Oliver Wendt - MolluskentoreMolluskentore
Zweiter Teil der Galaktischen Reisen

Science-Fiction Roman
von Oliver Wendt

ISBN-Softcover: 978-1-326-02686-8

 

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Inhaltsangabe:
 

Ein weiterer Auftrag verschlägt Brendan, seinen väterlichen Freund Einstein und den Roboter Klick-Klick nach Azur, einem von der Neutralen Behörde freigegebenem Wasserplaneten. Die ersten Siedler dort sind spurlos verschwunden. Obwohl er auf die Neutrale Behörde nicht gut zu sprechen ist, sucht Brendan nach den Verschollenen und macht gleich mit zwei seltsamen Alienspezies Bekanntschaft. Leider ist eine davon ihm nicht wohlgesonnen. Nur mit Not entgehen die Drei ihrem Ende und bereichern ihre Crew um ein ungewöhnliches neues Mitglied. Die Sprungtore sind inzwischen kein Geheimnis mehr und die Machtkämpfe um sie in vollem Gange. Mariju hingegen steckt noch immer in der fernen Galaxie Andromeda und knüpft erste Kontakte zu einer höchst außergewöhnlichen Lebensform. Sie glaubt, dass sie die Erbauer der Sprungtore sind und versucht verzweifelt einen Weg zurück in den heimatlichen Spiralarm zu finden.




Leseprobe Molluskentore:

 

01 – Zurück
 

Brendan war kein unbeschriebenes Blatt mehr. Auf Little Silence redeten die Leute viel über ihn, allerdings nicht mehr so häufig aufgrund der Tatsache, dass er Pegar war. Weitaus gieriger stürzte sich die sensationslüsterne Gesellschaft der Consumpia auf die Geschichten und Gerüchte über die geheimnisvollen Sprungtore. Viel Spektakuläres geschah ja auch nicht auf dem beschaulichen Planeten und abwechslungsreiche Neuigkeiten wurden daher mit Wonne aufgenommen. Er hingegen versuchte seinen Bekanntheitsgrad zu ignorieren und mied daher auch die meisten offiziellen Anlässe, um sich nicht wieder und wieder rechtfertigen und erklären zu müssen. Erschwerend hinzu kam, dass er inzwischen eines der modernsten und eindrucksvollsten Raumschiffe des ganzen Sonnensystems besaß, was für weiteren Gesprächsstoff sorgte und neben Bewunderern auch die üblichen Neider auf den Plan rief. Brendan war nicht darauf erpicht in den Medien erwähnt zu werden und es fiel ihm ungeheuer schwer alledem aus dem Weg zu gehen. Er legte keinerlei Wert mehr auf die consumpianische Gesellschaft, diese oberen Zehntausend der einzigen Stadt des Planeten, die nicht nachließen ihn wieder und wieder zu Bällen und Empfängen einzuladen und mit ihrer nie enden wollenden Neugierde zu traktieren und es dabei gar nicht schätzten, wenn man sie ignorierte.

Nachdem er und sein väterlicher Freund Megando di Facil alias Einstein, aus dem Leo-Minor-Bezirk von ihrer letzten und richtungsweisenden Reise zurückgekehrt waren, zitierte die Neutrale Behörde sie zunächst in eine verhältnismäßig kleine und unbedeutende Dependance. Zu viele Ungereimtheiten und offene Fragen waren im Zusammenhang mit Brendans Kontakt zu den fremdartigen Mollusken aufgekommen, so dass sich die Neutrale Behörde eingehend darum bemühte Licht in die ganze Sache zu bringen. Bei dem verfahrensleitenden Beamten handelte es sich ebenfalls um einen Pegaren. Er war wenige Tage vor Brendan auf dem Planeten eingetroffen und bestens über die Vorgeschichte informiert. Jeder normal Sterbliche auf Little Silence hätte sich nicht die Bohne für Ungereimtheiten interessiert, die 34 Lichtjahre entfernt stattgefunden hatten und bereits über 170 Jahre her waren. Als Brendan die lästigen Befragungen hinter sich gebracht und glaubhaft erklärt hatte, dass er zu wenig wusste, um der Behörde weiterhelfen zu können, gab man sich zwar nicht zufrieden aber ihm freies Geleit. Nichts anderes war zu erwarten. Die Fremdwesen waren seinerzeit im Leo-Minor und auch im Uma-Bezirk so plötzlich verschwunden wie sie auch aufgetaucht waren. Und die zeitweilige Anklage von Teilen der Behörde aus dem Leo-Minor, dass Brendan sich in überregionale politische Angelegenheiten eingemischt und die Sicherheit der menschlichen Rasse aufs Spiel gesetzt hätte, konnte von niemandem belegt werden. Da es nicht einen einzigen Mollusken mehr in menschlich besiedelten Systemen gab, waren weitere Gefahren auch nicht zu befürchten.

Brendan wollte all das nun endlich vergessen und hinter sich lassen. Er brauchte Abgeschiedenheit und musste sich über vieles klar werden, bevor er sich wieder seiner Selbstständigkeit widmen würde. Nichtsdestotrotz hatte er nun einmal Kontakt zu Aliens gehabt und war mit seinem stolzen karamellfarbenen Schiff weiter gekommen als jeder andere Consumpianer, den er auf Little Silence kennen gelernt hatte. Sicherlich, aus Sicht der sesshaften consumpianischen Menschen war jeder Pegar eine Sensation, lebte er doch mehrere hundert Jahre, wenn nicht tausende, von denen er die meiste Zeit in den lebenserhaltenden Hibernationstanks verbrachte. Und wenn er dann auch noch etwas über nichtmenschliche intelligente Lebensformen zu berichten wusste, war das wirklich eine sensationelle Abwechselung in dem sonst relativ beschränkten Aktionsradius von Consumpia. Ihre Einwohner befanden sich stets in einem sehr zwiegespaltenem Verhältnis zu den Pegaren. Einerseits lebten sie von deren Geld, andererseits besaßen die Pegaren Rechte und Schutz auf Little Silence, die einer politischen Immunität gleich kamen. Und das erweckte Argwohn und Unverständnis bei vielen Consumpianern. Zu den Schutzgesetzen der Pegaren gesellte sich der Umstand, dass die Sahnestückchen der silencianischen Ländereien ausnahmslos Pegaren gehörten, die den Planeten als Basis und Ruhepol sehr schätzten. Es hatte also alles wieder einmal zwei Seiten und Brendan stellte schnell fest, dass sich die Ansichten gegenüber den Pegaren in den über 340 Jahren seiner Abwesenheit nicht geändert hatten. Sie bestanden weiterhin aus Faszination und Bewunderung, aber auch aus Ablehnung und Misstrauen.

Consumpias Architektur und Erscheinungsbild hingegen hatte sich unglaublich verändert. Die Stadt war riesig geworden und hatte an architektonischer Schönheit noch um Klassen gewonnen. Obwohl die zahlreichen schlanken und mit vorwiegend aus Glas und Metall verkleideten Skyscraper eher gen Himmel strebten, hatte sich die Gesamtfläche Consumpias mehr als verdoppelt. Mittlerweile lebten dort 32 Millionen Menschen.

„Und nicht einen davon kenne ich“, murmelte Brendan, als er neben Einstein in einem Gleiter saß, der sie auf sein Anwesen bringen sollte. Sie waren in Consumpia einer der wenigen Einladungen gefolgt, die Brendan sinnvoll erschien - einem Benefitsball für sozial gestrandete Pegaren, die entweder den Verstand oder ihren gesamten Besitz verloren hatten. Beides würde durchaus auch ihm widerfahren können. Beinahe ausschließlich finanzkräftige Pegaren waren dort anwesend gewesen und die meisten von ihnen waren so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass er sich auch nicht den sonst so lästigen Fragen und Bemerkungen ausgesetzt sah, die er bei anderen Anlässen über sich ergehen lassen musste.

„Ach, Brendan“, sagte Einstein und legte eine Hand auf dessen Schulter. Beide hatten sich nach Wochen dazu durchgerungen einen Großteil ihrer Haare dem Friseur zu opfern. Einsteins graue Naturkrause war nur schwer zu bändigen gewesen, insgesamt aber endlich wesentlich kürzer und mit einer zuvor nie gekannten Ordnung bekannt gemacht worden. Brendan hingegen hatte sich erstmalig einen erkennbaren Schnitt in seine dunklen dichten Locken bringen lassen, der es aber auch weiterhin nicht verhinderte, dass ihm viele Strähnen immer wieder keck ins Gesicht fielen. „Wir sind jetzt schon ein paar Monate auf Little Silence und du kannst dich vor neuen Aufträgen kaum retten. Du musst langsam mal wieder einen davon annehmen. Das wird nicht ewig so anhalten.“

„Die reden alle nur von meiner Begegnung mit den Mollusken und meinen, ich kann jetzt mit allem fertig werden“, sagte Brendan, während er die immer kleiner werdende Stadt in ihrem glitzernden Abendgewand aus dem Fenster betrachtete.

„Spielt doch keine Rolle, was die meinen, Brendan.“ Einstein blickte ihn nachdenklich an. „Fest steht, dass du nie wieder in deine alte Lethargie verfallen und im Leben etwas erreichen wirst.“ Es lag kein Vorwurf in Einsteins Aussage, er meinte es gut und das wusste Brendan auch. Aber wie lange sollte er um Mariju trauern, der ersten Frau, die ihm wirklich etwas bedeutete. Vielleicht liebte er sie bereits mehr, als ihm bewusst war… Er wusste es nicht. Sie ging ihm jedenfalls nicht mehr aus dem Kopf und er hätte wer weiß was darum gegeben, zu wissen wie es ihr ging und an welchen Ort es sie verschlagen hatte.

Brendan seufzte. „Ich habe schon etwas für uns, mein lieber Professor.“ Einstein sah zwar hinter den klaren wachen Augen Brendans noch immer den Verlust und die offenen Wunden ihrer letzten Reise, doch davor leuchteten deutlich Entschlossenheit und Tatendrang. Brendan grinste, wenn auch verhalten.

„Ist das dein Ernst?“ Einstein blickte ihn über seine überflüssige runde kleine Brille hinweg an. Er war nicht dazu zu bringen, sich von ihr zu trennen. Er hatte einmal erklärt, damit wäre die Ähnlichkeit zu seinem Namensgeber noch frappierender. Und das bereitete ihm nicht nur heimlichen Spaß, sondern ehrte den lange verstorbenen genialen Astrophysiker des zwanzigsten Jahrhunderts somit auf seine ganz eigene persönliche Weise. Einsteins übriges Verhalten resultierte zu 99 Prozent aus Rationalität und unbändigem Wissensdurst. Sein genmanipuliertes Überhirn wurde nie satt, nie voll und bereitete ihm stets den ununterdrückbaren Drang alle Dinge verstehen zu müssen.

„Du erinnerst dich doch an meinen Freund Alf, nicht wahr?“ Eine rein rhetorische Frage, da Einstein sowieso rein gar nichts vergessen konnte. Selbst eine einmal gelesene Zeitung blieb Wort für Wort in den Tiefen seines Gedächtnisses haften.

