Oliver Wendt - Grenzgänger

Die Mino-Saga
Teil I - Mino und die Elfenherrin


Fantasy-Epos in drei Teilen
Storytelleraward 2016: Plaziert unter den besten
zehn (Kundenbewertungen) von fast 2.000 Titeln.

von Oliver Wendt

 

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Inhaltsangabe:
 

Es war einmal vor langer langer Zeit... Ja, so beginnt unsere Geschichte tatsächlich und sie wird euch entführen in eine Welt voller Zauber, voller Geheimnisse und Wunder. Eine Welt, in der ein junger Bauernsohn namens Mino kurz vor seinem Jugendpfad steht, der traditionellen Wanderung, die alle Knaben der Höfe des Elfenwaldes begehen, um erwachsen zu werden. Jedoch und völlig unerwartet zeigen sich in genau jenen Tagen die wundersamen Erscheinungen der Elfen nach vielen Wintern zum ersten Mal und warten mit einer Offenbarung auf, die alle Länder des Reichs erschüttern sollen. Etwas ist gelandet an den endlosen Küsten des Südens. Fremde Schiffe entlassen seltsame Kreaturen aus ihren Rümpfen, die nie zuvor gesehen wurden. Bald erreicht zudem die Kunde die Höfe, dass die Freunde und Verwandten auf der anderen Seite des Waldes in großer Gefahr schweben und dringend Hilfe benötigen. Unheilvoll hängen diese Geschehnisse zusammen. Stimmt es wirklich, dass die Herrin der Elfen in Mino den Retter sieht? Er kann es nicht glauben und doch macht er sich auf, um zu erkunden, was es mit den Veränderungen allerorten auf sich hat. 



 

 

 

 

 

Leseprobe Mino und die Elfenherrin:
 

Erster Abschnitt - Elfenwald


Elfenwäldler


Es war einmal vor langer langer Zeit, als Wunder sich noch trauten offenbart zu werden, als Drachen in weit entfernten Ländern ihre Bahnen zogen und fremde Zauberer willkommene Gäste an den reich gedeckten Tafeln vieler Bewohner der zahllosen Länder dieser Erde waren. In einer Zeit, in der bereits die Altvorderen zu beinahe vergessenen Legenden zählten und nach vielen blutigen Kriegen ein Teil der Menschen, die sich an den geheimnisvollen Elfenwald verirrten, beschlossen hatten diesen wunderbaren Ort zu ihrer Heimat zu machen. Sie blieben und lernten einen Frieden kennen, wie es ihn nie zuvor gegeben hat. Sie bauten Höfe, bestellten Felder und gaben sich dem Wechsel von Sommer und Winter hin, wie auch der Wald, die Flora und Fauna, mit denen sie fortan einen zufriedenen Bund eingingen. Winter folgte auf Sommer und Sommer auf Winter.

In jenem Sommer, in der unsere Geschichte nun begann, herrschte oft die Sonne über das ausgedehnte grüne Land, das den weit über seine Grenzen hinaus bekannten Wald umschloss und seine wenigen Anwohner dazu brachte ihre sonst übliche Emsigkeit zu zügeln. Die weichen Hügel, deren saftige Gräser ihr sattes Grün den regelmäßigen und erfrischenden Regenschauern verdankten, die allerorten nur allzu dankbar begrüßt wurden, schmiegten sich sanft aneinander und reichten, Kamm über Kamm, bis weit hin über den Horizont hinweg. Der Regen des heutigen Tages war längst überfällig und auch Elrado hätte nichts gegen eine erfrischende Dusche gehabt, um seiner schweißtreibenden Arbeit am Waldrand etwas Erleichterung zu verschaffen. Als er jedoch in die Weiten des Himmels blickte, schimmerte ihm nichts als ein strahlendes Kobaltblau entgegen. Elrado zuckte seufzend mit den Schultern, gab sich einen Ruck und machte weiter. Zwar war der Vorrat an Feuerholz für ihn und seine Familie noch nicht aufgebraucht, aber ein Elfenwäldler wäre kein solcher, wenn er nicht vorausschauend, umsichtig und fleißig dafür Sorge trüge, dass es auch gar nicht erst dazu käme. Möglichen Mangel hielten die lebensfrohen Menschen dieser Gegend gerne auf Abstand. Also schnitt Elrado, geschützt unter seinem Strohhut, die Ärmel seines luftigen Bauernwamses hochgekrempelt und sich immer wieder mit den Unterarmen den Schweiß aus der Stirn streichend, die herumliegenden Äste und Zweige mit seiner handlichen Axt zurecht, um sie hernach fein säuberlich fertig für den Abtransport aufzustapeln.

Der Elfenwald und seine scheuen Bewohner, so soll es immer schon gewesen sein, sorgten stets dafür, dass reichlich Feuerholz umherlag und die Elfenwäldler erst gar keine Bäume fällen mussten. So manche Nacht hatten sich daher die Kinder von Familien wie den Elrados oder Kumrados schon um die Ohren geschlagen, um versteckt in selbst gebastelten Zelten darauf zu lauern, wer denn diese geheimnisumwitterten Elfenwesen nun tatsächlich waren und wie sie das viele Holz herbeischafften, das wie zufällig überall verstreut umherlag, als sei es eben erst von den Bäumen gefallen. Doch gesehen hatten sie nie jemanden. Sie waren stets eingeschlafen. Hand an die kräftigen, gesunden und sehr besonderen Bäume des Waldes anzulegen, wäre hingegen weder Elrado noch anderen Anwohnern dieser Gegend je in den Sinn gekommen. Sehr respektvoll hielt man die Legenden, die sich um die wahren Besitzer des Waldes rankten, in Erinnerung und erzählte sie leise in den dunklen Nächten an den gemeinsamen Lagerfeuern den Jungen, die gebannt den vielen Geheimnissen lauschten, mit denen sie gespickt waren. Ebenso groß war auch der Respekt gegenüber der Macht, die jenen Waldbesitzern innewohnte und die Dankbarkeit ihnen gegenüber, denn Menschen wie Elrado empfingen diesen heimlichen und nie offen ausgesprochenen Schutz, der ihnen aus den Tiefen des Waldes anheim fiel, seit zahllosen Generationen.

