Oliver Wendt - Zweite SpeziesZweite Spezies I
Dritter Teil der Galaktischen Reisen

Science-Fiction Roman
von Oliver Wendt

ISBN-Softcover: 978-1-326-10048-3

 

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Inhaltsangabe:

Brendan und seine altbekannte Crew fliegen nach Andromeda. Nachdem immer häufiger willkürliche Torabschaltungen die Wurmlochverbindungen tödlich unterbrechen, ist es Zeit herauszufinden, wer dafür verantwortlich ist. Sind es gar die Torerbauer selbst, diese geheimnisvolle und unbekannte Spezies aus der fernen Galaxie? Xinianer, Prätorianer und auch der selbst ernannte Padisha Raym von Rabhas sind hinter der Lösung her, die ihnen die uneingeschränkte Macht über alle Tore gibt und somit womöglich die Herrschaft über sämtliche zivilisierte Welten. Nicht genug damit, dass sie sich untereinander bekriegen - nun gewinnt die Gefahr eine neue Brisanz, denn die Zweite Spezies interessiert sich ihrerseits für die Milchstraße. Die gesamte Existenz der Menschheit steht auf dem Spiel, doch nur Brendan und Mariju scheinen dies zu erkennen. Mit der Chrysanthemia fliegen sie in die ferne Galaxie, um die Bedrohung zu beenden. Dort, wo die Evolution Erstaunliches hervorgebracht hat, denn alles ist fremd und unverständlich.



Leseprobe Zweite Spezies - Teil I
 

01 - Prolog


Die Obrigkeit bezeichnete das nunmehr angebrochene Zeitalter als die Neue Ordnung, ebenso neu wie die von ihr geschaffenen instabilen Machtverhältnisse. Der Krieg flackerte an manchen Orten immer wieder, wenn auch in abgeschwächter Form, auf und die Menschen der besiedelten Welten innerhalb des Orionspiralarms kamen längst noch nicht zur Ruhe. Für die meisten stellte sich die so genannte Neue Ordnung allerdings eher als ein großes Chaos dar, weniger richtungsweisend als verwirrend.

Drei große Machtblöcke hatten sich in den Jahrhunderten seit der Entdeckung und Nutzbarmachung der Molluskentore herausgebildet. Die alten politischen Strukturen begannen sich aufzulösen, zeitaufwändige Reisen durchs All wurden zunehmend überflüssig und die Nutzung der schon immer verhassten Kälteschlaftechnik rückte mehr und mehr in den Hintergrund und somit auch die Bedeutung der Permanent Galaktisch Reisenden, den Pegaren. Hunderte von Jahren waren sie unverzichtbares Bindeglied zwischen den weit auseinanderliegenden bewohnten Welten gewesen. Pegaren wurden geachtet und respektiert. Sie wurden aber auch gemieden. Ihr generationenübergreifendes Auftauchen und Verschwinden war so manchem Sesshaften suspekt, wenn nicht gar unheimlich. Und wer mochte sich auch schon auf jemanden einlassen, der sehr bald wieder für mehrere hundert Jahre von der Bildfläche verschwand? Dennoch hatte so gut wie jede Welt, jede menschliche Rasse und jegliche gesellschaftliche Schicht Pegaren hervorgebracht. Und es gab sie noch – auch in der Neuen Ordnung. Aber sie machten sich rar in einer Galaxie, in der Wurmlöcher nunmehr zum Alltag gehörten. Zwar war die Anzahl der Molluskentore noch immer überschaubar, die Entdeckung immer neuer Tore aber schritt voran und die Gier danach wurde dementsprechend größer. Trotz dieser Tore, dieser Pforten, die das Raum-Zeit-Gefüge derart kompliziert komprimierten, dass es den Menschen noch immer nicht gelungen war hinter das vollständige Geheimnis der Konstruktionen zu gelangen, beschränkte sich die überschaubare Ausbreitung menschlicher Zivilisationen noch immer auf den Orionspiralarm.

Mit dem Verblassen der Neutralen Behörde hatten offiziell auch die ehemaligen Verwaltungsbezirke ihre Gültigkeit verloren. Anerkannt wurden nunmehr nur noch die einzelnen hoheitlichen Gebiete der jeweiligen Sonnensysteme und ihre Planeten.

Die Neue Ordnung und der Verlust der Neutralen Behörde brachten viel Unstetigkeit mit sich und säten mehr Misstrauen als Zutrauen. Die neuen unabhängigen Systeme sahen sich losgelöst aus jeglichem Verbund und somit auch von einst geschlossenen Verträgen. Ein weiterer enormer Unterschied zu früheren Zeiten war ein sich veränderndes Bewusstsein in Bezug auf die Tore. Da nunmehr auch die meisten Kriegshandlungen um die Tore verebbten, gab es Raum für neue Überlegungen. Viele begannen sich zu fragen, wer die Tore erbaut haben mochte und welche technischen Errungenschaften es womöglich noch zu entdecken und zu nutzen galt. Einige der Beteiligten, die unmittelbar mit der Entdeckung der Tore zu tun gehabt hatten, wussten zudem um das eine bestimmte Tor, welches sich in der Nachbargalaxis Andromeda befand und wo ganz andere Wesen warteten, die mit menschlichen oder anderen irdischen Lebensformen wenig gemein hatten. Und nicht nur Mariju war bereits drüben gewesen - 2,5 Millionen Lichtjahre von zu Hause entfernt.

 

 

 

02 - Dahara
 

Gewiss hatte Einstein fest damit gerechnet, es zumindest gehofft, Brendan eines Tages wiederzusehen, zumal sich ja dessen Schiff in seiner Obhut befand und er nicht vorhatte es für sich zu behalten. Aber nicht damit, dass dies nur wenige Tage nach seiner und Greens Aufweckphase geschehen würde.

Die Ambaramani der kleinen Felsendörfer von Dahara waren alles andere als hinterwäldlerische unzivilisierte Menschen. Sie verstanden es in ihrer Abgeschiedenheit nahezu perfekt die Möglichkeiten der Digital- und Mikroelektronik zu nutzen und registrierten das in ihren Systembereich eindringende fremde Schiff wesentlich schneller als die Aufklärungssatelliten der Xinianer. Nur so war es ihnen auch gelungen mit der Chrysanthemia Kontakt aufzunehmen und sie sicher und unversehrt zu einem geheimen Landeplatz weit oben ins höhere Gebirge zu lotsen. Die Ambaramani waren lange vor ihrem Erscheinen von Mariju und Brendan informiert worden, da auch sie sich bereits einige Monate schon wieder im Wachzustand befanden. Einsteins alte Angewohnheit sich sämtliche Informationen über die Ereignisse der verschlafenen Jahre auf den Schiffscomputer zu laden und in seinem genmanipulierten Gehirn abzuspeichern, ergab sehr bald ein klares Bild darüber, wer ihnen wohl gesonnen war und wer nicht, so dass er den Lotsen vertraut hatte.

Nachdem sie die Chrys geparkt hatten, wurden sie von zwei Männern zu Marijus Behausung geführt, einer bescheidenen Felsenhöhle oberhalb des Dorfkerns. Wie Schwalbennester hatten die Ambaramani dieser Gegend ihre Unterkünfte in länglichen Keilen in die Felsen geschlagen und wohnliche warme Wohnungen darin gestaltet. Draußen leuchtete die sand- und ockerfarbene Felsenlandschaft des ambaramanischen Zwerggebirges, dessen Name in irdischen Maßstäben Stirnrunzeln hervorgerufen hätte. Der höchste Berg dieser Gegend überschritt deutlich die  12.000 Meter-Marke. Wie hoch mochten da erst die Berge  im ambaramanischen Riesengebirge sein?

