Oliver Wendt - PegarenPegaren
Auftakt der Galaktischen Reisen

Science-Fiction Roman

von Oliver Wendt
ISBN-Softcover: 978-1-326-02637-0

 

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Inhaltsangabe:
 

Sein erstes Raumschiff, seine erste Crew und sein erster außerplanetarischer Auftrag führen den jungen Brendan in ein einziges Desaster. Aber Geld muss her. Daher bringt er die ihm zum Transport anvertraute vermeintlich harmlose Fracht auch an Bord. ​Mit dem verschrobenen Professor Megando di Facil und dem Prototyp eines eigenwilligen Roboters macht er sich auf. Zunächst nichts ahnend, bringt er die geheime Ware zu einem Fixpunkt im Uma-System. Was er nicht weiß, dass es sich hierbei um eine fremde Lebensform handelt, derer seine Auftraggeber sich entledigen wollen. Mit seiner Hilfe sollen die Spuren verwischt und er zum Täter gemacht werden. 
Die Entdeckung gigantischer Konstrukte, mit deren Hilfe dem jahrzehntelangen Reisen im Kälteschlaf ein Ende bereitet werden könnte, lässt zudem Neid und Machtlust aufkeimen in den ehemals befriedeten Planetensystemen der Menschheit und stürzt die Nationen in ungeahnte Konflikte. Brendan muss sich sehr bald entscheiden, ob er weiterhin seinen eigenen Interessen folgt oder sich gegen einen drohenden Krieg um die neu entdeckten Sprungtore stellt. Sein Dasein als Permanent Galaktisch Reisender, der sich immer wieder für Jahrzehnte in die Hibernation begeben muss, bringt ihm dabei leider nicht immer nur Vorteile.


Leseprobe Pegaren:



01 – Raumschiffsmarkt
 

Den Beginn seiner Selbstständigkeit hatte sich Brendan völlig anders vor­gestellt. Doch inzwischen war er sich wenigstens im Klaren darüber, dass er an seinen momentan sehr eingeschränkten Finanzen selbst Schuld hatte. Der Gebrauchtmarkt für Raumschiffe fand alljährlich auf der kleinsten Orbitalstation, die Little Silence in seiner Rotation folgte, statt. Er war we­der spektakulär noch populär. Die wirklich guten Schiffe wurden dort nicht feilgeboten. Die Station diente einst als Quarantäne-Zwischenstopp für potentielle Immigranten zu Zeiten, in denen Little Silence noch Boden­spekulanten anzog. Inzwischen wurde sie privat verpachtet und ver­schiedensten Zwecken zugeführt. Entsprechend ramponiert und unge­pflegt sah das Gravirad mit seinen zahlreichen Dockbrücken aus.

„Über den Preis kann man sich immer einigen“, meinte der stoppelbärtige und ungepflegte Verkäufer zu Brendan und versuchte dabei so unschul­dig wie nur möglich dreinzuschauen, was ihm bei den drei Zahnlücken und der verschmutzten Kleidung nur schwer gelang. Brendan ärgerte sich jetzt bereits, dass er diesen Stand angesteuert hatte und stehen geblieben war. Es würde sein erstes Schiff werden und entsprechend wenig Erfahrung brachte er für die Verhandlungen mit. Er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, denn der Kauf war längst überfällig. Nicht nur weil das Geld von Chry­santhemia stammte, sondern auch, weil er es ihr vor ihrem Tod verspro­chen hatte. Er sollte sich diesen Traum erfüllen, das war ihr großer Wunsch gewesen. Ein Traum jedoch sah anders aus. Das, was Brendan von den Live-Übertragungs-Sonden außerhalb der Station zu sehen be­kam, war mickrig. Aber es war so ziemlich die letzte Gelegenheit über­haupt noch ein Schiff zu bekommen. Alle anderen Schiffe, die ihn zu­nächst interessiert hatten, lagen absolut jenseits jeglicher Erschwinglich­keit.

Um die beiden herrschte reges Treiben. Brendan wunderte sich, dass ent­gegen des schlechten Rufs dieses Marktes die Gänge voll waren und die Leute sich an den vielen Ständen regelrecht vorbeischieben mussten. Er fasste sich mit einer Hand ans Kinn und betrachtete die Bildschirme, die das Objekt seiner gedämpften Begierde von etlichen Seiten zeigten. Er verzog dabei das Gesicht und ging sich mit der anderen Hand durchs dichte dunkel gelockte Haar. Dann schaute er den kauzigen Verkäufer an. Waren seine eigenen Haare etwa auch so fettig? Seine letzte Verabredung in Consumpia hatte es gemocht, wenn sie ihm locker in die Stirn fielen.

„Wie viele Leute gehen da rein, sagten sie?“, fragte er, immer wieder zweifelnd auf die Bildschirme blickend. Obwohl der Verkäufer sich glücklich schätzen durfte, dass er überhaupt einen Interessenten gefunden hatte, war er ungeduldig und fühlte sich unwohl in der Rolle eines ver­trauenswürdigen Mannes.

„Junge“, sagte er, sich seinen Bauch kratzend. „Wie ich schon sagte, nor­malerweise zwei, maximal vier. Wenn sie die Frachträume ausbauen noch mehr.“

„Mein Name ist Brendan, Mr. Talg“, sagte er daher. Ein Junge war er wahrhaftig schon lange nicht mehr und ungeachtet seiner Unerfahrenheit stieß ihm die herablassende Art des Verkäufers sauer auf.