Sein Gaul wartete geduldig vor den Ladekarren geschirrt am Waldrand auf einer Wiese und graste, während Elrado das gesammelte Holz aufschichtete. Er war schon seit dem frühen Vormittag mit dieser Arbeit beschäftigt und hoffte fertig zu werden, bevor die Sonne noch höher am Himmel stünde. Mehr als die Hälfte des Karrens musste er noch beladen. Da er nicht ein zweites Mal losziehen wollte, wagte sich Elrado Stück für Stück tiefer in den Wald hinein. Nicht ganz so tief, als dass er nicht leichten Fußes den Weg zurückgefunden hätte, doch aber tief genug, um den grasenden Gaul und die Wiesen nicht mehr zu sehen. Er kannte den Wald gut und Gefahr brauchte er nicht zu fürchten. An einer kleinen Lichtung dann, mitten zwischen den erhabenen alten Baumriesen, setzte er sich für ein kurzes Verschnaufen in den Schatten auf einen Baumstumpf und lauschte dem bunten lebendigen Treiben. Trotz seiner kräftigen drahtigen Statur und des sehr gesunden Schlags, der typisch für die Bauern dieser Gegend war, machte auch ihm das Wetter an diesem Tag sehr zu schaffen. Er nahm seinen Strohhut ab, wischte sich den Schweiß und die dunklen Haare abermals aus der Stirn und nahm einen ordentlichen Schluck aus seinem Wasserbeutel. Er lächelte, als er ein flinkes Eichhörnchen von Baum zu Baum hüpfen sah und ein in der Nähe sitzender Uhu sich daraufhin empört abwendete. Erschöpft pustete Elrado die Luft aus und genoss den Augenblick. Während er so dasaß und überlegte, ob er den Karren tatsächlich noch voll beladen wollte, glaubte er plötzlich eine leichte Veränderung des Waldes um sich herum wahrzunehmen. Er stutzte und blickte sich um. Ja, da ging ein Ruck durch den Wald, eine unsichtbare Welle, die einen seichten aber doch spürbaren Wind nach sich zog. Von jetzt auf gleich verstummte das zahlreiche Waldgetier. Kein Vogel zwitscherte mehr, das Eichhörnchen verharrte starr auf seinem Ast und selbst der nahe gelegene Bach hielt inne mit seinem Gurgeln in einer ahnenden Ehrfurcht vor dem, was sich da näherte. „Das ist unheimlich!“, flüsterte Elrado, verschloss seinen Wasserbeutel wieder und stand auf. Genau versuchte er zu erkennen, was diese Stimmungsänderung des Waldes bewirkte, ob sich irgendetwas im Dickicht versteckt hielt, ein wildes Tier vielleicht oder Schlimmeres. Unheimliche Geschichten neben den ohnehin schon bekannten Legenden gab es ausreichend und die Gerüchte von verschwundenen Elfenwäldlern, die ausgezogen waren, um den traditionellen Jugendpfad zu begehen, ebbten nicht ab. Er kniff die Augen zu kleinen Schlitzen zusammen, um besser sehen zu können, drehte sich langsam einmal um seine eigene Achse und lauschte aufmerksam. Sein treues Kaltblut am Waldesrand hob den Kopf und schnaubte mehrmals laut und unruhig mit aufgeblähten Nüstern. Es spürte, dass sein Herr nicht mehr alleine war und konnte seinem instinktiven Drang zu flüchten nur schwer widerstehen. Es wieherte nervös und laut – vielleicht würde sein Herr die Warnung hören. Aber Elrado war zu weit weg.

Eine weitere unsichtbare Welle durchpflügte das Dickicht und die Wipfel der Bäume, bog Äste um und fegte Buschwerk bei Seite, rasch und vom Atem eines uralten Windes begleitet. Wieder und wieder fegte etwas Unsichtbares durch die Lichtung und hüllte sie in ein stetig anwachsendes Rauschen, dessen Töne tief in Elrados Bewusstsein drangen und ihn ganz trunken machten, schwindelig und willenlos. Das Rauschen wurde zu einem Rausch, der ihn auf der Stelle hielt wie eine sanfte Lähmung, bestehend aus unendlich vielen zarten Händen, die ihn behutsam streiften und vorsichtig zurück zu seinem Baumstumpf geleiteten. Wie von selbst gelangte er dorthin und vernahm einen feinen lieblichen Duft, der vorsichtig in seine Nase strömte, süß und wohltuend. Der Wind ließ nicht nach, wehte weich und angenehm kühl in seiner Brise. Er hüllte ihn ein wie feinste Seide. Dann, als er sich zurück auf den Stumpf setzte, begleiteten wundersame Choräle das Rauschen, die in kaum nachzuahmenden Höhen seine Ohren verführten. Zeit verlor an Bedeutung, Raum verlor an Bedeutung und nur dieses unbeschreiblich lähmende, doch nach Endlosigkeit flehende Gefühl von Glückseligkeit beherrschte diesen Ort, diesen Wald und vor allem ihn, Elrado. Benommen vernahm er, wie sich eine in tausend Farben glitzernde Wolke aus den Zweigen der umliegenden Bäume, einer unsichtbaren Lenkung folgend, in einem ausgedehnten Halbkreis um ihn formierte und immer dichter wurde. Seine Sinne vernebelten sich zunehmend, bis er schließlich vollkommen eingehüllt war in diesen seltsamen Zauber.

„Was geschieht hier?”, fragte er leise. Blinzelnd schaute er auf die vielen kleinen Lichtpunkte, die sich zu Tausenden auf den umliegenden Ästen und Zweigen in den Wipfeln niederließen. Er glaubte zu träumen. Dann hörte er ein Flüstern, ein kindliches Kichern, mehrfach und heiter, wie er es von seinen eigenen Kindern kannte. Er musste unwillkürlich lächeln. „Nein, ich träume nicht!”

Aus jedem Winkel des Waldes wisperte es hernach. Dann erschienen aus der Ferne drei blendende weiß-silbrige Lichter, näherten sich langsam und schwebten bald in mannshohen Schimmern vor ihm. Nun ließen auch die wundersamen Geräusche nach und das Rauschen entfernte sich auf den selben Wellen der Winde, die durch die Wipfel der Bäume in alle Himmelsrichtungen verschwanden. Elrado ertrug das Licht nicht, schlug die Hände vors Gesicht, schloss die Augen und wendete sich ab. Zu sehr war er geblendet, wenngleich seine Benommenheit auch nachließ. Wenn er die Augen nun wieder öffnete, dachte er nach einem Moment, war es vielleicht doch nur ein Traum gewesen, eine Halluzination, die womöglich der Hitze geschuldet war – er war schließlich nicht mehr der allerjüngste. Er nahm langsam die Hände vom Gesicht, öffnete vorsichtig die Augen und erschrak. Vor ihm standen, in reines Weiß gehüllt, drei schlanke fremde Wesen. Langsam nur gewöhnten sich seine Augen an die gleißende Helligkeit, bis er auch die unzähligen kleinen Wesen auf den Bäumen mit ihren Flügelchen und den weißen und grünen Kleidchen sah. Sie flüsterten miteinander, kicherten und blickten ihn unentwegt neugierig an. Manche von den Winzlingen zeigten auf ihn und machten erstaunte Gesichtsausdrücke. Dann blickte Elrado zu den dreien, die vor ihm standen. Er schluckte trocken und erhob sich ohne das Zittern in seinen Knien unterdrücken zu können. Mittig stand lächelnd eine weibliche Anmut in vollkommener Schönheit mit Augen wie zwei blaue Kristalle. Kraft und Güte gingen von dieser Frau aus. Er schluckte abermals trocken. Während dieses wunderbare Wesen ihn milde und wissend anlächelte und ihr Blick milde auf seinem Gesicht ruhte, begann er zu ahnen, wen aus diesem Wald er vor sich hatte. "Das kann nicht sein! Doch wenn dem so ist?" Unterwürfig und beschämt darüber, dass er sich so ungebührlich und kopflos verhielt, kniete er nieder und senkte den Blick. „Herrin der Elfen!“, sagte er dann, unfähig auch das Zittern in der Stimme zu verbergen.