„Der ehemalige Kommilitone mit dem du auf dem Behördenschiff Giant 2 gelernt hast und der noch immer für die Neutrale Behörde arbeitet“, gab der Professor wieder.

„Genau der. Alf ist Pegar wie wir und mittlerweile Captain einer mobilen Behördendependance im Leo Minor. Er ist Herr über einen zivilen Behördenkreuzer und hat ziemlich gute Kenntnisse über alles, was sich in unserem Nachbarsystem abspielt.“

Einstein beobachtete mit Freude, wie die alte Abenteuerlust seines jungen Arbeitgebers wiedererwachte. Er war diesem Alf schon jetzt dankbar. „Ja, ja“, sagte er dann. „Die mobilen Dependancen verfügen über ein ausgesprochen gutes Nachrichtennetz und erfahren meist mehr als die Ämter der Planeten. Pegaren eben, ich sag es ja immer wieder.“

„Da ich Alf noch etwas schuldig bin, konnte ich ihm seine neuerliche Bitte sowieso nicht abschlagen“, meinte Brendan.

„Neuerlich?“ Einstein hob seine buschigen Augebrauen. „Geht es wieder um Azur?“

„Du bist echt gut“, bestätigte Brendan lässig. Überrascht war er nicht mehr, wenn Einstein sofort die richtigen Vermutungen äußerte. Mit einem computerähnlichen Gehirn wäre er selbst auch so schlau. „Azur - ganz genau!“

„Ich habe nach unseren beeindruckenden Erlebnissen im Leo Minor die Historien der einzelnen Systeme dort eingehend studiert…“

„Das dachte ich mir“, unterbrach ihn Brendan und verzog das Gesicht, weil er dem Professor wahrscheinlich wieder einmal nichts Neues erzählen konnte.

„…und mir besonders die Entwicklungen auf den seinerzeit freigegebenen Siedlungsplaneten angeschaut. 89729 c ist inzwischen besiedelt und Amazonia, nachdem die Mollusken sich ja dort leider nicht mehr einfinden konnten, weil Rabhas sie allesamt umgebracht hat, ebenfalls.“ Einstein hielt inne.

„Ja, und weiter?“ Brendan hasste es, wenn der Professor es spannend machte. Und da Einstein gerne weit ausholte, um seine Mitmenschen möglichst viel an seinem unerschöpflichen Wissen teilhaben zu lassen, war es keine Seltenheit, dass die eigentliche Kernaussage seiner Ausführungen nur ein Prozent ausmachte und dieses kleine Prozent erst am Ende zäher Minuten stand.

„Während wir zurück nach Little Silence geflogen sind, hat es ein paar Versuche zur Besiedlung von Azur gegeben. Und der letzte Stand der Dinge ist, dass alle gescheitert sind.“

„Das weiß sogar ich, mein lieber Einstein“, sagte Brendan stolz. „Alf hat mir nämlich gesagt, dass der erste Versuch, damals, als wir ihm eigentlich helfen sollten, das war dann wohl das selbe Jahr, in dem wir zum ersten Mal mit der Chrysanthemia aufgebrochen sind, nicht wahr...?“ Einstein nickte beiläufig und Brendan fuhr fort: „Ja, also, dass nach dem ersten Scheitern vorläufig keine weiteren Versuche unternommen wurden. Das lag übrigens auch an Rabhas, der solche Dinge hätte entscheiden müssen. Warum es diesbezüglich kein Vorankommen gab, wissen wir beide ja nur zu gut.“

„Rabhas hatte andere Dinge im Sinn, in der Tat“, meinte Einstein. „Der erste Besiedlungsversuch fand im Standardjahr 4824 statt, als wir aufgebrochen sind.“

„Unser Auftrag wäre es gewesen den Siedlern bei ihren Schwierigkeiten zu helfen. Weißt du, was passiert war?“

„Laut allgemeiner Datenbank ist ein Großteil der ersten Siedler ums Leben gekommen, die übrigen wurden von einem Behördenschiff, das sich in der Nähe befand, evakuiert. Der zweite Anlauf fand sogar von Little Silence aus statt.“

„Ach, das ist ja interessant“, fand Brendan.

„Aber nicht ungewöhnlich“, sagte Einstein. „Little Silence liegt außerdem viel näher an Azur als Klou, von wo die ersten Siedler aufgebrochen waren.“

„Wie entscheidet man überhaupt wann ein Planet zur Besiedlung frei gegeben wird? Natürlich die Behörde, das ist schon klar. Was ich aber meine ist, nach welchen Kriterien wird so etwas entschieden?“

Einstein holte tief Luft, so dass sich Brendan also auf einen Vortrag von mindestens mittlerem Ausmaß gefasst machen konnte. „Fass dich bitte kurz, wir landen bald“, schob er noch rasch ein.

„Ich fasse mich immer kurz“, sagte der Professor. „Erstens: Sonnensystem mit Planeten wird entdeckt. Zweitens: Planeten werden per Spektralanalyse untersucht. Drittens: Positive Planeten werden mit Sonden beschossen, was Jahrzehnte dauern kann. Die Sonden landen überall auf dem Probanden und bewegen sich auf, unter und über dem Objekt und liefern sämtliche Daten an die Behörde. Viertens: Eine Behördendelegation fliegt hin, sofern der Proband vielversprechend erscheint. Fünftens: Delegation befindet, dass der Planet bewohnbar ist. Sechstens: Der Planet wird ausgeschrieben und zur Besiedlung freigegeben.“

„Wer darf ihn dann besiedeln?“

„Eigentlich jede im System bekannte raumfahrende Gemeinschaft. Es dürfen prinzipiell alle Zivilisationen Siedler schicken und ihr Glück versuchen. Sobald jedoch eine gewisse Population erreicht ist, setzt die Behörde den üblichen Regulierungsrahmen, so dass sich gar nicht erst abnorme Staaten bilden können, die womöglich zu Aggressoren heranreifen würden oder sich gegenseitig das Leben schwer machen.“

„Ach, es scheint ja doch nicht alles so mies zu sein, was die Behörde so treibt“, sagte Brendan. Wirklich daran glauben wollte er jedoch nicht.

„Mag schon sein“, stimmte Einstein zu. „Seit es die Behörde gibt, hat es ja auch nicht so wahnsinnig viele Neubesiedlungen gegeben. Die meisten Zivilisationen sind vorher entstanden und besitzen ihr eigenes Staaten- und Regierungssystem. Den vorhandenen Planetenstaaten ist außerdem auch daran gelegen, dass es keine weiteren autonomen Mächte im bewohnten Spiralarm gibt. Nun, wir wissen alle, dass ab einer gewissen Bevölkerungsdichte sowieso jede Zivilisation eines Planeten macht, was sie will. Die Behörde ist gar nicht in der Lage das zu verhindern.“

„Na, wie auch immer.“ Brendan schaute wieder aus dem Fenster. Der Gleiter flog bereits über seinem eigenen weitläufigen Landbesitz, auf dem auch sein prächtiges Haus stand. Es war dunkel und zur besseren Sicht hatte der Haushaltsrobot Felicitas die Landeflächenbeleuchtung eingeschaltet und den geschwungenen Weg, der zu dem ebenfalls großzügig und romantisch beleuchtetem Domizil führte. Die beiden stiegen nach der Landung rasch aus und der Stadtgleiter flog sogleich wieder weg. Brendan und Einstein folgten der aufgeregten Felicitas, die sich immer außerordentlich freute, wenn sie ihren Herrn wiedersah. Brendan hatte seine Haushaltsroboterin dahingehend modifizieren lassen, dass ihr Gesicht nun wesentlich menschlichere Züge besaß und bis zum Halsansatz einen hautfarbenen Überzug, der sie zwar nicht attraktiv im eigentlichen Sinne, aber doch nett und ansprechend aussehen ließ. Ihre Mimik hatte sich deutlich verbessert und auch die Augen waren längst nicht mehr so bedeutungslos wie in ihrer einstmaligen Ausführung. Auf dem Kopf hatte sie eine bestickte Haube. Felicitas trug neuerdings vorzugsweise mittelalterliche Magdkleidung. Unter den langen dichten Röcken und Schürzen verbarg sie somit geschickt ihr einziges Standbein, mit dem sie sich einige Zentimeter über dem Boden schwebend fortbewegte. Die schrille Art sich zu schminken sowie ihren spanischen Akzent hatte sie nicht aufgegeben. Ebensowenig ihren ausgesprochenen Fleiß und eine unbändige Hyperaktivität, die dafür sorgte, dass Haus und Hof auch nach hunderten Jahren noch ebenso sauber und neu glänzten wie zuvor.

Beim gemütlichen Abendessen führten Brendan und Einstein ihr Gespräch fort. Felicitas bediente sie persönlich und scheuchte die übrigen Gerätschaften, die ihr untertan waren, ständig zur Seite oder aus dem Raum.

„Señor Brendan y Señor Einstein“, sagte sie in ihrem dunklen Alt, wobei sie das R ausgiebig rollte und das S in Einsteins Namen unnötig in die Länge zog. Sie schwebte in den Speiseraum, den Brendan in das weitläufige Wohnzimmer integriert hatte. Die Hälfte der gesamten unteren Etage war ein einziger weitläufiger Raum, der zu drei Seiten einen herrlichen Ausblick durch die deckenhohen Panoramafenster bot. Ganz im Stil ländlicher Erdengüter aus einer längst vergangenen Zeit sah man der Innenarchitektur nirgendwo ihre ausgeklügelte Digitalisierung an. Fast alles an Technik war in diesem Haus versteckt. „Ich serviere ihnen heute einen katalanischen Salat als Vorspeise.“ Die bunten und üppig gefüllten Teller landeten zielsicher vor den hungrigen Männern. „Danach gibt es gefüllte Auberginen und einen wunderbaren Safranreis mit Rosinen. Mögen sie einen feinen Rioja dazu, Señor Brendan?“ Felicitas hatte die Flasche bereits in den Händen und zeigte sie, mit den übermäßig langen Wimpern plinkernd, hervor.

„Gerne, Felicitas.“ Brendan fühlte sich stets gut behütet und aufgehoben, wenn er zu Hause war. Felicitas war unentbehrlich für ihn geworden und die einzige Bezugsperson auf Little Silence, die kontinuierlich an seinem Leben teilnahm. Und auch wenn er wusste, dass sie ja nur ein Roboter war, war er manchmal sogar ein wenig betrübt sie zurücklassen zu müssen bei seinen langen Reisen. Er seufzte, ließ sich und auch Einstein die Gläser einschenken und genoss die Kochkünste Spaniens. Felicitas war schon wieder abgerauscht und bereitete in der Küche den nächsten Gang vor. Einstein scheute sich nicht davor auch mit vollem Mund zu sprechen. Er war der Meinung, lediglich die Inhalte seiner Aussagen zählten, sonst nichts.