„Hä?“ Den ersten Preis für intelligente Mimik würde Talg niemals gewin­nen.

„Sie wollen das Schiff doch verkaufen, oder? Wie hieß es noch…?“ Brendan versuchte nun Desinteresse zu bekunden, was ihm noch nicht einmal schwer fiel.

„Harry!“, antwortete Talg, nun wieder bemüht freundlich zu bleiben. Die­ser junge Schnösel brauchte ja nicht ahnen, dass er Spielschulden bis zum Hals hatte und der alte Raumhobel das letzte in seinem Besitz war, was er noch in Bares umwandeln konnte. Selbst seine Frau hatte schon diverse Male herhalten müssen, um Gläubiger im wahrsten Sinne des Wortes zu befriedigen. „Harry 8, benannt nach dem vorherigen langjährigen Besit­zer.“

„Sie sind also der zweite Eigentümer, ja?“, setzte Brendan zuversichtlich voraus. Doch Talg druckste herum und murmelte: „Der Dreizehnte.“ Be­vor Brendan aber etwas erwidern konnte, schlug er hastig vor: „Wollen sie an Bord einen kleinen Rundgang machen?“

„Der Dreizehnte?“, entwich es Brendan. Er schüttelte den Kopf. „Wieso wechselt ein Schiff derart oft den Besitzer? Nein, also ich glaube nicht, dass damit alles in Ordnung ist, Mr. Talg.“

„Die Leute sind sprunghaft, wissen sie?“, versuchte Talg zu erklären. Er wirkte unbeholfen und kläglich in seiner Gestik, doch hinter seinen Augen blitzte ebenso eine jahrelang praktizierte Verschlagenheit auf, die Brendan jedoch entging. Er bat Brendan weiter hinein in seinen kleinen Stand und breitete einige verblichene Pläne vor ihm aus.

„Ich weiß, es ist Papier“, sagte er und tat, als sei das in Wahrheit gar nicht ungewöhnlich, „Aber manchmal ist es wirklich hilfreich, des Überblicks wegen. Und ich mag Papier. Ja, ich mag Papier.“

Brendan guckte verwirrt. Papierpläne von technischen Geräten oder sogar Raumschiffen waren ihm lediglich aus Filmen bekannt. „Können sie es mir nicht auf einem der Bildschirme zeigen?“, fragte er und würdigte die zerknitterten Rollen auf dem Tisch keines Blickes.

Talg verdrehte die Augen. „Ist nicht eingescannt…“

Das war der Moment, wo Brendan doch lieber auf das Schiff verzichten und sich anderswo umschauen wollte. Es sprach einfach zu viel gegen dieses Schiff, vielmehr noch gegen diesen Verkäufer. Er wandte sich kopf­schüttelnd ab und versuchte in der vorüberziehenden Menge Platz zu fin­den. Weshalb war es auf diesem zweitklassigen Markt bloß so voll? Nie zuvor hatte er derart viele Vertreter unterschiedlicher Kulturen gesehen.

„Nun warten sie doch, junger Mann…aehm, Mr. Brendan. Warten sie!“ Talg stolperte ihm unbeholfen hinterher. Etliche Passanten beobachteten neugierig das weitere Geschehen. „Das alles lässt sich natürlich auf den Preis anrechnen. Hören sie! Ich gebe ihnen noch mal zehn Prozent Rabatt und einen kostenlosen Probeflug. Na, wie finden sie das Angebot?“ Be­reits zwei Stände weiter, drehte sich Brendan wieder um. Im Prinzip konnte er sich selbst die Harry 8 gar nicht leisten. Und mit diesem Schiff würde er sich unter Garantie eine Menge Ärger einhandeln. Aber in sei­nem Leben musste es endlich einmal vorangehen. Er schwankte zwischen dem Wunsch, endlich irgendein Schiff zu kaufen und der Vernunft gerade jenes dort nicht zu nehmen.

„Zwanzig Prozent und eine komplette Tankfüllung“, entgegnete er ent­schlossen. Er sah, wie Talg schockiert nachrechnete. Die Leute schauten konsterniert.

„Fünfzehn – und keine Tankfüllung.“ Das Lächeln dieses Mannes passte zu seiner gesamten Art. Brendan drehte sich wieder herum: „Vergessen sie es!“ Er hoffte inzwischen, dass das Geschäft nicht zustande käme. Er wollte das Schiff gar nicht mehr. Mit dem Erbe von Chrysanthemia wäre das neueste Modell der Meier-Werft drin gewesen. Aber er musste sich ja unbedingt dieses unglaublich große Anwesen mit dem alten Herrenhaus zulegen. Zugegeben, das Haus und die weiten Grünflächen waren in der Tat ein Traum – aber keiner, mit dem er hätte Geld verdienen können.

„Na gut, na gut!“, hörte er Talg hinter sich prusten. Er traute seinen Ohren nicht.

„Na gut?“ Ungläubig starrte er Talg über die Menge hinweg an.

