sind die letzten, die noch in einem gewöhnlichen Rhythmus zu leben vermögen. Und dies auch nur, weil der Fluch der Hyägia auf uns lastet, der auf dieser Seite des Meeres eine andere Wirkung als im Osten hat.“

„Der Herrin sei Dank“, sagte Saniga. „Sonst wäret ihr längst entdeckt worden.“

„So ist es. Die Furchen führen weit ins Landesinnere. Ihr werdet glauben, lange zu brauchen, aber in Wahrheit vergeht kaum Zeit. Es ist gespenstisch. Und je länger man auf diesen Pfaden wandert desto weiter entfernt man sich von der wirklichen Welt. Überlegt euch also gut, was ihr tut.“

„Dieses ganze Gegend sieht schrecklich aus“, bemerkte Mino. „Als wir auf den Hörnern standen und noch weiter nach Westen blickten, sahen wir totes und schwarzes Land. Aber nichts, was daraufhin deutete, dass es hier je Leben gegeben hat.“

„Alles Leben, das hier einmal war, hat der Gebieter verschlungen. Er ist ein Dämon, ein Wesen aus der Unterwelt! Anders können wir alle uns das nicht erklären.“

„Es gab hier einmal andere Zeiten, nicht wahr?”, fragte Mino.

„Aber ja!”, entgegnete Darimo. „Unser Reich hier war genau wie das eurige. Mit allem, was dazu gehört. Aber diese Zeiten sind so lange vorbei, dass wir die Beschreibungen nur noch von Überlieferungen kennen. Von uns hat niemand einen wahrhaften Wald oder ein gelb leuchtendes Feld gesehen.“

„Hinter all dem Unrecht muss es eine Erklärung geben“, sprach Mino. „Wir werden diese Erklärung herausfinden. Auch wenn ich Angst habe und viele Fragen offen sind. Umkehren nutzt uns nichts.“

„So klingt es besser”, befand Saniga und gab Mino einen Wangenkuss. Die anderen sprachen noch miteinander. Mino jedoch versank für eine Weile in seine Gedankenwelt. Natürlich war es so besser, ja! Was sollte er auch machen? Für ihn vollzog sich der Jugendpfad zum Erwachsenwerden längst. Er war in vollstem Gange. Er fühlte sich auch nicht mehr als der kleine Junge, der mit seinen jüngeren Brüdern auf den Feldern umhertollt und Fangen oder Verstecken spielte. Er war mitten drin. Und schon sehr weit.

Er beobachtete Saniga während sie sprach. Sie war so wunderschön. Mehr und mehr war ihm klar geworden, dass er nicht nur erwachsen wurde, sondern auch sehr verliebt war in dieses wundersame Geschöpf. Das nun auch noch! Wusste er doch weder, wie er mit einer Frau, geschweige denn mit einer Elfe umgehen sollte in dieser Hinsicht.

„Was meinst du?”, fragte Saniga ihn.

„Was?“

„Was denkst du, wann sollen wir wieder aufbrechen?“

„Ich, ich denke...“ Er überlegte kurz und fand die Vorstellung furchtbar peinlich, dass sie seine soeben gehegten Gedanken wahrscheinlich erkannt hatte. „Wenn wir die Furchen entlanggehen, wo sowieso keine Zeit vergeht, können wir uns noch diesen Tag ausruhen. Schlafen, essen, trinken und Kräfte sammeln. Wenn wir ausgeschlafen sind, würde ich sagen, brechen wir wieder auf.“

„Eine kluge Entscheidung”, sagte Kumrado, der sich eben noch eine Portion Gemüsesuppe in seine Schale goss und genüsslich ein weiteres Stück Brot verspeiste. So gönnten sie sich also etwas Ruhe, unterhielten sich mit den Bewohnern des Dorfes, aßen und schliefen, bis sie von alleine wieder aufwachten. Arlo unterdessen hatte lange mit Gausino über seinen Bruder gesprochen. Er fühlte sich viel besser und sah die Dinge klarer, zumal er in Gausino einen hervorragenden Zuhörer gefunden hatte. Er wusste sehr genau, was in Menschen vorging, die einen schweren Verlust erlitten und zudem nicht die Zeit gehabt hatten darüber nachzudenken. So war auch Arlo wieder bereit weiterzuziehen. Mino saß als einziger noch mit Saniga am Feuer. Es war längst dunkel geworden. Über dem Landesinnern zuckten orangefarbene Blitze und seltsames Wetterleuchten flog über den Himmel.