 

„Was für eine Überraschung!“, rief Brendan aus und sprang von seinem Stuhl auf. Mariju stand ebenfalls freudig strahlend am Eingang und freute sich über die Wiedervereinigung mit den alten Gefährten. Ganz in der so typisch ambaramanischen zurückhaltenden und leisen Art zogen sich die beiden Männer, die Einstein und Green eskortiert hatten, mit einer höflichen Verbeugung zurück. In ihren groben sandfarbenen Kapuzenkutten hatte Einstein noch nicht einmal ihre Gesichter sehen können und bevor er sich bedanken konnte, waren sie auch schon verschwunden.

„Du lässt Dir einen Kinn- und Wangenbart stehen“, stellte Einstein zu Brendan gewandt beeindruckt fest. Und kurze Haare hast du auch!“

„Du kannst es ruhig Vollbart nennen“, meinte Brendan, „wenn auch ein kurzer. Ja, äußerliche und innerliche Veränderungen, wenn du so willst. Und ihr habt es geschafft! Wie schön!“ Brendan lachte und drückte seinen alten Freund an sich. Einstein lachte auch und war sehr froh, dass es Brendan gut ging. Green hingegen pfiff aus sämtlichen Körperöffnungen und wusste sich vor Freude nicht mehr zu beherrschen. Er nutzte ein gutes Dutzend Körperöffnungen, die er, wenn er sich unter Menschen befand, für gewöhnlich zur Irritationsvermeidung unter Verschluss hielt. Seine Fühler tanzten dazu wild hin und her und seine beiden großen Hauptaugen, die in etwa in der Mitte seines Gesichts lagen, quollen beinahe heraus. Er war unverkennbar freudig erregt und schlug mit seinem ursprünglich zur Angriffsabwehr gedachten Riesenschwanz unkoordiniert um sich, was einige Einrichtungsgegenstände grob zu spüren bekamen. Aber anstatt sich zu erschrecken oder aufzuregen, hielten die Wiedergefundenen nur kurz inne, starrten auf den peinlich berührten Green und lachten allesamt laut los.

„Und habt euch wirklich nicht verändert“, sagte Mariju, ebenfalls lachend, „Auch du nicht, Green! Herzlich willkommen!“ Wenn es auch schwierig war, versuchte sie den grünen Amaviriden zu umarmen.

Als dieses erste und intensive Begrüßungsritual vorüber war, bot Brendan den beiden einen Platz zum Sitzen an und schenkte jedem von ihnen ein Glas Hick ein, ein besonders spritziges und belebendes alkoholisches Getränk. Green musste sich mit einem niedrigen hölzernen Couchtisch als Sitzgelegenheit begnügen, da man hier nicht auf Amaviriden eingerichtet war. Aber das war er gewohnt und murren gehörte selten zu seinen Verhaltensweisen.

„Hattet ihr Schwierigkeiten in das ambaramanische System einzudringen?“, wollte Brendan wissen. Einstein schüttelte mit dem Kopf und beäugt das moussierende blaue Getränk in seinem Glas, nachdem er einen großen Schluck davon genommen hatte.

„Hui, eine starker Begrüßungstrunk. Aber, um deine Frage zu beantworten: Nein, es war kinderleicht. Dank eurer Freunde wurden wir von den Xi gar nicht erfasst und im Nu hierher gelotst. Und ihr? Ihr habt tatsächlich stationär in Kältetanks ausgeharrt, um auf uns zu warten?“

„Dieses eine Mal!“, meinte Mariju mit gespielter Strenge. „Es war nicht risikolos. Aber wenn überhaupt an irgendeinem Ort des Spiralarms, dann hier auf meinem Heimatplaneten. Nirgendwo sonst gibt es so viele Menschen, denen wir vertrauen können.“

„Auf Azur!“, protestierte Green, dessen Phonetik sich aufgrund seiner ungewöhnlichen Anatomie fremdartig anhörte. Höhen und Tiefen vermischte er oft in seltsame Melodien, so dass seine Sätze mitunter wie eine leiernde Schallplatte klangen. Erschwerend hinzu kam der Umstand, dass er nicht immer die selbe Körperöffnung verwendete oder manchmal auch zwei oder drei gleichzeitig. Verstehen konnte man ihn mit ein wenig Mühe dennoch.

„Ganz gewiss“, pflichtete Einstein ihm sofort bei. „In den Amaviriden haben wir wahre Freunde gefunden.“

„Nur leider sind sie nicht so gut gerüstet, um gegen die Xinianer etwas auszurichten“, sagte Mariju. „Jedenfalls werde ich das nicht wiederholen. Wenn überhaupt wieder Kälteschlaf, dann nur auf einem Schiff.“

„Auf meinem Schiff“, meinte Brendan grinsend.

„Vielleicht auch auf deinem Schiff, ja“, neckte sie ihn.

„Ich kann es kaum erwarten wieder an Bord zu gehen“, sagte Brendan.

„Na ja“, sagte sie. „Es gibt ja auch noch eine Menge zu erledigen.“

„Aufgrund der häufigen willkürlichen Torabschaltungen gewinnen wir Pegaren und die Hibernation wieder an Gewicht“, fand Einstein.

„Das schon“, sagte Brendan. „Aber der Faktor Zeit ist für viele immer noch ein großes Argument – trotz Torabschaltungen.“

„Na, ich fliege lieber ein paar Jahre länger im Kältetank, als beim Zusammenbruch eines Wurmlochs in dessen Mitte zu implodieren.“

„Oder womöglich darin in irgendeiner uns nicht bekannten Quantenwelt festzustecken. Schließlich wissen wir noch gar nicht, was mit den Schiffen geschieht, die sich während einer Torabschaltung in einem Transfer befinden.“

„Ich möchte diese Erfahrung auch gar nicht machen“, fand Brendan, der sich in diesem Moment wieder daran erinnerte, wie gerne sein väterlicher Freund Einstein die Gefahren vergaß, um eine wissenschaftliche Bereicherung Willen. Daher war es auch nicht verwunderlich, dass Einstein ihn erst fragend anblickte, bevor er nickend zustimmte und noch einen Schluck Hick zu sich nahm.

Offene Kriegshandlungen hatte es im Parvus-System und somit auf Ambaramani nie gegeben. Auch im xinianischen Sonnensystem herrschte stets Ruhe, da die meisten Schauplätze sich vor den strategisch günstigeren und begehrten Molluskentoren anderer Systeme befanden. Im Übrigen wagte es niemand sich derart direkt mit den Xinianern anzulegen. Kriegerische Konfrontationen waren zunehmend unpopulär geworden und vielerorts waren die politischen Entscheidungsträger dazu übergegangen Verträge zur Nutzung der Tore auszuhandeln, um dem grenzenlosen Verschwenden finanzieller Ressourcen endlich Einhalt zu gebieten. Überall war der Ruf nach Frieden vernehmbar und die Bereitschaft sich entgegenzukommen groß. Die Xinianer, federführend an allen Fronten, hatten zwar wenig Interesse an der Unterjochung anderer Völker, waren aber stets auf ihren Vorteil bedacht und insbesondere daran interessiert die Tore zu kontrollieren. Noch größeren Wert allerdings legten sie auf jegliches Unterbleiben von Einmischung fremder Kulturen in ihre inneren Angelegenheiten.