„Kommen sie schon, sie Halsabschneider“, sagte Talg grimmig. „Wir re­geln den Rest am Stand.“

Wieso hatte er sich bloß auf diesen Typen eingelassen? Widerwillig ging er nun, die ihm entgegenkommenden Leute unabsichtlich anrempelnd, zurück zu Talgs Stand – und kaufte das Schiff. Als die Formalitäten erle­digt waren, grinste der sichtlich erleichterte Talg breit und überzeugte sich mehrfach auf einem seiner Bildschirme davon, dass der Geldtransfer auch tatsächlich stattgefunden hatte. Dann übergab er Brendan den Schiffs-Code und zeigte ihm noch, wo die Harry angedockt lag.

„In zwei Tagen, wenn der Markt vorbei ist, müssen die Docks geräumt sein“, sagte Talg, während er seine Unterlagen zusammenraffte und gen Ausgang strebte. „Danach wird es richtig teuer. Die nehmen hier einiges an Dockmiete. Aber die Harry ist ja atmosphärentauglich. Sie können sie gleich mitnehmen, wenn sie wollen.“

„Und der Tank?“, wollte Brendan wissen. Er fühlte, wie sehr er übers Ohr gehauen worden war, gleichzeitig aber auch seine Machtlosigkeit etwas dagegen zu unternehmen. Geschäft war Geschäft.

„Ist sowieso randvoll“, meinte Talg eher beiläufig. „Das weiß man doch. Gehört zum Deal dazu, Junge. Schönen Tag noch.“ Er hob an zu gehen.

„Noch eine Frage, Mr. Talg!“ Er hielt ihn einfach am Ärmel fest, woraus sich Talg sofort mit grimmiger Mine befreite. „Was denn noch?“, blaffte er.

„Was machen die ganzen Leute hier? Die Station ist brechend voll und die wenigsten von denen stammen von Little Silence.“

„Junge, du bist von deinem kleinen Planeten wohl echt noch nie runterge­kommen, was?“, sagte Talg. Er hatte jetzt sein Geld und somit auch noch den letzten Rest von Respekt verloren. „Nicht nur, dass du eine völlige Niete im Verhandeln bist und von Preisen keine Ahnung hast, du scheinst auch sonst nicht viel von deiner Umgebung mitzukriegen. Sagtest du nicht, du seiest Pegar?“ Talg konnte sich einen kurzen Grunzer der Belus­tigung nicht verkneifen. „Die hier sind fast alles Pegaren. Kommen von überall aus unserem verdammten Spiralarm, um das große Orionfest der Pegaren in Consumpia zu besuchen. Hat schon ewig nicht mehr stattge­funden. Die Vögel sind teilweise Jahrzehnte im Kälteschlaf gewesen, nur um hier Kontakte zu knüpfen. So bescheuert möchte ich mal sein. So, und jetzt muss ich los. Ach, und sollte irgendetwas mit der Harry nicht in Ord­nung sein, regelst du das am Besten über deine Versicherung. Ich hab nämlich keine“, sprachs und verschwand im Gewühl. Brendan wusste nicht, wann er sich das letzte Mal so dermaßen vertrottelt und hochge­nommen gefühlt hatte. Er hatte natürlich keine Versicherung für ein Raumschiff abgeschlossen und sich überhaupt viel zu wenig informiert. Aber wen hätte er auch fragen können? Seine Party-Kumpanen aus Con­sumpia? Die diversen Liebschaften, deren Namen er größtenteils noch nicht einmal kannte? Er stand noch eine Weile auf dem Stand und schaute sich die vielen fremden Gestalten an. Tatsächlich mussten die meisten von ihnen aus sehr fernen Welten gekommen sein. Sicherlich gab es nur we­nige, die außerhalb des Uma-Systems ihre Heimat hatten, doch auch das wollte er nicht ausschließen. Manche von ihnen wirkten so fremd, dass er sie schon kaum noch als Menschen bezeichnen wollte. Es gab Planeten, auf denen sich die Menschen derart hatten anpassen müssen, dass sie sich nun mit entsprechenden Schutz- und Stützanzügen auf der Station fort­bewegten, um mit der örtlichen Standardschwerkraft oder auch der all­gemein üblichen Luftzusammensetzung klarzukommen. In manchen Son­nensystemen waren hochgradige Genmanipulationen durchaus zulässig und legal, in anderen wiederum hatte längst die Nanotechnologie zur äu­ßeren und inneren Hilfe an einstige Anpassungsschwierigkeiten ihren Beitrag geleistet. Die alten Verfahrensweisen, den jeweiligen Planeten an den Menschen anzugleichen, waren oftmals den neueren Möglichkeiten gewichen, die Anatomie des Menschen auf die vorgegebene Umwelt ab­zustimmen. Er schaute einer Gruppe Frauen hinterher, die tatsächlich ein drittes Auge auf ihrer Stirn hatten. Ein echtes Auge! Sie waren knallrot geschminkt, vielleicht waren aber auch ihre Hautpigmente verändert worden. Jedenfalls zeigten sie recht viel davon, da sie, außer einem me­tallenem Brust- und Schamschutz, nichts am Leib trugen. Ihre Haare wa­ren hoch aufgetürmt, mit Drähten verflochten und kunstvoll verschnürt. Und sie genossen es offenbar aufzufallen, denn nicht nur Brendan blickte ihnen hinterher. Dann blickte er wieder auf den Zettel mit dem Schiffscode und den Plänen, die er zusammengerollt in den Händen hielt und seufzte.