„Es sieht gruselig aus, nicht wahr?”, fragte Saniga ihn. Sie saß sehr dicht bei ihm.

 „Ja, finde ich auch.“

„Du hast dich sehr verändert, junger Mino“, fuhr sie fort, wobei sie ihm eindringlich ins Gesicht blickte. „Bist ein junger Mann geworden, mutig und stolz. Die Herrin tat gut daran dich auf die Reise zu schicken.“

„Ich fühle mich auch anders als zuvor.“ Er nahm ohne nachzudenken, ihre Hand in die seine. „Und seit ich dich kenne, hat sich noch mehr verändert.“

„Ja!”, Saniga lächelnd. Doch diesmal war es nicht das erhabene, allwissende Elfenlächeln. Es war ein schüchternes kleines Mädchen-Lächeln. „Ich habe das wohl bemerkt.“

Dann stand sie auf und schaute auf das Meer hinaus. „Vieles könnte so schön und wunderbar sein. Dieses Meer zum Beispiel. Es ist eigentlich ein so einmaliges, kraftvolles und lebendiges Meer. Und doch hat der Gebieter es völlig unter seiner Kontrolle.“

„Was hast du bemerkt?”, wollte Mino wissen.

„Wie du mich ansiehst.“

„Oh! Entschuldige...ich wollte nicht...“

„Es ist schon gut, Mino. Ich mag dich auch sehr. Aber es darf nicht sein, weißt du?“

„Was meinst du?“

„Was immer dein Herz, unsere Herzen auch fühlen mögen. Ich bin eine Elfe.“

„Und du bist eine ganz besondere Elfe“, ergänzte er grinsend. Sie lachte, ließ sich in ihre ursprüngliche Größe fallen und schwirrte ein Stück weit in den Himmel.

„Geh schlafen, Mino. Morgen wird es anstrengend.“

Er schaute ihr nach, wie sie zwischen all den Sternen hin und her tanzte, ging dann seufzend in die Hütte, um sich schlafen zu legen.

Am frühen Morgen waren alle wach. Es war zwar noch dunkel, aber die Elfenwäldler waren ausgeschlafen und ermuntert weiter zu wandern. Obwohl Gausino zunächst mit ihnen ziehen wollte, sah er rasch ein, einen solchen Weg nicht lebend überstehen zu können. Außerdem fanden alle, dass er seine Larama wieder sehen sollte, an die jeder immer wieder zwischendurch dachte.

Larama? Lebte sie noch? Ja, sie lebte noch. Sie hatte sich trickreich aus ihrer Misere befreien können. Als vor einiger Zeit Zackarat in das Küstendorf gekommen und nach der Verwüstung auch ihr Haus in Brand gesteckt und davon geritten war, hörte das Gift, welches sie sich selbst verabreicht hatte, auch schon wieder auf zu wirken. Es war ein Extrakt, von dessen Kenntnis die Frauen am Meer wussten, weil er aus Algen gemacht wurde. Dieser Extrakt verlangsamte die Atmung und den Herzschlag derart, dass man beides nicht mehr wahrnehmen konnte. Jedoch nur für eine kurze Zeit. So hatte Zackarat geglaubt, sie sei tot gewesen. Noch bevor das Haus unter den Flammen zusammenstürzte, konnte sich Larama durch die Hintertüre flüchten. Mit einigen anderen Entkommenen von der Küste schlug sie sich nun durch das Land, um irgendwo Unterschlupf zu finden.

Gausino wollte mit den übrigen Bewohnern des Dorfes in den Osten überfahren. Die Warlanen hatten sich ein weiteres Mal bereit erklärt zu helfen und würden sie über das wilde Meer bringen. Anders hätten sie es auch nicht geschafft. So machten sich denn die Elfenwäldler auf, zu einer der Furchen. Die Dorfbewohner hingegen brachten ihr Hab und Gut ans Wasser, wo die Warlanen alles auf eines ihrer Schiffe brachten.

„Danke für eure Hilfe!”, sagte Mino. Sie standen mit neuem Proviant und Bündeln auf dem Rücken da und verabschiedeten sich bei den Dorfbewohnern und auch von Gausino.