Einstein musterte Brendan amüsiert und sprach seine Vermutungen aus: „Aber wie ich dich kenne, Brendan, wirst du auch davor nicht zurückschrecken, wenn es darum geht wieder loszufliegen, habe ich nicht Recht?“

„Wieder losfliegen?“ Brendan gab sich unschuldig und Mariju klärte Einstein und Green sogleich auf: „Es war doch klar, dass wir nicht lange hier herumsitzen und abwarten würden. Keiner von uns ist reif für die Sesshaftigkeit. Und da draußen liegt noch zu viel im Argen, als dass wir uns nicht einmischen und ruhig verhalten sollten. Alleine die seit einiger Zeit auftretenden Torabschaltungen müssten mal geklärt werden.“

„Richtig!“, fand auch Brendan und stand auf. „Rabhas treibt nach wie vor sein Unwesen und auch die Xinianer haben ein ganz schönes Durcheinander in den bekannten Systemen verursacht. Diese Tore haben der Menschheit bisher viel Leid gebracht.“

„Und das alles ist womöglich nur der Anfang.“ Mariju dachte mit Schrecken an ihre Zeit in der Andromeda-Galaxie. „Die Erbauer der Tore sind auf uns aufmerksam geworden und ich bin mir sicher, dass es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sie hier bei uns anklopfen und uns die Rechnung für die Nutzung präsentieren.“

„Ganz klar muss die so genannte Neue Ordnung auch real in die Tat umgesetzt werden“, meinte Einstein. „Es ist eine Schande, dass es die Neutrale Behörde nicht mehr gibt.“

„Na ja – zumindest in gewisser Weise!“ Brendan hatte auf dieses Stichwort gewartet. „Und weil es eben die Prätorianer sind, die den Geist der Neutralen Behörde lebendig halten, habe ich auch schon eine Idee, wie wir neuerdings unser Geld verdienen.“

Der Padisha Rabhas aus dem ehemaligen Leo-Minor-Verwaltungsbereich hatte nichts weniger im Sinn als die Beherrschung aller Völker in sämtlichen Sonnensystemen des Orionarms. Er war der engstirnigste Aggressor aller Kriegsteilnehmer mit äußerst expansorischen und primitiven Ambitionen. Einzig seine Karriere innerhalb der neutralen Behörde hatte ihn seinerzeit befähigt sich eine beachtliche Anhängerschaft zu bilden und an Macht und Einfluss zu gewinnen. Er stellte zweifelsohne einen der Todesdolche dar, die die Neutrale Behörde ihrem Ende zugeführt hatten. Brendan hatte noch eine dicke Rechnung mit Rabhas offen, wenngleich dies nicht seine hauptsächlichen Ambitionen waren auf eine Einladung des prätorianischen Prinzipats einzugehen.

„Du denkst, wir können von Prätor aus etwas bewirken?“, fragte Einstein.

Brendan zuckte mit den Schultern. „Zumindest können wir uns anhören, was Prinzipat Nerva uns zu sagen hat. Auf Prätor laufen einige Fäden zusammen und wahrscheinlich hat er Kenntnisse, die uns zum Handeln ermuntern.“

„Das mag sein.“ Einstein nickte runzelnd und blickte fragend in sein leeres Glas, woraufhin Mariju ihm nachschenkte.

„Ich bin auf jeden Fall dabei“, sagte sie. „Ich fand die letzten Wochen des Müßiggangs unerträglich.“

„Wirklich?“ Jetzt blickte Brendan sie beleidigt an. Immerhin hatten sie, seit sie aus den Tanks gestiegen waren, jede Nacht das Bett miteinander geteilt und aus seiner Sicht waren diese Stunden alles andere als langweilig gewesen. Und das Wort unerträglich wollte ihm in diesem Zusammenhang gar nicht gefallen. Aber das hatte sie ja auch gar nicht gemeint.

„Ach, Brendan!“ Mariju winkte ab. „Du weißt doch genau, was ich meine.“

„Worum geht es denn bei dieser Einladung?“, wollte Einstein nun wissen.

„Ich denke, dass Nerva uns einen Job anbietet“, sagte Brendan. „Viel mehr kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen, da die Prätorianer mit Informationen noch immer sehr vorsichtig sind. Wenn die Kriegsschauplätze auch deutlich abebben, ist die Gier nach den Toren noch immer groß.“

„Mir ist jedenfalls sehr daran gelegen zu verhindern, dass ungebetene Gäste aus Andromeda sich in unserer Galaxis breit machen“, sagte Mariju, „Wir haben auch so schon genügend Störenfriede im Orionarm und brauchen fürwahr keine von außerhalb.“

„Wir werde sehen“, meinte Brendan. „Hier bleiben werden wir auf keinen Fall besonders lange.“

„Na ja“, sagte Einstein, der sein zweites Hick-Glas auch schon wieder leergetrunken hatte, „Vermutlich sind unsere Kassen auch wieder ziemlich leer. Und von irgendwas muss so ein Getränk ja auch bezahlt werden, nicht wahr?“

„Wo ist eigentlich Klick-Klick?“, mischte sich Green ein, der in den meisten Fällen ein guter Zuhörer und zudem äußerst folgsam war. Er war zwar als kleiner Wurm von Einstein und Brendan aufgenommen, aber von Klick-Klick, Brendans zweitem Roboter, während einer ihrer längeren Kälteschlafphase aufgezogen worden. Trotzdem Green natürlich inzwischen bewusst war, was ein Roboter war, war Klick-Klick für ihn dennoch so etwas wie ein Vater.

„Der ist mit Felicitas im Dorf unten“, sagte Brendan. „In den Jahren unserer Hibernation hat er viele nützliche Kontakte hier geknüpft und auch Felicitas kennt sich ziemlich gut aus in Dahara.“

„Ha!“, rief Einstein daraufhin aus. „Bestimmt hat sie bereits das ganze Dorf gewienert und aufgeräumt.“

„Das könnte durchaus sein, Einstein“, sagte Brendan belustigt. „Aber sie ist längst nicht mehr die einseitige Putzhilfe von einst. Ich weiß ja, dass du nie viel von ihr gehalten hast, aber...

„Haben sie von mir gesprochen, Señor Brendan?“ Als hätte sie ihren Namen unterwegs gehört, stand Felicitas im Höhleneingang und drehte ihren Kopf hektisch von einem zum anderen. Das rollende spanische R betonte sie überdeutlich wie eh und je, woraufhin Einstein sich ein kurzes Augenrollen nicht verkneifen konnte. Er hegte Abneigungen gegen unvollkommene Technik oder nicht ausgereifte mit zu viel menschlichen Schwächen ausgestattete Roboter. Seiner Meinung nach behinderten sie die Arbeit eher, als sie voranzutreiben. Felicitas, die an eine spanische Putzhilfe erinnernde Haushaltsroboterin Brendans, die er von seinem ehemaligen Anwesen mitgenommen hatte, klimperte mit den langen Wimpern und nestelte an ihrer geblümten Schürze herum. Sie war wesentlich offensichtlicher ein Roboter als Klick-Klick. Ihre Baureihe konnte mit Fug und Recht als grob und weniger detailfreudig bezeichnet werden, was ihrem ganz speziellen Charme aber in keinster Weise Abbruch tat. Immerhin hatte Brendan sie vor einiger Zeit einigen äußeren Korrekturen unterzogen, so dass ihr Gesicht bis zum Halsansatz der menschlichen Haut nachempfunden war und sie dadurch zugänglicher wirkte. Sie war liebenswert und tüchtig, wenn auch eher eingeschränkt selbstständig. Im Gegensatz zu Klick-Klick besaß sie nur ein mittiges Standbein, auf dem sie umherschwebte oder es notfalls auch als Staubsauger einsetzen konnte, sofern ihre Gehilfen, eine untergeordnete Putzroboter-Kolonne, nicht zu Diensten waren. Klick-Klick stand direkt hinter ihr und äußerte sich umgehend: „Professor Einstein, Green, das ist ein wirklich vorteilhafter Umstand, sie beide wieder in unserer Mitte zu haben. Erstaunlich, aus menschlicher Sicht, dass sie es so pünktlich hierher geschafft haben, denn Captain Brendan und Offizier Ana sind auch noch nicht sehr lange wach und...“

„Ist schon gut, Klick-Klick“, sagte Einstein. „Wir freuen uns auch euch zu sehen.“

Green hüpfte nun freudig auf seinen Ziehvater zu und pfiff abermals aus sämtlichen Körperöffnungen zur Begrüßung. Als Klick-Klick ihn sah, schaltete er sofort seinen Emo-Chip ein und lächelte. Er erkannte vollkommen selbstständig, wann der Emotionschip nützlich sein konnte und wann eher lästig. Green jedenfalls reagierte auf die Freude des Roboters gerührt und drückte sich grob an den metallenen Korpus von Klick-Klick. Der streichelte dem Amaviriden sanft über den Rücken: „Es ist so schön dich wiederzusehen, Green. Ich habe dich sehr vermisst.“

„Ich hatte gar nicht so viel Zeit dich zu vermissen, Klick-Klick“, flötete Green. „Aber dennoch bin ich so froh!“ Wieder kuschelte er sich unverhältnismäßig stark an den Roboter. Wäre er ein Mensch gewesen, litte er bereits unter Atemnot.