„Na, dann wollen wir uns das Schätzchen mal angucken.“
 


02 – Harry
 

Sich mit der Technik und den Verfahrensweisen an Bord der Harry ver­traut zu machen, stellte ihn vor keinerlei besondere Hindernisse. Zwar hatte es in der Vita des Schiffs immer wieder bauliche Veränderungen oder gar Neuerungen gegeben, selten aber mit außergewöhnlichen oder für ihn unbekannten Resultaten. Die Standards, die er allerdings von den Behördenschiffen gewohnt war, würde er auf der Harry schmerzlich ver­missen. Nachdem er mit einigen nicht sehr Vertrauen erweckenden Auf­zügen und Zubringern bis zum Dock seines Schiffs gelangt war, der Zu­stand des Docks stand dem des Schiffs offenbar in nichts nach, schritt Brendan zögernd und misstrauisch durch die sich öffnende Luke. Von außen sah die Harry aus wie ein gewöhnlicher planetarischer Jet, von de­nen es zahlreiche Versionen gab. Größer zwar, aber nicht minder wind­schnittig konstruiert war auch dieses Schiff auf dichte Luftatmosphären ausgerichtet und entsprechend lang und schmal. Mausgrau und matt, we­nig lackiert, wenn überhaupt, besaß es aber einen wesentlich längeren Rumpf und war bauchiger als gewöhnliche Jets. Die Aufhängungen für die beiden Haupttriebwerke wirkten zerbrechlich. In den Unterlagen stand jedoch, dass sie aus einer unverbiegbaren Titaniumverbindung be­standen, was Brendan inständig hoffte. Sie waren schwenkbar, wie so ei­niges an und in dem Schiff, unter anderem auch das Cockpit, in dem Brendan es sich inzwischen versuchte bequem zu machen. Die Art der Armaturen, Konsolen und Bildschirme – das war ihm alles bekannt, so dass er kaum mehr als ein paar Minuten zum kompletten Check benötigte. Besonders veraltet zeigte sich das Kommunikationssystem der Harry, Brendan musste noch Kopfhörer aufsetzen, da das Schiff über keinerlei eigenständige Sprachfunktion, also auch keinen selbstständigen Bord­computer verfügte. „Das kann ja was werden“, sagte er leise.

Bald bekam er vom Stationslotsen das Okay abzudocken. Ein verbeulter Brückenarm entließ die Harry mit ihrem neuen Captain in die Leere und erinnerte Brendan erst in diesem Augenblick daran, dass es ganz schön lange her war, am Steuer eines Raumschiffes gesessen zu haben. Ihm wurde zudem plötzlich klar, dass seine gesamte ursprüngliche Planung, seit er Bahurai verlassen hatte, in keinster Weise erfüllt war. Seither war verdammt viel Zeit vergangen. Vielleicht hing dieses plötzliche gute Ge­fühl damit zusammen, dass er das Steuer der Harry in seinen Händen hielt. Das Schiff mochte ja alt und verschroben sein und wahrscheinlich würden während des Fluges noch einige Überraschungen auf ihn lauern, aber er saß am Steuer. Chrysanthemia wäre stolz und glücklich. Er konnte sie regelrecht vor sich sehen, wie sie lächelte und ihn nickend lobte. Sie sagte ihm, wie gut es tat zu sehen, wie er sein Leben wieder in die Hände nähme. Die gute Chrysanthemia.

Die feinen Düsen der Parknavigation funktionierten einwandfrei. Lang­sam bewegte sich das Schiff von der Station fort. Ein wenig erinnerte es an eine kampfbereite aber schwangere Riesenwespe. In jedem Fall wirkte es nicht so rückständig, wie es in Wahrheit war. Das letzte Mal, dass Brendan selbst hinter dem Steuer eines Raumschiffs gesessen hatte, war vor etli­chen Jahren gewesen, ebenfalls im Anflug auf Little Silence. Damals hatte er die Ausbildung auf dem Behördenschiff Giant 2 abgebrochen. Das hatte ihm einen immensen Schuldenberg eingebracht, denn vor Antritt dieser Ausbildung musste er sich verpflichten sämtliche entstandenen Kosten an die Behörde zurückzuführen, sofern er nicht durchhielt und mindestens 10 Standardjahre nach Abschluss im Dienste der Behörde blieb.

Die Harry ließ sich gut per Hand steuern. Auf den Autopiloten wollte er sich jetzt noch nicht verlassen, sondern zu Hause lieber erst einmal sämtli­che Systeme von einem Fachmann durchchecken lassen. Alleine die Tatsa­che, dass es keinen Sprachcomputer gab war schon ungeheuerlich. Als das letzte Kommando des Lotsen kam, zündete Brendan die Haupttriebwerke. Es funktionierte nur eins. Das andere gab lediglich einen lauten unschö­nen Spotzer mit einer kaum sichtbaren Flamme von sich, um fortan stumm zu bleiben. Er sah auf die Anzeige und fluchte vor sich hin. Dem Flug täte dies zwar keinen Abbruch, die Kosten zur Reparatur jedoch wollte er sich gar nicht ausmalen.