„Der dritte Versuch jedenfalls sollte wohl besser vorbereitet sein, denn nachdem auch die Silencianer Verluste zu beklagen hatten, schickte die Behörde einen amtlichen Leiter mit den nächsten Siedlern nach Azur. Auf der Appear.“

„Genau“, sagte Brendan nickend. Auch er füllte seine Gabel nicht unbescheiden und kaute ausgiebig beim sprechen. „Wirklich lecker!“ Zwischendurch wischte er sich den Mund mit der Stoffserviette ab und nahm einen weiteren Schluck des hervorragenden Weines. „Aber Alf sprach von der Goose. Von einer Appear hat er gar nichts erwähnt.“

„Das Schiff wird von allen nur Goose genannt, weil es so aussieht und auch relativ langsam ist. Sein richtiger Name lautet aber Appear.“

„Ah, verstehe! Die Siedler sind jedenfalls abermals von Klou gekommen und hatten abermals Probleme mit ihrem Schiff.“

„Was nicht verwunderlich ist“, ergänzte Einstein, der gerne mit seinem Besteck zur Unterstreichung seiner Aussagen umherfuchtelte und das eine oder andere Salatblatt dabei verlor. „Die Goose ist ein völlig veraltetes und ungeeignetes Schiff für solche Unternehmungen. Sie ist langsam und besitzt obendrein noch einen Xi-Kern der allerersten Generation.“

„Was heißt das?“

„Die Xi-Kerne der ersten Generation waren nur temporär einsetzbar. Somit haben die Leute auf der Goose also nicht die ganze Zeit Schwerkraft an Bord.“

„Du liebe Zeit. Permanente Schwerkraft war doch schon vor über 300 Jahren in unserem System Gang und Gäbe.“

„Nun lehn dich mal nicht soweit hinaus, Brendan. Ich muss dich nicht an dein erstes Schiff erinnern, hm?“

„Das ist aber auch schon lange her“, verteidigte sich Brendan, der an das unsägliche Schiff der ersten Stunde gar nicht erinnert werden wollte. „Heutzutage werden Xi-Kerne überhaupt nicht mehr in temporären Ausführungen angeboten.“

„Na, daran siehst du ja dann, wie Erfolg versprechend die Mission der Klourianer war.“

„Wer lässt sich auf solch ein Unterfangen ein?“

„Ach, das spielt doch keine Rolle“, wehrte Einstein ab. Ein weiteres Salatblatt verließ unkoordiniert seine Gabel. „Siedler sind oftmals komische Leute, Enttäuschte, Frustrierte oder Hoffnungslose…“

„Findest du?“ Brendan war erstaunt über diese Ansicht. „Ohne solche Menschen hätten wir uns nie in unserer Galaxie ausgebreitet. Ich glaube nicht, dass diese Leute allesamt Versager sind.“

„Ich sagte nicht Versager, lieber Brendan“, berichtigte der Professor ihn. „Und ich blicke auf diese Menschen auch nicht herab. Aber ich mag nicht ergründen, wer auf dem Schiff war und weshalb. Immerhin sind 200 Siedler an Bord der Goose gewesen.“

„Schon dieser Name – Goose“, sagte Brendan.

„Wie gesagt: Eigentlich wurde das Schiff auf den Namen Appear getauft. Aber Goose passt tatsächlich wesentlich besser. Was hat dir Alf denn noch erzählt?“

„Also, die Siedler mussten aus ungeklärten Gründen Azur kurz nach ihrer Ankunft wieder verlassen. Ihr Schiff liegt im Orbit des Planeten, kann sie allerdings nicht mehr aus dem System herausbringen.“

„Was ja zu erwarten war“, fügte Einstein hinzu.

„Ja, jedenfalls ist der Komprimator des Schiffes nicht mehr in Gang zu kriegen und der einzige, der etwas davon verstand, ist aus dem Kälteschlaf nicht wieder aufgewacht. Ich schätze mal, dass es sich bei den Tanks ebenfalls um recht alte Modelle handelt.“

„Das kommt wirklich selten vor und ist sehr bedauerlich“, sagte Einstein. Er hielt mit dem Kauen inne und schaute verwundert auf seinen leeren Teller. Da kam aber auch schon Felicitas hereingeschwirrt und entwendete ihn und auch den von Brendan. Der war zwar noch nicht fertig, in ihrer Euphorie für den nächsten Gang jedoch übersah sie das geflissentlich. Es waren auch nur noch zwei kleine Happen und Fehler in diesen Dimensionen gestand Brendan seiner Haushaltshilfe durchaus zu.

„Die Klourianer können es bequem für längere Zeit auf ihrem Schiff aushalten“, sagte Brendan weiterhin. „Alf meinte, sie wären wieder in die Hibernation gegangen und warten nun auf unsere Ankunft.“

„Also geht er davon aus, dass wir ihm helfen.“

„Sicher, ich denke schon. Wenn der Maschinist nicht gestorben wäre, hätten sie einfach ihre Sachen packen und zurück nach Klou fliegen können.“

„Brendan, du kennst das Schiff nicht.“ Einstein verdrehte die Augen. „Die Goose ist, gelinde gesagt, eine Katastrophe.“

„Du kennst das Schiff persönlich?“

„Ich bin ja schon ein bisschen länger unterwegs als du“, meinte Einstein. „Aber ich kann dich beruhigen, auch ich war nie selbst auf der Goose. Hab es mal in einem Raumhafen gesehen und, wie es so meine Art ist, mehr über dieses wirklich unförmige unansehnliche Konstrukt wissen wollen. Daher meine Kenntnisse. Außerdem habe ich aufgehorcht, als ich neulich in den Archiven über die Historie der neuen Planeten stöberte, um mich auf den aktuellen Kenntnisstand zu bringen. Mit diesem Schiff jedenfalls werden die Klourianer nach einer so langen Reise bis Azur nirgends mehr hinfliegen. Und den meisten an Bord wird klar gewesen sein, dass ihr Flug lediglich ein Oneway-Ticket beinhaltete.“

„Sicherlich weißt du auch noch mehr über Azur, stimmts?“

Einstein runzelte bescheiden die Stirn und nickte vorsichtig. „Azur ist der innerste von dreizehn Planeten, die alle um Admin 89269, einem Zwergstern der G-Klasse, kreisen. Er besitzt zwei Monde und seine Oberfläche ist zu 93 Prozent mit Wasser bedeckt. Zum Vergleich: Die Erde war in Zeiten der menschlichen Hochkultur mit 71 Prozent von Wasser bedeckt.“

„Wen interessiert denn heute noch die Erde zu Zeiten ihrer Hochkultur? Du bist doch dort auch nicht geboren, Einstein. Da fällt mir ein, von deinem Heimatplaneten Goliath hast du mir auch noch nie viel erzählt. Aber das hat ja jetzt Zeit.“

Schon war Felicitas wieder in den Raum gekommen. Brendan hatte gar nicht bemerkt, dass sie überhaupt weg war. In bauchigem Porzellan servierte sie nun den Hauptgang, der wohl duftend vor sich hin dampfte und einlud verspeist zu werden. Ruckzuck legte Felicitas neues Besteck hin und schenkte Wein nach.

„Que aproveche!“, rief sie beim Hinausgleiten. Hätten doch nur die Menschen genauso viel Spaß an ihrer Arbeit wie dieser Roboter.

„Hm“, meinte Einstein nur, der lobend die Augen über das sogleich in seinen Mund geschobene Auberginenstück weitete. „Ich doziere gerne über Tau Ceti. Ein herausragendes System und zum Glück sehr weit weg von Uma, Leo und Konsorten.“ Den fragenden Blick Brendans schon vorausahnend, fügte er sofort hinzu: „Im Tau Ceti hat die Behörde noch nie richtig Fuß fassen können. Sie hält sich dort nur formell auf und hat nichts zu sagen.“

„Ich sehe, Einstein, wir kennen uns eigentlich noch viel zu wenig.“

„Biologisch körperlich intakt und geistig bewusst anwesend haben wir noch nicht einmal ein ganzes Standardjahr miteinander verbracht, Brendan.“

„Ja, ich weiß.“ Brendan schaute sein Gegenüber nachdenklich an. Wieder wurden ihm die Dimensionen seines Pegarenlebens vor Augen geführt. Einstein hatte er zum ersten Mal vor 348 Standardjahren gesehen, auf dem großen Pegarenfest in Consumpia. Da so wahnsinnig viel geschehen war in der Zwischenzeit, kamen ihm diese 348 Jahre so vor, als hätte er sie tatsächlich alle miterlebt. Seither war er ein anderer Mensch geworden.

„Aber ich bezeichne mich inzwischen als einen guten Freund von dir“, fügte der Professor hinzu, der manchmal doch nicht ganz so schroff und ignorant war, wie oberflächliche Beobachter es hätten meinen können. Es stimmte schon. Brendan und er hatten sich bisher wenig über ihre Vergangenheit unterhalten. Sie waren an einem Punkt zusammengetroffen, an dem es für beide von Bedeutung war etwas in ihrem Leben zu ändern. Einstein wollte seinerzeit mehr über Uma und Leo Minor wissen und war durch Brendans Ähnlichkeit mit seinem verstorbenen Sohn schmerzlich an dessen tragischen Unfall erinnert worden. Und vollkommen unerwartet hatte Einstein seine väterlichen Gefühle wiederentdeckt. Brendan sollte nicht so sorglos den Gefahren entgegensehen, wie es sein Sohn getan hatte. Und Brendan? Der war damals erst aus einer jahrelangen Depression erwacht, brauchte dringend Geld und fühlte sich schuldig seiner verstorbenen früheren Gönnerin Chrysanthemia von Hohenlindt keine Ehre erwiesen zu haben. Er hatte viele Jahre auf Little Silence mit Herumhängen, Saufgelagen und hirnlosen Dauerparties verbracht. Aber damit war zum Glück jetzt endgültig Schluss.



02 – Schiffstaufe


Die Meierlicht. Neben seinem Anwesen auf Little Silence war dieses Schiff für Brendan inzwischen zu seiner zweiten Heimat geworden. Wie oft er in letzter Zeit über Heimat nachdachte, ein Zuhause und Familie. Diese Dinge waren ihm früher nie in den Sinn gekommen. Seit Chrysanthemia gestorben war und spätestens als er Mariju kennen gelernt hatte, purzelten solche Gedanken reihenweise durch sein Bewusstsein.