Erhebe dich, bitte, Elrado von Elrados Hof, hörte er ihre wohltuende beruhigende Stimme in seinem Kopf widerhallen. Doch sie bewegte ihre Lippen nicht. Zögernd stand er wieder auf. Die Herrin der Elfen lächelte noch immer, bemerkte jedoch Elrados unsichere Blicke, die er auf die beeindruckenden metallenen Stäbe der beiden Wächter richtete, die diese mit versteinerter Mine in ihren Händen hielten. Nur ein wenig neigte sie ihren Kopf zur Seite, woraufhin die beiden ihre Haltung lockerten und sich zurückzogen.

Du brauchst dich wirklich nicht fürchten! Elrado hörte ihre Worte ganz deutlich, klarer sogar, als jede menschliche Stimme zu sprechen vermochte, jedoch bewegte die Herrin ihre Lippen noch immer nicht.

Du brauchst auch deinen Blick nicht senken, obschon wir jene sind, für die du uns hältst, Elrado. Und obschon viel Zeit vergangen ist, seit wir uns euch Menschen zeigten. Sie kam ihm barfüßig zwei Schritte entgegen, woraufhin Elrado zurückwich. Aber sie verlor ein wenig ihrer Unnahbarkeit, als sie sich näherte. Der Schimmer, der sie umgab, verflüchtigte sich und gerade als Elrado glaubte, auch der übrige Zauber zöge sich zurück, wuchs aus dem moosbedeckten Waldboden ein zweiter Stumpf heraus, wie der Baumstumpf, auf dem er gesessen hatte, jedoch höher, ausladender und ganz wie für die Herrin gemacht. Erschrocken blickte Elrado dem Zauber zu und erwartete Schlimmeres. Die Herrin jedoch ließ sich behutsam in ihrem weichen Sessel nieder und lächelte ihn wohlwollend und milde an. Fasziniert blickte Elrado sie nun an. Auch er setzte sich wieder, wenn auch etwas unbeholfen, nachdem sie mit einer Hand auf seinen Baumstumpf deutete und ihm zunickte.

„Ihr müsst ein wahrhaft zahlreiches Volk sein“, stellte er fest und ließ seinen Blick in die umliegenden Wipfel schweifen, während er versuchte die rechten Worte für diese Unterhaltung, überhaupt einen klugen Gedanken zu finden, der zu dieser Lage passte. Wie sprach man mit einer Elfenkönigin, einer Zauberin, die bekannt dafür war die Menschen zu meiden, die bekannt dafür war, dass man gar nicht wusste, ob sie nur einer Legende entsprang oder der Wirklichkeit?

Ja, es gibt unserer viele, antwortete sie ihm ohne auch nur ein Wort zu sagen. Doch sie bemerkte rasch, dass ihn das zu sehr verwirrte. Daher fügte sie hinzu: „Ich werde zu dir sprechen, wie ihr Menschen es untereinander gewohnt seid.“ Dieses Mal nutzte sie die ruhige klare Stimme einer jungen Frau. Wahrscheinlich war es sogar ihre eigene. „Hast du genügend Holz gefunden?”, fragte sie ihn damit freundlich.

„Ich finde stets genügend Holz in eurem Wald, Herrin. Ihr sorgt sehr gut für uns und findet uns in großer Dankbarkeit.“

„Eure Familien leben schon seit vielen Generationen hier bei uns. Ihr wurdet ein Teil dieses Waldes und der Felder ringsherum. Ihr wurdet ein Teil auch von uns, denn eure Ahnen und viele Ahnen davor, die einst aus den Steppen zu uns kamen, waren die ersten Menschen, die nicht in böser Absicht kamen seit dem vergangenen Zeitalter der Kriege. Ihr lebtet zusehends so ganz anders als die Menschen, die wir kannten. Und der Zauber dieses Waldes ist in den Winterhunderten auf euch übergegangen. So dankt nicht uns alleine. Es ist auch der Wald selbst, dessen Geheimnisse euren Frieden und euer Glück bedeuten.“

„Ein seltenes Glück ist es auch euer Antlitz sehen zu dürfen, große Herrin. Eure Schönheit verzaubert und für mich ist es zudem eine große Ehre. Habt Dank für euer Erscheinen.“

„Du wirst es wissen, Elrado, dass wir uns niemals in unserer Ganzheit offenbaren. Euer Geist vermag unser wahres Erscheinungsbild nicht zu ertragen, so überdecken wir es mit dem Schleier des Waldes.“ Sie schaute ihn einen kurzen Moment an und nickte dann wissend: „Du meinst, was du sagst – jedoch kommt auch Furcht in dir auf und ein heimlicher Zweifel steckt in deiner Kehle.“

Elrado vermied es, die Herrin zu lange anzuschauen und beobachtete ihre zahlreichen Begleiter auf den Ästen. Sie waren winzig und zart wie kleine Libellen. Auch ihre filigranen Flügelchen schimmerten fein und dicht an dicht saßen sie nebeneinander und beobachteten die Szenerie tuschelnd, aber aufmerksam. Es war schwer einzuschätzen, ob sie lächelten oder ernst dreinblickten, auch ihr Alter ließ sich einfach nicht erkennen.

„Vor uns brauchst du dich nicht zu fürchten, Elrado“, wiederholte die Herrin nochmals. „Nein, wir Elfen erfreuen uns an euch und auch daran, dass euer Volk sich eines Tages den Namen Elfenwäldler gab. Eure Vorfahren machten dieses Land mit einer ehrlichen Sehnsucht nach Frieden zu eurer Heimat und flochten ein festes Band zwischen euch und uns. Somit seid ihr Teil von uns und wir von euch. Und jeder Teil gibt dem anderen, um zur Vollkommenheit zu gelangen.“ Noch immer spürte sie die starke Furcht in Elrados Brust und der Argwohn, der von ihm ausging.

„Ich hätte nie geglaubt, dass wir euch etwas geben können“, meinte er.

„Die Menschen denken oft, dass wir Elfen keine Quelle brauchen, aus der wir trinken. Doch so ist es nicht. Der Wald beschenkt uns, wie auch euch. Ihr umgebt ihn mit Frieden und Glück.“

„Wir waren einst eine kriegerische Reiterhorde, bevor wir uns hier niederließen“, erinnerte Elrado sich.