Little Silence rückte nun in seiner ganzen Pracht in sein Blickfeld. Was für ein wunderschöner Planet. Ein gutes Drittel größer als die Erde, mit je­doch nur einer Winzigkeit mehr Masse, leuchtete er ebenso blau und strahlend seinem Betrachter entgegen wie die alte Wiege der Menschheit. Brendan war froh, an diesem Ort eine Heimat gefunden zu haben. Der Anblick des Planeten stimmte ihn milde und dankbar. Als er die Ausbil­dung zum Pegaren im Dienste der Behörde begonnen hatte, war er biolo­gische 15 Standardjahre alt gewesen. Wie hätte er damals wissen können, was er wirklich wollte? Erst Chrysanthemia von Hohenlindt hatte in ihm die Fragen geweckt, die ihn nach vorne brachten. Doch ihr Einfluss endete zu früh. Und nach ihrem Tod war er beinahe ebenso orientierungslos wie zuvor. Jetzt war er längst erwachsen und hätte eigentlich schon viel er­reicht haben müssen. Eigentlich! Das alles hatte er erst vor einigen Mona­ten realisiert. Warum, konnte er nicht sagen. Vielleicht lag es am Todestag von Chrysanthemia, vielleicht an seinem Alter. Es konnte aber auch ein­fach sein, dass es ihm zu langweilig wurde auf inhaltslose Partys zu gehen und erst nach Wochen zu merken, wie viele Tage schon wieder vergangen waren. Er brauchte einen Lebenssinn.

Nach einigen Minuten nahm Brendan Kontakt mit der Flugkontrolle von Consumpia auf, der einzigen Stadt von Little Silence. Er nannte seine Kennung und die Koordinaten seines Anwesens und wartete auf die An­flugsroute. Er wunderte sich, dass die Antwort so lange dauerte.

„Captain Brendan?“, fragte der Controller. Captain. Natürlich! – er war jetzt Captain dieses Schiffs. Das gefiel ihm.

„Controller? Ja, hier Brendan. Ich höre.“

„Seien sie froh, dass sie auf ihrem eigenen Privatgrund landen und ausrei­chend Land besitzen, Sir“, meinte der Mann ganz sachlich. „In Consumpia hätte ich sie nicht landen lassen. Ihr Schiff hat schon seit Jahren keine Li­zenz mehr für unseren Planeten, wenn es überhaupt je eine besessen hat.“

„Entschuldigung?“ Brendan glaubte, sich verhört zu haben. „Die Harry war an der Station 83 angedockt, einige Tage sogar.“ Brendan wusste, dass kein Schiff ohne allgemeine oder spezielle Landelizenz im Orbit an eine Station andocken durfte.

„Das mag ja sein, Sir, Captain Brendan“, entgegnete der Controller. „Es entzieht sich meiner Kenntnis, wie sie das geschafft haben. Es war jeden­falls nicht offiziell und somit sogar illegal. Aber mir ist das im Moment egal. Darum müssen sich andere Stellen kümmern. Ich leite sie auf eine sichere Route, damit sie niemanden gefährden. Im Übrigen müssen sie bei ihrer Ankunft mit ein paar Beamten rechnen, die ihr Schiff überprüfen werden…“

„Ich bringe diesen Typen um“, entwich es Brendan laut. Er schlug auf die Konsole.

„Wie bitte? Sir?“

„Nicht sie, Controller. Entschuldigen sie, bitte. Ich habe das Schiff heute erst gekauft.“

„Ah, verstehe. Der Gebrauchtschiffsmarkt, hm?“

„Ja, genau der.“ Brendan fasste sich an den Kopf. Wie hatte er nur so dämlich sein können?

Eine imaginäre Flugroute in Form zweier parallel laufender, leuchtend roter Bänder erschien in der Cockpitscheibe.

„Folgen sie der Route!“, wies ihn der Controller an. „Wir überwachen ih­ren Flug. Und viel Glück!“

Die Wut in seinem Bauch erinnerte ihn an die Wut und Enttäuschung, die er nach Verlassen des Behördenschiffs empfunden hatte. Die Behörde hätte seine Familie werden sollen, was ihr aber nicht gelungen war. Er er­innerte sich noch sehr gut an seine Eltern, obwohl sie früh verstorben wa­ren. Sie waren sehr alt, als er geboren wurde und mehr als überrascht ge­wesen, als sie die Schwangerschaft bemerkten. Als sie tot waren, kam er in eine Erziehungsanstalt. Dummer- oder glücklicherweise, das konnte er nie entscheiden, gelangte er in eine Anstalt der Behörde. Bahurai hatte sich ihm aber schon von Anfang an nicht als der Ort präsentiert, an dem er alt werden und heranwachsen wollte, geschweige denn selbst Kinder groß­ziehen. Daher hatte er das Angebot der Behörde, sich einer umfassenden Pegarenausbildung zu unterziehen, sofort angenommen und sämtliche Aufnahmeprüfungen mit Bravour bestanden. Pegar war man oder man war es nicht. Es gab sie überall und niemand benötigte dazu eine zertifi­zierte Ausbildung. Laut allgemeiner Definition, bestätigt durch die meis­ten Regierungen der bekannten Welten, galt als Permanent Galaktisch Rei­sender, wer öfter als einmal länger als 10 Standardjahre in der Hibernation eines Raumschiffs gelegen und sein Sonnensystem verlassen hatte. Als diese Definition sich ausreichend verbreitet hatte, folgten bald die spezi­ellen Gesetzgebungen bezüglich der Pegaren und ihrer ganz eigenen Le­benszyklen. Den Pegarenstatus zu vergolden gelang einem durch eine zu­sätzliche Ausbildung auf einem Schulschiff der Behörde. Wer sich in diese Gesellschaft einfand, konnte mit einem sehr langen und erfolgreichen Le­ben rechnen.