„Und Gausino“, sagte Mino. „Bitte sende eine Nachricht zu meinem Vater, dass es uns gut geht. Vielleicht auch zur Herrin der Elfen. Sie wird sich freuen, etwas von uns zu hören.“

„Mach ich, Mino. Alles Gute und viel Glück.“

Die sechs brachten die anderen noch zum Strand und blickten ihnen nach, wie sie auf das Schiff der Warlanen gebracht wurden. Die Sonne ging langsam auf. Dann machten sie sich selbst auf den Weg. Zunächst erklommen sie einige gefährlich spitze Felsenabschnitte bis sie schließlich auf eines der weitläufigen Plateaus kamen. Saniga war ein Stück vorausgeflogen, um zu erkunden wo ein guter Abstieg zu einer der Furchen wäre, kam aber bald zurück. Je weiter sie ins Landesinnere vordrang, desto zehrender saugte das umliegende Land an ihren Elfenkräften. Von einem der höher gelegenen Plateaus aus konnte sie aber gut erkennen, wo sich Furchen und bessere Abstiegsmöglichkeiten ergaben.

„Es sieht schlimm aus, dieses Land”, bemerkte Kumrado keuchend. Er hatte viel gegessen am Vorabend, sodass ihm die Krackselei einige Anstrengung kostete.

„Ich habe sogar den Eindruck, dass es sich zusehends verändert“, sagte Darsgad.

„Ja, es wird immer dunkler und das rote und orange Licht am Firmament sieht aus, als verbrenne das Reich.“

„Wenn der Gebieter dieses Land in seiner Gewalt hatte und alles und jeder nur ihm gehörte“, meinte Saniga. „So liegt alles im Sterben, wenn er es nun verlässt.“

„Was ist mit dir, Saniga?”, wollte Mino besorgt wissen. „Du wirkst so schwach heute.“

„Ich darf nicht mehr fliegen“, sagte sie. „Es kostet zu viel Kraft hier.“

„Ich glaube, weiter hinten ist ein Abstieg zu einer Furche!”, rief Warsgad, der mit Arlo einige Schritt vorausgeeilt war. „Kommt hier herüber!“

In diesem Moment hörten die anderen auch schon Schreie von wilden Krädahlen.

„Nicht schon wieder!”, stöhnte Kumrado. Sie rannten zu den anderen beiden und luden ihre Armbrüste derweil.

„Sie kommen näher!”, rief Mino. Er drehte sich im Lauf herum. „Es sind nur zwei!“

„Nur?“ schrie Kumrado entsetzt. „Mir reicht schon eine! Kommt jetzt!“

Im selben Augenblick, als auch der letzte von ihnen einen kleineren Felsenvorsprung herunter in Richtung des Tals gesprungen war, schossen die beiden Krädahlen laut schimpfend über sie hinweg: „Aaaahhh, sie wollen sich verstecken, verstecken wollen sie sich!“

„Es sind kleine Biester aus dem Ostreich. Wir kennen diese Biester.“

„Jaaaaa. Wir kennen sie.“

„Kommt her, kleine Biester. Kommt nur her!“

Wieder und wieder mussten sich die sechs ducken, um den stinkenden Angriffen auszuweichen. Jedoch waren die Furchentäler an dieser Stelle so schmal und eng, dass sie selbst Mühe hatten hinunter zu gelangen. Die Krädahlen jedoch konnten ihnen unmöglich folgen.

„Gerade noch rechtzeitig”, keuchte Mino.

„Wo kamen die denn so plötzlich her?”, fragte Kumrado. „Ich werde das Gefühl nicht los, dass ich bei allen ganz oben auf dem Speisezettel stehe.“

„Bist ja auch ein echter Leckerbissen”, meinte Darsgad schmunzelnd.

„Scherzkeks!“

„Hier müssen wir also runter”, sagte Arlo, der als erster den Abstieg begann. „Ganz schön eng.“

„Wirst du das schaffen?”, fragte Mino zu Saniga gewandt.

„Ich werde es schaffen“, sagte diese. „Ich war immer eine der besten Kletterinnen in den Bäumen!“

„Gut! Dann lasst uns hinuntersteigen!“

„Und nehmt euch ruhig Zeit, nicht wahr?“ meinte Kumrado.