„Wann wollte ihr denn los?“, fragte Einstein, der die Roboter nun gar nicht weiter beachtete.

„In ein paar Tagen“, sagte Brendan. „Wir müssen die Chrys fit machen und ein paar Modifizierungen vornehmen und dann los.“

„Allerdings müssen wir uns auch dann sehr vorsehen“, sagte Mariju. „Wir stehen immer noch auf der Abschussliste der Xinianer. Verständlicherweise kontrollieren sie vor allem die wenigen Tore hier in den beiden Systemen sehr gewissenhaft.“

„Klick-Klick hat mir schon erklärt, dass es kein Problem sein wird für unser Schiff eine andere Registrierung zu bekommen. Unter der Hand hat sich schon vor langer Zeit ein richtiger Markt für illegale Schiffsregistrierungen etabliert“, sagte Brendan.

„Soviel also zur Kontrolle der Xi über die Tore“, antwortete Mariju und schüttelte schmunzelnd den Kopf.

Die anschließenden Tage vor ihrem Abflug nach Prätor waren für sie die erholsamsten, die sie je an einem Stück erlebt hatten. Selbst für die aktionssüchtige Mariju wirkte es wie Balsam auf der Seele sich mit engen Freunden in diesem schönen großen Dorf frei und unbehelligt bewegen zu können. In den vielen Jahrhunderten ihrer Kälteschlafphasen hatten sie alle sich immer weiter von ihren Wurzeln entfernt und Familien und Freunde hatten sich zu tief in der Vergangenheit liegenden abstrakten und fiktiven Geschöpfen gewandelt. Für Pegaren wie sie war eine längere Zeit an ein und demselben Ort eine seltene Erfahrung. Gemeinsam mit Freunden jedoch erschien sie wie ein Geschenk. Brendan jedenfalls hoffte so bald nicht wieder auf einen von ihnen verzichten zu müssen. Vor allem nicht auf Mariju.

Dahara war eines von wenigen besonderen Felsendörfern, das die Ambaramani in die Berge dieser Gegend gemeißelt hatten. Die meisten dieser großen Siedlungen  waren so abgelegen, dass sie nahezu unerwähnt ihr Dasein fristeten. Aufgrund ihrer Lage boten sie für Xinianer keinerlei Attraktivität und selbst Einheimische aus anderen Gegenden rümpften die Nase ob der Einöde, wenn man darüber sprach. Es stimmte zweifelsohne, dass es sich bei den Bewohnern des Zwerggebirges um eine sehr eigenwillige Sorte von Menschen handelte. Stets in ihre Kapuzengewänder, die sie vor Sandwinden und der grellen Sonne schützten, gehüllt, zogen sie das Schweigen stets dem Sprechen vor. Das alleine machte sie für andere Leute suspekt. So unbeliebt die Zwerggebirgsdörfer für die meisten waren, gewannen sie für jene, die untertauchen wollten, an Attraktivität. Auch Dahara war ein guter Ort, um unterzutauchen.

Skepsis war nicht mehr angebracht, was den Prinzipat betraf. Zwischen den Zeilen hatte Brendan längst herausgehört, dass Nerva ihm wohl gesonnen war und seinen Werdegang bereits mit viel Interesse verfolgt hatte. Und nicht nur ihn juckte es in den Fingern wieder aktiv zu werden und ganz in Pegarenmanier durch die Galaxie zu reisen. Dieses Mal jedoch bedienten sie sich für ihren Flug eines Sprungtores, da es nicht gewiss war Nerva noch lebend anzutreffen, wenn sie sich für Jahrzehnte in den Kälteschlaf begäben. Mulmig war es ihnen durchaus zu Mute, wenngleich das ambaramanische Tor bisher erst selten von den willkürlichen Abschaltungen betroffen war. Aber auch nur ein einziges Mal würde ein Mal zu viel sein.

Sie hatten entschlossen ihre wenigen Sachen gepackt und sich mit einer falschen Registrierung der Chrysanthemia auf den Weg gemacht. Brendan hatte sein Schiff schwarz lackieren lassen, ganz im xinianischen Stil, und fand sogar, dass es damit richtig furchteinflößend aussah. Noch immer gab es reichlich wichtige und gewinnbringende überregionale Geschäfte, die keinen Aufschub duldeten und ein überschaubares Risiko vor allem für xinianische Handelsgesellschaften darstellten. Daher ignorierten viele von ihnen die Torabschaltungen und ein mögliches Verschwinden ihrer Schiffe, so dass sich auch jetzt die üblichen langen Schlangen vor den Abflugschneisen bildeten. Feste Sammel-Passage-Zeiten waren für jedes Ziel vorgesehen, so dass auch die Chrysanthemia ihren reservierten Termin zur Passage nach P 88, dem nächstgelegenen Tor bei Prätor, vor Abflug bestätigen musste. Schon Tage vor der geplanten Passage verließen sie Dahara und schwenkten in den Orbit in einem Bereich von Ambaramani ein, in dem sich viele Handelsschiffe und Fähren befanden. Dort tauschte Klick-Klick erneut ihre Registrierung, da die Xi vermutlich alle Schiffe dieser Größenordnung besonders eingehend prüfen würden. Für Brendan war es schon lange nichts Ungewöhnliches mehr, sich illegaler und halbseidener Mittel zu bedienen, um an sein Ziel zu gelangen. Zudem herrschte ja noch immer Krieg und auch jene, die er betrog, spielten mit gezinkten Karten. Sein Gewissen befleckte sich nicht bei derartigen Aktionen.

Sie alle atmeten erleichtert auf, als sie aus dem Zieltor wieder ausgespuckt wurden und nicht innerhalb einer plötzlichen Torabschaltung das Zeitliche gesegnet hatten. Draußen vor dem Ausgang von P 88 fanden zudem keinerlei Gefechte statt. Sie hätten durchaus damit rechnen können, denn Rabhas hatte diverse Male versucht das prätorianische Tor in seine Gewalt zu bekommen. Die Xinianer hingegen hatten P 88 inzwischen als prätorianisch akzeptiert und unterhielten regen Handel mit den Prätorianern. Doch Nerva war nach wie vor auf der Hut und hielt die Öffnung des Tores gegenüber fremden Zielen begrenzt. Die weit sichtbare und allerorten übliche Warteschlange der Handelsschiffe fand man hier bei P88 nicht vor.

 

 

03 - Neue Gardisten
 

Die Kämpfe um die Molluskentore hatten vor allem die einfache planetare Bevölkerung des Orionspiralarms ausgelaugt. Kriegsmüdigkeit machte sich selbst unter den obersten Flottenführern breit und viele Völker strebten endlich eine Lösung des Konflikts an. Den meisten war es längst einerlei, ob nun der Padisha Rabhas, die Xi oder die Prätorianer die Hoheitsrechte auf die Tore besaßen. Man hätte sie auch friedlich in Verhandlungen gerecht aufteilen können. Schließlich wurden noch immer neue Tore entdeckt und es war nicht abzusehen, wann auch das letzte dieser grandiosen Technikwunderwerke gefunden würde.