Little Silence rückte näher. Bald erfüllten seine Meere und die dünnen Wolkenbänder gänzlich das Sichtfeld. Wäre er heutzutage glücklicher, wenn er die Ausbildung beendet hätte? Das Schiff fing an zu zittern und zu beben. Ihm fiel es zunehmendes schwerer die beiden Steuerknüppel in den Händen zu halten. Nein, dachte er. Für diesen zerfransten und ver­filzten Laden würde er auch heute nicht arbeiten wollen. Für seine Aus­bilder war er sowieso zu aufsässig und uneinsichtig gewesen. Nicht mit Autoritäten umgehen könne er, so ihre Worte. Er hatte das anders gese­hen. Er erkannte Autoritäten durchaus an – wenn sie wirklich welche dar­stellten. Noch bis vor wenigen Sekunden war der Flug der Harry vorbild­lich verlaufen, trotz des Triebwerksausfalls. Jetzt aber spielten alle Instru­mente verrückt.
 


03 – Einstein
 

Für Megando di Facil war das meiste in seinem Leben recht einfach gewe­sen. Zumindest objektiv betrachtet. Er hatte beruflich stets das erreicht, wonach er strebte, erfreute sich bester Gesundheit und war alt genug, um sich in der Galaxis sehr gut zurechtzufinden. Es war eine schwer erklär­bare Umtriebigkeit, die ihn immer wieder zu neuen Ufern trieb. Dies und der zwingende Drang sein ungewöhnliches Gehirn mit Wissen füllen zu müssen. Wenn er nicht gerade an einer seiner unzähligen wissenschaftli­chen Abhandlungen, neuen Forschungen oder Untersuchungen in irgend­einem Labor arbeitete, beriet er hochrangige Institute in Sachen Robotik, Raumfahrttechnik oder Astrophysik. Komischerweise verschwand dieser Mann aber stets unmittelbar, nachdem er große Erfolge verzeichnet hatte und populär wurde. Er war kein Freund der Öffentlichkeit. Und sobald die Leute ihm allzu große Aufmerksamkeit schenkten, suchte er das Weite. Das kam häufiger vor, besonders dann, wenn sie seine Fähigkeiten bemerkten. Selbst auf seinem Heimatplaneten war er, trotz gängiger und legalisierter Genmanipulationen, schon als Kind ein Sonderfall gewesen. An ihm hatten die tanachanischen Mediziner gründliche und hervorra­gende Arbeit geleistet, und das noch bevor er das Licht der Welt erblickt hatte.

Einstein nannten ihn die anderen Kinder. Seine Gedächtnisleistung war enorm, geradezu unübertroffen. Einstein konnte sich schlichtweg alles merken. Er vergaß gar nichts. Hinzu gesellte sich eine Denk- und Rechen­fähigkeit, die ihresgleichen suchte. Seinen Spitznamen hatte er gerne be­halten. Er verehrte den eigentlichen Namensträger sehr und bewunderte dessen wissenschaftlichen Forschungen. Dass er aber eines Tages auch so aussehen würde, hatte er nicht erwartet.

In wenigen Tagen würde die Fähre, auf der er sich befand, Little Silence passieren. Es befanden sich eine Unmenge Passagiere auf diesem Schiff, um zum Orionfest zu gelangen. Für gewöhnlich flogen die großen schwer­fälligen Systemfähren mehrere Sonnen hintereinander an und entließen ihre Fracht oder die Passagiere nach und nach. Doch in diesem Fall waren die meisten Plätze ausschließlich für die Passage nach Little Silence belegt worden, weshalb es bisher keine Zwischenstopps gegeben hatte. Der größte Teil aller Systemfähren gehörte der Behörde. Auf ihnen zu reisen brachte zwar stets lästige Bürokratie mit sich, hatte aber den großen Vor­teil auf technisch neuestem Gerät zu fliegen, was zudem über die besten Kommunikationsnetzwerke der Galaxis verfügte. Die Reisenden konnten sich, nachdem sie sich ausreichend von der Hibernation erholt hatten, lü­ckenlos über die verschlafenen Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte infor­mieren. Einstein hatte viele Standardjahre im Kälteschlaf gelegen und ei­nen enormen Nachholbedarf an Informationen. In einem der zahlreichen Bibliothekssäle saß er an diesem Tag bereits mehrere Stunden vor einem Terminal und hackte eifrig auf der Computertastatur herum. Er sog die verschlafenen Geschehnisse und Nachrichten förmlich auf und konnte auch gar nicht anders, da er stets das Gefühl besaß, ein gewaltiges Va­kuum in seinem Kopf zu haben, besonders nach dem Kälteschlaf. Die an­deren Reisenden an den Informationsterminals scrollten eher lustlos und widerwillig in den Seiten herum, die ihnen die neue Epoche, in der sie sich nun befanden, näher bringen sollten.