Als er mit Einstein und Klick-Klick in einem Shuttle zum neuen Orbital-Raumflughafen von Little Silence unterwegs war, glänzte sein superlatives Schiff schon von weitem durch die auffallend ästhetische Konstruktion, die schlanke Form und herausragende Größe. Die schimmernde karamell-metallene Lackierung lud dazu ein es anzufassen und heimlich daran zu schlecken, um herauszufinden ob es sich vielleicht doch um ein überdimensionales wunderschönes Bonbon handelte. Brendan blickte durch die kleinen Shuttlefenster auf sein Schiff, das sich von allen anderen dort liegenden deutlich unterschied. Ohne ein Gefühl von Überheblichkeit erfüllte Brendan der Anblick dieses Schiffs mit Stolz. Stolz, weil er es geschafft hatte dieses Schiff zu kaufen. Stolz auch, weil er seinen letzten Auftrag überlebt hatte. Stolz jedoch vor allem, weil er es Chrysanthemia versprochen und dieses Versprechen nicht gebrochen hatte. Diese wunderbare alte Dame hatte es verdient, dass man sie nicht enttäuschte, war sie es doch gewesen, die ihn aus seiner Orientierungslosigkeit befreit und ihm den richtigen Weg gewiesen hatte. Obwohl er seine Ausbildung auf dem Behördenschiff Giant abgebrochen hatte und damit hoffnungslos überschuldet war. Sie hatte ihn aufgefangen und gefördert und stets an ihn geglaubt. Und diesen Glauben wollte er keinesfalls enttäuschen. Daher wollte er dieses wichtige Zeremoniell noch unbedingt erledigen, bevor er mit seiner kleinen Crew wieder aufbrechen würde. Er wollte die Meierlicht umtaufen und hatte dazu sogar all die Hyänen und Sensationslüsternden von Little Silence geladen. Chrysanthemia war eine bekannte wohlhabende Persönlichkeit gewesen, die nahezu jeder auf dem Planeten kannte. Sie stand in den Geschichtsaufzeichnungen und auch heute noch war sie vielen ein Begriff. Passend zur Rundumüberholung und Erweiterung der Meierlicht nutzte Brendan die Gelegenheit dem Schiff eine neue Seele zu geben und sich selbst noch enger an einen Weg zu binden, von dem er nicht mehr abweichen wollte. Der Name des Schiffes würde ihn immer wieder an sein Glück und die damit verbundene Verpflichtung erinnern es nicht unbedacht fortzuwerfen.

Die neue Raumstation war erst einige Jahre vor Brendans Rückkehr nach Little Silence fertiggestellt worden und belebte den Verkehr um und auf dem Planeten immens. War er früher eher unbedeutend und ein reiner Erholungsort für gestresste Pegaren gewesen, entwickelte er sich mehr und mehr zu einem Hort reicher und einflussreicher Menschen, die in dem äußerst liberalen Uma-47-System Zuflucht und Schutz fanden. Auch die Station für sich genommen mauserte sich rasch zu einem ansehnlichen und beliebten Ziel, sei es für sesshafte Consumpianer, die für Ausflüge oder gar Urlaube heraufkamen oder für Durchreisende, die es nicht versäumen wollten die modernsten Errungenschaften in Sachen Raumfahrtdesign und -architektur zu bewundern. Um die Pegarenschutzgesetze noch auf die Spitze zu treiben, hatte die Regierung von Little Silence gemeinsam mit der Neutralen Behörde auf Perlmutt 5160 einen Neutralitätsstatus eingerichtet, so dass keine Regierung eines anderen Planeten, auch nicht mehr von Little Silence selbst, Zugriff auf rechtliche Belange innerhalb der Station besaß. Das betraf nicht nur Pegaren alleine, sondern jeden, der sich auf Perlmutt aufhielt. Derartige neutrale Stationen gab es für gewöhnlich nur im freien Raum, wo es ohnehin keinerlei Hoheitsansprüche einer Nation geben konnte. Die Docks von Perlmutt waren entsprechend voll und die Wartezeiten für einfliegende Schiffe lang.

Nachdem sie sich für die kommenden Tage in einem der zahlreichen Hotels auf der Station einquartiert hatten, erkundigte sich Brendan telefonisch nach den Vorbereitungen für die Taufe. Alles war perfekt. Nach einem noblen Abendessen im Hotelrestaurant, in dem bereits viele der geladenen Gäste speisten und höflich distanziert grüßten, zog sich Brendan mit Klick-Klick zurück. Einstein wollte noch ein wenig die Station erkunden und sehen, ob er seinen Horizont mal wieder um ein paar Einheiten erweitern konnte. Am nächsten Morgen, auch auf Perlmutt herrschte die Standardzeit von 24 Stunden, ging er dann mit Einstein und Klick-Klick in das große Vordock seines Schiffes, wo ein Teil der Meierlicht in die Station hineinragte ohne jedoch dem Vakuum des Alls zu erlauben die atembare Luft und somit die Gäste im Innern des Vordocks zu gefährden. Eine ansaugbare Spezialgummierungslippe war zwischen äußerem und innerem Dock angebracht worden.

Es war für Brendan schon im All ein echtes Erlebnis gewesen dieses Schiff bewundern zu dürfen. In diesem Vordock aber, wo die Menschen zu winzigen Ameisen schrumpften angesichts des Gigantismus, raubte es ihm schier den Atem. Die Meierlicht bot einen traumhaften Anblick. Selbst der Nachfahre des einstigen Besitzers der Meierwerften, in denen Brendans Schiff erbaut und nun auch modernisiert worden war, ließ es sich nicht nehmen, der Zeremonie beizuwohnen und in den höchsten Tönen von ihr zu schwärmen. Brendan stand unbeholfen am Rednerpult. Angestarrt und bewundert zu werden war ihm fremd. In dieser Rolle fühlte er sich nicht wohl, ebenso wenig wie in seinem Aufzug, einem modernen weichen Smoking. Er blickte zweimal kurz und scheu zu Klick-Klick und Einstein, die einen guten und beruhigenden Schritt hinter ihm standen. Klick-Klick, der wenige Tage nach ihrer Rückkehr seinen ersten EMO-Chip erhalten hatte, gluckste leise vor Entzücken. Was Captain Brendan freute, freute selbstverständlich jetzt auch ihn. Brendans Rede war kurz und knapp und endete nach wenigen Minuten. „…auf den Namen Chrysanthemia“, sagte er letztlich feierlich und laut. „Für eine neue Zeit, einen Neubeginn und den Glauben an das Gute.“ Er blickte in die gebannte aufgetakelte Runde und fügte dann noch hinzu: „Und für Mariju, die wunderbarste Frau des Spiralarms.“ Jetzt ließ er die dicke Champagnerflasche los und beobachtete zufrieden, wie sie sich an dem langen Seil in Richtung des spitzen Bugs bewegte und daran mit einem lauten Knall, spritzend und schäumend zerschellte. Dass niemand etwas mit dem Namen Mariju anzufangen wusste und sich vor allem die über sämtliche Neuigkeiten erhabenen Damen verwundert anblickten, weil sie noch nie etwas von dieser Person gehört hatten, interessierte Brendan überhaupt nicht. Dies hier war die Taufe seines Schiffes und vielleicht auch ein Stück weit seine eigene, denn von nun an würde er die Dinge anders angehen. Er eröffnete lächelnd von seinem Podium aus das reichhaltige Buffet, dass er im Vordock hatte aufstellen lassen und stieg die Treppen hinunter. Allerdings begab er sich nicht auf die nun folgende und groß angekündigte Party, sondern nahm den Hinterausgang, um sich in aller Ruhe und alleine auf das Schiff zu begeben - auf sein Schiff.

Er wanderte ehrfürchtig und nachdenklich durch die mit warmen Holz verkleideten Gänge, auf rotem Teppich und an goldenen Armaturen entlang, die es auf dem Prahm des verstorbenen ambaramanischen Botschafters ebenfalls gegeben und die ihm so gut gefallen hatten. Die wohl geformten Wände dieser Gänge und das leicht gedämpfte Licht verbargen ganz und gar die extreme Aufrüstung der Waffenkammern, ganz wie er es angeordnet hatte. Was hatte er sich doch verändert. Früher wäre er nie und nimmer auf die Idee gekommen bis an die Zähne bewaffnet ins All hinauszufliegen, um seine Aufträge zu erledigen. Da war es ihm einzig und alleine um einen guten und leichten Verdienst gegangen, ohne darüber nachzudenken welche Gefahren dabei auf ihn lauern könnten. Aber jetzt… Jetzt wusste er viel mehr über die Beschaffenheit des besiedelten Orionarms, die Machenschaften einzelner Elemente innerhalb der Neutralen Behörde und die unveränderte Machtgier der Menschheit. Würde das eigentlich nie enden? Lernten die Menschen wirklich nicht aus ihren Fehlern? Als er in seinem Kommandoraum angelangt war, setzte er sich langsam und bedächtig auf den mittig stehenden Ledersessel, von wo aus der Captain dieses Schiffes alles im Blick hatte. Er war dieser Captain. Gott, wenn Chrysanthemia ihn jetzt sehen könnte. Sie war damals zu seiner zweiten Mutter geworden und inzwischen so weit weg. Alle Menschen, die Brendan vor seinem Pegarendasein gekannt hatte, waren schon viele hundert Jahre tot. Eine absonderliche Tatsache. Und doch war er inzwischen darüber hinweg gekommen und hatte sich, zumindest geistig, mit seiner Pegarenidentität abgefunden. Ob ihm dies auch emotional gelingen würde, blieb abzuwarten.

Er seufzte tief und herzlich und fühlte sich… befreit. Ein ungewohntes Gefühl, aber ein schönes. Mit einem Lächeln und einigen wohltuenden Erinnerungen stand er auf und begab sich in seine Privatkabine, wo er bald tief und traumlos schlief.



03 – Flug


„Was machst du da eigentlich?“, fragte Brendan. Einstein machte ihn nervös, als er unentwegt in die Tasten vor sich haute und Brendan wollte vor dem Kälteschlaf noch in Ruhe die Einzelheiten besprechen, falls sie bei der Ankunft dazu keine Gelegenheit mehr haben würden. Er wollte genau wissen, worauf er sich bei dieser Sache einließ und keinesfalls mehr so blauäugig und naiv wie einstmals vorgehen. Einstein hielt inne und blickte kurz auf. Die Chrysanthemia flog mit gleichbleibender Geschwindigkeit aus dem Uma-47-System heraus und alles funktionierte einwandfrei. Klick-Klick saß neben Einstein an einer anderen Konsole und hatte sich mit dem Schiff digital vernetzt, so dass er von nun an überall auf dem Schiff und in begrenzter Reichweite auch außerhalb alle Aktionen verfolgen, beeinflussen und steuern konnte. Die Erweiterung seiner Schaltkreise, die Brendan ihm auf Little Silence hatte zuteil werden lassen, taten ihr Übriges, um aus Klick-Klick einen äußerst menschenähnlichen Gefährten für die kommenden Reisen zu machen. Äußerlich hatte Brendan Klick-Klick belassen wie er war. Die meisten seiner chromglänzenden Gliedmaßen wurden von der dunkelblauen Schiffsuniform verdeckt und wäre nicht auch sein Gesicht eindeutig metallischen Ursprungs und die halb transparente Schädeldecke nicht bläulich schimmernd und je nach Aktivität mehr oder weniger lichtpulsierend, hätte man ihn für einen überaus hübschen jungen Mann halten können. Doch auch dann, spätestens, wenn Klick-Klick sich bewegte, wurde deutlich, dass es sich dabei um kinetische und weniger um anatomisch induzierte Abläufe handelte. Wenngleich der Roboter de facto auch Einstein gehörte, verfügte doch Brendan in den meisten Fällen über ihn. Als sein Captain hatte er dazu durchaus die Berechtigung, aber ohne Einsteins Zustimmung hätte er ohnehin nichts an Klick-Klick verändert. Mannsgroß unterschied sich Klick-Klick in seiner äußeren Anatomie in nichts von einem Menschen. Klick-Klicks Konstrukteur sparte sich zwar die Imitation von Genitalien, definierte ihn aber eindeutig als männliches Gerät, was beim Einbau seines EMO-Chips berücksichtigt wurde.