Die am nächsten liegende Frage überhaupt jedoch wurde seltsamerweise erst jetzt gestellt. Wer hatte die Tore erbaut? Wann wurden sie errichtet und zu welchem Zweck? Und letztlich wäre es auch interessant gewesen zu wissen, wo die Architekten abgeblieben waren. Genau diese und weitere Fragen beschäftigten Mariju mehr denn je, seit sie sich mit Brendan und den anderen auf ihrer Heimatwelt Ambaramani niedergelassen hatte. Für ihr Verständnis hatten sie sich viel zu lange zurückgezogen und unentdeckt in Dahara aufgehalten, in einer Gegend, in die es Xinianer nur selten verschlug und noch alte traditionelle Ambaramani das Sagen hatten. Die Xinianer, die das ambaramanische Volk unterdrückt und ihren Planeten annektiert hatten, waren längst zu einer etablierten Größe angewachsen. Etliche Generationen waren nun bereits auf dem Planeten geboren worden und ihre Anzahl an der Gesamtbevölkerung betrug mindestens fünfzig Prozent. Zu Recht nannten nun auch diese Xi den Planeten Ambaramani ihre Heimat. Diese Entwicklung musste selbst Mariju akzeptieren. Obwohl sie ihr einstiges Leben ganz und gar dem Ziel der Erlangung der Freiheit und Unabhängigkeit ihres Volkes gewidmet hatte. Als Pegarin hatte sie ebenso wie Brendan ein ungewöhnliches Leben geführt und war mehr auf Raumschiffen beheimatet als auf einem natürlichen Gestirn. Daher fiel es ihr auch stets leicht, sich auf neue Aufgaben und Ziele zu konzentrieren, ganz gleich in welchem Winkel des Spiralarms sie sich befand. Sesshaft werden und Geschehenes vergessen würde nicht funktionieren, zumal vieles des vergangenen Unrechts noch deutlich in die Gegenwart strahlte. Darüber hinaus hatte sie die Faszination der Tore nie losgelassen, das Geheimnis ihrer Erbauer. Insbesondere dieses eine Tor in Andromeda, wo Raym von Rabhas sie seinerzeit gegen ihren Willen hingeschickt hatte, hatte ihr viele unbeantwortete Fragen beschert. Immer wieder musste sie an ihre Begegnungen mit den Geschöpfen jener fernen Galaxie denken, an Alles, Allesvorne und Alleshinten. Diese Wesen, aber auch die Mollusken, die damals unvermittelt im Orionarm aufgetaucht und von Rabhas ausgerottet worden waren, mussten etwas mit den Toren zu tun gehabt haben. Da war sie sich sicher. Deren Ursprung, das wusste sie heute, lag nicht in der Milchstraße. Mariju besaß ausreichend Indizien, dass es mindestens noch eine weitere Spezies gab, die viel wahrscheinlicher als Erbauer der Tore in Frage kam und sich womöglich nur zeitweilig zurückgezogen hatte. Noch gut konnte sie sich an den Wortlaut von Allesvorne erinnern, als er von diesen anderen sprach. Sie wollte unbedingt noch einmal zurück nach Andromeda und erkunden, was es mit ihnen und der zweiten geheimnisvollen Spezies auf sich hatte.

Die aktiven Pegarenjahre gingen vielleicht ihrem Ende entgegen. Das hing ganz von der zukünftigen Stabilität der Tore ab. Doch weder Pegarenreisen noch Passagen durch die Tore hatten die hehre Idee ihr Volk von dem Joch der Xinianer zu befreien, ihrem Erfolg zugeführt. Und auch die spiralarmumspannende Organisation des geheimen Inneren Kreises hatte nicht funktioniert. Mariju galt als kontrolliert und diszipliniert – vielleicht hatte sie diese Attribute sogar ihrer Zeit im Dienste der Xinianer zu verdanken. Die Enttäuschung darüber, dass sie diesem innigsten Wunsch der Wiedererlangung der Freiheit der Ambaramani nicht nachgekommen war, saß noch immer tief. Doch inzwischen war zu viel Zeit vergangen. Sie konnte nicht mehr dort anknüpfen, wo sie aufgehört hatte. Xi und Ambaramani, so sehr ihr dieser Gedanke missfiel, waren zu großen Teilen miteinander verwoben und nach so vielen Jahrzehnten nun gemeinsam ansässig auf ihrem Heimatplaneten. Zudem besaß sie nicht einen einzigen lebenden Verwandten oder Freund mehr und selbst die ehemaligen Gefährten des verfolgten Inneren Kreises, die sich ganz und gar der Befreiung von Ambaramani gewidmet hatten, hatten sich zerstreut. Sie wusste nicht, wer von ihnen noch ein Pegarenleben führte und ob sie ein bekanntes Gesicht jemals wiedersehen würde. All das und die vielen Kälteschlafphasen, insbesondere aber die körperlichen und seelischen Gewalten, die Rabhas ihr angetan hatte, hatten Mariju sehr verändert. Ein ehrenwertes Ziel jedoch wollte sie auch weiterhin verfolgen. Daher boten sich die Erforschung der Tore und die Suche nach den Erbauern geradezu an. Die rein hypothetische Gefahr, die von einer fremden Spezies aus Andromeda ausgehen konnte, war zu groß für die Menschheit. Und die Rolle, die sie selbst bisher gespielt hatte in der Entwicklung um die Molluskentore, war zu gewichtig. Sie wusste viel und besaß ein einmaliges Gespür für Gefahren. Daher würde sie diese Rolle nicht vernachlässigen und sich weiterhin mit verantwortlich fühlen für die desaströsen Entwicklungen der vergangenen Jahrhunderte. Seit sie Andromeda verlassen hatte, hielt sie der Eindruck fest eine begonnene Aufgabe nicht zum Ende geführt zu haben. Diesen unterschwelligen Druck hatte sie nur für eine sehr kurze Zeit verdrängen können, gemeinsam mit Brendan auf Little Silence und vielleicht auch für eine kurze Zeit auf Ambaramani. Aber diese Phase konnte sie nicht lange aufrechterhalten und war lediglich dem Umstand zu verdanken, dass sie es zugelassen hatte aus sexueller Anziehungskraft eine intensive Affäre erwachsen zu lassen. Sie wusste noch immer nicht wirklich in welcher Beziehung sie zu Brendan stand und wollte dem Ganzen auch gar keinen Namen geben. Was sie jedoch definitiv wusste, dass sie sich jetzt auf gar keinen Fall zurückziehen würde, um ein ruhiges Dasein zu führen. Vielleicht war sie inzwischen sogar ruheloser, als es Brendan je war und hoffte auf Prätor auf die Antworten, die ihr das bisherige Leben nie hatte geben können.

Brendan, der nichts lieber getan hätte, als sich an Nervas Seite in die Bresche gegen Rabhas zu schlagen, konnte Mariju daher leicht davon überzeugen, ihn nach Prätor zu begleiten. Diese Entscheidung stand lange vor Einsteins Ankunft. Soweit er wusste, war auch Nerva an einer Beschleunigung zur Lösung der Tor-Probleme gelegen. Und ganz auf eigene Faust wollte er eine solche Exkursion nicht schon wieder unternehmen. Die Zeit war günstig, denn auch der Prinzipat hatte ein Interesse daran, mehr über die Herkunft der Tore zu erfahren, da sie sich immer häufiger unvermittelt und selbstständig schlossen, unglücklicherweise oftmals mitten in einem Sprung, was den unweigerlichen Tod der Reisenden mit sich brachte. Brendan hatte Nerva nur ein einziges Mal persönlich gesehen. Das war noch vor Ausbruch des Krieges gewesen und inzwischen 28 Jahre her. Während dieser Zeit hatten er und Mariju zum Großteil in der Hibernation gelegen, in den hoch entwickelten Kältetanks ihrer ambaramanischen Freunde, Nachfahren hochrangiger Mitglieder des Inneren Kreises. Keiner von beiden wollte eigentlich je einen Hibernationstank auf der Oberfläche eines Planeten nutzen und es war ihnen auch stets zu risikoreich erschienen. Auf der anderen Seite jedoch bot dieser Weg die einzige Möglichkeit ihre alten Pegarengefährten und letzten noch lebenden Freunde, die auf Brendans Schiff unterwegs waren, wiederzutreffen. Sie hatten die Hibernationstanks so programmieren lassen, dass sie zur selben Zeit wieder aufwachen würden, wenn auch die Chrysanthemia mit Einstein und Green in das Hoheitsgebiet von Ambaramani einflöge. Und mit der präzisen Zuverlässigkeit der selbstständig arbeitenden Kommunikationscomputer der Chrysanthemia war ihnen ja dann auch tatsächlich ein freudiges und glückliches Wiedersehen gelungen.