„Dein Volk ist bei uns, weil es hierher gehört. Wie ein Samenkorn, das seinen Weg endlich in den trefflichen Garten gefunden hat. Erst hier konnte es sprießen und wunderschöne Blüten entfalten. Nirgendwo sonst hat der Mensch je zu solch einem Frieden gefunden. Und nichts liebt ein Wald mehr als Blüten, denn sie erblühen selten in seinen Tiefen.“

„Ihr sagt schöne Worte, Herrin“, sagte Elrado und wollte nun seiner Befürchtung Luft verschaffen. So sehr er sich auch anstrengte höflich zu bleiben und geduldig, so sehr brannte ihm die Frage doch unter den Nägeln. „Doch gewiss seid ihr nicht zu mir gekommen, um über die Vergangenheit zu sprechen. Es wird einen guten Grund geben, weshalb die Elfen sich mir zeigen.“

Die Elfenherrin blickte betroffen zur Seite und erkannte nun den Grund seiner Furcht in ihm. Weniger die Furcht vor ihrer Erscheinung, als die Kunde, die sie überbringen musste und die nichts Gutes mit sich bringen mochte. Und damit hatte er ja leider auch Recht.

„Eine Veränderung macht es nötig mit dir zu sprechen“, sagte sie dann und Elrado entdeckte Traurigkeit in ihren Augen.

„Eine Veränderung?“

„Wir wissen um die Geschicke dieses Waldes von Anbeginn und haben Kenntnisse über die Elfenwäldler, die euch selbst sogar auf ewig verborgen bleiben. Wir erkennen, welches Blut in euren Adern fließt, sehen Fähigkeiten und Handlungen in euren Augen, die ihr selbst erst spät entdeckt. Und so wissen wir, zu wem wir sprechen müssen zu gegebener Zeit.“

„Deine Worte sind mir ein Rätsel, Herrin“, gab Elrado zu.

„Das Nomadenblut, die Stärke und der große Geist der weiten Steppen haben nie aufgehört in euch zu wirken. Wir sehen eure Feste, wie ihr die Geschichte ehrt und euren Kindern beibringt, das Vergangene nicht zu vergessen. Und ja, Elrado, auch über die Vergangenheit möchte ich mit dir sprechen. Denn ihr seid die Gesamtheit des Vergangenen, das Resultat allen Gewesenen und die Essenz einer besonderen Herkunft. Ganz besonders deine Familie.“

„Meine Familie? Was ist mit meiner Familie? Ist etwas nicht in Ordnung mit ihnen?“

Die Herrin beschwichtigte seine Aufregung und bedeutete mit ihren Händen, dass kein Grund zur Sorge in dieser Hinsicht bestand. Sie schüttelte sachte den Kopf.

„Ihr Knabengesegneten seid lange schon nicht bei euren Verwandten im Norden gewesen“, sprach sie.

„Hm, nun ja.“ Elrado kratzte sich am Kinn. „Ich glaube, von uns war seit einigen Monden schon niemand mehr dort oben. Das mag wohl sein.“ Er fragte sich, was dieser sonderbare Einwand mit ihrem Erscheinen oder seiner Familie zu tun haben sollte.

„An der Nordgrenze unseres Waldes verändern sich die Menschen“, sagte die Herrin betrübt.

„Ich verstehe nicht“, sagte Elrado Schulter zuckend, worauf die Elfenherrin ihm sanft aber eindringlich ins Gesicht blickte und fortfuhr: „Ein alter und seltsamer Mann ist gekommen. Vor drei Monden. Er nahm seither großen Einfluss auf die Mädchengesegneten. Und nun haben sie angefangen Zäune zu errichten und Mauern. Sie streiten sich und neiden einander die guten Dinge des Lebens. Wir haben große Sorge.“

„Das ist in der Tat besorgniserregend, Herrin. Doch ihr spracht soeben von meiner Familie“, meinte Elrado, den diese Tatsache wesentlich mehr beschäftigte, als die Mädchengesegneten im Norden. „Was ist mit ihnen?“

„Wenn fest Verbundenes sich gegeneinander wendet, ist es schwierig zu entscheiden“, sagte die Herrin. „Ihr Elfenwäldler, gleich ob Knaben- oder Mädchengesegnete, seid ein Teil von uns geworden. Und wenn sich unser eigener Arm gegen uns wendet, vermögen wir ihn nicht abzuschneiden. Das Gewebe unserer Verbundenheit wärmt uns nicht alleine, es kann uns auch fesseln. Die Elfenwäldler im Norden wenden sich ab vom Wald und haben Galdos Hof zu einer Wehr verwandelt. Es seid ihr Knabengesegneten vom Ostrand, die in den Norden gehen müssen, um Schlimmeres zu verhindern. Und ich weiß, Elrado, auch wenn du dies nicht hören magst, dass es gerade deine Fähigkeiten und die deiner Familie sind, die zu helfen vermögen.“

Tatsächlich behagte ihm das ganz und gar nicht. Zauberei hin oder her, Elfenherrin oder nicht, zuallererst lebte er für seine Familie, für ihren Schutz und ihr Wohlergehen. „Meine Frau Enika? Und die Kinder?“ Entsetzt wich er zurück. „Was sollen die denn gegen einen fremden Aufwiegler ausrichten? Und wer ist das überhaupt?“ Alles in ihm sträubte sich gegen die Anspielungen der Herrin. Wer war er denn schon? Ein stiller Bauer aus dem Osten, der das Leben liebte, seine Familie und seine Arbeit. Er lachte und feierte gerne mit den Kumrados, trank mit dem guten Kumrado gerne ein, zwei oder drei Bier und behelligte niemanden, mochte jedoch auch selbst nicht behelligt werden. Elrado freute sich jeden Abend auf den Morgen und das sollte auch so bleiben.

„Er nennt sich Habier“, antwortete die Herrin leise, während sich ein leichter finsterer Schatten über ihre Stirn legte. „Niemand weiß, woher er kommt. Aber er bringt Unruhe mit sich und vergiftet die Menschen.“

„Bei allem, was mir heilig ist“, sagte Elrado. „Ich bin sofort bereit zu helfen und loszuziehen. Aber verlangt nicht von mir, meine Frau und die Kinder mitzunehmen. Ich liebe sie mehr als mein Leben.“

„Elrado!”, Die Elfin schüttelte den Kopf. „Niemals würde ich von dir etwas verlangen. Dazu bin ich auch gar nicht im Stande. Ich verlange nicht. Nicht von euch. So wie ihr eure Knaben entscheiden lasst, welchen Weg sie bei ihrer Wanderung auf dem Jugendpfad in die Erwachsenenwelt wählen, so lasse ich dich bei deiner Entscheidung in dieser Begebenheit gewähren. Aber es hat seinen Sinn, dass ich mit Elrado spreche und nicht mit einem der anderen Höfe. Du, deine Familie, aber ganz besonders dein Sohn Mino, ihr tragt die Fähigkeiten der alten Steppenreiter in euch, mehr als jeder andere. Und es ist Mino, den ich in einer sehr besonderen großen Aufgabe erkenne.“