„Ja, die haben wir ja hier unten angeblich zur Genüge”, erwiderte Warsgad. Sie stiegen beschwerlich die enge Schlucht zu der Furche hinab. Weder Gräser noch Büsche wuchsen am Abhang. Wo einst Echsen oder Mäuse herumsprangen, gab es nunmehr lediglich Steine, Staub und glatten, schieferähnlichen Fels. Windstille herrschte dort unten und Dunkelheit empfing sie. Die Luft wurde dicker und schien beinahe Konsistenz zu bekommen, je tiefer sie kamen. Ein dickflüssiger Schleier zog sich am Boden der Furchen entlang, bläulich-türkis, wie ein schweres Gas, das den sechsen bis zu den Hüften gelangte.

„Es ist ganz kalt”, sagte Kumrado, der mit den Händen durchstreifte. Und zusammenzuckte, als er unten angelangte und seine Füße laut knirschend die Steine zu zerbrechen schienen, auf denen sie nun standen.

„Wahrscheinlich hängt dieser Nebel mit der Zeitlosigkeit der Furchen zusammen“, meinte Mino. Er blickte ins Landesinnere. Das Ende war nicht zu sehen. Aber schnurgerade zog sich die Furche durch die Felsen.

„Na denn!”, sagte Warsgad. „Wollen wir mal los!“

„Ja! Müssen wir wohl“, sagte Kumrado. „Bin gespannt, wer mich als nächstes verspeisen will.“

Sie setzten sich in Bewegung. Vorsichtig durch den bläulichen Nebel schleichend, stellten sie bald fest, dass sie sich völlig normal bewegen und auch etwas schneller gehen konnten. Der Nebel behinderte sie nicht. Unheimlich war er dennoch. Manchmal hörten sie erstickte, unterdrückte Schreie aus seinem pulsierenden Licht, erbärmlich und schmerzgepeinigt zogen sie sich aus der Ferne durch die ganze Länge der Furche. Oft wiederholten sie sich mehrmals in einem schwer zu ertragenden Kanon, dass sie kaum noch wussten, ob es sich um wenige oder tausende gequälter Stimmen handelte. Als Mino glaubte, ein ganzer Tag sei schon vergangen hielt er an.

Noch fiel es ihnen schwer alles zu erkennen, ihre Augen gewöhnten sich eben an die veränderten Lichtverhältnisse, als sie immer wieder über kleinere oder größere Felder laut knirschenden und knackenden Untergrunds liefen.

„Was ist denn das nur?“, fragte Kumrado und beugte sich näher an den Untergrund heran. „Sind denn all diese Steine hohl und verkalkt?“

Auch die anderen wunderten sich über das teilweise laute Knacken und Brechen des Untergrundes, auf dem sie schritten und hielten inne, um der Sache nachzugehen.

Saniga war die erste, die erschrocken zurückwich. „Gebeine!“, sagte sie leise mit vor den Mund gehaltener Hand. „Wir wandeln auf Gebeinen Toter.“

„Oh, bei allen Heiligen“, erkannte dann auch Kumrado und nun sahen auch die anderen, dass sie immer wieder über uralte Knochen und Schädel, zertrümmert oder verrottet, aber auch unversehrt, hinwegliefen.

In langen Schlangen häuften sich die Skelette vor allem an den Rändern der Furche an, mal mehr und mal weniger, mal erkennbar, mal längst zu Staub zerfallen, doch erkennbar unaufhörlich ihren weiteren Weg. Mino ekelte sich und empfand die Vorstellung in einem riesigen Massengrab zu wandern grauenvoll. Sämtliche Haare standen ihm zu Berge und hätte er nicht gewusst, dass dies der einzige Weg war, den sie wählen konnten, wäre er umgehend aus diesem Kessel des Todes herausgeklettert.

In der Folge versuchten sie besser auf ihre Schritte zu achten und die Ränder mit den Toten zu vermeiden. Es gelang ihnen mit jeder Weile besser und nach einem längeren Weg, den sie zurückgelegt hatten, brach Mino das entsetzte Schweigen: „Habt ihr auch Hunger?“

Gerade als Kumrado etwas sagen wollte, meinte Darsgad: „Kumrado, deine Antwort kennen wir.“

„Wir sind schon ewig unterwegs”, sagte Mino. „Lasst und etwas essen und rasten.“

„Es wird gar nicht wahrhaft dunkel hier unten“, meinte Warsgad.