In früheren Zeiten hätte sich Brendan niemals einfallen lassen, woanders als auf einem beweglichen und von ihm selbst kontrollierten Raumschiff in die Hibernation zu gehen. Zu groß erschien ihm die Möglichkeit, dass sich Neider und inzwischen auch Feinde an den Tanks zu schaffen machten, um sie aufgetaut und tot der Ewigkeit zu überlassen. Die Tatsache aber, dass ihm die sehr verbundenen Ambaramani mehr als vertrauensselig erschienen und Mariju sehr verehrten, außerdem Einstein und Green die letzten noch lebenden Wesen waren, mit denen er eine gemeinsame Vergangenheit hatte, war es ihm wert das Risiko einzugehen. Zu verlieren hatte er ebensowenig wie Mariju oder Einstein. Jeder Pegar ließ seine Wurzeln weit hinter sich und würde kaum mehr Gelegenheit haben sie wiederzufinden. Zu groß waren die Zeitabstände zwischen dem Leben vor und nach einem Pegarendasein und bei Brendan waren es nun immerhin schon über 900 Jahre. Wenn er ein normales Leben in einer gewöhnlichen Zeitspanne unter Seinesgleichen geführt hätte, gäbe es klar abgesteckte Phasen und Ziele. Er aber hatte das in dieser Form nie erlebt. Nachdem er die Akademie der Neutralen Behörde auf dem Schulungsschiff Giant 2 abgebrochen und nach Little Silence gekommen war, drohte er abzurutschen. Ohne Familie oder Freunde und mit einem Berg von Schulden gegenüber der Behörde, hatte er kaum Hoffnung auf ein sesshaftes Leben gesehen. Nur der Hilfe der skurrilen aber wohlhabenden Chrysanthemia von Hohenlindt war es letztlich zu verdanken gewesen, dass er nicht im Sumpf der subkulturellen Spaßgesellschaft von Consumpia versank, in deren oberflächlicher Schnelllebigkeit er sich oft wochenlang die Nächte um die Ohren geschlagen hatte.

 

Prinzipat Nerva war schon sehr alt geworden und würde sein Amt ziemlich bald abgeben. Er war erleichtert, als die Chrysanthemia durch das neu entdeckte Tor P 88 geflogen kam, was sich noch näher als das ältere Tor Custos an der Umlaufbahn von Prätor befand. Er empfing die Crew in seiner Villa Rustica, außerhalb von Aventin, diesem äußerlich einer alten Römerstadt nachempfundenem Ort, der mit seinen circa 20 Millionen Bewohnern den Regierungssitz und die Hauptmetropole des Planeten bildete. Wie bei ihrer ersten Begegnung trug er eine weiße Toga und Sandalen. Sein kurz gehaltener Bart war inzwischen schneeweiß, außerdem ging der alte Mann gebeugt und trug stolz seine Lebensfalten im Gesicht. Im Schatten einer der Pinien im Innenhof des Landsitzes hatte er einen Tisch mit allerlei Köstlichkeiten, Wein und kühlem Wasser aufstellen lassen. Er begrüßte seine Gäste wie alte Freunde.

„Obwohl ich sehr betrübt darüber war, dass sie damals mein Angebot für mich zu arbeiten ablehnten“, leitete Nerva seine Begrüßung ein, die er aufgrund seiner Gebrechlichkeit im Sitzen aussprach, „freue ich mich ungemein sie wiederzusehen, Captain Brendan. Kommen sie näher und setzen sie sich. Ich nehme an, das ist Offizier Ana, nicht wahr?“ Er winkte den beiden und auch Einstein zu. Der Amaviride und die beiden Roboter waren auf dem Schiff geblieben. Mehrere Diener hatten die Gäste durch die Villa zu diesem schönen Platz begleitet und kümmerten sich nun darum, dass jeder ausreichend bewirtet und umsorgt wurde. Confido, der ehrwürdige Leibdiener und guter Freund des Prinzipats, blieb, wenn auch dezent im Hintergrund, stets an Nervas Seite, reichte ihm seinen Becher oder half ihm, wenn er sich hinsetzen oder aufstehen wollte. Brendan schaute sich um und nickte anerkennend: „Auf Prätor lässt es sich selbst in diesen Zeiten gut aushalten, Prinzipat.“

Mariju stand gleich neben Brendan und lächelte Nerva an. Sie nickte bewundernd. „Sehr angenehm, sie endlich einmal kennen zu lernen, Prinzipat. Ich habe viel Gutes über sie gehört.“ Sie meinte, was sie sagte.

„Ich über sie aber auch, Offizier Ana“, sagte Nerva, der nun eine seiner buschigen und ebenfalls weißen Augenbrauen hochzog und die visuellen Reize der attraktiven Ambaramanin wohlwollend zur Kenntnis nahm. Mariju war in der Tat eine hübsche hoch gewachsene Frau, die ihr hellblondes Haar kurz und exakt trug, was ihre wache und kluge Ausstrahlung verstärkte. Sie trug ihre Sportlichkeit und Zielstrebigkeit offen vor sich her, daran hatte sich nichts geändert. Einstein, der ebenso wie auch Brendan und Mariju den gut sitzenden dunkelblauen Uniformoverall der Chrysanthemia trug, setzte sich als erstes, nachdem er sich förmlich bei dem Prinzipat vorgestellt hatte. Auf seine nutzlose Brille verzichtete er auch an diesem Tag nicht. Wirklich benötigen tat er sie allerdings nach wie vor nicht. Und auch, wenn sich immer wieder einmal jemand über sein wildes und seinem Spitznamen alle Ehre machendes zerzaustes Haar lustig machte, trug er beides in Erinnerung an diesen genialen längst verstorbenen irdischen Physiker mit Stolz. Meistens war der Professor geistig abwesend und beschäftigte sich mit astrophysikalischen Problemen. Insbesondere mit der unbekannten Technik der Molluskentore, deren Ansätze der von Raym von Rabhas gefangene leitende Wissenschaftler Wilko Collivla herausgefunden, kopiert und heimlich an Brendan und seine Crew weitergeleitet hatte. Einstein hatte sich jedes Bit dieser Daten heruntergeladen und versuchte seither die Funktionsweisen der Tore komplett zu entschlüsseln. Areale seines überdurchschnittlichen Gehirns arbeiteten ununterbrochen an diesem Problem. Auch Brendan und Mariju setzten sich.

„Ja, Prätor ist noch immer ein guter Ort zum Leben“, bestätigte Nerva. „Aber es ist nicht mehr so leicht unbeschadet hierher zu kommen. Der Krieg ist noch nicht vorbei, wenngleich sich die Machtverhältnisse auch allmählich verteilen und sich abzeichnet, wer wo das Sagen hat. Ein unerträglich langwieriger Prozess.“

„Der gesamte Krieg mit seiner viel beschrieenen Neuen Ordnung ist unerträglich“, fand Brendan und nahm einen großen Zug aus dem Wasserglas. Es war heiß zu dieser Zeit auf Prätor. „Ich glaube, seit der Entdeckung des Rades haben wir uns nicht besonders weiterentwickelt.“

„Ich will das nicht kommentieren“, sagte Nerva. „Aber in diesen Zeiten ist womöglich gar nicht mehr relevant, ob und inwieweit sich die Menschheit entwickelt hat. Fortschritt liegt offensichtlich ja nun nicht mehr alleine in unseren Händen, wie wir erfahren mussten.“

„Sicherlich nicht, Prinzipat“, meinte Brendan. „Sie kommen schon in der ersten Minute unseres Zusammentreffens auf den Punkt.“

„Warum auch viele Worte machen? Viel Zeit bleibt mir ohnehin nicht mehr. Wie sie wissen, habe ich das Leben eines Pegaren immer abgelehnt und bin stolz auf jedes real gelebte Jahr. Also erzählen sie! Worum geht es ihnen genau? Einen groben Überblick über ihr Anliegen haben sie mir ja bereits mitgeteilt.“

„Ja, richtig“, meinte Brendan und versuchte seine Nervosität unter Kontrolle zu behalten. Wenngleich Nerva ihm bereits des Öfteren seine große Sympathie bekundet hatte, war der Prinzipat immer noch einer der mächtigsten Männer im gesamten Spiralarm und er – Brendan - dagegen ein winziges bedeutungsloses Rädchen innerhalb der menschlichen Maschinerie galaktischer Politik. „Und wie sie mir ja bestätigt haben, ist ihnen ebenfalls an der Aufklärung dieser unvorhergesehenen Ausfälle der Tore gelegen.“ Mariju und Einstein blickten kurz verwirrt zu ihrem Captain, denn sie hatten geglaubt, dass es Nerva gewesen ist, der sie hergebeten und eingeladen hatte. Offensichtlich aber hatte Brendan selbst um diese Audienz gebeten. Brendan grinste die beiden nur kurz an, wissend, dass sie ihn im Augenblick darauf nicht ansprechen würden.