Obwohl Little Silence knapp über 50 Lichtjahre von Goliath im Tau-Ceti-System entfernt lag, hatte Einstein schon zuvor von diesem Planeten ge­hört und gelesen. Daher erstaunte es ihn auch nicht, dass in den 264,9 Standardjahren seines Schlafs nicht sehr viel geschehen war auf diesem beschaulichen und grünen Vertreter der menschlich besiedelten Planeten. Die politischen Strukturen waren eher dünn und mit nur einer einzigen Stadt und keinen großartigen Bodenschätzen lohnte es auch nicht, sich solch einen Flecken im Universum zu Eigen zu machen. Daher war dieser Ort auch zu einem beliebten Pegarentreffpunkt geworden, an dem viele ihre Basis errichtet hatten, um in den Genuss des einmaligen Schutzgeset­zes zu kommen, das ihnen dort Unversehrtheit des Status Quo und Un­antastbarkeit allen Besitzes auf Little Silence bei Verlassen des Planeten garantierte. Viele Generationen wurden geboren und verstarben wieder, während ein Pegar nur einer einzigen Mission nachging.

„Sie sind aber vertieft in ihre Studien“, hörte Einstein eine samtene weibli­che, aber sehr tiefe Stimme sagen. Er blickte auf und kratzte sich das wirre graue Haar. Aus einer Laune heraus hatte er sich irgendwann einmal so­gar eine Brille angeschafft, um dem ihm einmal anhaftendem Klischee noch gerechter zu werden. Humor war durchaus ein Charakterzug, den er auch bei sich selbst gerne zuließ - wenn auch eher im Stillen. Die Brille bot nicht zum ersten Mal sofort einen Anlass das Gespräch fortzusetzen: „Ach, was haben sie denn da im Gesicht? Eine Brille? Ist das ein besonde­rer Schmuck ihrer Heimat? Wo kommen sie her?“

Einstein betrachtete das Wesen neben sich und versuchte dem Drang zu widerstehen sofort wieder in seinen Bildschirm zu schauen. Die Frau war sehr groß, dünn und bunt. Ja, sie war bunt. Sie hatte gelblich schimmernde Haut, knallgelbe Haare in zahllose Knäuel vertäut und zu einem Kunst­werk zusammengeknotet, ein neongrünes Kleid und passende, wahnsin­nig hochhackige Lackschuhe dazu. Ihre Augen waren modifiziert. Einstein konnte nicht ausmachen, was oder wen sie fixierten, da Pupille und Iris fehlten. Vielmehr erinnerten ihn die farbenfrohen Punktflächen in den Höhlen an die Facetten einer Fliege.

„Was kann ich denn für sie tun, junge Dame?“, fragte er angestrengt höf­lich. Sie verzog daraufhin den dicklippigen und grün geschminkten Mund und schlug hektisch die Beine übereinander: „Sie wollen sich wohl nicht unterhalten, hm?“

„Eigentlich nicht, aber wenn ich ihnen helfen kann…“

„Das ist mein erster Flug, wissen sie?“, fuhr sie fort, ungeachtet der Tatsa­che, dass er ihr soeben zu verstehen gegeben hatte seine Ruhe haben zu wollen.

„Ich meine, mein erster Kälteschlafflug. Ganz schön aufregend. Das ist vielleicht was. Irritieren sie meine Augen? Sie irritieren sie, nicht wahr? Ich hab ganz vergessen, meine Schutzbrille aufzuziehen.“ Sie kramte in einer nahegelegenen grünen Tasche. „Deshalb finde ich ja die ihre so inte­ressant. Sieht man nicht oft. Brauchen sie das zu irgendetwas? Ist das eine richtige Brille? So wie früher? Nein, oder? Ich meine, so etwas braucht man doch nicht. Wo kommen sie her?“ Sie schien nicht nur die Augen, sondern auch die Nervosität einer Fliege zu besitzen. Es hätte Einstein nicht gewundert, wenn ihre Zunge permanent blitzschnell heraus und wieder zurückgleiten würde.

„Von Goliath“, antwortete er brav. „Und sie?“ Er wandte sich während­dessen einfach wieder seinem Bildschirm zu und hoffte das weibliche We­sen somit abzuwehren.

„Ach!“ Sie rollte sich auf ihrem Stuhl ein Stück näher an ihn heran und grinste über das ganze Gesicht. Jetzt hatte sie ihre breite Sonnenbrille auf­gezogen. „Das ist ja unser Wirtsplanet. Was für ein Zufall.“

„Nein, kein Zufall“, entgegnete Einstein. „An Bord befinden sich sehr viele Menschen von Goliath und auch vom Mond Tanach, ich nehme an, sie stammen daher.“

„Na, so viele bewohnte Monde hat Goliath ja nicht“, versuchte sie zu scherzen. Sie ignorierte Einsteins Desinteresse: „Wie ist ihnen der Schlaf bekommen? Wann haben sie sich denn wecken lassen? Ich schon vor vier Wochen. Ich hatte Angst, dass ich mein Bewusstsein nicht rechtzeitig wie­dererlangen würde. Man hört doch immer so Geschichten…“

„Das müssen sie explizieren, junge Dame. Was meinen sie für Geschich­ten?“ Er hob die Augenbrauen und blickte sie an. Da hielt sie inne und erstarrte: „Expli… Expli…was?“

„Hören sie, was wollen sie denn nun eigentlich? Brauchen sie Hilfe bei dem Computer? Oder wollen sie nur plaudern?“ Einstein mochte nicht länger höflich sein. Es war ihm zu anstrengend, außerdem wollte er gerne noch einiges erfahren über die umliegenden Sonnensysteme innerhalb von Uma.