„Und heller wird es auch nicht“, stellte Saniga fest. „Wie die anderen gesagt haben. Zeitlos. Es vergeht die Zeit einfach nicht in diesen Furchen.“

„Das ist wahre Hexerei”, sagte Kumrado. „Ich kann euch sagen, diese Furchen sind ja nur der Weg zu diesem Gebieter. Wie mag erst sein Schloss oder seine Burg aussehen? Wenn er überhaupt so etwas besitzt. Vielleicht lebt er auch auf einer glühenden Kohle, die er aus der Unterwelt mitgebracht hat.“

„Ist alles möglich“, meinte Darsgad. „Nach allem, was wir bisher gesehen und gehört haben. Mir ist nichts mehr fremd. Ich glaubte, damals bei meiner Wanderung hätte ich schon genügend erlebt und fühlte mich wahnsinnig erwachsen und wissend. In diesen Tagen werde ich wahrhaftig eines besseren belehrt.“

„Im Grunde ist es gar nicht schlecht, dass die Zeit nicht vergeht“, fand Warsgad. „Das ist immerhin etwas, was wir wirklich gebrauchen können.“

„Er hat schon Recht“, sagte Saniga. „So verhext dies auch sein mag. Letzten Endes kommt es uns jetzt zu Gute.“

„Ich frage mich nur, welchen Preis man dafür zahlen muss, wenn man die Natur überlistet.“

„Was ist schon Natur? Und wann überlistet man sie?”, fragte Arlo. „Für die einen ist es natürlich, dass man siebzig oder achtzig wird. Für Elfen ist es natürlich, dass sie mehrere hundert Winter alt werden. Für Hexen gibt es gar kein Alter. Bis man sie unschädlich macht jedenfalls. Na, und sind Trolle und Riesen natürlich?“

„Na, wenn es sie doch gibt”, sagte Mino. „Ich denke, alles, was irgendwie existiert, ist auch natürlich. Und wenn es möglich ist hier unten ohne Zeit zu wandern, so wird das, in welcher Form auch immer, zur Natur gehören.“

„Was wollen wir tun, wenn wir angekommen sind?”, fragte Arlo.

Schweigen.

Nach einer Weile sagte Mino: „Das Geheimnis des Gebieters lüften.“

„Das wäre ein erster guter Schritt”, sagte Saniga. „Und mit diesem Wissen versuchen ihm das Handwerk zu legen.“

„Nicht nur das”, sagte Warsgad. „Wir sollten ihm tüchtig den Gar ausmachen.“

Kaum hatte Arlo das gesagt, drang, wie eine kriechende Schlange, ein Zischen durch den Nebel auf sie zu. Zunächst eines, dann mehrere. Das Zischen war fein und klang linkisch. Ein Atem war darin zu hören. Und mit jedem weiteren Zischen wanden sich lange, dünne Finger aus dem blauen Nebel auf sie zu, an endlosen verworrenen Armen.

„Was ist das?”, fragte Darsgad leise.

„Ich weiß es auch nicht”, sagte Mino, dem es schauderte. Diese Erscheinungen wirkten wie jene auf dem Schiff, als sie in den Sturm geraten waren.

„Das ist er”, flüsterte Mino, der ein wenig in sich zusammensackte, so als wolle er nicht gesehen werden. „Das ist er! Er kann uns sehen. Er weiß, dass wir hier sind.“

„Das weiß er schon längst”, sagte Saniga. „Seit eurer Gefangennahme weiß er, dass wir zu ihm unterwegs sind.“

Schemenhaft bildete sich ein überdimensionales verzerrtes Gesicht in den Wirrungen der Arme und Finger, die an Zahl noch zunahmen. Es besaß weder Geschlecht noch Züge, die es in irgendeiner Weise hätten charakterisieren können. Leere Höhlen lagen dort, wo Augen sein sollten, ein Mund nur einem stummen Verschluss gleich, die Nase wie zertrümmert, unförmig, sich stetig ändernd. Dies Gesicht starrte sie dennoch an! Aus dem Zischen wurde ein kehliges flaches Lachen, geflüstert, gehässig und falsch drang es durch den Nebel an ihre Ohren. Zwei der nebligen Fingerhände glitten zu Minos Gesicht und streiften es sanft. Das Gesicht rückte näher an ihn heran, sodass er eine Stimme hörte: „Kehre um, junger Mino. Kehre um, solange du noch kannst. Nichts wirst du finden im dunklen Herzen dieses Reichs. Nichts, außer die tiefen Abgründe deiner eigenen Wahrheiten, die dich qualvoll verschlingen werden.“

„Oh Herrin, oh Herrin!”, wimmerte Mino. Die anderen kamen zu ihm und versuchten die nebligen Formen zu verscheuchen.