„Mir ist bekannt, dass nicht nur wir Prätorianer mit diesen Ausfällen zu kämpfen haben“, sagte Nerva. „Auch die Xi und der allseits bekannte Rabhas haben diese Probleme. Ich würde lachen und weinen zugleich, wenn die Tore ihre Funktion verlören und all die Jahrzehnte des Mordens umsonst gewesen wären.“

„Wir glauben, dass die Erbauer der Tore dahinter stecken“, mischte Mariju sich ein. Brendan warf ihr einen missbilligenden Blick zu, doch Nerva schien sehr interessiert, so dass sie ermuntert fortfuhr: „Nur jemand an irgendeinem der anderen Tore ist in der Lage den Aktivierungsprozess zu unterbrechen. Und meines Wissens ist kein Mensch dazu fähig überhaupt eine entsprechende Modifizierung vorzunehmen. Noch immer liegen viele Funktionsbereiche der Molluskentore im Dunkeln und sind für uns nicht nachvollziehbar.“

„Es hat bisher noch nie jemand einen Hinweis auf die Erbauer der Tore entdeckt“, sagte Nerva.

„Es hat aber erschreckenderweise auch noch niemand jemals ernsthaft danach gesucht“, entgegnete Mariju, der dieses Thema schon zu lange auf der Seele brannte. Ignoranz und Blindheit gegenüber der potentiellen Gefahren, die von den unbekannten Erbauern ausgehen könnten, machten sie wahnsinnig. Aber auch die Chancen, die mit einem eventuellen Kontakt dieser Baumeister einhergingen, durften ihrer Meinung nach nicht ungenutzt bleiben. „Ich bin drüben gewesen, in Andromeda. Ich hatte Kontakt zu einer Spezies, die allem fremd ist, was wir bisher kennen gelernt haben. Und ich war nicht die einzige, die mit diesen Wesen Kontakt hatte. Vor mir hat es andere Menschen gegeben, die mit ihnen gesprochen haben.“

„Woher wollen sie das wissen?“, fragte der alte Mann. Seine kleinen Augen lagen freundlich, aber skeptisch in den schlaffen Höhlen. Man sah es ihm nicht an, aber auch er hatte bereits unfassende Informationen über die Beschaffenheit ihrer Nachbargalaxie Andromeda gesammelt. Die Prätorianer hatten, wenn auch nur ein einziges geheimes Expeditionsschiff hinübergeschickt. Es war allerdings nie zurückgekehrt und die Kommunikationsmöglichkeiten mittels der Tore waren zu jener Zeit sehr beschränkt gewesen. Mariju rückte sich auf ihrem Stuhl zurecht und beugte sich etwas vor. „Die Geschöpfe haben mit mir und meinem damaligen Begleiter Roy Anderson gesprochen. Sie nutzten dazu aufgezeichnete Fragmente anderer Unterhaltungen oder auch unserer eigenen. Es war für uns anfänglich natürlich sehr befremdlich sich mit jemandem zu unterhalten, der unsere eigenen Stimmen und Sätze benutzt und zu einem neuen Sinn zusammensetzt. Und noch seltsamer wurde es dann, als Allesvorne auch noch weitere, zuvor aufgezeichnete Stimmen nutzte, in anderen Sprachen…“

„Allesvorne?“ Nun blickte Nerva sie an, als wüsste Mariju nicht mehr genau, was sie sagte.

„Wir nannten das Gebilde so, weil der Prahm, also der Computer des ambaramanischen Schiffes, auf dem wir uns damals befanden, diesen Namen vorgeschlagen hatte. Er taufte das erste Gebilde, das wir gesehen hatten, kurzerhand Alles. Das lag an seiner umfangreichen Beschaffenheit, in der nahezu alle chemischen Elemente und Molekularverbindungen vorkamen. Na, als jedenfalls später ein anderes dieser Wesen vor unserem Bug und ein weiteres am Heck auftauchte, nannten wir sie kurzerhand Allesvorne und Alleshinten.“

„Das klingt… einleuchtend“, meinte Nerva etwas amüsiert und wartete, dass Mariju weitersprach. Brendan löste sie ab. Ihm war sehr daran gelegen für Nerva zu arbeiten und auf eine neue Mission zu gehen. Es ging ihm dieses Mal auch um die Sache an sich und nicht mehr alleine um das Geld. Und wenn auch seine Strategie mit Nerva ins Geschäft zu kommen eine gänzlich andere gewesen wäre, folgte er Mariju nun in ihrer Argumentation. Sie hatte ihn diesbezüglich und auch in diversen anderen Aspekten seines bisherigen Lebens ohne es zu wissen von einer Richtungsänderung überzeugen können. Darüber hinaus war es für ihn dringend an der Zeit einen neuen zahlungskräftigen Auftraggeber zu finden. Existieren musste er schließlich von irgendetwas. Zwar hatte er sein früheres Anwesen auf Little Silence selbst in Kriegszeiten sehr gewinnbringend verkauft, aber irgendwann gingen auch diese Reserven einmal zu Ende und es war nicht leicht einen Finanzier für derartige Exkursionen zu finden. Und der Unterhalt für sein Schiff war enorm.

„Dieses Wesen hatte eskapisch gesprochen“, meinte Brendan. „Zu den Eskapern hat der Rest der menschlichen Zivilisationen seit über 1500 Jahren keinen Kontakt mehr.“

„Zu den Eskapern gab es noch nie einen Kontakt“, berichtigte ihn Nerva. „Die Menschen der damaligen irdischen Immigranten, die zu jener privaten Organisation gehörten, die das alles finanzierten, hatten sich ausdrücklich jegliche Verbindung zur Erde und auch zu anderen Raumfahrtprojekten verbeten, sofern sie erst einmal aufgebrochen waren. Es war ihre Entscheidung. Hinzu kam, dass sie als einzige Gruppe, die die Erde verlassen hatte, in eine vollkommen andere Richtung geflogen waren, in einen Bereich unserer Galaxie, in der bewohnbare Planeten äußerst unwahrscheinlich und, wenn überhaupt, nur sehr selten zu finden waren.“

„Ja, von einer besonders ausgeprägten habitablen Zone kann in den dortigen Sonnensystemen wirklich nicht die Rede sein“, sagte Brendan.