„Ich kümmere mich um die Voreinstellung der Kältetanks“, sagte Einstein. Er sah seinen energischen Freund und Captain zweifelnd an. Ihm kam es vor, als hätte Brendan seine anfängliche innere Ausgeglichenheit wieder ein Stück weit verloren.

„Könnten wir – bitte – zuerst einmal klären, um was es bei Azur genau geht? Im Übrigen, wieso drückst du nicht einfach auf den Voreinstellungs-Automatik-Knopf?“, fragte Brendan angespannt.

Einstein schüttelte nur den Kopf und seufzte leicht genervt. „Erstens geht es so schneller, der Computer durchläuft zu viele Sicherheitsschleifen, und zweitens möchte ich gerne die Konfiguration selbst bestimmen. Auch Computer machen Fehler. Und im Übrigen kann ich deine Gereiztheit nicht ganz nachvollziehen, Brendan. Was immer dich auch bewegt: Sprich drüber oder löse das Problem. Aber lass deine Launen nicht an mir aus!“

Brendan schaute erschrocken zu ihm. War er tatsächlich so gereizt? Ja, das war er. Und warum? Die Antwort prallte umgehend in sein Bewusstsein. Natürlich Mariju. Er wäre am liebsten ohne Umwege nach Katarakt geflogen und hätte auf den Azur-Auftrag gerne verzichtet. Aber von Sternenstaub alleine konnte er auch nicht leben und der Unterhalt der Chrys war ein kostspieliges Unterfangen.

„Sorry“, sagte er zu Einstein, obwohl es ihm schwer fiel ehrlich zu klingen. „Ich nehme mich zusammen. Na, jedenfalls machst du also weniger Fehler als der Computer, hm?“

„Durchaus“, sagte der Professor selbstbewusst und machte weiter. „Was willst du sonst noch wissen?“

„Kann Klick-Klick Schäden an einem Komprimator beheben?“ Der kurze Seitenblick des Roboters zeigte versteckte Empörung. Brendan war sicher, dass er zu manchen Gelegenheiten noch bereuen würde, dass Klick-Klick nun auch auf gefühlsmäßige Äußerungen und Regungen reagieren und sie entsprechend imitieren konnte.

„Kann er. Der Komprimator der Goose ist wesentlich älter als unser Modell, um nicht zu sagen uralt. Selbst du könntest wahrscheinlich daran herumdoktern. Die Triebwerksbaupläne sind grundsätzlich ähnlich.“

„Also besteht eine berechtigte Chance für die Goose auf Reparatur“, sagte Brendan. Er wollte überlegen, wie sie vorgehen sollten, denn allzu viele Informationen hatten ihnen die Klourianer nicht zukommen lassen. Und da die Nachrichten der Siedler schon vor 23 Jahren abgeschickt worden war, konnte keiner von ihnen die vielen Eventualitäten, die sich womöglich zwischenzeitlich ereignet hatten, berücksichtigen.

„Die Schiffscomputer der Goose werden die Besatzung und die Siedler bei Annäherung eines Schiffes wecken. Aus Versehen verirrt sich wohl kaum ein anderes Schiff in diese Gegend“, meinte Einstein ohne von seinem Bildschirm aufzublicken. „Voraussichtlich brauchen wir 135 Jahre bei günstigen Bedingungen und idealer Fluggeschwindigkeit.“

„Sag mal, kannst du mir noch mal die Nachricht der Goose abspielen? Vielleicht erinnere ich mich dann sogar noch an die Einzelheiten, wenn wir wieder aufwachen.“ Brendan gab sich nun Mühe freundlich zu klingen. Er ärgerte sich selbst seine Gefühlswelt stets vor sich herzutragen. Man sah ihm immer sofort an, was in ihm vorging. Einstein schnaufte. Er drückte eine Tastaturabfolge und sogleich aktivierte sich die Screen vor ihnen, die ansonsten den Rundumblick auf das Weltall vervollkommnte. Ein verstörter, sich mühevoll fassender, unangenehmer älterer Mann mit silbernem Igelhaarschnitt in Beamtenuniform erschien. Sie sahen nur sein Gesicht und die Schultern.

„Mein Name ist Baron Care, ich bin der Leiter unserer kleinen Siedlungsexpedition. Ich spare mir die Vorgeschichte, denn wir möchten alle so bald wie möglich in den Kälteschlaf, damit wir ihrer Ankunft näher rücken. Außerdem wollen ein paar unserer Siedler wieder runter auf die Oberfläche von Azur, was ich auf keinen Fall zulassen werde. Ich kann sie nicht ewig einsperren und daher ist es vorerst das letzte Mal, dass sie von uns hören.“ Er machte eine kleine Pause und holte tief Luft. Ganz offensichtlich fielen ihm die Worte nicht leicht: „Wir waren auf dem Planeten, der von der Behörde und auch von unseren Wissenschaftlern an Bord eindeutig als ungefährlich eingestuft worden war. Eine wunderbare Atmosphäre, herrliche Luft und wirklich üppige Vegetation. Sämtliche Zweifel aufgrund der vorherigen Ereignisse ließen sich ausräumen. Wir sahen keinerlei Hinweise auf eine Wiederholung. Schon wenige Tage nach dem Erkundungstrupp sind auch die übrigen heruntergeholt worden. Aber wie gesagt, ich spare mir die Vorgeschichte.“

„Himmel“, sagte Brendan. „Dann lass es doch auch!“ Einstein kümmerte sich nicht um Brendans Ungeduld. Care fuhr fort: „Als wir alle auf Azur gelandet waren, fing es an. In der ersten Nacht verschwanden neun Frauen. Niemand hat etwas mitbekommen…“ Brendan drückte an dieser Stelle auf Pause, um Einstein etwas zu fragen: „Wie viele Siedler sind eigentlich auf der Goose?“

„200, davon 80 Männer, 83 Frauen und 37 Kinder“, sagte er wie aus der Pistole geschossen. „Abzüglich der fünfzehn, die verschwunden sind.“ Brendan fand, Einstein hatte seinen Namen wirklich verdient und spielte die Aufzeichnung weiter ab.

„Wir suchten nach ihnen, doch in der zweiten Nacht verschwanden sechs Männer, obwohl wir überall Wachen postiert und selbst auch nicht geschlafen hatten. Wir entschlossen uns sofort zurück zur Appear zu fliegen, um von dort aus zu untersuchen was geschehen war. Dann stellten wir erst einmal fest, dass wir im Falle des Falles unseren Fusionsantrieb nicht mehr verwenden können. Unser Komprimator ist dahin. Und der Maschinist ist leider aus dem letzten Kälteschlaf nicht mehr aufgewacht. Das Studium über die Eigenschaften des Komprimators dauert, wie sie ja selbst wahrscheinlich wissen, ungefähr sieben Jahre. Leider besitzen wir auf diesem Schiff keinen ausreichend autarken Bordcomputer, der uns anleiten könnte, geschweige denn irgendwelche auch nur ansatzweise fähigen Bots. Und da wir inzwischen herausgefunden haben, dass es auf Azur, entgegen aller anfänglicher Forschungen, doch eine intelligente Spezies gibt, hielten wir es für besser uns still zu verhalten. Keiner von uns wollte hunderte Jahre auf sie warten.“ Wieder holte Care tief Luft. Er blickte ihnen nun genau in die Augen - so kam es Brendan jedenfalls vor. „Wir haben herausgefunden, dass auf dem größeren der einzigen beiden Kontinente des Planeten, der, auf dem wir auch landeten, diese Spezies lebt. Und zwar in dem Dschungel, der größtenteils das Land bedeckt. Wie und wo genau können wir nicht sagen. Aber wir sind sicher, dass sie etwas mit dem Verschwinden unserer Leute zu tun haben. Wir haben ansonsten nur tierisches und eher primitives Leben vorgefunden.“

Brendan schaltete abermals auf Pause und sagte: „So richtig koscher kommt der mir aber nicht vor. Alles in allem erscheint mir das Siedlungsprojekt vollkommen dilettantisch vorbereitet worden zu sein. Dabei ist Klou doch kein rückständiger Planet.“

„Hm“, brummte Einstein. „Bin gleich fertig.“

Brendan verzog das Gesicht und ließ Care weitersprechen: „Azur ist ein ausgesprochen fruchtbarer Planet mit hervorragenden Eigenschaften. Innerhalb kürzester Zeit würden wir uns dort eine wahrhaft paradiesische Heimat schaffen. Und jetzt das. Wir kommen alle von Klou. Wie sie wissen ist das gute 30 Lichtjahre von Azur entfernt. Sie können sich vorstellen wie lange die Appear dafür gebraucht hat.“

„Ein Ding wie die Goose bestimmt 200 Jahre“, lästerte Brendan.

„320“, kam es Einstein über die Lippen. Dann drehte er sich zu ihm. „Bin fertig.“

„Dreihundertzwanzig Jahre?“, fragte Brendan. „Wow! Das ist echt nicht ohne. Ich glaube, so lange am Stück habe auch ich noch nie in einem Tank gelegen.“ Einstein ließ es so stehen und sie widmeten ihre Aufmerksamkeit nun beide dem Siedlungsleiter: „…Wir wissen weder, wie diese Dschungelbewohner aussehen noch wo sie sich versteckt halten. Da unsere Leute aber schlichtweg verschwunden sind ohne sichtbare Spuren und auch ihre Erkennungsmelder, die wir alle permanent bei uns tragen, keine Signale mehr aussandten, verzichteten wir auf eine Suchaktion. Ich weiß, dass sie das schockiert. Ich fühle mich selbst nicht wohl dabei. Aber ich muss auch an die übrigen Siedler denken. Und an zwei Tagen über 7 Prozent meiner Leute zu verlieren… Wenn ich das hochrechne, blieben uns nur wenige Tage mehr und keiner wäre mehr übrig. Somit bitte ich sie also, kommen sie und helfen sie uns!“ Care blickte noch einen Augenblick ernst und erregt in die Kamera, dann war das Bild schwarz. Sehr sympathisch erschien er Brendan nicht und irgendwie glaubte er auch ihn zu kennen. Er wusste ihn aber nicht einzuordnen.

„Und ich hatte gehofft, es ginge diesmal lediglich um den Komprimator“, sagte Brendan. „Alf hatte nicht ausdrücklich gesagt, dass erneut Siedler verschwunden sind.“

„So lautet die offizielle Anweisung von der Behörde“, meinte Einstein. „Aber Alf kennt dich ja – und weiß, dass du dich mit der einfachen Reparatur eines Fusionsantriebs nicht zufrieden geben würdest. Habe ich eigentlich erwähnt, dass es auf dem Nachbarplaneten von Azur, dem Gasriesen Admin 89269 f, enorme Mengen von Helium 3 und 4 gibt?“

Jetzt horchte Brendan richtig auf. Davon war in keinem Bericht etwas zu lesen gewesen.