„Kehre um und stürze deine Freunde nicht ins Verderben! Kehre um!“

 „Er will dich blenden”, sagte Saniga. „Er will dich verunsichern.“

„Ja! Und er hat verdammte Angst, der Bursche. Sonst gäbe er sich nicht solche Mühe, dich zur Umkehr zu bewegen“, sagte Warsgad.

„Es ist nur ein totes Trugbild. Nicht wirklich”, sagte Kumrado. „Schau, wir können einfach hindurch laufen. Und es passiert gar nichts!“

So war es auch. Ebenso wie die Erscheinung auf dem Schiff schien auch dies nur eine Projektion zu sein. Ohne jede Reaktion oder Möglichkeit etwas gegen die sechs auszurichten. Sie griffen rasch ihre Sachen und liefen weg von diesem Teil der Furche. Das Gesicht mit den vielen Fingern und Armen verflüchtigte sich. Es verging ein weiterer Tag, soweit sie es beurteilen konnten. Und ein weiterer. Sie schliefen noch fünf Mal und glaubten, die Furche nähme kein Ende mehr. Einzig der Gedanke daran, dass sie nicht wirklich Zeit verlören, tröstete sie. Dann endlich, als sie bereits wieder eine ganze Weile gelaufen waren, veränderte sich das Bild vor ihrem Weg.

 

Elfengesang

Die Furche wurde zunehmendes breiter und mündete alsbald in ein übersichtliches Steinfeld, das sich wie ein Ring vor ihnen öffnete, weitläufig umgeben von den hohen Wänden der Felsformationen. Als sie noch ein wenig weiterliefen, sahen sie, dass auch noch andere Furchen in diesem Ring endeten. Erst nach einer ganzen Weile dann entdeckte Mino als Erster das mächtige Holztor, welches in einer zurückliegenden Mulde in das Felsgestein eingefügt worden war. Mit schweren Metallbeschlägen und Nieten, so groß wie ihre eigenen Köpfe wurde es flankiert von zwei alten halbrunden Bergfrieden, auf deren hohen Zinnen gepanzerte Mannen des Gebieters Wache hielten. Es waren ihrer viele und aufmerksam spähten sie in das Steinfeld, ganz so, als erwarteten sie wichtige Kunde. Auch auf den sich anschließenden Mauern, die kaum von der natürlichen Felsenumgebung zu unterscheiden waren, liefen in größeren Abständen einige von ihnen ihre Runden. Vor dem Tor standen außerdem zu jeder Seite eine Handvoll von ihnen, starr und bewegungslos, die Gesichter in Richtung der Furche gerichtet, aus der die sechs gerade kamen.

„Wartet!”, sagte Mino. Er ging schon die ganze Zeit über voraus und hob nun eine Hand zum Zeichen der Vorsicht. Sie wichen umgehend alle einige Schritte zurück.

„Das also ist endlich der Eingang”, sagte Kumrado.

„Scheint ja nicht leicht zu sein da reinzukommen”, bemerkte Arlo.

„Wir werden einen Weg finden“, meinte Darsgad.

Blaue, geräuschlose Blitze zuckten über das Land, das ansonsten grau in grau, farblos und schwer dalag.

„Um zum Gebieter zu gelangen, müssen wir irgendwie diese Mauer überwinden“, sagte Mino und deutete dabei auf die unüberwindbare Felsformation, die sie umgab und so weit in die Höhe reichte, dass selbst Darsgad und Warsgad wohl mehr als einen Tag bräuchten, um sie zu bezwingen. Und auch das gelänge ihnen nur, wenn niemand sie beobachtete oder störte. Da aber Krädahlen allgegenwärtig ihre Bahnen über das Reich des Gebieters zogen, glaubte keiner von ihnen, dass dies eine besonders gute Idee sei.