„Aber es ist interessant, dass sie die Eskaper erwähnen. Haben sie etwas über sie herausgefunden?“, fragte Nerva, nun wieder an Mariju gerichtet. Die nickte begeistert und das Leuchten in ihren Augen verriet, wie erpicht sie darauf war, den Dingen auf den Grund zu gehen. „Nun ja, kein Mensch interessiert sich heutzutage für den Verbleib der Eskaper. Selbst von der Erde aus lag der Planet, den sie bis heute offenbar besiedeln, 168 Lichtjahre entfernt. Aber sie besitzen ein Tor – und das alleine ist schon bemerkenswert.“

„Erzähl Nerva, was du über diese andere Spezies weißt“, ermunterte sie  Brendan. Mariju nickte ihm zu. „Einige Sätze, die der eskapische Captain damals sagte, haben uns aufhorchen lassen. Sie beinhalteten deutlich das Vorhandensein einer weiteren, einer zweiten Spezies, von der offensichtlich eine nicht näher benannte Gefahr ausgeht. Ich kann ihnen später gerne die kompletten Aufzeichnungen zukommen lassen.“

Nerva runzelte die Stirn.

„Vor dieser Spezies“, sagte Brendan, „nahmen sich die Eskaper, wie auch Allesvorne und Alleshinten offenbar sehr in Acht.“

Nerva runzelte abermals die Stirn und schaute die drei nacheinander an. Auch Einstein nickte überzeugt nach Marijus Worten. Und da er ein weit gereister, gebildeter und in vielen Systemen sogar bekannter Mann war, darüber hinaus ein tanachanisch genmanipuliertes Gehirn besaß, dass ihn wirklich gar nichts vergessen ließ, nahm Nerva gerade seine mimische Reaktion sehr ernst. „Lassen sie mich kurz rekapitulieren!“, meinte er dann und faltete die Hände auf dem Bauch. „Sie wollen gerne nach Andromeda, weil sie vermuten, dass sie dort die Erbauer der Tore vorfinden werden. Sie vermuten weiterhin, dass diese Erbauer für die verheerenden Ausfälle vieler Tore verantwortlich sind und von ihnen eine große Gefahr ausgeht, vor der sich die Menschheit besser schützen sollte.“

„Es ist doch schon sehr ungewöhnlich und sollte uns allen zu denken geben“, sagte Mariju aufgeregt, „dass sämtliche Tore, die wir bisher entdeckt haben, sich in einem begrenzten Radius innerhalb des Orionarms befinden. Bis auf dieses eine Tor in Andromeda, einer Galaxie, die 2,5 Millionen Lichtjahre, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – also 2,5 Millionen Lichtjahre von uns entfernt liegt, sind alle uns zugänglichen Tore innerhalb unseres Einzugsbereichs.“

„Ja, es ist wirklich seltsam, dass es uns noch nicht gelungen ist, richtig weit weg zu springen“, stimmte Brendan zu. „Zwar können wir innerhalb unseres Ausbreitungsniveaus im Orionarm springen, scheinbar aber nicht darüber hinaus.“

„Bis auf Andromeda“, korrigierte Mariju.

„Bis auf Andromeda, ja“, sagte Brendan nickend.

„Eigentlich ist allen daran gelegen, die unvorhergesehenen Abschaltungen der Tore zu unterbinden“, sagte Nerva. „Und ich bin mir sicher, dass auch Okeanos und Rabhas daran arbeiten, eine Lösung für dieses Problem zu finden. Und sollte es tatsächlich eine fremdartige Spezies geben, die uns nicht wohl gesonnen ist, wäre es fatal, wenn die Xinianer oder dieser leominorische Hund einen Erstkontakt zu ihnen herstellen.“

„Also unterstützen sie uns?“, fragte Mariju erwartungsvoll.

„Da ich ihre Fähigkeiten kenne und sich unsere Interessen in dieser Sache absolut decken, werden sie am besten offiziell in den Dienst Prätors eintreten“, sagte Nerva schließlich. „Ich habe ihr Anliegen erahnt. Sie gehören fortan meiner Garde an und erhalten für ihren Auftrag uneingeschränkten Handlungsspielraum, wenn sie einwilligen.“

„Prinzipat Nerva!“ Brendan war verblüfft und ließ sich dies auch anmerken. Mit einem solch raschen konkreten Angebot, einer solch hohen Ehre und derartig weitreichenden Befugnissen hatte er nun überhaupt nicht gerechnet. Die Gardisten der Prätorianer stellten sozusagen die Eliteeinheiten von Prätor dar und unterstanden immer direkt dem Prinzipat. Kaum eine Gruppierung innerhalb des Uma-Systems genoss ein solches Ansehen und hatte derart umfassende und hochwertige Ausbildungen genossen. Nun galt Letzteres zwar nicht für die Crew der Chrysanthemia, aber durch ungezählte Grenzerfahrungen und ein langjähriges Pegarenleben hatten sie ausreichend bewiesen, dass sie solch einer Entscheidung durchaus würdig war. Das wusste auch Nerva. Brendan musste unwillkürlich an den Gardisten Elvio denken, der ihnen vor vielen Jahren zur Flucht vor Rabhas verholfen hatte und selbst Opfer dieses machtgierigen selbst ernannten Padishas geworden war. Noch verworrenere Zeiten herrschten damals, und wenn auch das Gerücht die Runde machte, dass sich die politischen Eliten der wichtigsten Sonnensysteme bald an einen runden Tisch setzen und Friedensverhandlungen führen wollten, war es nicht viel besser heutzutage. Nerva durfte diesbezüglich selbstverständlich nichts Offizielles sagen. Die Sehnsucht nach Frieden war weit verbreitet und jedem einigermaßen vernünftigem Staatsoberhaupt daran gelegen das Miteinander wieder auf eine ruhigere Ebene zu heben. Da die Tore überdies immer öfters ihre Verlässlichkeit einbüßten und hohe Opfer forderten, gab es keinen wirklichen Grund mehr sich in derartigen Dimensionen zu bekämpfen.

„Sie brauchen mir nicht zu danken“, sagte der Prinzipat und lächelte. „Natürlich habe ich mich schon vor ihrer Ankunft eingehend über den Sachverhalt – und auch über sie - informiert. Das damalige Verschwinden der Mollusken ist nie richtig aufgeklärt worden. Wir haben durchaus feststellen können, dass diese gefräßigen Riesengastropoden vom Planeten Nanou aus ihren Zug durch unseren Spiralarm starteten, aber dieser Planet konnte kaum ihre Ursprungswelt gewesen sein. Daher ist es absolut möglich, dass auch die Mollusken aus Andromeda stammten.“

„Zumindest in unserem Spiralarm hat Rabhas die Mollusken erfolgreich ausgerottet“, sagte Mariju verächtlich.

„Das ist wahr.“ Nerva rückte sich ächzend auf seinem Stuhl zurecht. „Viel interessanter ist aber tatsächlich die Frage, wer hinter den Torabschaltungen steckt. Also finden sie es heraus und informieren sie mich!“

„Ich möchte übrigens gerne mein eigenes Schiff nehmen, wenn sie nichts dagegen haben, Prinzipat.“ Brendan war etwas zögerlich mit dieser Forderung, weil er sich mit den Gepflogenheiten der Gardisten nicht auskannte, würde aber auf diese Voraussetzung bestehen.

„Davon gehe ich selbstverständlich aus“, meinte Nerva lächelnd. „Die Chrysanthemia ist eines der modernsten und besten Schiffe. Ich kenne kaum einen Captain, der so vehement dafür eintritt, dass sein Schiff stets auf dem neuesten Stand der Technik ist. Und darüber hinaus besitzen sie ja immer wieder Möglichkeiten, sich sogar xinianische Neuentwicklungen anzueignen. Kompliment!“

Brendan grinste stolz. Es stimmte, die Chrys wurde von ihm regelmäßig verbessert und erneuert und seine Kontakte oder die von Mariju auf Ambaramani hatten es ihm immer wieder ermöglicht, die fortschrittliche Technik der Xi mit einzubinden – ohne ihr Wissen, versteht sich. Er fühlte sich sehr geschmeichelt und geehrt, dass Nerva ihm ein solches Vertrauen entgegenbrachte. Freudig blickte auch Mariju ihn an und beide bedienten sie sich nun erleichtert an den Köstlichkeiten auf dem Tisch, von denen Einstein bereits eine ganze Reihe auf seinem Teller liegen hatte. Das Innehalten auf Ambaramani hatte also nun ein Ende.

bald mehr davon...