Elrado schüttelte den Kopf und streckte abwinkend seine Hände vor sich. „Herrin, ich bin sehr verwirrt. Eben noch wollte ich Holz holen, einfach nur Holz. Doch jetzt finde ich mich in der Mitte eines Elfenvolkes, welches wir nie sahen und ihr berichtet mir von einem Mann namens Habier, der unseren Verwandten im Norden die Seelen vergiftet und eine Wehr errichtet. Für mich, wie auch für meine Freunde, ist es keine Frage, dass wir uns aufmachen und nach dem Rechten sehen werden. Es war immer so, dass wir uns gegenseitig geholfen haben. Gerne schare ich ein paar Männer um mich, um dem Aufwiegler den Garaus zu machen. Doch, bitte, sagt mir bloß, was hat mein ältester Sohn Mino damit zu schaffen? Er wollte demnächst erst seinen Jugendpfad antreten. Noch ist er ein Kind.“

„Ich weiß“, sprach die Herrin und faltete ihre Hände vor sich in den Schoß. „Mino ist ein starker, kluger Junge und längst bereit für seinen Pfad. Er ist neugierig und furchtlos. Er hat vieles in sich, dass uns allen helfen kann, den Unhold vom Wald zu vertreiben.“

„Und das kann ich nicht für ihn tun?”, fragte Elrado.

„Für ihn?“, fragte die Herrin erstaunt. „Kannst du für ihn essen? Für ihn trinken? Kannst du für deinen Sohn den Pfad begehen? Ich sage nicht, dass du nicht fähig wärest dasselbe zu tun, Elrado. Auch du bist stark und klug, hast viel getan in deinem Leben. Aber dein Platz ist hier am Wald. Glaube mir.“

„Ich glaube euch, Herrin“, meinte er niedergeschlagen. „Ich weiß aus den alten Legenden, wie ihr weissagt und die Zukunft erkennt.“

„Wir Elfen blicken nicht in die Zukunft“, widersprach sie und konnte ein kurzes Lachen nicht unterdrücken, da sie von diesem Märchen oft schon gehört hatte. „Das mag eine Zauberin oder Hexe gar zu vollbringen. Wir Elfen erkennen nur die Zeichen, die ein Mensch an sich nicht wahrnimmt. So wie du Trauer oder Freude bei deinem Gegenüber siehst und trefflich zu deuten weißt, so sehen wir dir an, was du zu tun am besten in der Lage sein wirst.“

Elrado nahm all seine Kraft zusammen, holte tief Luft und seufzte, bevor er weitersprach: „Mino soll demnach also zu den Mädchengesegneten gehen und Habiers Treiben ein Ende bereiten?“

„Mino alleine wird diesem Zauberer kaum Einhalt gebieten“, meinte die Herrin beruhigend. „Und niemand verlangt dies von ihm.“

„Ist er denn ein Zauberer?“

„Es hat den Anschein. Wenn du deinen Sohn zunächst begleitest, werdet ihr es herausfinden.“

„Aber ihr habt doch gesagt, ich soll hier bleiben.“

„Du wirst wieder herkommen“, erwiderte sie lächelnd. „Und wissen, wann du Mino alleine ziehen lässt.“

„Herrin, mir wird schwindelig, ganz schwindelig und irgendwie ganz übel...“ Mit diesen Worten plumpste er auf das Moos und fiel in einen plötzlichen Schlaf. Er dachte an die vielen Geschichten und Ränke um das Volk der Elfen und ihrer Herrin. Menschen ertrugen ihren Anblick kaum und so mancher war schon gestorben, sah er sie nur aus der Nähe. Es hatte, wenn auch nur sehr selten, durchaus Menschen gegeben, denen Elfen begegneten. Und in ihrem eigenen Reich, tief im Waldesinnern, kam der Blick auf dessen Reinheit einem Stich ins Herz gleich, da die klare Schönheit des Elfenparadieses und mehr noch ihrer Bewohner nicht erfassbar war. Er wachte wieder auf.

„Also doch ein Traum!“, hoffte er, sich die Augen reibend. Als er um sich schaute, war alles wie zuvor. Zwei Karnickel hoppelten vorbei und starrten ihn frech an, so als machten sie sich über ihn lustig.

Elrado, es war kein Traum. Wir sehen uns wieder!, hörte er dann jedoch die aus einem fernen Wind klingende Stimme der Herrin.

 


Auf geht´s
 

Zurück auf dem Hof erzählte er seiner Frau Enika sogleich und ohne Punkt und Komma von der Begegnung mit der Herrin. Sie musste ihn beruhigen und sich selbst erst einmal setzen ob der ungeheuerlichen Neuigkeiten, steckte dann ihre sehr krausen und widerspenstigen Haare nach oben, um sich ungestört die Einzelheiten von ihrem erschöpften Mann anzuhören.

„Wenn Elfen sich zeigen“, sagte sie nachdenklich, nachdem Elrado seine Geschichte beendet und ihr sämtliche Fragen beantwortet hatte, „dann muss es schlimm stehen um unsere Freunde und Verwandten im Norden.“

„Ja, das sehe ich auch so“, pflichtete Elrado ihr frustriert bei. Das Erlebnis und die Begegnung mit den Elfen machten ihn müde und der Wunsch nach Schlaf war groß.

„Nur ein einziges Mal sind wir ihnen begegnet. Weißt du noch, mein Lieber?“

„Ja, ich erinnere mich noch gut. Aber selbst damals haben sie sich nicht wirklich gezeigt.“

„Nein. Aber sie haben uns den schnellen Weg durch den Wald gewiesen. Und damit Minos Leben gerettet.“

Enika sprach auf das plötzliche Fieber ihres ältesten Sohnes Mino an, der damals noch sehr klein war. Die Frau von Kumrado kannte sich in dieser Gegend am besten mit Heilkräutern und Tränken aus. Doch als Enika sie um Rat fragte, wusste auch sie nicht weiter. Mino war nämlich an einem der seltenen Sumpffieber erkrankt. Dagegen wuchsen nur im Norden bei den Mädchengesegneten die lindernden Kräuter. So hatten sie sich rasch aufgemacht, die Kräuter zu suchen. Für sie war es ein weiter Weg dorthin. Zwar kannten sie die Abkürzung mitten durch den Wald, allerdings auch die möglichen Gefahren. Aber das Fieber Minos war rasch gestiegen. Mit ihm auf den Rücken gebunden, verschwanden die beiden sehr bald in den Tiefen des Elfenwaldes. Und die Elfen wiesen auf wunderliche Weise mit ihren geheimen Lichtern den Weg zum Nordrand. Das hatten Elrado und Enika nie vergessen. Und vielleicht wusste die Herrin ja damals bereits, dass Mino noch eine wichtige Rolle zu erfüllen hätte und wollte ihn deshalb retten.