„Oder durchs Tor gehen“, meinte Kumrado daher.

„Wie aber die Wachen ausschalten?”, fragte Warsgad nachdenklich. „Es sind einige. Auf den Türmen, auf den Mauern und vor dem Tor. Es sind zu viele, als dass wir mit ihnen fertig würden.“

Als sie sich berieten, ertönte ein polterndes Grollen hinter ihnen. Der Erdboden erzitterte und gleich darauf noch einmal. Erschrocken drehten sie sich um. Einige der Gesteinsbrocken von den Felsenwänden lösten sich und fielen schwerfällig herunter. Doch sie blieben nicht liegen, sondern wanden sich in schaukelnden Bewegungen aufeinander zu und formierten sich in einem diffusen, pulsierenden Licht, welches sich gestaltlos aus der Furche löste. Sehr bald erkannten sie, dass sich da etwas zusammenfügte, was ihnen mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nach nichts Gutes wollte. Und nur wenige Augenblicke darauf stand ein Hüne ganz aus Stein vor ihnen, geballt die Fäuste, finster das Gesicht. Er hatte große Ähnlichkeit mit dem Wesen aus dem Sumpf.

„Das ist doch dieses Lichtwesen aus dem Elfenwald, was mich beinahe hinunter geschlungen hätte”, sagte Kumrado entsetzt.

„Stimmt!”, rief Mino. „Er hat uns gefunden und kommt diesmal in dieser Gestalt.“

Der Felsenmann war fünf bis sechs Mal so groß wie sie und trat einen Schritt auf sie zu: „Da staunt ihr, was?“ dröhnte es aus dem kalten, glatten Maul des wandernden Steinhaufens. „Ich habe es euch versprochen, dass wir uns wieder sehen. Und Zackarat wird erfreut sein euch wieder in seinen Kerker zu werfen.“

„Uns bekommt niemand zurück!”, rief Mino zornig zurück. Alle hatten ihre Armbrüste gezückt, was dem Wesen jedoch lediglich ein höhnisches Lachen entlockte. „Ich werde euch zerquetschen!”, rief es.

Die sechs wollten darauf nicht warten, sprengten auseinander und versuchten das Ungeheuer zu verwirren, in dem sie es von allen Seiten umzingelten. Daraufhin schlug es erbost um sich und mit seinen ungebremsten Fäusten riss es bebende Schlaglöcher in Boden und Wände. Wieder und wieder versuchte der behäbige Koloss einen von ihnen zu erwischen. Zu flink und behände jedoch waren sie, sodass die Wut des Felsenmonsters größer und größer wurde. Vom Lärm angelockt kamen nun auch die ersten der Torwachen, die sich das Treiben zunächst noch aus sicherer Entfernung mit gezückten Waffen anschauten.

„Gegen dieses Monstrum kommen wir nicht an”, sagte Darsgad zu Warsgad, während beide den Schlägen auswichen und verzweifelt Pfeile auf das Wesen abschossen.

„Versucht zum Tor zu kommen!”, rief Saniga. „Ich kann etwas tun. Lauft zum Tor! Es ist nicht schnell genug euch zu folgen.“

„Was ist mit dir?”, fragte Mino.

„Ich laufe auch! Los, lauft! Lauft schnell!“

Als sie das gesagt hatte, rannten alle so schnell sie konnten auf das Tor zu. Selbst die Soldaten machten kehrt vor dem polternden Koloss, der ihnen umgehend nachfolgte. Es war, wie Saniga sagte. Das Lichtwesen war nicht in der Lage ihnen in dieser Gestalt schnell zu folgen. Nur schwerlich zog es ein Bein vor das andere, sichtlich verärgert darüber, dass es diese Gewichte nicht rascher fortbewegen konnte. Es begann daraufhin mit großen herumliegenden Gesteinsbrocken nach ihnen zu werfen, wovon die meisten die Soldaten trafen. Um Haares Breite hätte es Arlo erwischt, der dem zischenden Stein gerade ausweichen konnte. Die Hälfte der Wachen, die sich vor dem Tor befunden hatten, lag schon außer Gefecht gesetzt am Boden. Die anderen auf den Mauern hatten sich gesammelt und Pfeile auf die sich nähernden Fremden gerichtet. Als sie schossen, konnten die sechs dieser ersten Salve ausweichen. Das Felsenmonster kam näher und warf noch immer mit Steinen nach ihnen.