„Fusionsmasse“, stellte er fest. „Daher also das vehemente Interesse der Klourianer in diesem System Fuß zu fassen.“

„Ob es die Klourianer sind oder die Behörde sei einmal dahingestellt“, sagte Einstein. „Jedenfalls besitzt Admin 89269 f gut und gerne 35% mehr dieser Gase als Jupiter, wenn dir das etwas sagt. Und Azur ist der einzige Planet dort, auf dem Menschen leben können – und dazu auch noch unter idealen Bedingungen, was nun wirklich ein Wunder ist.“

„So ideal scheint es ja nun doch nicht zu sein“, entgegnete Brendan. Er schaute kurz auf die Anzeige für die Hibernation. Bald würden sie sich in das unangenehme Prozedere des Kälteschlafs begeben müssen. „Also ist den Drahtziehern der Besiedlung daran gelegen eine Basis auf Azur einzurichten, um Helium abzuzapfen und ein hübsches Geschäft damit zu abzuwickeln.“

„Ich meine sogar, dass dies schon vor dem allerersten Besiedlungsversuch bekannt war. Die Gasriesen der inneren Systeme halten auch nicht ewig.“

„Aha.“ Brendan war wieder einmal verblüfft. Mit Politik wollte er eigentlich so bald nichts mehr zu tun haben. „Dann haben sie uns also wieder einmal gelinkt, die Brüder.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und stöhnte. „Alf hat mich damals gewarnt, als die Behörde mich gesucht hat. Wir haben uns die ersten Jahre auf der Giant gemeinsam durchgebissen und zusammengehalten. Er ist eindeutig kein Lügner oder verheimlicht mir etwas. Der weiß nichts von irgendwelchen Geschäften. Und die Siedler sind sowieso die Verlierer bei der Sache. Ich glaube nicht, dass auch sie die wahren Hintergründe kennen – ihnen wollen wir letztlich ja helfen, oder?“ Ein paar Minuten noch grübelte er über die Situation nach. Letztendlich war es nicht notwenig sich in die Hintergründe der Besiedlung einzumischen. Es galt lediglich die Probleme vor Ort zu lösen, den Siedlern zu helfen und dann wieder abzuschwirren. Genau das hatte Brendan bei seinem letzten Auftrag auch gedacht, als er gründlich in die Pfanne gehauen und von den Xinianern gezwungen worden war den Riesenmollusken zu seiner Herde zurückzubringen. Er würde dennoch nichts verlieren, wenn er sich die Situation vor Ort anschaute, fand er. Im Übrigen war auch seine Neugierde geweckt. Die Behörde zahlte jedenfalls gut, soviel war sicher, und umkehren konnten sie immer noch. Offiziell lautete außerdem der Auftrag den Komprimator der Goose zu reparieren. Das konnte Klick-Klick mit Bravur erledigen. Inwieweit er und Einstein sich darüber hinaus um die Landungs- und Besiedlungsschwierigkeiten der Klourianer kümmern würden, ließ er offen. Brendan blickte zu Klick-Klicks Platz. „Wo ist er hin?“, fragte er Einstein.

„Er hat den ganzen Tag die Beschleunigungssequenzen vorbereitet und ist jetzt mit Sicherheit dabei, sich um unsere Tanks zu kümmern. Sie sollten auch von außen in Augenschein genommen werden.“

Kaum hatte er das gesagt, schob sich auch schon die geräuschlose Schiebetüre auf. Es klickte ein paar Mal hintereinander, als der Roboter hereinkam. Lächelnd und selbstzufrieden blieb er mitten im Raum stehen. Seine Schädeldecke schimmerte illuminierend blau.

„Es ist alles vorbereitet, Captain Brendan“, sagte er. Er schaute erst zu Brendan, dann zu Einstein – und klickte abermals. „Sie sollten zwei Stunden, bevor ich die Beschleunigung aktiviere, in der Hibernation sein, eine derart plötzliche Steigerung der Geschwindigkeit…“

Brendan unterbrach ihn: „Ja, wir wissen es, Klick-Klick. Wir würden sowieso ohnmächtig werden. Vielen Dank. Bitte stelle die Muskelstimulation früh genug an. Beim letzten Mal war ich schlapp wie eine aufgetaute Salatgurke.“ Klick-Klick schaute ihn verständnislos an.

„Hast du noch nie eine Salatgurke eingefroren und wieder aufgetaut?“, fragte er ihn. Er verneinte durch häufiges Klicken und Kopfschütteln.

„Natürlich nicht. Ich möchte übrigens kurz nach dem Wecken über alle wichtigen politischen Veränderungen informiert werden. Also, bitte sieh zu, dass die Nachrichtenübermittlungen gut funktionieren und unsere Computer alles speichern.“

„Aus welchen Systemen benötigen sie die Informationen, Captain?“ Klick-Klick bewegte nun lediglich den Kopf. Eine der Eigenarten, die ihn als Roboter definierten. Seine Baureihe vermied es stets unnötige Energie zu verbrauchen und beschränkte daher seinen Bewegungsdrang auf ein Minimum.

„Neuigkeiten aus unserer Heimat genügen mir. Und natürlich alles, was irgendwie mit Azur zu tun hat.“

„Jawohl, Captain.“

Brendan streckte sich und grunzte abschließend, bevor er sagte: „Einstein, was meinst du? Wollen wir uns bettfein machen?“

„Was sind schon 135 Jahre?“, sagte Einstein Schulter zuckend. Er stand auf.

„Ich möchte aber noch mal richtig was essen. Kommst du mit in die Küche?“

„Dein Verdauungssystem wird doch sowieso gleich wieder gereinigt“, meinte Einstein verständnislos. Diese Eigenart Brendans konnte er nicht nachvollziehen. „Es geht dabei nur um Genuss, Einstein, nicht um Zweckmäßigkeit. Und irgendwie möchte ich vor so einer langen Schlafenszeit eben etwas zu mir nehmen.“ Einstein schüttelte nur den Kopf und verdrehte die Augen. „Das ist so irrational“, murmelte er noch, während sie beide zur Küche gingen.

Nach dem Essen begaben sie sich in die Hibernation. Die Tanks dazu befanden sich jeweils in den Privatkabinen der Mannschaft, was einem intimen und ruhigen Aufwachen und einer behutsameren Orientierung sehr förderlich war. Klick-Klick trottete ihnen überall hinterher. Einstein versicherte dem Roboter, dass er alleine zurechtkäme, so dass er sich ausgiebig um Brendan kümmern konnte. Der hingegen mochte es sogar, wenn Klick-Klick ihn „zu Bett brachte“. Daheim übernahm das ansonsten ja stets Felicitas, die er in solchen Momenten schmerzlich vermisste. Nachdem er sich seiner schlichten dunkelblauen Uniform entledigt hatte und nur noch in Unterhose in seiner Kabine stand, blickte er auf den wuchtigen Hibernationstank, der sich wie eine überdimensionierte Sonnenbank an der Rückwand in der Nähe seines echten Betts befand. Er seufzte, striff auch die Unterhose noch ab und stieg dann ergeben in die Schlafschale. Obwohl es sich bei den Kältetanks auf der Chrysanthemia um hoch effiziente xinianische Technik handelte, hatte er auch sie im Rahmen der Schiffsmodernisierung verbessern lassen. In den 340 Jahren ihrer Abwesenheit hatte sich trotz eines sehr hohen Niveaus der technische Fortschritt noch immer weiterentwickelt und prinzipiell konnte man als Pegar sein Schiff nach jedem Einsatz aufrüsten lassen. Was die Kälteschlaftanks betraf, so hatten sich die Wissenschaftler endlich einmal daran begeben die in sämtliche Körperöffnungen eintretende gelartige Flüssigkeit zunächst in einer angenehmen Temperatur zu belassen, so dass Brendan nicht schlotternd und mit zusammengebissenen Zähnen stocksteif in der Schale lag und versuchte so lange wie nur möglich die Luft anzuhalten. Der Reflex die Luft anzuhalten war zwar geblieben, aber mittlerweile sorgten die Narkotika in dem Gel dafür, dass er bereits eingeschlafen war, bevor die Flüssigkeit in dem Tank auch sein Gesicht begann zu umschließen. Auch war die Schale, in der er lag, längst nicht mehr so eng und der Kunststoffhimmel über ihm relativ hoch und angenehm beleuchtet, so dass klaustrophobische Gedanken gar nicht erst aufzukommen drohten. Die persönlichen Gegenstände in seiner Kabine und eine angenehme Musik unterstützten sein Wohlbefinden, außerdem stand Klick-Klick geduldig in der Nähe und überwachte die Apparaturen.



04 – Azur


Als er die Augen das erste Mal wieder aufschlug, die klebrige Masse war abgespült worden und die Muskulaturaufbaumechanik hatte schon Monate zuvor begonnen Brendans Körper wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen, stand Klick-Klick genau an der selben Stelle wie zum Zeitpunkt seines Einschlafens. Gedämpftes Licht wurde aktiviert und ohne jegliche Geräusche öffnete sich die Schale. Bis auf die Tatsache, dass sich seine Knochen, jede Blutbahn in seinem Körper und auch jegliche weitere Faser anfühlte, als wären Milliarden Elefanten darauf herumgetrampelt, schienen seine Körperfunktionen in Ordnung zu sein. Kopfschmerzen hatte er allerdings und selbst das stark reduzierte Licht schmerzte ihm in den Augen. Er schloss sie zunächst wieder, schlief ein und erwachte erneut. Es dauerte, bis er sich bewegen wollte und auch verstand, was passiert war. Ein Restrisiko, dass Teile des Bewusstseins verschoben wurden oder einige Gedächtnislücken auftraten, bestand immer, war in der Regel aber vernachlässigbar. Normalerweise benötigte man zwei volle Tage, um einigermaßen fit zu werden.

„Sämtliche Körperfunktionen funktionieren einwandfrei, Captain Brendan“, sagte Klick-Klick. „Die Chrysanthemia hat 134,8 Standardjahre für unseren Flug gebraucht. Alle weiteren Informationen werde ich ihnen geben, wenn die Tätigkeit ihres Gehirns sich wieder in hundertprozentiger Bereitschaf befindet.“

Stöhnend und wankend wie nach einem Kater wuchtete Brendan sich aus dem Tank. Sein Kopf war leer. Trotzdem sickerte diese Zahl – 135 Jahre! – zur Verarbeitung in sein Bewusstsein. Klick-Klick half ihm sich aufs Bett zu legen und deckte ihn mit einer Wolldecke zu. Nochmals schlief er einige Stunden. Erst als er dann ein weiteres Mal aufwachte, ging es ihm besser.

In drei Tagen würden sie Azur erreichen. Ihr Schiff flog bereits weit unter einer prozentual erwähnenswerten Lichtgeschwindigkeit und auf dem Bildschirm in seinem Quartier konnte Brendan die ersten Planeten des Zielsystems Admin 89269 sehen. Die Sonne sah aus wie Sol aus dem alten Ursprungssystem der Menschheit. Er genoss den schönen Anblick. In weiterer Ferne leuchtete deutlich der voluminöse Gasriese 89269 f und ein Haufen seiner Monde tummelte sich davor, als rängen sie um die Gunst ihres Mutterplaneten. Dahinter befand sich ein stummer brauner Planet, unscheinbar und ungeliebt und überstrahlt von dem noch weiter entfernten blauen Schimmern von Azur.