„Sie sind unverschämt und ungehobelt“, platzte es aus ihr heraus. Sie rollte zurück zu ihrem Tisch. „Einer Dame gegenüber – und dazu noch aus der Heimat. Typisch Goliathaner. Meinen immer, sie seien was Besse­res. Pah! Ich wollte einfach nur nett mit ihnen reden – mehr nicht, Mister! Ich hatte mir nämlich schon gedacht, dass wir aus demselben System stammen.“

„Ich habe noch sehr viel zu tun, Miss“, bemühte Einstein sich nun. „Wie wäre es denn, wenn wir später etwas essen, ja? Und jetzt entschuldigen sie mich.“ Er vertiefte sich, das empörte Luftgeschnappe von ihr außer Acht lassend, in die politischen Strukturen des Uma-Systems, während Miss Bunt sich bereits nach einem neuen Opfer umsah.

Das letzte Pegarenfest lag über 1000 Jahre zurück. Es war kein Zufall, dass die Entscheidung auf Little Silence als Treffpunkt gefallen war, da seine Sonne relativ zentral im reich bewohnten Uma-System lag. Die langjährige Konfliktfreiheit hatte sich in dieser Gegend für friedliche Zusammen­künfte bewährt. Einstein interessierte sich für Consumpia und dessen Be­wohner, die einen ungewöhnlichen Sonderstatus auf dem Planeten inne­hatten. Obwohl sie es waren, die Little Silence seinerzeit besiedelten, hat­ten sie längst nicht die weitreichenden Rechte wie die Pegaren, die in den allerseltensten Fällen auf Little Silence geboren waren. Irgendwann hatte die Behörde es geschafft, die Lokalregierung davon zu überzeugen, den Pegaren einen weitreichenden Schutz zuzugestehen. Da Little Silence nie sehr zahlreich besiedelt worden war und sich die Bevölkerung auf die Stadt konzentrierte, gehörten beinahe sämtliche Ländereien des Planeten Pegaren oder der Behörde selbst. Familiäre Bindungen zwischen Pegaren und Consumpianern waren nicht zulässig, es sei denn, die Familie ging geschlossen auf Reisen und wurde somit im Ganzen als Pegaren einge­stuft. Die unterschiedlichen Zeitebenen, in denen sich Pegaren und an­dere, normal lebende Menschen aufhielten, waren nicht miteinander ver­einbar. Es konnte auch kein vernünftiges Gesetz geben, dass beispiels­weise Daheimgebliebenen einen Zugriff auf das Vermögen eines Pegaren gestattete. Wenn ein Pegar von einer Reise zurückkehrte, wären in der Regel die Verwandten zu Hause längst alle tot. Normal Sterbliche sahen oft die Dimensionen nicht, in denen die Pegaren sich bewegten. Und so war es Pegaren in Consumpia auch nicht erlaubt einen Wohnsitz inner­halb der Stadt zu besitzen. Die sozialen Strukturen der Stadt sollten ihre Kontinuität behalten und nicht dauernd unterbrochen oder aufgerissen werden durch das plötzliche Fehlen eines Menschen, der sich für 200 oder 300 Jahre auf einer Mission befand. Dies und vieles mehr machte Con­sumpia zu einer eigenwilligen und ungewöhnlichen Stadt, der es auf­grund des Reichtums der Pegaren jedoch sehr gut erging. Die Bankhäuser von Consumpia, die ebenfalls besonderen Pegarengesetzen unterlagen, waren satt und fett.

Einstein befasste sich mit der Regierung, der Gesetzgebung und dem ganz normalen Leben auf dem Planeten. Er bot einen idealen Rückzugsort für Pegaren, die dann irgendwann doch einmal selbst alterten und ihren Le­bensabend genießen wollten. Die Natur von Little Silence war wunder­schön, gefährliche wilde Tiere gab es nicht, dafür umso mehr Pflanzen, Vögel und Insekten. Ursprünglich hatten die Menschen alles auf diesem Planeten friedlich und harmlos vorgefunden. Und weitestgehend war dies auch so geblieben. Selbst die Behörde, die in allen ihm bekannten Syste­men ihre Finger im Spiel hatte, hielt sich, seit sie die Schutzgesetze erwirkt hatte, aus den inneren Angelegenheiten des Planeten heraus.

„Ladies und Gentlemen…“, unterbrach eine traumhafte, beinahe erotische weibliche Stimme den Informationsfluss auf Einsteins und sämtlicher an­derer Terminals: „In genau einem Standardtag erreichen wir den Planeten Little Silence. Daher leiten wir in zwei Standardstunden unseren letzten überproportionalen Bremsvorgang ein. Bitte begeben sie sich bis dahin zu den Fixierungsplätzen auf Deck 4 in die Sektionen zweiundzwanzig und dreiundzwanzig. Für Passagiere, die sich innerhalb der vorgegebenen Frist nicht in der Fixierung befinden, übernimmt die Behörde keine Haf­tung. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich wiederhole…“


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