„Was hast du denn vor, Saniga?”, fragte Mino. Sie waren fast am Tor angekommen.

„Der Gesang”, sagte sie und blieb abrupt stehen. „Ich werde singen, so lange ich kann.“

„Trefflich!”, rief Kumrado aus. „Der liebliche Gesang der Elfen, der alles verzaubert.“

„Ihr müsst euch die Ohren verstopfen”, sagte Saniga.

„Ja, nehmt Brot, kaut es feucht und steckt es in die Ohren!”, rief Mino. Das Ganze musste schnell gehen. Die Soldaten schossen ihre nächste Salve ab und lange würden sie so nicht mehr ausharren können ohne getroffen zu werden. Als sie sich hastig Brot aus ihren Bündeln genommen und weichgekaut hatten, stopften sie ihre Ohren damit zu. Gleich darauf schritt Saniga einige Fuß zurück und blickte hinauf zu den Soldaten. Die hielten einen kurzen Augenblick inne und unterbrachen ihren Beschuss. Was sollte dieses zarte und hübsche Geschöpf ihnen schon antun? Saniga lächelte und faltete die Hände zusammen, als beginne sie zu beten. Doch anstelle eines Gebetes erklang der süßliche Gesang der Elfen, bezaubernd und lähmend, so wie man es aus den Wäldern kannte. Saniga sang in einer unbekannten Sprache und umgarnte damit jeden, der sie zu hören vermochte. Das Felsenwesen blieb stehen wie angewurzelt und lauschte mit klaffendem, weit offen stehendem Maul, die Soldaten senkten ihre Waffen und starrten Saniga fasziniert an. Mino und die anderen schossen Pfeile mit daran befestigten Seilen auf die Mauer, bis sich endlich einer davon in den Zinnen verkeilte. Dann kletterten Mino, Arlo und Kumrado daran nach oben. Darsgad und Warsgad wollten bei Saniga bleiben und sie notfalls beschützen. Saniga sang und sang. Außer ihnen bewegte sich nun niemand mehr in der näheren Umgebung. Als Mino, Arlo und Kumrado auf der Mauer standen, erkannten sie, dass das Steinfeld, das von den Felsen und Mauern umgeben war, sich auf der selben Ebene befand wie auch der hinter dem Tor und den Mauern liegende Teil des Landes. Ohne, dass sie es bemerkt hatten, mussten sie die vergangenen Tage innerhalb der Furchen stetig bergan gelaufen sein, so dass sie sich nun wieder auf dem vorherrschenden Plateau des Westreichs befanden – zumindest, wenn sie gleich an der anderen Seite der Mauer wieder hinuntergeklettert wären. Das Glück sollte mit ihnen sein. Niemand störte ihren Abstieg und zu aller Erleichterung befand sich innerhalb des riesigen Tores eine kaum sichtbar eingelassene Türe, die sich leicht entriegeln und öffnen ließ. Darsgad, Warsgad und auch Saniga gelangten so ebenfalls ins Innere des Areals. Sie fragten sich, für wen eigentlich das komplette Tor in seiner ganzen Größe geöffnet werden sollte. Doch einer genaueren Vorstellung darüber wollte sich letztlich niemand hingeben. Saniga sang noch immer. Sie würde nicht mehr viel Ausdauer haben. So liefen sie rasch von der Mauer fort ins Innere dieses Landes, welches sich noch bizarrer und unwirklicher darbot, als sie es sich in ihrer Vorstellung ausgemalt hatten. Verwirrt und ihrer Sinne beraubt, hoben die Wachen auf der Mauer wieder ihre Waffen und zielten in die Richtung, wo das Felsenmonster sich schüttelte und ungläubig um sich schaute. Niemand von ihnen wusste, was geschehen war. So beschossen sie das Lichtwesen, welches sich tosend aus dem Steinhaufen und lichterloh in den Himmel entfernte. Die Felsen, die zuvor noch die wütende graue Gestalt geformt hatten, fielen unter enormen Getöse in einem staubigen Haufen zusammen. In den inneren Ring hinter der Mauer konnte das Lichtwesen nicht folgen. Und abermals hatte es Mino verpasst. 

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