Klick-Klick brachte Brendan einen Kaffee und ein paar Croissants. Was der alles konnte. Die von Klick-Klick gebackenen Croissants waren Brendans Ansicht nach der absolute Hammer und ein echter Hochgenuss. Kauend und krümelnd hatte er sich auf den Rand seines Bettes gesetzt und schaute sich eine Zusammenfassung der Ereignisse der vergangenen Jahrzehnte an. Little Silence ging es gut. Die Verhältnisse dort waren dauerhaft ruhig, die neue Raumstation hatte dem Planeten gut getan und die wirtschaftliche Lage weiter stabilisiert. Die Einwohnerschaft hatte sich auf 35 Millionen eingependelt. Und nach wie vor lebten all diese Menschen in Consumpia, bis auf die rund 5000 Pegaren, die auf den Landsitzen ihre Domizile hatten, aber nicht als wirkliche Einwohner von Little Silence bezeichnet werden konnten. Sie waren ja schließlich auch nie dort. Für einen Moment erschrak Brendan über diese Tatsache. Er war ebenfalls Pegar und vielleicht hatte auch er gar keine richtige Heimat mehr. Doch dann verwarf er diesen Gedanken sofort wieder. Spätestens, als einige Meldungen von Felicitas auf seinem Bildschirm auftauchten, war er wieder beruhigt. Ein neues Dach war nach einem unerwarteten und nur alle paar hundert Jahre auftretendem Sturm notwendig geworden, die Satelliten der Landekontrolle waren ausgewechselt und einige angrenzende Ländereien preisgünstig gekauft worden. Außerdem hatte Felicitas jede Menge neue Rezepte… Diesen Teil übersprang er geflissentlich, aber mit einem Schmunzeln. Nach einer Nachricht von Mariju suchte er vergebens. Auch Klick-Klick hatte diesbezüglich keine Neuigkeiten für ihn und von der Behörde gab es keinerlei neue Instruktionen. Brendan kratzte sich am Kinn und dachte nach. Denen wird klar gewesen sein, dass die Klourianer auch mit funktionstüchtigem Komprimator nicht mehr von Azur fort konnten. Niemandem war offensichtlich daran gelegen diese Leute im Notfall wieder nach Hause zu holen. Doch das sollte ihn ja nichts angehen. Er schlürfte schon an seiner zweiten Tasse Kaffee, als eine aktuelle Nachricht hereinkam. Es handelte sich um eine Sendung von der Goose. Baron Care erschien wach und tatenhungrig auf dem Bildschirm und erst nachdem Brendan auf den Empfangsknopf gedrückt hatte, wurde ihm bewusst, dass es sich um eine Live-Übertragung handelte. Noch hatte er sich nicht angezogen.

„Oh!“, meinte der Baron dann auch und zog eine Augenbraue hoch.

„Ja, sie müssen entschuldigen. Wir sind erst vor kurzem aus den Tanks gekrochen.“ Brendan mühte sich um Haltung, verwarf es jedoch sogleich wieder. Mit seinem Kaffee in der Hand und den Croissantkrümeln in seinem Brusthaar nutzte das nicht viel.

„Ich verstehe, Captain.“ Care ging darüber hinweg, blieb vollkommen sachlich, wirkte dabei aber äußerst steif und wenig authentisch. „Schön, dass sie da sind. Der Schock der Ereignisse sitzt tief und wir hoffen, dass sie uns helfen können.“

„Ich bin froh in Echtzeit mit ihnen sprechen zu können“, log Brendan und strich sich seine Haare aus dem Gesicht. „Seit wann sind sie denn wieder wach?“

„Wir haben vor zwei Standardwochen unsere Systeme wieder aktiviert“, meinte der Baron. Seine gestriegelte und makellose Erscheinung war Brendan unangenehm. Neben ihm kam er sich vor wie der reinste Penner. „Gibt es was Neues?“, wollte er dennoch wissen.

„Nein. Die Appear hält ihre orbitale Bahn über Azur. Von den Vermissten keine Spur, kein Zeichen.“

„Na ja. Vielleicht haben die Verschollenen alle ein erfülltes und schönes Leben geführt in ihren letzten Jahren. Leben wird niemand mehr von ihnen.“ Brendan konnte sich diese ironische Bemerkung nicht verkneifen, da er an Cares Stelle seine eigenen Leute niemals einfach zurückgelassen hätte um etwaige neue Verluste zu vermeiden.

„Wahrscheinlich nicht, nein.“ Care bemühte sich um Betroffenheit. Für ihn und auch die anderen Menschen auf der Goose lagen die Ereignisse nur ein paar gefühlte Tage zurück.

„Wir haben einen echten Spezialisten in Sachen Komprimator bei uns“, sagte Brendan, um nicht über traurige Wahrheiten sprechen zu müssen. „Klick-Klick, unser Maschinist, wird ihr technisches Problem in jedem Fall lösen können. Material haben wir außerdem reichlich an Bord, falls es an Technik fehlen sollte.“

„Das wird nicht nötig sein, Captain. Die Hallen der Appear sind gut gefüllt. Wir könnten hier ein langes sattes Leben bis zum Ende führen.“

„Was sie aber mitnichten vorhaben, nehme ich an.“

„Nein, ganz und gar nicht. Die Siedler wollen sich auf Azur eine neue Existenz aufbauen. Sie haben alles dafür geopfert. Und wie sie selbst wissen, ist eine Rückkehr nicht machbar.“

„Na ja“, sagte Brendan. „Mit der Appear sicherlich nicht. Aber wenn die Behörde ihnen ein paar schnellere Schiffe geschickt hätte, wäre das kein Problem gewesen.“

„Lassen sie uns nicht von der Behörde sprechen.“ Care winkte ab. „Die ist weit weg.“

„Was macht denn Einstein?“ Brendan schaute zu Klick-Klick, der eine in seinem Bauch integrierte Screen geöffnet hatte und den in frisch gebügelter Uniform gekleideten Professor zeigte, wie er im Kommandoraum unter seiner Konsole herumkrabbelte und nach einem von Klick-Klicks Croissants suchte, das er hatte fallen lassen.

„Einstein?“ Care schaute Brendan fragend an.

„Nein, nein. Nicht der Einstein. Mein Kollege. Der heißt auch so.“

„Ah, verstehe.“ Care nickte, sein Gesichtsausdruck verriet aber, dass er offenbar doch nicht verstand. Das war aber auch nicht wichtig. Er informierte Brendan darüber, dass die Siedler fest entschlossen seien mit ihrer Hilfe einen weiteren Anlauf unternehmen zu wollen. Azur sollte ihre neue Heimat werden. Vorrangig würden sie sich zwar um den Komprimator kümmern, doch aufgrund ihres vorauseilenden Rufes lägen ihre wahren Aufgaben mit Sicherheit ganz woanders. Brendan fragte sich, welches denn ihr vorauseilender Ruf wohl wäre? Was auch immer Alf denen erzählt hatte, sie mussten ordentliche Vorschusslorbeeren bekommen haben, denn mit Ausnahme des Molluskenauftrags und ein paar innersolarischen Aufträgen hatte die JCB (Just call Brendan) nichts Nennenswertes geleistet.

„Captain Brendan, wir wissen, dass sie und ihre Mannschaft unabhängige Forschungsreisen unternehmen – wie soll ich sagen – oft mit besonderen Instruktionen. Sie haben ja des Öfteren schon für die Behörde gearbeitet und kennen sich aus mit den Gepflogenheiten dieses Apparates.“ Care suchte nach einem Weg ihn etwas Unangenehmes zu fragen. Er spielte auf eben jenen Ruf an, den er angeblich als selbstständiger Forscher oder was auch immer man ihm nachsagte genoss. Tatsächlich war es ursprünglich genau das gewesen, was er hatte tun wollen. Mit Forschern gemeinsam durchs All reisen, um neue Planeten und unbekannte Phänomene zu erkunden. Zumindest aber war es ein Traum gewesen sein eigener Arbeitgeber zu sein, um sich der Willkür der Oberschicht entziehen zu können. Jetzt zählte er selbst zur Oberschicht, wenn auch mit deutlichen Verhaltensabweichungen.

„Was soll ich denn für sie erledigen?“, half er dem Baron. „Ich nehme mal an mit der Reparatur des Komprimators ist es nicht getan.“

Der Baron druckste nur kurz herum. „Die Behörde hat uns seinerzeit schon wissen lassen, dass wir bei besonderen Schwierigkeiten immer auf einige bestimmte Adressaten in den behördlichen Dateien zurückgreifen können, an die wir uns vertrauensvoll wenden können.“

„Ach ja, und einer davon war ich?“

„Nicht direkt. Unser Hilferuf ging an alle Empfänger der umliegenden Behördenstationen. In dem Fall war es wohl eine mobile Dependance aus dem Uma-Bezirk, die sie umgehend an sie weitergegeben hat.“

„Wie auch immer“, meinte Brendan abweisend. „Wir kommen im Auftrag der Behörde und sollen sie unterstützen. Nun sagen sie uns einfach, was das Beste ist und wir schauen, was wir aus der Situation machen.“

„Das Beste ist, sie begeben sich auf den Planeten und sehen nach was geschehen ist.“

Klang simpel und war genau das, was Brendan auch vorgeschlagen hätte.

„So machen wir es“, sagte er. „Wir werden sie vorher auf der Appear besuchen und dann runter nach Azur fliegen.“

„Wollen sie unser Shuttle nehmen?“, fragte Care. Brendan verneinte. Von fremden Fluggeräten hatte er noch gestrichen die Nase voll. Die Chrysanthemia war trotz ihrer enormen Größe sehr wohl in der Lage im Raum wie auch innerhalb planetarischer Atmosphären zu manövrieren. Je nach Schwerkraft verbrauchte das zwar Unmengen von Fusionsmasse, aber das konnte er sich zum jetzigen Zeitpunkt durchaus noch leisten.

Azur bot einen wunderschönen Anblick. Er schimmerte in einem reinen Blau, dass das der alten Erde aus ihren besten Zeiten bei weitem überbot. Er wirkte einladend, frisch und freundlich. Als Brendan mit Einstein und Klick-Klick im Kommandoraum saß, konnte Brendan sich ein abfälliges Schmunzeln nicht verkneifen. Die Goose, sie hatten sie auf der Screen vor sich, bot einen unbeholfenen und beinahe lächerlichen Anblick. Er wunderte sich, dass dieses dicke unförmige Schiff es bis hierher geschafft hatte. Wahrscheinlich hatte die Behörde selbst das absichtlich arrangiert, damit die Siedler gar nicht auf den Gedanken kämen, wieder umkehren zu wollen. Nachdem sie Care und seinen Leuten einen kurzen Besuch abgestattet hatten, nahmen sie Kurs auf die Oberfläche des Planeten. Sie entschieden sich an exakt demselben Platz zu landen, an dem damals auch das Shuttle der Goose gelandet war. Elegant und exakt setzte die Chrysanthemia auf – Brendan liebte dieses Schiff und seine Präzision. Es war wolkenlos und ein herrlicher Tag. Die Hydraulik der sich öffnenden Zugangsklappe war zunächst das einzige Geräusch, was draußen zu hören war. Als die Klappe dann offen stand und sie heraustraten, vernahmen sie das variantenreiche Zwitschern und Knirpsen der artenreichen Fauna. Der nahe gelegene Dschungel strotzte vor Leben.