„Der gute Galdo“, sagte Elrado. „Hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen. Es verwundert mich, dass er diesen Habier auf dem Hof aufgenommen hat. Wenn der doch einen so üblen Einfluss auf sie alle ausübt. Galdo ist nicht dumm und trotz seiner Gastfreundschaft auch vorsichtig.“

„Er wird mit Tücke gehandelt haben“, sagte Enika. „Und in drei Monden kann viel geschehen. Du solltest tun, wie die Herrin gesagt hat. Wenngleich es mir im Herzen weh tut auch Mino fort zu wissen.“

„Sie wird ihre Gründe haben“, meinte Elrado. „Wo sind die Kinder überhaupt?“

„Die beiden Kleinen spielen mit dem Fohlen, Mino ist noch auf dem Feld.“ Sie hielt einen Moment inne und überlegte: „Oder meinst du nicht doch, du kannst mit Kumrado und einigen anderen alleine gehen - ohne Mino?“

„Enika!”, Elrado nahm seine Frau in den Arm. Und auch, wenn er genauso empfand wie sie, sagte er: „Du bist wankelmütig wie ich selbst. Und ich verstehe es nur zu gut. Unser lieber Mino. Aber du meintest doch eben noch selbst, ich solle tun wie die Herrin gesagt hat. Sie hat uns noch nie enttäuscht. Noch nie! Und ohne sie würde Mino vielleicht gar nicht mehr unter uns sein.“ Enika seufzte und gab nach. „Es ist wohl das Unergründliche, das stets mit den Elfen einhergeht, was mich so ängstlich macht. All das Zauberwerk in unserer Welt verunsichert mich.“

„Sie wären keine Elfen, mein Schatz, wenn wir ihre Geheimnisse durchschauen könnten.“

Beim Abendessen saß die ganze Familie am Tisch. Mino, der nun schon beinahe sechzehn Winter erlebt hatte, war begierig zu erfahren, was es Neues gab. Er hatte längst mitbekommen, dass etwas nicht in Ordnung war und seine Neugierde war entsprechend groß. Fast so groß wie sein Vater, braun gebrannt, schlank und sehnig, blickten seine wachen braunen Augen in die Runde. Unruhig schob er das Gemüse auf dem Teller hin und her und blickte seinen Vater erwartungsvoll an. Auch er wusste, dass seine Wanderung in die Erwachsenenwelt, sein Jugendpfad, kurz bevor stand. Jeder Junge der Knabengesegneten ging früher oder später auf diese Wanderschaft, fort vom Elternhaus. Wie lange dies dauerte, wohin oder wie weit sie führte, lag an jedem einzelnen. Viele steuerten sogleich auf die Verwandtschaft im Norden zu. Dort wurden auf unerklärliche Weise nur Mädchen geboren, ebenso hier bei ihnen am Ostrand nur Knaben geboren wurden. Eine seltsame Laune der Natur, die gewiss mit den Eigenheiten des Waldes zu tun hatte. Es gab jedoch auch anderswo junge Frauen, im Süden etwa, wo der Zauber des Waldes keinen so großen Einfluss mehr auf die Nachkommenschaft der Elfenwäldler nahm. Der Nordrand war dennoch das beliebteste Ziel des Jugendpfades, das Finden einer zukünftigen Frau hierbei zwar nicht der einzige Gedanke dieser Tradition, aber doch ein häufiger. Zumindest erhofften sich die Jünglinge viel Spaß, Feste und hübsche Mädchen.

Mino wusste, dass etwas Wichtiges passiert war. Die beiden anderen Knaben, Lurado und Burado hingegen, waren noch zu jung, um zu verstehen, dass sich auch Böses in dieser Welt zutragen konnte. Sie alberten und kicherten herum und fanden das Essen auf dem Teller gerade viel spannender als alle langwierigen Gespräche. Es war bereits dunkel geworden. Ein stattliches Feuer brannte im Kamin der großen Wohnküche, in der sich das Leben der Elrados abspielte, wenn sie nicht auf ihren Feldern arbeiteten.

„Was ist denn nun geschehen?”, fragte Mino.

Enika schaute ihren Mann kurz an, bevor sie sagte: „Dein Vater und du, ihr werdet zu unseren Verwandten und Freunden in den Norden gehen.“

„Wann denn? Wegen einem Fest wohl nicht?“ Minos Blick war ernst. Er war jung, ungeduldig und hitzig oft, aber keineswegs dumm. Er hatte schon so manches gehört von der Welt außerhalb ihrer Höfe, weit fort von den Wiesen des Elfenwaldes.

„Nein, Mino“, antwortete Elrado nach einem kräftigen Schluck Bier. „Es gibt leider kein Fest, vielmehr Ärger bei den Mädchengesegneten.“

„Was ist denn passiert? Ärger gibt es doch sonst nur bei den anderen Menschen.“

„Tja, diese Zeiten scheinen wohl vorübergehend vorbei zu sein“, meinte Elrado. „Es ist ein Fremder zu Galdos Hof gekommen. Vor drei Monden. Er hat großen Einfluss auf unsere Leute genommen. Und zwar keinen guten.“

„Dein Vater hat heute mit den Elfen gesprochen“, ergänzte Enika, die hoffte, dass diese Nachricht ihren Söhnen keinen Schrecken versetzen würde. Bei den beiden Kleinen mochte das zutreffen, sie hielten nun inne mit ihren Albernheiten und blickten ihre Eltern ehrfürchtig und stumm an. Doch bei Mino war dies mitnichten der Fall.

„Mit Elfen?“ Er machte große Augen und legte interessiert seinen Löffel bei Seite. „Das ist ja toll. Ich dachte immer, sie zeigen sich uns nie.“

„Deswegen scheint die Lage auch sehr ernst zu sein, mein Sohn“, sagte Elrado, der seiner Frau einen erstaunten Blick zuwarf. Mit einer solchen Furchtlosigkeit hatte er nicht gerechnet. „Die Herrin bat mich mit dir und ein paar Männern zu helfen. Wir müssen also so bald wie möglich aufbrechen, bevor noch Schlimmeres geschieht.“

„Aufbrechen?“, rief Mino erfreut aus. „Wann denn? Was macht denn dieser Fremde?”, fragte er und konnte es kaum erwarten auf diese Abenteuerreise zu gehen. Elrado erzählte ihm, was er wusste.