„Was gibt es hier eigentlich für Viehzeug?“, fragte Brendan und blickte sich misstrauisch um. Sie trugen beide intelligente Schutzanzüge, eine Besonderheit, die Brendan sich auf einem Kuriositätenmarkt in Consumpia geleistet hatte. Diese Anzüge waren bequem und leicht, besaßen eine unauffällige dunkelblaue Färbung und boten eine Unmenge von Abwehrmechanismen. Auf die Helme verzichteten sie bei diesem Ausflug und sogen entsprechend genussvoll die frisch duftende Luft von Azur ein.

„Ziemlich viel“, antwortete Einstein dann. Er trug sein wieder wirres Haar zurückgebunden und blickte sich erwartungsvoll um. Eine angenehm warme Brise wehte vom Meer herüber. Die Küste war nicht weit entfernt. Da Einstein herausgefunden hatte, dass die Landmassen sich bei den Vollmonden, die nebeneinander in identischer Geschwindigkeit um den Planeten kreisten, erheblich dezimierten und überschwemmt wurden, hatten sie Glück, dass beide sich derzeit gut sichtbar am Himmel aufhielten und eine analog sehr starke Ebbe herrschte.

„Ich würde sagen der Artenreichtum ist mit dem auf der Erde des zweiten Jahrtausends Standardzeitrechnung zu vergleichen. Als die Erde noch so aussah wie Azur, versteht sich.“

„Verstehe“, meinte Brendan. Er schaute sich um. Sein Blick fiel auf den unweit beginnenden Wald, einen dichten und vor Feuchtigkeit und Fruchtbarkeit triefenden Dschungel, bei dem er sich fragte, welche hungrigen Varianten von Leben er wohl hervorgebracht hatte. Die Chrysanthemia stand auf einer großen Freifläche, die lediglich aus Stein und groben Erdreich bestand. „Wer sagt uns, dass nicht auch fleischfressende und äußerst gierige Wesen darunter sind?“

„Niemand“, meinte Einstein mit einer Leichtigkeit, die Brendan schon wieder erschreckend fand. Etwas ratlos standen sie nun da und fragten sich, wie es weiterginge.

„Meine Herren.“ Es klickte ein paar Mal hinter ihnen. Klick-Klick kam herbei. „Nach allem, was die Chrysanthemia gescannt und analysiert hat“, meinte er, als er bereits neben ihnen stand, „dürfte es auf Azur keine logisch erkennbaren Zusammenrottungen größerer Gruppen von Lebensformen geben. Lediglich die üblichen Tierformen, die in Herden oder sozial nicht näher beachtenswerten Verbänden umherstreifen.“

„So wie Affen oder Zebras“, meinte Brendan.

„Genau so“, antwortete Klick-Klick. „Allerdings…“ Sie horchten auf, „hat die Chrysanthemia beachtenswerte Lebensmassen in den Ozeanen festgestellt. Und viele Gruppen in den Wäldern überschreiten eine Anzahl von 37 Einzelwesen nicht.“

„Und wieso erfahren wir das erst jetzt?“

„Die Auswertungen habe ich mir erst kurz vor Verlassen des Schiffes kopiert. Und sie brauchen mich nicht so anzuherrschen, Captain. Es lagen keinerlei Befehle vor, nach denen ich ihnen derartige Informationen umgehend zukommen lassen sollte.“ Er klickte abermals und blickte eingeschnappt drein.

„Also, das nächste Mal gewöhnst du dir bitte an, alle erforderlichen Dateien etwas eher runterzuladen, okay? Was wäre denn, wenn es hier Menschen fressende Riesenungeheuer gäbe, die uns jetzt in diesem Augenblick im Visier haben und angreifen wollen? Da wäre eine solche Information vielleicht etwas früher von größerem Nutzen“, erklärte Brendan, der den EMO-Chip von Klick-Klick soeben innerlich verfluchte.

„Du kannst Klick-Klick nicht dafür verantwortlich machen“, meinte Einstein. „Er hat das immer so gemacht.“

„Na, super.“ Brendan wollte sich um alles andere als die Befindlichkeiten eines Roboters kümmern. „Es spielt doch wohl jetzt keine Rolle mehr, oder? Und wenn Klick-Klick jetzt die beleidigte Leberwurst…“

„Klick-Klick kann nicht wirklich beleidigt sein“, beruhigte Einstein ihn. „Er reagiert emotional, zeigt menschliche Verhaltensweisen und imitiert gewisse Gefühlsregungen. Übrigens war das deine Idee. Aber er handelt nach wie vor rational und logisch. Mach dir da mal keine Sorgen.“

„Ach, ist ja auch egal.“ Brendan lief einige Schritte zum Wald. „Also, ab jetzt jedenfalls: Automatisch alle Daten des Zielobjekts vor Verlassen der Chrysanthemia sammeln, in Ordnung? Und solche Infos dann auch ungefragt an mich weitergeben!“ Klick-Klick registrierte diesen Wunsch und würde es ab sofort berücksichtigen. Sie stapften dann in Richtung Wald. Die Bäume und Farne waren gigantisch. Die Blätter der Büsche riesig, in einem kräftigen Grün schwang alles im Rhythmus des Windes. Es raschelte überall und das dominante Zirpen einer speziellen Insektenart herrschte allenorten.

„Sag mal, täusche ich mich oder führt da vorne ein Weg in den Dschungel?“ Brendan stutzte erst, doch recht deutlich teilten sich einige Meter vor ihnen die Büsche und deuteten einen Zugang an. Einstein reckte seinen Kopf vor. „Hm“, meinte er nur. „Klick-Klick! Geh doch mal vor und einige hundert Meter in den Wald hinein. Sag uns, was du erkennen kannst!“ Der Roboter reagierte umgehend und lief freudig los. Es knackte und knisterte, als er durch den Wald trampelte. Nach einigen Minuten, sie konnten ihn längst nicht mehr sehen, rief er sehr laut: „Captain Brendan! Hier ist ein Weg. Sehr deutlich und gut zu begehen. Soll ich zurückkommen oder möchten sie mir folgen?“

„Wir kommen schon!“, rief Brendan zurück. „Bleib da!“ So absolut gut zu erkennen war der Weg allerdings doch nicht. Offensichtlich war dort schon etliche Male jemand entlanggegangen, aber ein häufig benutzter Pfad sah anders aus. Einstein folgte Brendan.

„Wo bist du denn, Klick-Klick?“, rief Brendan nach ein paar Minuten. Doch es kam keine Antwort. „Klick-Klick?“ Sie blieben stehen, inzwischen durchnässt von den umliegenden Pflanzen, die sie durchstreiften.

„Ganz schön warm hier“, meinte Brendan.

„Und feucht – puh!“ Einstein wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Wo ist denn der Kerl?“ Brendan hielt einen Moment inne und versuchte zu lauschen. „Klick-Klick?“ Er rief lauter.

„Klick-Klick!“ Auch Einstein rief nun. Beide schrieen eine Weile, leider völlig erfolglos.

„Na, super!“ Brendan stöhnte. „Das fängt ja toll an. Kaum gelandet, schon ist der Erste von uns verschwunden.“

„Genau wie bei den Siedlern.“

„Und jetzt?“ Brendan sah Einstein fragend an.

„Klick-Klick hat ein integriertes Ortungssignal“, meinte Einstein.

„Na, das hatten die verschwundenen Siedler doch auch. Care hat sie trotzdem nicht gefunden.“

„Irrtum!“, widersprach Einstein grinsend. Er holte ein Minigerät aus der Hosentasche.

„Was ist das?“, fragte Brendan. Auch er musste sich trocken wischen. Die Luftfeuchtigkeit war extrem.

„Das ist der Ortungsnehmer von Klick-Klick. Ich habe ihn bei solchen Einsätzen immer bei mir. Falls…“

„Ja, ja!“ Brendan ertappte sich wieder dabei der Dümmere zu sein. Einstein sog die Luft hörbar durch die Nase ein und fuhr fort: „Falls er die Orientierung durch schwere Magnetfelder oder ähnlichem verliert. Im Übrigen trugen die Siedler ihre Erkennungsmelder lediglich bei sich. Klick-Klick aber hat es fest eingebaut, in den Tiefen seiner, ich sage mal: Organe.“

„Ja, und? Was zeigt das Gerät an?“ Ungeduldig rückte Brendan näher an Einstein, der den sehr kleinen Ortungsnehmer von Klick-Klick bearbeitete. Brendan konnte gar nicht richtig sehen, auf was genau er da herumdrückte.

„Ohne ihn können wir noch nicht einmal den Komprimator der Goose reparieren“, fiel Brendan entsetzt ein. Einstein fuchtelte mit dem Ding in der Luft herum und hielt es in alle Richtungen. Plötzlich blinkte eine winzige rote Diode.

„Ah!“, rief Einstein aus. „Da muss er sein!“ Er zeigte nach links. Brendans Blick folgte ihm. „Da ist das Meer“, sagte er dann. „Nach ein paar Minuten Dschungel kommen wir in dieser Richtung an die Küste.“

„Tja, ich weiß auch nicht.“ Einstein zuckte mit den Schultern. Und wenn schon Einstein mit den Schultern zuckte, was sollte Brendan dann erst machen?

„So ein Mist!“ Er trat gegen einen Baum. „Wir wissen rein gar nichts über die Vorgänge auf diesem Planeten und landen hier, mir nichts, dir nichts, als könnten wir alle Probleme dieses Universums lösen.“

„Ja, Brendan. Das haben wir allerdings immer so gemacht. Und hat ja auch meistens geklappt.“

„Okay! Ich gehe jetzt in diese Richtung bis zur Küste. Nur, um sicher zu gehen. Und wenn Klick-Klick dort nicht irgendwo herumläuft, überlegen wir einfach, welche Möglichkeiten es gibt. Wir müssen dann eben nochmals alle Daten über Azur auswerten und sie genauer unter die Lupe nehmen. Ich bin total schlecht vorbereitet hierher gekommen.“

„Das kann schon sein“, murmelte Einstein augenrollend. „Ich komme mit dir.“ Sie schlugen sich mit Hilfe eines Navigationsgeräts in die entsprechende Richtung und kamen, wie vorhergesagt, an die Küste, die an dieser Stelle sehr steil und abrupt abfiel. „Und?“, fragte Brendan nochmals. Doch die Diode auf dem Minigerät wies noch immer auf das Meer.

„Sagt das Ding auch, wie weit Klick-Klick von uns weg ist?“

„Dazu müssen wir zurück zum Schiff. Was wahrscheinlich momentan das Beste ist. Ich kann den Ortungsnehmer an den Bordcomputer anschließen. Dann wissen wir mehr.“

„Na, denn! Nichts wie los!“

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