„Das verstehe ich nicht“, meinte Mino dann mit gekräuselter Stirn. „Die Elfen haben doch die Macht in diesem Wald. Sie könnten diesen Fremden bekämpfen und einfach vertreiben.“

„Können sie nicht“, sagte Enika geduldig. „Die Elfen und ihre Herrin vermögen gegen Feinde, die sich gegen sie oder den Wald wenden, vorgehen können. Aber dieser Habier greift den Wald und die Elfen ja nicht an. Galdos Hof und auch die der anderen liegen außerdem nicht im, sondern lediglich am Wald.“

„Und was sollen wir da tun?“

„Das ist in der Tat eine gute Frage“, stimmte Elrado seinem Sohn zu. „Ich werde morgen in aller Frühe zu den Kumrados rüber reiten und ihnen berichten. Der gute Kumrado wird gewiss mitkommen, vielleicht auch noch ein, zwei andere von uns. Auf dem Rückweg werden wir dich hier abholen, Mino, und weiterziehen.“

„Wollt ihr wirklich den Weg durch den Wald nehmen?”, fragte Enika ein wenig ängstlich. Seit einigen Wintern gab es nämlich wieder schaurige Geschichten über den Wald. Und wenn auch die Elfen dort das Sagen hatten, lebte noch so manch anderer Geselle in seinen unerforschten Tiefen. Es war Eile geboten. Mit Pferden um den Wald herum würden sie um einiges länger brauchen, als zu Fuß mitten hindurch. So war es für Elrado beschlossene Sache, den kürzeren Weg zu wählen. Mino wurde immer aufgeregter. Sein Vater war auf seiner eigenen Wanderung ganze vier Winter fort gewesen. Am See der Feierlichkeiten hatte er dabei Enika kennen gelernt. Enika kam nämlich nicht, wie die meisten hier, von den Mädchengesegneten, sondern aus einer Siedlung im Süden. Die Leute dort waren ebenfalls nach der langen Nomadenzeit sesshaft geworden, lebten aber nicht in unmittelbarer Nähe des Elfenwaldes. Die Verwandtschaft zu den Elfenwäldlern jedoch war so groß, dass sie sich als eine große Sippe betrachteten und viele Feste gemeinsam feierten.

Das Essen war längst vom Tisch, die beiden Kleinen bereits im Bett, als Mino mit seinem Vater noch immer zusammen saß und ihn über die Elfen und ihre Geschichten ausfragte. Elrado war froh, einen so wissbegierigen und aufgeweckten Sohn zu haben und überzeugt, er erfülle die Erwartungen der Herrin. Dennoch waren ihm die Ungewissheit und die damit verbundene Gefahr ebenso bewusst. Nur allzu gern hätte er dies von seinem Jungen ferngehalten. Aber es wäre töricht gewesen, zumal Mino ohnehin in naher Zeit alleine würde losziehen wollen, um sich auf den Jugendpfad zu begeben.

Als der Kamin nur noch die Glut in sich barg und völlige Stille in dem kleinen Häuschen am Rande des Waldes herrschte, schliefen Elrado und Enika ruhig in ihrem Bett. Mino lag noch wach. In seinem Kopf jagten sich aufregende Gedanken. Er stellte sich vor, wie sie durch den Wald liefen und seltsame Wesen beobachteten, Elfen trafen und noch nie gesehene Tiere und Pflanzen entdeckten. Ein bisschen träumte er, ein bisschen freute er sich auf das Unbekannte, das spannende Fremde. Dennoch ahnte er die Ernsthaftigkeit dieser Wanderung. Ginge es nur um das Erwachsenwerden, so ließe er sich Zeit und hätte kein rechtes Ziel oder eine spezielle Aufgabe vor Augen haben müssen. So aber mussten sie sich beeilen. Und was sie letzten Endes tatsächlich auf Galdos Hof erwartete, wusste er auch noch nicht. Etwas Angst schwang in seinen Gefühlen mit. Eine Weile noch dachte er über die Elfen nach. Im gesamten Umland des Waldes wusste man von den Geschichten der Herrin der Elfen mit ihrem Gefolge. Sie hatten viele tausend Winter, bevor die ersten Menschen überhaupt Kenntnis von dieser Gegend besaßen, dort gelebt. Es hatte lange gedauert bis sie sich ihnen gegenüber zu Erkennen gaben und selbst dann war ihr Misstrauen nie vollends verschwunden. Böse Dinge waren in Alterszeiten zwischen Menschen und Elfen geschehen. Es dauerte, bis die Herrin erkannte, dass die Elfenwäldler sich verändert hatten und nicht länger ihre Schwerter trugen. Die Harmonie des Elfenwaldes war dann ganz langsam auf sie übergegangen und die Leute begriffen eines Tages, dass die Einfachheit und Leichtigkeit des Lebens an der Anwesenheit der Elfen lag. Denn wo sie waren, gedieh das Leben. Die enge Verbundenheit, die zu ihnen entstanden war, entbehrte schließlich sogar eines Anführers. Hatten die Elfenwäldler einmal Not, erhielten sie ihre Antworten aus dem Wald oder im Traum.

Auch deshalb verehrten und huldigten sie den Elfen. So selten und so wenige sie auch je gesehen hatten. Sie vertrauten ihnen dennoch und wussten, dass sie viele hilfreiche Geheimnisse bewahrten. Doch nun, da die Herrin zu Elrado gekommen war, schien sie das erste Mal selbst ratlos. Dies war sehr beunruhigend. Mino dachte noch darüber nach, als im Geiste das Gesicht der Herrin vor ihm erschien. Mit ihrem Lächeln und einem zarten Wind, fein wie ein dünner Schleier, der um seine Nase wehte, schlief er bald ein.

Die Sonne war noch nicht einmal zu einem Viertel am Horizont erschienen, als er bereits fertig angezogen vor dem Bett seiner Eltern stand. Er hatte schon das Frühstück bereitet, was selten vorkam, und konnte es gar nicht erwarten loszuziehen, vollkommen ignorierend, dass Elrado ihm gesagt hatte, ihn erst auf dem Rückweg von Kumrados Hof mitzunehmen. Doch endlich passierte einmal etwas wirklich Aufregendes in dieser sonst so zwar schönen, aber vielfach auch langweiligen Gegend. Und Mino wäre nicht er selbst, wenn er mit seiner Hartnäckigkeit nicht auch erreichte, was er wollte. Unter keinen Umständen wollte er riskieren, dass sein Vater doch noch ohne ihn loszog, weil er es sich anders überlegt hatte. Elrado war nicht so erpicht darauf wie sein Sohn, sich auf den Weg zu machen und nur widerwillig und brummig schälte er sich in seinem zerknitterten Nachtgewande aus den Federn und schlug sich kaltes Wasser aus einer nahebei stehenden Schale ins Gesicht. Die Lebendigkeit und Ungeduld Minos jedoch steckte auch ihn nach einigen Minuten an und so saßen allesamt bald hungrig und gespannt ob der anstehenden Reise am Frühstückstisch und langten zu. Nachdem sie satt waren, nahm Elrado seine Frau fest in den Arm und drückte sie liebevoll. Sie verabredeten, dass sie und jene, die sie begleiten würden, vor dem Weg durch den Wald nochmals vorbeikämen, damit sich alle Frauen mit den Kindern im Hause von Elrado treffen konnten, um auf die Rückkehr ihrer Liebsten gemeinsam zu warten. Es war üblich, wenn es denn überhaupt einmal geschah, dass die Frauen, deren Männer gemeinsame und vor allem ungewisse Unternehmungen tätigten, die Zeit miteinander verbrachten. So ließ es sich leichter ertragen, würde auch Unliebsames geschehen oder unerwünschte Kunde ins Haus kommen. Ganz davon abgesehen, dass die Höfe der Elfenwäldler recht weit voneinander entfernt lagen und man in unruhigen Zeiten lieber zueinander rückte, als jeder für sich auf drohendes Unheil zu warten.

Ein weiterer herrlicher Sonnentag kündigte sich an. Das Gezwitscher der Vögel lud eher zum Picknick als zu einem Marsch in den Wald ein, doch Elrado ritt entschlossen mit Sohn Mino zum Hof seines Freundes Kumrado. Pferde benutzten die Menschen rund um den Elfenwald nur selten zum reiten. Eile und Hetze waren ihnen allen ein Gräuel und nur ungerne trieben sie die gutmütigen und friedfertigen Tiere an. Doch in diesem Fall war es angebracht. Längst bevor sie ankamen, bemerkten die Kumrados sie und kamen von den Feldern herbeigelaufen. Kumrado hatte eine stattliche Familie. Ebenso stattlich wie er auch ganz alleine daher kam - einem Essen nämlich war Kumrado nie abgeneigt. Seine selbstbewusste Frau und die vier heranwachsenden und lebhaften Söhne komplettierten das Bild. Die Elrados und die Kumrados trafen sich häufig, beinahe jeden dritten oder vierten Tag, um gemeinsam die späten Nachmittage oder Abende zu verbringen. Es gab immer etwas zu erzählen, erst recht aus den alten Zeiten; Geschichten, die die Kinder mit großen Kulleraugen verfolgten und unruhig auf deren Ausgang warteten. Und den Erwachsenen halfen sie sich zu erinnern, wie fest ihre Bande miteinander verknüpft waren.

„Es ist ganz selbstverständlich, dass du gehen musst und wir mit dir kommen“, sagte Kumrado überzeugt nickend, nachdem er Elrados Bericht angehört hatte. „Meine Söhne werden den umliegenden Höfen Bescheid geben, dass sie uns nachfolgen sollen, denn ich glaube mit einigen Männern mehr wird es einfacher unseren Brüder und Schwestern im Norden die Köpfe gerade zu rücken. Was besitzt dieser Habier nur, das die armen Menschen dort dazu bringt ihm zu gehorchen? Eine wirklich seltsame Sache, die du mir da erzählst.“ Der sonst stetig fröhliche und freundlich dreinblickende Kumrado wirkte geradezu fremd, wenn er versuchte ernst die Stirn in Falten zu legen und Wichtiges von sich gab. Sein pausbackiges und gut durchblutetes Gesicht bot dabei allerdings kaum Möglichkeiten allzu viele Falten aufzuwerfen. Glatt und nahezu rundlich strahlte es jeden schon aus der Ferne an, der sich ihm näherte.

„Ich verstehe das auch nicht“, meinte Elrado. „Er ist ein Wildfremder und offenbar auch keiner aus den uns bekannten Gegenden. Und er stiftet Unfrieden in einer so kurzen Zeit. Es muss wirklich schon schlimm bestellt sein um unsere Leute, wenn sich die Herrin zeigt.“

„Vielleicht ist er ja ein Zauberer“, warf Mino ein. Dieser Gedanke wurde durchaus ernst genommen. Schließlich wäre es nicht der erste, der versuchte sein Unwesen bei den Elfenwäldlern zu treiben.

„Wir werden es herausfinden“, sagte Kumrado entschlossen. Er packte mit seiner Frau ein paar Sachen zusammen, nahm sie und die Kinder bei der Hand und folgte Elrado zurück zu dessen Haus.

„Wo sind denn die anderen?”, fragte Enika gleich. Sie wartete ungeduldig an der Türschwelle und sah die kleine Schar schon von weitem herannahen.

„Sie werden nachkommen, sei gegrüßt, liebe Schwester“, antwortete Kumrado und umarmte lächelnd die Freundin. Auch die Übrigen begrüßten sich zuerst freudig und betraten zu einer letzten gemeinsamen Erfrischung Elrados Haus. Sie waren sich einig darüber rasch aufzubrechen. Bei Nacht jedoch war es ganz und gar nicht ratsam durch den Wald zu wandern. Außerdem benötigten sie mindestens drei , wenn nicht vier Tage, um die andere Waldseite zu erreichen. Sie führten sich nochmals vor Augen, dass sie sich entschieden hatten genau durch das Herz, die tiefsten Tiefen des Elfenwaldes zu gehen. Alles andere hätte ihre Reise um viele Tage verlängert und so wie die Herrin der Elfen gesprochen hatte, schien Eile mehr als geboten. Also blieb es dabei. Sie würden den direkten Weg nehmen – und somit den gefährlichsten. Enika sorgte sich um Mino. Sie sah ihn an und nahm, bewusster als sonst, seine beginnende Reife und die versteckte Kraft seines Wesens wahr. Sie wünschte, dies wöge mehr als seine Jugend und Unerfahrenheit und doch ahnte sie auch, dass es damit sehr bald vorüber sein würde. Mino aber lächelte sie nur voller Erwartung an und wiegte sich unruhig von einem auf den andern Fuß. Sie streichelte seine Wange, strich ihm übers Haar und küsste ihn zum Abschied auf die Stirn.

„Pass bitte gut auf ihn auf, mein Liebster“, sagte sie dann zum Abschied zu Elrado. Er nickte ihr zu, versprach es ihr und küsste sie. Dann machten sich die Reisenden auf den Weg. Die Frauen und Kinder blieben zurück und winkten ihnen lange nach. Enika spürte eine unbekannte Wehmut in ihrem Herzen, so als stünde der Beginn einer schweren Zeit bevor. Und auch Gunika, Kumrados Frau, machte ein sorgenvolles Gesicht. Kurz bevor die drei dann im Dickicht des Waldes verschwanden, drehten auch sie sich nochmals kurz um und winkten den Daheimgebliebenen zu. Nun blieb den beiden Frauen und ihren Kindern nichts anderes übrig als zu warten und Haus und Hof zu hüten.

Die Freunde und Nachbarn, die ihnen folgen wollten, kamen bereits am selben Abend noch bei Elrados Haus an. Auch sie hatten ihre Frauen und Kinder mitgebracht. Manche machten es sich in den Ställen bequem, manche einfach an dem großen Feuerplatz vor dem Haus. Es wurde beschlossen, den Vorausgeeilten erst am nächsten Morgen zu folgen, denn die Dämmerung setzte bereits ein. Also verging eine ganze Nacht der Vermutungen und Spekulationen, was am anderen Ende ihres geliebten Waldes denn nur geschah. Sie konnten sich kaum erinnern, wann das letzte Mal eine solche Aufregung herrschte und schon jetzt wünschten sie sich, es sei bereits vorbei. Enika jedenfalls schlief in dieser Nacht sehr schlecht. Sie hätte sonstwas gegeben, um zu wissen wie es ihren beiden Wanderern ginge. Lieber noch wäre sie mitgekommen.